{"id":408269,"date":"2025-09-09T05:29:11","date_gmt":"2025-09-09T05:29:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/408269\/"},"modified":"2025-09-09T05:29:11","modified_gmt":"2025-09-09T05:29:11","slug":"geschaeft-mit-fake-zertifikaten-betrugsmasche-oeffnet-weg-zum-deutschen-pass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/408269\/","title":{"rendered":"Gesch\u00e4ft mit Fake-Zertifikaten: Betrugsmasche \u00f6ffnet Weg zum deutschen Pass"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wer als Ausl\u00e4nder dauerhaft in Deutschland leben oder gar Staatsb\u00fcrger werden will, muss Integration und Sprachkenntnisse nachweisen &#8211; oder kauft falsche Zertifikate im Internet. RTL, ntv und &#8222;Stern&#8220; decken das geheime Gesch\u00e4ft krimineller Banden auf. Politik, Polizei und Beh\u00f6rden: in weiten Teilen offenbar ahnungs- und machtlos.<\/strong><\/p>\n<p>Die Tiktok-Videos sind schrill, fast alle mit arabischer, t\u00fcrkischer oder albanischer Musik unterlegt. Auf der Social-Media-App hat sich offenbar ein eigener Wirtschaftszweig gebildet: das Gesch\u00e4ft mit gef\u00e4lschten Zertifikaten. In unz\u00e4hligen Videos preisen verschiedene Accounts ihre Dienste an. Sie geben sich als vermeintliche Sprachschulen aus. Ihr Angebot: &#8222;A1, A2, B1, B2, C1, C2, Ohne Schule. Ohne Pr\u00fcfung&#8220;, w\u00e4hrend im Hintergrund der Videos zum Beweis haufenweise Zertifikate zu sehen sind.<\/p>\n<p>Die Preise f\u00fcr das begehrte B1-Sprachzertifikat und den Politik- und Gesellschaftstest &#8222;Leben in Deutschland&#8220; variieren dort zwischen 750 und 2700 Euro. Einige Anbieter werben sogar mit Mengenrabatt, wenn man f\u00fcr Freunde und Familie mitbestellen will. Besonders beliebt scheinen gef\u00e4lschte Zertifikate von Telc, dem gr\u00f6\u00dften Sprachtestanbieter Deutschlands. Doch auch Zertifikate anderer Anbieter wie einer Volkshochschule werden angeboten. Andere Produkte wie F\u00fchrerscheine oder den Sachkundenachweis der IHK f\u00fcr Arbeit im Sicherheitsgewerbe findet man ebenfalls dort. Zusammen ein Rundum-sorglos-Paket.<\/p>\n<p>  <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Zertifikate-Recherche-Reporterin-Liv-von-Boetticher-3.jpg\">     <img decoding=\"async\" alt=\"Ganz offen werben die Zertifikate-H\u00e4ndler auf der Plattform Tiktok und bieten sogar Mengenrabatt an.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Zertifikate-Recherche-Reporterin-Liv-von-Boetticher-3.jpg\" class=\"lazyload\"\/>  <\/a>  <\/p>\n<p class=\"article__aside__caption\">Ganz offen werben die Zertifikate-H\u00e4ndler auf der Plattform Tiktok und bieten sogar Mengenrabatt an.<\/p>\n<p class=\"article__aside__copy\">(Foto: RTL)<\/p>\n<p>Die Videos werden hunderttausendfach geklickt und massenhaft kommentiert. Einzelne Posts erreichen mehr als eine Million Abrufe, haben 800 Kommentare. &#8222;Bruder brauche B1 was kostet&#8220;, steht dort beispielsweise. Vielfach findet die Kommunikation auf Arabisch, T\u00fcrkisch oder Albanisch statt.<\/p>\n<p>Kaum nachzupr\u00fcfende Zertifikate<\/p>\n<p>Journalisten von RTL und &#8222;Stern&#8220; haben mit mehr als 40 Anbietern Kontakt aufgenommen. &#8222;Die Tiktok-H\u00e4ndler sind routiniert, bieten ihre Waren fast schon bedarfsgerecht und sehr serviceorientiert an&#8220;, berichtet Investigativjournalistin Liv von Boetticher von ihren Erfahrungen der Recherche. &#8222;Auch f\u00fcr eine sich im Ausland befindende fiktive Afghanin h\u00e4tten wir ein Zertifikat bekommen k\u00f6nnen.&#8220; Ein Antrag auf Familiennachzug w\u00e4re so potenziell m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die Journalisten verabredeten sich zwischen Juli und August in drei Gro\u00dfst\u00e4dten mit H\u00e4ndlern zur \u00dcbergabe. Im Vorfeld gab es nur einen kurzen Austausch auf TikTok, dann wechselte man auf WhatsApp, um die Formalit\u00e4ten zu kl\u00e4ren. Die Bezahlung erfolge erst bei der \u00dcbergabe, man solle sich vor Ort erstmal von der Qualit\u00e4t der Zertifikate \u00fcberzeugen, hei\u00dft es dort. &#8222;Zwischen der Bestellung und der \u00dcbergabe vergingen jeweils weniger als vier bis f\u00fcnf Tage&#8220;, so RTL-Investigativjournalistin Liv von Boetticher. Bei der \u00dcbergabe bekamen die Journalisten t\u00e4uschend echt aussehende Zertifikate inklusive QR-Code. Dieser f\u00fchrt beim Scannen zu Verifizierungszwecken auf eine ebenfalls t\u00e4uschend echt aussehende Webseite, die von dem vermeintlichen Zertifikatsaussteller stammen soll.