{"id":408991,"date":"2025-09-09T12:04:11","date_gmt":"2025-09-09T12:04:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/408991\/"},"modified":"2025-09-09T12:04:11","modified_gmt":"2025-09-09T12:04:11","slug":"neuer-atomkriegs-thriller-a-house-of-dynamite-warum-technik-vertrauen-nicht-ersetzen-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/408991\/","title":{"rendered":"Neuer Atomkriegs-Thriller \u201eA House of Dynamite\u201c: Warum Technik Vertrauen nicht ersetzen kann"},"content":{"rendered":"<p>In Kathryn Bigelows erstem Film seit acht Jahren, der jetzt in Venedig Premiere feierte, rast eine Atomrakete auf die USA zu. Keiner wei\u00df, wer sie abgeschossen hat. \u201eA House of Dynamite\u201c erz\u00e4hlt von einem Problem, das weder Technik noch Experten l\u00f6sen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Bei Kathryn Bigelows Venedig-Film \u201eHouse of Dynamite\u201c tut man gut daran, sich an eine fast vergessene Episode der Weltgeschichte zu erinnern. Am 26. September 1983 erklomm Bonnie Tylers \u201eTotal Eclipse of the Heart\u201c die Spitze der US-Hitparade. Abgesehen davon war es ein ganz normaler Tag \u2013 der allerdings um ein Haar zum letzten Tag der Menschheit geworden w\u00e4re. Die Nachtschicht im Bunker Serpuchow-15 bei Moskau in der Kommandozentrale der sowjetischen Fr\u00fchwarnsatelliten hatte der <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article113674343\/Dresden-Preis-Dem-Helden-der-den-dritten-Weltkrieg-verhinderte.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article113674343\/Dresden-Preis-Dem-Helden-der-den-dritten-Weltkrieg-verhinderte.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Oberstleutnant Stanislaw Petrow<\/a>. Kurz nach Mitternacht zeigte Petrows Computer, eine in Amerika abgefeuerte Interkontinentalrakete bewege sich auf die Sowjetunion zu; kurz darauf sah er vier weitere Raketen auf dem gleichen Kurs. Wenn Fr\u00fchwarnsysteme anfliegende Raketen meldeten, bestand die Strategie der Sowjetunion im sofortigen, obligatorischen nuklearen Gegenschlag auf die Vereinigten Staaten.<\/p>\n<p>Petrow h\u00e4tte Meldung an seine Vorgesetzten erstatten m\u00fcssen, die dann den Gegenschlag ausgel\u00f6st h\u00e4tten. Er erstattete keine Meldung, sondern gebrauchte seinen Verstand: Ein amerikanischer Erstschlag musste massiv ausfallen, um so viele russische Atomraketen wie m\u00f6glich auszuschalten; \u201enur\u201c f\u00fcnf h\u00e4tten das Sowjet-Arsenal nicht ann\u00e4hernd gel\u00e4hmt. Petrow griff nicht zum Telefon, bald stellten sich die \u201eGeschosse\u201c als nicht existent, als Fehlalarm heraus. Dank des gesunden Menschenverstandes eines Mannes war die Erde der totalen Eklipse entkommen.<\/p>\n<p>Der Vorfall wurde erst 1998 bekannt. Damals war die Angst vor der nuklearen Ausl\u00f6schung, welche die Menschheit seit Hiroshima beherrscht hatte, verblasst, hatte neuen \u00c4ngsten Platz gemacht, dem Terrorismus, dem finanziellen Kollaps, dem \u00f6kologischen. Das ist merkw\u00fcrdig. Gibt es inzwischen nicht mehr Atomm\u00e4chte? Und Machthaber, denen man den roten Knopf lieber nicht in die Hand geben w\u00fcrde? Und taktische Atomwaffen, \u201eMini-Nukes\u201c, deren Sprengkraft die der gr\u00f6\u00dften konventionellen Bombe \u00fcbertrifft?<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/plus170913330\/Detroit-Trailer-Portraet-und-Filmkritik.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/plus170913330\/Detroit-Trailer-Portraet-und-Filmkritik.