{"id":408597,"date":"2025-09-09T08:32:09","date_gmt":"2025-09-09T08:32:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/408597\/"},"modified":"2025-09-09T08:32:09","modified_gmt":"2025-09-09T08:32:09","slug":"china-und-russland-fragile-partnerschaft-statt-allianz-aussen-und-sicherheitspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/408597\/","title":{"rendered":"China und Russland: Fragile Partnerschaft statt Allianz \u2013 Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Als die chinesische Volksbefreiungsarmee zum \u201eTag des Sieges\u201c ihr modernstes Ger\u00e4t und perfekt einstudierte Marschformationen \u00fcber den Platz des Himmlischen Friedens ziehen lie\u00df, zelebrierte Staats- und Parteichef Xi Jinping auf der Ehrentrib\u00fcne die Freundschaft mit Russlands Pr\u00e4sident Wladimir Putin. Wenige Tage zuvor hatten sie auf dem Gipfeltreffen der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) in Tianjin den Anspruch untermauert, <a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/interviews\/artikel\/die-eigene-militaerische-staerke-demonstriert-8522\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">die Weltordnung neu zu gestalten<\/a>. Die Hegemonie des US-gef\u00fchrten Westens soll gebrochen werden und der Globale S\u00fcden mehr Mitsprache, Entwicklung und Sicherheit erhalten.<\/p>\n<p>Grundlage dieser globalen Ambitionen ist die \u201egrenzenlose Partnerschaft\u201c, die China und Russland wenige Tage vor dem russischen \u00dcberfall auf die Ukraine im Februar 2022 besiegelten. Dass es sich dabei um mehr als eine Floskel handelt, zeigen die \u00fcber vierzig pers\u00f6nlichen Treffen zwischen Xi und Putin seit 2013 \u2013 eine rekordverd\u00e4chtige Zahl in der internationalen Diplomatie. Das Handelsvolumen erreichte 2024 rund 245 Milliarden US-Dollar und liegt damit fast doppelt so hoch wie vor der Corona-Pandemie. Heute ist China Russlands wichtigster Handelspartner. Chinesische Exporte \u2013 von Autos bis Elektronik \u2013 schlie\u00dfen die L\u00fccken, die westliche Sanktionen gerissen haben. Russland wiederum liefert China billiges \u00d6l. Zugleich nimmt auch die Zahl gemeinsamer Milit\u00e4rman\u00f6ver stetig zu.<\/p>\n<p>Zur Vertiefung der Partnerschaft wurden am Rande des SCO-Gipfels mehr als 20 neue Kooperationen vereinbart \u2013 von Landwirtschaft bis K\u00fcnstliche Intelligenz. Symboltr\u00e4chtig war neben der chinesischen Visafreiheit f\u00fcr russische Staatsb\u00fcrger vor allem die Ank\u00fcndigung, die seit Jahren geplante Gaspipeline Power of Siberia 2 endlich voranzutreiben. Gazprom-Chef Alexej Miller sagte Lieferungen von 50 Milliarden Kubikmetern pro Jahr zu \u2013 ein Volumen vergleichbar mit Nord Stream 1 und 2.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick scheinen China und Russland es mit ihrer \u201egrenzenlosen\u201c Partnerschaft ernst zu meinen. Doch schon bei der geplanten Pipeline zeigen sich Bruchlinien. Peking hat das Projekt lange hinausgez\u00f6gert \u2013 aus Sorge vor Abh\u00e4ngigkeit und wegen Streitigkeiten \u00fcber den Preis. Dass es nun wiederbelebt wird, liegt an Russlands schwacher Verhandlungsposition: Moskau braucht dringend Alternativen zum europ\u00e4ischen Markt und lockt Peking mit hohen Preisnachl\u00e4ssen. F\u00fcr China ist das Vorhaben n\u00fctzlich, aber keineswegs \u00fcberlebenswichtig.<\/p>\n<p>Das ist symptomatisch f\u00fcr den trotz aller Zuw\u00e4chse der vergangenen Jahre asymmetrischen Handel, der weit hinter seinen M\u00f6glichkeiten zur\u00fcckbleibt. Beide Seiten errichten H\u00fcrden: Moskau sch\u00fctzt seine heimische Industrie mit Importz\u00f6llen auf chinesische Autos, w\u00e4hrend Peking den russischen Finanzsektor weitgehend abschottet.<\/p>\n<p>Auch auf gesellschaftlicher Ebene bleibt die Partnerschaft oberfl\u00e4chlich. Kulturaustausch, Tourismus oder wissenschaftliche Kooperation sind marginal. Auf beiden Seiten herrscht stattdessen kulturelle Fremdheit und historisch gewachsenes Misstrauen. Die Sicherheitsdienste be\u00e4ugen Kontakte argw\u00f6hnisch und bei zu engen Beziehungen ins Nachbarland ist der Spionageverdacht schnell bei der Hand.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Auch auf gesellschaftlicher Ebene bleibt die Partnerschaft oberfl\u00e4chlich.