<\/p>\n<p>  <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Zertifitkate-Festnahme-Hamburg.jpg\">     <img decoding=\"async\" alt=\"Abruptes Gesch\u00e4ftsende: RTL-Journalistin Liv von Boetticher bei der Festnahme eines mutma\u00dflichen H\u00e4ndlers gef\u00e4lschter Zertifikate.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Zertifitkate-Festnahme-Hamburg.jpg\" class=\"lazyload\"\/>  <\/a>  <\/p>\n<p class=\"article__aside__caption\">Abruptes Gesch\u00e4ftsende: RTL-Journalistin Liv von Boetticher bei der Festnahme eines mutma\u00dflichen H\u00e4ndlers gef\u00e4lschter Zertifikate.<\/p>\n<p class=\"article__aside__copy\">(Foto: RTL)<\/p>\n<p>F\u00fcr die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden auf den ersten Blick wohl kaum als F\u00e4lschung zu erkennen. Den Sicherheitsbeh\u00f6rden sind inzwischen bundesweit mehrere F\u00e4lle von Einb\u00fcrgerungen bekannt, die mithilfe gef\u00e4lschter Zertifikate vollzogen worden sind. Die Dunkelziffer m\u00fcsse laut Insidern aus verschiedenen Polizeien und von verschiedenen Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden jedoch sehr hoch sein. <\/p>\n<p>&#8222;Einmal drin hei\u00dft meistens: f\u00fcr immer drin&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wir erleben aktuell einen Kontrollverlust ungeahnten Ausma\u00dfes&#8220;, so ein Mitarbeiter aus einer Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde in NRW, der anonym bleiben m\u00f6chte. &#8222;Wir sind kapazit\u00e4tstechnisch vollkommen \u00fcberlastet, viele Mitarbeiter auch gar nicht eingearbeitet oder geschult.&#8220; Eine ordentliche Dokumentenpr\u00fcfung finde daher vielerorts nicht mehr statt. Aus eigenen Erfahrungen berichtet er: &#8222;Von oben gab es zuletzt nur noch Druck, eine Quote zu erf\u00fcllen, so viele Menschen wie m\u00f6glich einzub\u00fcrgern.&#8220; <\/p>\n<p>Dabei, so betont es der Mann, gehe es bei den gef\u00e4lschten Sprachzertifikaten und &#8222;Leben in Deutschland&#8220;-Tests nicht ausschlie\u00dflich um eine Einb\u00fcrgerung: &#8222;Diese Zertifikate braucht man auch schon, um im Rahmen des Chancen-Aufenthaltsrechts aus einer Duldung heraus einen Aufenthaltstitel zu bekommen, das betrifft also eine viel, viel gr\u00f6\u00dfere Anzahl an Menschen als die reine Einb\u00fcrgerung.&#8220; Und wer es einmal mithilfe eines gef\u00e4lschten Zertifikats ins deutsche System geschafft hat, hat seinen Schilderungen zufolge wenig zu bef\u00fcrchten. &#8222;Wenn ein Zertifikat einmal von einer Beh\u00f6rde durchgewinkt wurde, dann passiert es in den seltensten F\u00e4llen, dass dies von anderen Beh\u00f6rden noch mal kritisch begutachtet wird. Einmal drin hei\u00dft meistens: f\u00fcr immer drin.&#8220; <\/p>\n<p>Das aktuelle System, so beschreiben es verschiedene Polizeien in ganz Deutschland und Mitarbeiter von Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden, sei ein Einfallstor f\u00fcr Betr\u00fcger. &#8222;Das Gesch\u00e4ft lief bisher nahezu st\u00f6rungsfrei, die H\u00e4ndler hatten bis dato wenig Grund, besorgt zu sein, dass ihr Gesch\u00e4ftsmodell in Gefahr ist&#8220;, so von Boetticher \u00fcber die Ergebnisse ihrer Recherchen.<\/p>\n<p>Wie gro\u00df ist das Ph\u00e4nomen?<\/p>\n<p>Kaufen statt lernen &#8211; die Motivation dahinter ist oft pragmatisch: &#8222;Wir erleben es h\u00e4ufig, dass Migranten in Deutschland lieber gleich arbeiten wollen, m\u00f6glicherweise auch in einem Umfeld, wo die Muttersprache gesprochen wird. Deutsch zu lernen, tritt dann erst mal in den Hintergrund und wird erst wieder relevant, wenn man den Nachweis beim Amt braucht&#8220;, so der Mitarbeiter einer Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde in NRW. Andere wollten ihm zufolge auch Zeit sparen und schneller an Aufenthaltsrechte kommen. &#8222;Manche Personen k\u00f6nnen auch schlicht nicht lesen und