{"id":408603,"date":"2025-09-09T08:36:27","date_gmt":"2025-09-09T08:36:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/408603\/"},"modified":"2025-09-09T08:36:27","modified_gmt":"2025-09-09T08:36:27","slug":"wahrnehmung-und-wirklichkeit-am-anleihenmarkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/408603\/","title":{"rendered":"Wahrnehmung und Wirklichkeit am Anleihenmarkt"},"content":{"rendered":"<p>Im Blickfeld<\/p>\n<p>In Gro\u00dfbritannien sind die Renditen von Staatsanleihen mittlerweile so hoch wie nie zuvor in diesem Jahrhundert. Die Frage ist nur, welche Schl\u00fcsse man daraus zieht.<\/p>\n<p>Von Andreas Hippin, London<\/p>\n<p>Gro\u00dfbritannien ist sp\u00e4testens seit dem <a href=\"https:\/\/www.boersen-zeitung.de\/konjunktur-politik\/yes-we-can\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Brexit-Referendum<\/a> ein zutiefst gespaltenes Land. Da ist es kein Wunder, dass auch so langweilige Themen wie der Handel mit Staatsanleihen (Gilts) ideologisch aufgeladen werden. Die Renditen sind so hoch wie zuletzt 1998. Konservative warnen deshalb schon vor dem Staatsbankrott. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis Schatzkanzlerin Rachel Reeves den IWF um Hilfe bitten m\u00fcsse. Mehr als Meinungsmache ist das nicht. Das zeigt sich schon daran, dass die Beruhigung am Anleihenmarkt den Tories nahestehenden Medien kaum eine Zeile wert war.<\/p>\n<p>Die staatliche Schuldenagentur DMO (Debt Management Office) kann sich jedenfalls \u00fcber einen Mangel an K\u00e4ufern nicht beschweren. Seit dem Regierungswechsel im Juli vergangenen Jahres waren Gilt-Emissionen im Schnitt 3,18-fach \u00fcberzeichnet, wie <a href=\"https:\/\/morningporridge.com\/blog\/debt\/uk-debt\/the-uk-gilts-market-stable-and-secure-why-talk-it-down\/?utm_source=MorningPorridge&amp;utm_campaign=d64012b39f-EMAIL_CAMPAIGN_2021_03_08_08_41_COPY_1290&amp;utm_medium=email&amp;utm_term=0_247c74c193-d64012b39f-560402411\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Bill Blain<\/a>, CEO von Wind Shift Capital Advisors, ausgerechnet hat. Das sei eigentlich Ausdruck gro\u00dfen Erfolgs. Denn es zeige, dass es f\u00fcr die dreifache Menge Abnehmer gegeben h\u00e4tte.<\/p>\n<p class=\"no-tts no-tts wp-block-ppi-interline\">Nachfrage verschiebt sich<\/p>\n<p>Die einzige Ausnahme seien Gilts mit Laufzeiten von zehn und mehr Jahren gewesen. Da habe es im vergangenen Jahr f\u00fcnf Deals gegeben, die unter 3,0 geblieben seien. Im Schnitt seien sie aber immer noch 2,89-fach \u00fcberzeichnet gewesen. Das sei immer noch in einem Bereich, wo man von einem Erfolg sprechen k\u00f6nne, findet Blain.<\/p>\n<p>Darin spiegelt sich ein weltweit zu beobachtendes Ph\u00e4nomen wider. Leistungsorientierte Altersvorsorgepl\u00e4ne spielen in L\u00e4ndern wie Gro\u00dfbritannien oder den Niederlanden <a href=\"https:\/\/www.boersen-zeitung.de\/meinung-analyse\/geringerer-appetit-auf-langlaeufer\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">keine so gro\u00dfe Rolle mehr <\/a>wie in der Vergangenheit. Sie machten einen wesentlichen Teil der Nachfrage nach Gilts mit langen Laufzeiten aus. Denn sie wollen das ihnen anvertraute Geld so anlegen, dass regelm\u00e4\u00dfige Zinseinnahmen die von ihnen erwarteten Rentenzahlungen decken.