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das verbindende Element f\u00fcr Peking und Moskau ist die Ablehnung der US-Hegemonie. China verweist auf das aggressive Auftreten der Trump-Regierung selbst gegen\u00fcber amerikanischen Verb\u00fcndeten \u2013 f\u00fcr Peking ein Beleg f\u00fcr die Scheinheiligkeit der angeblich wert- und regelbasierten internationalen Ordnung. Washington nutze seinen globalen Einfluss, um Chinas Aufstieg zu bremsen. Russland wiederum, das sich in einem Kampf mit den USA und ihren Partnern um die Vorherrschaft in Europa w\u00e4hnt und jede Unterst\u00fctzung gebrauchen kann, ist f\u00fcr China ein logischer Partner.<\/p>\n<p>Dabei ist die Interessenpartnerschaft Pekings und Moskaus gegen Washington keine Allianz wie die NATO. Es fehlt eine gemeinsame langfristige Vision f\u00fcr die Partnerschaft und eine zuk\u00fcnftige Weltordnung, die \u00fcber die Gegnerschaft zu den USA hinausgeht. China will die bestehende internationale Ordnung zu seinen Gunsten reformieren, w\u00e4hrend Russland auf deren Zerst\u00f6rung setzt.<\/p>\n<p>Die episodischen Ann\u00e4herungsversuche der Trump-Regierung an Russland wie zuletzt beim Gipfeltreffen in Alaska verfolgt China dennoch gelassen. Man ist sich sicher, statt echter Freundschaft geht es dem Taktiker Putin darum, einen Keil in den Westen zu treiben und gegen\u00fcber China Handlungsfreiheit zu demonstrieren. Trump wiederum strebt aus Sicht Pekings nach Rohstoffen und Einflusssph\u00e4ren und ist von der fixen Idee des Friedensnobelpreises getrieben. Doch all das wird nicht ausreichen, um Russland aus Chinas Einflussbereich zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Doch hinter der glitzernden Fassade der chinesisch-russischen Eintracht verbergen sich echte Bruchstellen. Ein F\u00fchrungswechsel in Moskau oder ein Ende des Ukraine-Krieges k\u00f6nnte den Blick der russischen Eliten rasch wieder auf den Westen lenken. Die klare Rollenverteilung \u2013 Peking als Koch, Moskau als Kellner \u2013 widerspricht zudem Russlands imperialem Selbstverst\u00e4ndnis. China wiederum schielt weiterhin auf den weitaus attraktiveren europ\u00e4ischen Markt und auf eine Schw\u00e4chung des transatlantischen B\u00fcndnisses durch eine Ann\u00e4herung an Europa. Hinzu kommen weitere potenzielle Konfliktherde wie ein wachsender Nationalismus, alte Grenzkonflikte, geopolitische Rivalit\u00e4ten in Zentralasien oder der Arktis sowie Moskaus immer engere Beziehung zu Nordkorea.<\/p>\n<p>Die Oberfl\u00e4chlichkeit des chinesisch-russischen B\u00fcndnisses ist historisch erkl\u00e4rbar. \u00dcber Jahrhunderte pr\u00e4gten Grenzkonflikte und chinesische Gebietsverluste an das Zarenreich das Verh\u00e4ltnis beider Staaten. Auch die kommunistische Allianz nach 1949 zerbrach bald an ideologischen Differenzen und offenen Grenzscharm\u00fctzeln. Nach dem Ende der Sowjetunion kam es zu einer vorsichtigen Normalisierung. Erst seit der Jahrtausendwende und im Kontext der wachsenden Rivalit\u00e4t mit den USA verfolgt China eine aktivere Russlandpolitik.<\/p>\n<p>Am deutlichsten wird die Fragilit\u00e4t der chinesisch-russischen Beziehungen im Ukraine-Krieg. Hinter verschlossenen T\u00fcren bewerten chinesische Experten die russische Invasion als strategischen Fehler. Eigentlich wollte Moskau, so die weit verbreitete Einsch\u00e4tzung, durch die kurze \u201eSpezialoperation\u201c auch die Asymmetrie in der Partnerschaft mit China korrigieren. Nach deren Scheitern ist Russland abh\u00e4ngiger von China denn je.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Hinter verschlossenen T\u00fcren bewerten chinesische Experten die russische Invasion als strategischen Fehler.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>F\u00fcr Peking ist das ein Dilemma: Ein russischer Sieg widerspr\u00e4che Chinas Anspruch, die UN-Charta zu verteidigen und zugleich den Vorteilen, die ein geschw\u00e4chtes Russland f\u00fcr China bietet. Eine russische Niederlage hingegen k\u00f6nnte Instabilit\u00e4t an der gemeinsamen Grenze, unklare Kontrolle \u00fcber russische Atomwaffen und R\u00fcckzugsr\u00e4ume f\u00fcr grenz\u00fcberschreitenden Terrorismus zur Folge haben. Chinas \u201epro-russische Neutralit\u00e4t\u201c mit diplomatischem Flankenschutz f\u00fcr Moskau bei gleichzeitiger Lieferung von Dual-Use-G\u00fctern an beide Seiten l\u00f6st dieses Dilemma nicht, erlaubt aber ein Spiel auf Zeit. Willkommener Nebeneffekt: Die USA sind f\u00fcr die Dauer des Ukraine-Krieges in Europa gebunden und damit fernab des Indo-Pazifiks.