schreiben&#8220;, berichtet ein Polizist, der anonym bleiben m\u00f6chte. &#8222;M\u00f6glicherweise glauben sie, dass der Kauf eines Zertifikats f\u00fcr sie der vermeintlich einzige Weg ist, an das Dokument heranzukommen. &#8222;<\/p>\n<p>Das Ausma\u00df ist bislang schwer zu beziffern. Kaum ein Innenministerium der L\u00e4nder kann auf R\u00fcckfrage \u00fcberhaupt mitteilen, wie viele Einb\u00fcrgerungen oder Niederlassungserlaubnisse aufgrund von bekannt gewordenen Betrugsf\u00e4llen in den vergangenen f\u00fcnf Jahren tats\u00e4chlich zur\u00fcckgezogen wurden. Das Bundesverwaltungsamt z\u00e4hlt f\u00fcr diesen Zeitraum insgesamt 1009 zur\u00fcckgezogene Einb\u00fcrgerungen in Deutschland. In diesem Jahr ist mit aktuell rund 270 F\u00e4llen wohl ein neuer Rekord erreicht. Ob die R\u00fccknahme der Einb\u00fcrgerung aufgrund von gef\u00e4lschten Zertifikaten erfolgt ist, wird jedoch nicht erfasst. <\/p>\n<p>Eine Abfrage bei den Polizeien der zehn gr\u00f6\u00dften St\u00e4dte Deutschlands zur Zahl aktueller Ermittlungen im Zusammenhang mit Sprachzertifikatsbetrug verlief nahezu ergebnislos. &#8222;F\u00fcr die Ph\u00e4nomene (&#8230;) erfolgt keine gesonderte statistische Erhebung&#8220;, hie\u00df es zum Beispiel aus Berlin. St\u00e4dte wie Hamburg und Frankfurt melden eine mittlere zweistellige Zahl an aktuellen Ermittlungen. Insider der Polizei aus verschiedenen Bundesl\u00e4ndern berichten jedoch von laufenden Ermittlungen, die zum Teil mehr als 1000 Verdachtsf\u00e4lle beinhalten sollen. <\/p>\n<p>Der Leiter einer Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde aus dem s\u00fcddeutschen Raum hat hingegen andere Erfahrungswerte. In einer einw\u00f6chigen Recherchearbeit ermittelte er im Alleingang rund 340 gef\u00e4lschte Zertifikate. Diese waren zuvor bundesweit eingereicht worden, nicht nur in seiner Beh\u00f6rde. Dem Mann war zuvor ein gef\u00e4lschtes Zertifikat aufgefallen, dessen QR-Code auf eine gef\u00e4lschte, aber t\u00e4uschend echt aussehende Seite des Sprachtestanbieters f\u00fchrte. Mittels &#8222;Try and Error&#8220; der Zahlenkombinationen innerhalb der URL fand er heraus, dass sich hinter einem gef\u00e4lschten Zertifikat noch 340 weitere &#8222;versteckten&#8220;. Inzwischen, so berichtet er es den Journalisten von RTL, &#8222;Stern&#8220; und ntv, habe er Zweifel, &#8222;ob es \u00fcberhaupt noch ehrliche Antragsteller gibt&#8220;.<\/p>\n<p>Warum bundesweit Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden \u00fcberfordert scheinen, wie die Betrugsmasche funktioniert und wie die Kriminellen reagieren, wenn man sie mit ihren Taten konfrontiert: Die gesamte Recherche &#8222;Geheimer Passbetrug auf Tiktok&#8220; zeigt am Dienstag, den 9. September 2025 um 22.15 Uhr das TV-Magazin &#8222;RTL Extra&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wer als Ausl\u00e4nder dauerhaft in Deutschland leben oder gar Staatsb\u00fcrger werden will, muss Integration und Sprachkenntnisse nachweisen &#8211;&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":408270,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[29,59999,30,13,382,14,15,3084,16,121,12,10,8,9,11,1531],"class_list":{"0":"post-408269","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-deutschland","8":"tag-deutschland","9":"tag-doppelte-staatsbuergerschaft","10":"tag-germany","11":"tag-headlines","12":"tag-migration","13":"tag-nachrichten","14":"tag-news","15":"tag-organisierte-kriminalitaet","16":"tag-politik","17":"tag-polizei","18":"tag-schlagzeilen","19":"tag-top-news","20":"tag-top-meldungen","21":"tag-topmeldungen","22":"tag-topnews","23":"tag-zuwanderung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115172695378142781","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/408269","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=408269"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/408269\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/408270"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=408269"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=408269"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=408269"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}