{"id":409743,"date":"2025-09-09T18:44:15","date_gmt":"2025-09-09T18:44:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/409743\/"},"modified":"2025-09-09T18:44:15","modified_gmt":"2025-09-09T18:44:15","slug":"roman-ueber-vertreibung-aus-bagdad-auf-den-spuren-des-vaters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/409743\/","title":{"rendered":"Roman \u00fcber Vertreibung aus Bagdad: Auf den Spuren des Vaters"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Berlin taz | Durch einen n\u00e4chtlichen Anruf seiner Schwester Tamar aufgeschreckt, nimmt Gadi widerwillig in Z\u00fcrich den <a href=\"https:\/\/taz.de\/Nahostkonflikt-in-der-Literatur\/!6042717\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">n\u00e4chstm\u00f6glichen Flug nach Israel<\/a>. Sein Vater, den er 30 Jahre nicht gesehen hat, liegt in Jerusalem im Krankenhaus auf der Intensivstation im Sterben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Nach dem Tod werden Gadi und Tamar in seinem Testament von einem ungew\u00f6hnlichen Anliegen \u00fcberrascht. Zakai Mieche, ihr Vater, zu dem sie zu Lebzeiten kaum Kontakt hielten, bittet sie, wider <a href=\"https:\/\/taz.de\/Juedischer-Friedhof-Berlin-Weissensee\/!6052983\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">das g\u00e4ngige j\u00fcdische Bestattungsritual<\/a>, eine H\u00e4lfte seiner Asche in Israel zu beerdigen, den anderen Teil aber nach Bagdad zu bringen und unter der alten Br\u00fccke im Tigris zu verstreuen. Warum Bagdad?<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-3\" pos=\"3\">Das ist die Ausgangssituation in Usama Al Shahmanis Roman \u201eIn der Tiefe des Tigris schl\u00e4ft ein Lied\u201c, der von der z\u00f6gerlichen Auseinandersetzung des Protagonisten mit der Biografie des Vaters und der Herkunft erz\u00e4hlt. Bis zu ihrer endg\u00fcltigen <a href=\"https:\/\/taz.de\/Miss-Irak-Miss-Israel-und-die-Vertreibung\/!5470622\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vertreibung 1950 aus dem Irak<\/a> geh\u00f6rte die Familie zur gro\u00dfen, jahrhundertealten j\u00fcdischen Gemeinde von Bagdad.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>\n            Zwei Jahre verbrachte er in Schweizer Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften, brachte sich selbst Deutsch bei, wurde zum Dolmetscher und \u00dcbersetzer<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Usama Al Shahmani, 1971 in Bagdad geboren und heute in Z\u00fcrich lebend, begann 2020 mit den Recherchen zu der historisch-fiktionalen Erz\u00e4hlung. Doch Einschr\u00e4nkungen der Coronapandemie und der \u00dcberfall der Terrororganisation Hamas auf Israel 2023 gef\u00e4hrdeten das literarische Projekt.<\/p>\n<p>      Die Kindheit des Vaters<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"6\">2002 war der Autor vor dem Regime des damaligen Diktators Saddam Hussein aus dem Irak geflohen. Zwei Jahre verbrachte der sprachbegabte Literaturwissenschaftler anschlie\u00dfend in Schweizer Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften, brachte sich selbst Deutsch bei, wurde zum Dolmetscher und \u00dcbersetzer. <a href=\"https:\/\/taz.de\/Bachmannpreis-fuer-Ana-Marwan\/!5860846\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heute schreibt und ver\u00f6ffentlicht er in deutscher Sprache<\/a>.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"7\">Aus dieser Herausforderung entwickelt er einen eigenen Stil, der eine geradlinige, pr\u00e4zise Sprache mit Elementen der arabischen Literaturtradition verbindet. \u201eIn der Tiefe des Tigris schl\u00e4ft ein Lied\u201c ist sein f\u00fcnftes erz\u00e4hlendes Werk, das im Schweizer Limmat Verlag erscheint.