<\/p>\n<p>Auch wenn Peking nicht m\u00fcde wird, sein Interesse an einem baldigen Frieden in der Ukraine zu betonen, rechnet dort kaum jemand damit. Beide Kriegsparteien, so die Einsch\u00e4tzung, glauben weiterhin an einen milit\u00e4rischen Sieg. Zugleich erweist sich Putins Kriegswirtschaft als widerstandsf\u00e4hig, w\u00e4hrend die westliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr Kiew zum Verlieren zu viel, zum Siegen jedoch zu wenig ist. Den chaotischen US-Initiativen wird wenig zugetraut. F\u00fcr Chinas Planung hei\u00dft das: mindestens ein bis zwei weitere Jahre Krieg.<\/p>\n<p>Daher warnt China Europa davor, die bilateralen Beziehungen zu \u201eukrainisieren\u201c. Aus Pekings Sicht darf der Krieg die Zusammenarbeit nicht blockieren. Europa wiederum kritisiert Chinas Unterst\u00fctzung f\u00fcr Russlands Angriff auf die europ\u00e4ische Friedensordnung als Verletzung eines elementaren Kerninteresses. Peking weist das entschieden zur\u00fcck: Man sei weiterhin der gr\u00f6\u00dfte Handelspartner der Ukraine, habe weder die Krim-Annexion noch Russlands weitergehende Gebietsanspr\u00fcche anerkannt und teile auch nicht das russische Narrativ eines Pr\u00e4ventivkriegs gegen eine drohende NATO-Einkreisung. Zwar habe der Westen legitime russische Sicherheitsinteressen verletzt, doch sieht man darin in Peking keine Rechtfertigung f\u00fcr einen Angriffskrieg. Wie sehr man aneinander vorbeiredet, zeigte der <a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/regionen\/global\/artikel\/katerstimmung-8425\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">ergebnislose EU-China-Gipfel im Juli 2025<\/a>.<\/p>\n<p>Ein substantieller Beitrag Chinas zu einem Waffenstillstand oder gar einem Friedensschluss ist daher nicht zu erwarten. Peking sieht die Verantwortung bei den Kriegsparteien, den USA und der EU. Auch beim Wiederaufbau und einer m\u00f6glichen Beteiligung an der Friedenssicherung h\u00e4lt man sich zur\u00fcck \u2013 und verweist auf logistische, finanzielle und nicht zuletzt politische H\u00fcrden.<\/p>\n<p>Ein gr\u00f6\u00dferes Engagement in der Ukraine schlie\u00dft China jedoch nicht grunds\u00e4tzlich aus. F\u00fcr eine Abkehr von Russland erwartet Peking allerdings ein attraktives Angebot, um im Wettbewerb mit den USA nicht ins Hintertreffen zu geraten. W\u00fcrde Br\u00fcssel auf diesen transaktionalen Ansatz eingehen, m\u00fcsste es statt moralischer Ermahnungen vertiefte Wirtschaftsbeziehungen, den Abbau von Handelshemmnissen und mehr \u201estrategische Autonomie\u201c von den USA anbieten. Ein Preis, den derzeit kaum jemand zu zahlen bereit ist.<\/p>\n<p>Die vermeintliche \u201eAchse der Autokraten\u201c ist in Wahrheit vor allem eine inszenierte \u201eBromance\u201c zwischen Xi und Putin. Fehlender gesellschaftlicher R\u00fcckhalt und fehlende ideologische Gemeinsamkeiten werden durch einen \u00dcberschuss an Symbolpolitik kaschiert. Europa sollte daher nicht der Erz\u00e4hlung einer unersch\u00fctterlichen Allianz erliegen, sondern die Komplexit\u00e4t des chinesisch-russischen Verh\u00e4ltnisses erkennen und strategisch f\u00fcr sich nutzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als die chinesische Volksbefreiungsarmee zum \u201eTag des Sieges\u201c ihr modernstes Ger\u00e4t und perfekt einstudierte Marschformationen \u00fcber den Platz&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":408598,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4013],"tags":[331,332,28850,227,73162,13,108154,14,15,5272,4043,4044,850,307,12],"class_list":{"0":"post-408597","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-russland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-buendnis","11":"tag-china","12":"tag-einigkeit","13":"tag-headlines","14":"tag-misstrauen","15":"tag-nachrichten","16":"tag-news","17":"tag-partnerschaft","18":"tag-russia","19":"tag-russian-federation","20":"tag-russische-foederation","21":"tag-russland","22":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115173414958109725","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/408597","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=408597"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/408597\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/408598"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=408597"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=408597"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=408597"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}