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kathryn Bigelows <\/a>Film \u201eHouse of Dynamite\u201c beginnt wie Stanislaw Petrows Nachtschicht: Auf einem Computerbildschirm der US-Armee erscheint eine Rakete, die anscheinend Kurs auf die Vereinigten Staaten nimmt. Anders als vor 40 Jahren Petrow ist der Entdecker nicht allein. Er sitzt mit Dutzenden Kollegen in einem gro\u00dfen Saal mit Hunderten Bildschirmen. Darauf: Analyseprogramme, die alles k\u00f6nnen, den Kurs des Geschosses berechnen, wann es wo einschlagen wird, die Flugbahn der Abfangrakete abbilden, welche den Eindringling noch in der Luft zerst\u00f6ren soll. Dies aber nicht schafft: \u201eWir versuchen, eine Kugel mit einer Kugel zu treffen\u201c, sagt ein Experte achselzuckend.<\/p>\n<p>Technik kann Vertrauen nicht ersetzen<\/p>\n<p>In \u201eHouse of Dynamite\u201c wimmelt es von Experten. Einer macht anfangs noch einen Scherz (\u201eHat mal wieder ein Milliard\u00e4r seinen Raketenstart nicht angemeldet\u201c), doch bald wird die Stimmung d\u00fcster. Die einen Experten k\u00f6nnen sagen, wie viele Menschen sterben werden, wenn die Bombe Chicago trifft (\u201ezehn Millionen\u201c). Die anderen wissen, wie viele Minuten bleiben, um die eigenen Vergeltungsraketen in die Luft zu bringen (\u201ef\u00fcnf Minuten\u201c). Die n\u00e4chsten kennen Details des nordkoreanischen Atomprogramms (\u201eKim k\u00f6nnte ein U-Boot zum Abschuss besitzen\u201c).<\/p>\n<p>Die erste fatale Pr\u00e4misse von Bigelows Planspiel lautet: Keiner der unz\u00e4hligen Satelliten hat mitbekommen, wo genau die Rakete abgefeuert wurde. Keine Atommacht kann daf\u00fcr haftbar gemacht und mit einem pr\u00e4zisen Vergeltungsakt belegt werden. Alle sind verd\u00e4chtig, die Nordkoreaner, die Russen, die Chinesen (wenn man die westlichen Nuklearm\u00e4chte ausschlie\u00dft). Soll man diese L\u00e4nder mit einem massiven Gegenschlag belegen, f\u00fcr alle F\u00e4lle, bevor es zu sp\u00e4t ist und man das selbst nicht mehr kann?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist das nicht mehr Petrows einsame Nachtwache. Es wimmelt von \u00dcberwachungstechnik, \u201esituation rooms\u201c, Notfallpl\u00e4nen und brillanter Kommunikationstechnik; der Pr\u00e4sident wird binnen Minuten an einen sicheren Ort verbracht, die Nachrichten flie\u00dfen von unten nach oben in der Kommandokette, und der rote Draht von Washington nach Moskau funktioniert.   <\/p>\n<p>Hier zeigt sich der zweite fatale Webfehler des Systems: Alle Technik vermag fehlendes Vertrauen nicht zu ersetzen. Sollen die Amerikaner der russischen Versicherung glauben, das unbekannte Flugobjekt sei nicht von ihnen abgefeuert worden, auch nicht von einem ihrer U-Boote? Sollen die Russen glauben, die Atomraketen, die die Amerikaner \u00fcber russisches Territorium Richtung Nordkorea abfeuern k\u00f6nnten, seien nicht doch auf russische Ziele gerichtet? Sollen sie die einfach fliegen lassen?<\/p>\n<p>Bigelows Film besteht aus drei Teilen, die jeweils die letzten 30 Minuten des Countdowns schildern, vom Alarmbeginn bis zum Einschlag der Rakete. Sie beginnt auf der unteren Ebene der Federal Emergency Agency, klettert dann in die der Milit\u00e4rs und Politiker und landet schlie\u00dflich beim Pr\u00e4sidenten (gespielt von Idris Elba), der die letztliche Entscheidung treffen muss: eine der Varianten aus dem Ringbuch der Zerst\u00f6rung, das ein Offizier in einem Koffer st\u00e4ndig hinter ihm hertr\u00e4gt, egal wo er sich aufh\u00e4lt  \u2013 oder soll er die Zerst\u00f6rung einer der gr\u00f6\u00dften St\u00e4dte seines Landes hinnehmen und nicht zur\u00fcckschlagen gegen einen Feind, den er nicht kennt, und damit schwach erscheinen und die Zweitschlagkapazit\u00e4t Amerikas gef\u00e4hrden?