<\/p>\n<p class=\"no-tts no-tts wp-block-ppi-onlineinterline\">Anleger fordern h\u00f6here Renditen<\/p>\n<p>Die Regierung hat trotz alledem keine Probleme, sich \u00fcber Gilts zu finanzieren. Seit ihrem Amtsantritt hat sie am Anleihenmarkt mehr als 300 Mrd. Pfund eingesammelt. Von einem K\u00e4uferstreik kann keine Rede sein. Allerdings verlangen Investoren h\u00f6here Renditen. Das hat vor allem mit ihren <a href=\"https:\/\/www.boersen-zeitung.de\/konjunktur-politik\/britische-inflation-steigt-staerker-als-erwartet\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Inflationserwartungen<\/a> zu tun. W\u00fcrden die Renditen steigen und das Pfund abwerten, m\u00fcsste man sich mehr Sorgen machen. Doch die britische W\u00e4hrung zeigt sich von den Kursverlusten der Staatsanleihen unbeeindruckt.<\/p>\n<p>Am Markt war schnell von der <a href=\"https:\/\/www.boersen-zeitung.de\/meinung-analyse\/britische-staatsanleihen-die-idiotenpraemie-ist-zurueck\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">\u201eIdiotenpr\u00e4mie\u201c<\/a> die Rede, die Gro\u00dfbritannien nach einer Reihe von politischen Fehlentscheidungen abverlangt werde. Tats\u00e4chlich kostet es kein anderes G7-Mitgliedsland so viel, Geld am Kapitalmarkt aufzunehmen.<\/p>\n<p class=\"no-tts no-tts wp-block-ppi-interline\">Riskante Derivategesch\u00e4fte<\/p>\n<p>Im Jahr 2022 war schon einmal von einer \u201eIdiotenpr\u00e4mie\u201c die Rede. Damals schossen die Renditen von Gilts nach oben, nachdem die konservative Regierung von Elizabeth Truss einen nicht gegenfinanzierten Wachstumshaushalt vorgelegt hatte. Die H\u00e4me in Labour nahestehenden Medien war gro\u00df. Dabei wurde ausgeblendet, dass riskante Derivategesch\u00e4fte von Pensionsfonds einen nicht unerheblichen Anteil am <a href=\"https:\/\/www.boersen-zeitung.de\/banken-finanzen\/fsb-nimmt-sich-nicht-banken-vor\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Meltdown<\/a> hatten, der die Bank of England zu St\u00fctzungsk\u00e4ufen zwang. Dabei wollte sie den seit der Finanzkrise zusammengekauften Anleihenberg eigentlich Schritt f\u00fcr Schritt abschmelzen.<\/p>\n<p>Es war kein Ruhmesblatt f\u00fcr die Zentralbank, deren Finanzstabilit\u00e4tsh\u00fcter einen solchen Anstieg der Renditen an einem Handelstag f\u00fcr so unwahrscheinlich hielten, dass sie keine vorbeugenden Ma\u00dfnahmen ergriffen.<\/p>\n<p class=\"no-tts no-tts wp-block-ppi-onlineinterline\">Erfolg misst sich am Ziel<\/p>\n<p>Wenn eine Regierung auf h\u00f6here L\u00f6hne, mehr staatliche Investitionen und eine rigorose Klimapolitik setzt, ist eine h\u00f6here Teuerungsrate vorprogrammiert. Das Problem von Labour besteht darin, dass sich dadurch das Wirtschaftswachstum bislang nicht so richtig ankurbeln lie\u00df. Der <a href=\"https:\/\/www.boersen-zeitung.de\/konjunktur-politik\/britische-wirtschaft-bremst-ab\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Zuwachs von 0,3%<\/a> im zweiten Quartal \u00fcbertraf zwar die Markterwartungen. Aber viele hoffen immer noch auf eine R\u00fcckkehr zu den weitaus h\u00f6heren Werten, die vor der Finanzkrise \u00fcblich waren.<\/p>\n<p>Aus Sicht von <a href=\"https:\/\/www.pantheonmacro.com\/about_pantheon_macroeconomics\/robert-wood\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Robert Wood<\/a>, dem f\u00fcr Gro\u00dfbritannien zust\u00e4ndigen Chefvolkswirt von Pantheon Macroeconomics, hat sich das Potenzialwachstum auf 1,0% bis 1,5% pro Jahr verlangsamt. Die 0,3% seien ein anst\u00e4ndiger Wert. Denn wegen der US-Z\u00f6lle und aus steuerlichen Gr\u00fcnden sei Gesch\u00e4ft ins Auftaktquartal vorgezogen worden. Mehr Wachstum bedeute mehr Inflation. Im Schnitt habe das Wachstum im ersten Halbjahr bei 0,5% pro Quartal gelegen, also deutlich \u00fcber dem Potenzialwachstum.<\/p>\n<p class=\"no-tts no-tts wp-block-ppi-interline\">Prima Klima<\/p>\n<p>Weitgehend untergegangen ist der <a href=\"https:\/\/msgfocus.com\/files\/amf_lloyds\/project_1703\/Business_barometer6rs93_August2025.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Gesch\u00e4ftsklimaindex<\/a>, den die Lloyds Banking Group erstellt. Er stieg im August den vierten Monat in Folge und erreichte den h\u00f6chsten Stand seit 2015. \u201eDer anhaltende Aufw\u00e4rtstrend des Gesch\u00e4ftsklimas legt nahe, dass britische Firmen optimistisch bleiben, was die eigenen gesch\u00e4ftlichen Aussichten angeht\u201c, sagt der Volkswirt Hann-Ju Ho von Lloyds Corporate &amp; Institutional. Mit Blick auf die Volkswirtschaft insgesamt gebe es allerdings eine \u201emoderate Abk\u00fchlung\u201c der Zuversicht.<\/p>\n<p>Die schottische Gro\u00dfbank wertet f\u00fcr den Index die Antworten einer Online-Umfrage unter 1.200 unterschiedlich gro\u00dfen Firmen aus allen Branchen und Regionen aus. Ho zufolge konzentrierten sich die Firmen auf die Dinge, die sie beeinflussen k\u00f6nnen. Viele wollten Wachstumschancen wahrnehmen, etwa durch den Einstieg in neue M\u00e4rkte oder die Anwendung neuer Technologien.<\/p>\n<p class=\"no-tts no-tts wp-block-ppi-onlineinterline\">Gutgelaunte Dienstleister<\/p>\n<p>Auch der <a href=\"https:\/\/www.pmi.spglobal.com\/Public\/Release\/PressReleases?language=en\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Einkaufsmanagerindex<\/a> f\u00fcr das Dienstleistungsgewerbe, der den Ist-Zustand in der in Gro\u00dfbritannien dominanten Branche gut abbildet, fand wenig Beachtung. Er stieg im August von 51,8 auf 54,2 Z\u00e4hler. Das ist der h\u00f6chste Stand seit April vergangenen Jahres. Die Erwartungen an die k\u00fcnftige Gesch\u00e4ftsentwicklung seien so hoch wie seit zehn Monaten nicht, sagt Tim Moore, Economics Director beim Finanzdatenanbieter S&amp;P Global Market Intelligence.<\/p>\n<p>Moore wertet das als klares Signal daf\u00fcr, dass sich die Wachstumsaussichten der Branche im Vergleich zum Fr\u00fchjahr verbessert haben. Gleichwohl machten sich Firmen weiter Sorgen \u00fcber neue Steuererh\u00f6hungen im Herbst. Alles eine Frage der Wahrnehmung. Die in den USA zu beobachtende Politisierung der Umfragen gibt es in dieser Form in Gro\u00dfbritannien gl\u00fccklicherweise noch nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Blickfeld In Gro\u00dfbritannien sind die Renditen von Staatsanleihen mittlerweile so hoch wie nie zuvor in diesem Jahrhundert.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":408604,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3976],"tags":[331,332,13,14,15,12,3992,3993,3994,3995,3996,3997],"class_list":{"0":"post-408603","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-vereinigtes-koenigreich","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-headlines","11":"tag-nachrichten","12":"tag-news","13":"tag-schlagzeilen","14":"tag-uk","15":"tag-united-kingdom","16":"tag-united-kingdom-of-great-britain-and-northern-ireland","17":"tag-vereinigtes-koenigreich","18":"tag-vereinigtes-koenigreich-grossbritannien-und-nordirland","19":"tag-vereinigtes-koenigreich-von-grossbritannien-und-nordirland"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115173430668740193","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/408603","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=408603"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/408603\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/408604"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=408603"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=408603"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=408603"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}