<\/p>\n<p>12.000 atomare Sprengk\u00f6pfe<\/p>\n<p>Bigelow h\u00e4lt sich nicht damit auf, \u00fcber die 12.000 (!) atomaren Sprengk\u00f6pfe zu klagen, die inzwischen in den Arsenalen der neun Atomm\u00e4chte lagern. Sie spekuliert nicht \u00fcber die Motive und die Zurechnungsf\u00e4higkeit der Herren \u00fcber die roten Kn\u00f6pfe. Sie packt das System stattdessen an seinen verwundbarsten Stellen. Die eine ist seine wachsende Un\u00fcbersichtlichkeit \u2013 Petrow musste nur auf einen Feind achten, die Vereinigten Staaten \u2013 heute kann die Gefahr aus vielen Richtungen kommen. Die andere ist die wachsende Schwierigkeit, den Feind \u00fcberhaupt zu identifizieren; das kann bei Cyberangriffen Monate dauern und in den 30 Minuten, die die Rakete bis Chicago braucht, unm\u00f6glich sein.<\/p>\n<p>Bigelows Film ist, wie all ihre Filme, ein M\u00e4nnerfilm. Auf der ersten Ebene hat noch eine Frau das Kommando, weiter oben sind die M\u00e4nner unter sich, was durchaus seine Logik hat, ist dies doch ein von M\u00e4nnern entworfenes System, das auch auf sie zur\u00fcckschl\u00e4gt; die vielleicht schockierendste Szene ist das Ende des Verteidigungsministers. Mit dem ber\u00fchmten Atomkriegsfilm \u201eDer Tag danach\u201c, der 1983 auf der H\u00f6he der Nachr\u00fcstungsdiskussion von mehr als 100 Millionen Menschen weltweit gesehen wurde, hat \u201eHouse of Dynamite\u201c vor allem eines gemeinsam: Beide Filme lie\u00dfen offen, welche Seite die Krise ausgel\u00f6st hatte, es ging ihnen einzig und allein um den Wahnsinn des Wettr\u00fcstens auf beiden Seiten.<\/p>\n<p>Der Wissenschaftler Carl Sagan beschrieb vor 40 Jahren das System der nuklearen Abschreckung so: \u201eStellen Sie sich einen Raum vor, der mit Benzin \u00fcberschwemmt ist. Darin befinden sich zwei unvers\u00f6hnliche Feinde. Der eine hat 9000 Streichh\u00f6lzer, der andere 7000. Und beide sorgen sich, der andere k\u00f6nnte st\u00e4rker sein.\u201c Der Titel von Bigelows packendem Thriller suggeriert 40 Jahre danach etwas ganz \u00c4hnliches: dass die Menschheit in einem Haus lebt, das seine Bewohner mit Dynamit vollgestopft haben.      <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In Kathryn Bigelows erstem Film seit acht Jahren, der jetzt in Venedig Premiere feierte, rast eine Atomrakete auf&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":408992,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1771],"tags":[662,108242,1778,29,214,30,108244,108243,95,4046,1777,215],"class_list":{"0":"post-408991","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kino","8":"tag-atomwaffen","9":"tag-bigelow","10":"tag-cinema","11":"tag-deutschland","12":"tag-entertainment","13":"tag-germany","14":"tag-internationale-filmfestspiele-venedig","15":"tag-kathryn","16":"tag-kino","17":"tag-krieg","18":"tag-movie","19":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115174248610446379","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/408991","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=408991"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/408991\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/408992"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=408991"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=408991"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=408991"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}