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\" pos=\"8\">In seinem neuen Roman reist die Hauptfigur mit der Urne des Vaters schlie\u00dflich nach Bagdad. Begleitet wird Gadi von \u00adNedim, einem irakischen Freund aus Z\u00fcrich. In Bagdad wohnen sie im Haus von Nedims Onkel \u00adSabir und seiner Frau Myra, einer der letzten, unerkannt lebenden J\u00fcdinnen im Land.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"9\">Die Gespr\u00e4che mit der alten Dame helfen Gadi, eine Verbindung zu den hinterlassenen Aufzeichnungen des Vaters zu kn\u00fcpfen, dessen Kindheitserinnerungen in das ehemals j\u00fcdische Viertel Betawin f\u00fchren.<\/p>\n<p>Der Roman<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\"><strong>Usama Al Shahmani:<\/strong> \u201eIn der Tiefe des Tigris schl\u00e4ft ein Lied\u201c. Limmat Verlag, Z\u00fcrich 2025. 224 Seiten, 26 Euro.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"10\">Zakai Mieches Memoiren bilden die zweite Ebene in Al Shahmanis melancholischer Erz\u00e4hlung vom <a href=\"https:\/\/taz.de\/Voelkermord-der-Jesidinnen\/!6099744\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Verlust eines Orts und seiner Kultur<\/a>. \u201eDen Geschmack des morgendlichen Tees in Bagdad habe ich nie vergessen\u201c, schreibt Gadis Vater wehm\u00fctig und h\u00e4lt an anderer Stelle sachlich fest: \u201eAmin Husseini war es, der den Antisemitismus in Bagdad etabliert und die gesellschaftliche Stimmung dort f\u00fcr immer vergiftet hat. In der Stadt, die ihm einst Zuflucht geboten hatte, entfachte er damit einen Fl\u00e4chenbrand \u2026\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\">Amin al-\u00adHusseini, auch bekannt als Mufti von Jerusalem, unterhielt seit 1933 enge Kontakte zu den Nationalsozialisten in Berlin. Nach seiner <a href=\"https:\/\/taz.de\/Solidaritaet-mit-Palaestina\/!6106426\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Flucht aus dem britischen Mandatsgebiet Pal\u00e4stina<\/a> agitierte der islamisch-arabische Nationalist dann auch im Irak gegen Juden. Im November 1941 setzte er sich nach Nazideutschland ab, wo er \u00fcber den Reichssender Berlin weiter Hass und Hetze in der arabischen Welt verbreitete.<\/p>\n<p>      Taktisches B\u00fcndnis mit den Nationalsozialisten<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"13\">Detailreich schildert Al Shahmanis Roman die schicksalhaften Entwicklungen im Irak der 1930er und 1940er Jahre. Eine zentrale Rolle spielt in dieser Zeit das taktische B\u00fcndnis arabischer Nationalisten mit dem \u201eDritten Reich\u201c Adolf Hitlers. Gemeinsam einte sie die Feindschaft gegen die ehemalige Kolonialmacht Gro\u00dfbritannien und deren angebliche Agenten, die Juden.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"14\">Die antisemitische Propaganda verfing. Am 1. Juni 1941 kam es zu einem zweit\u00e4gigen <a href=\"https:\/\/taz.de\/Arabische-Juden\/!5894964\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pogrom gegen die j\u00fcdischen Bewohner Bagdads, das als \u00adFarhud (\u201egewaltt\u00e4tige Enteignung<\/a>\u201c) bekannt wurde. Umfangreiche historische Quellen l\u00e4sst der irakischschweizerische Schriftsteller in seine Prosa einflie\u00dfen und richtet so den Blick auf die komplexen Hintergr\u00fcnde jener Konflikte in der Region, die bis in die Gegenwart reichen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"15\">\u201eIn der Tiefe des Tigris schl\u00e4ft ein Lied\u201c bem\u00fcht sich erfolgreich, diesem <a href=\"https:\/\/taz.de\/Kampf-gegen-den-IS-im-Irak\/!5437130\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">verdr\u00e4ngten Kapitel der irakischen Geschichte<\/a> einen literarischen Raum zu er\u00f6ffnen. Auch wenn die F\u00fclle der verarbeiteten Informationen manchmal \u00fcberw\u00e4ltigt und dadurch das Gleichgewicht der verschiedenen Erz\u00e4hlstr\u00e4nge gef\u00e4hrdet, bietet der Roman eine spannende und anregende Perspektive, die sich tastend zwischen Fiktion und Faktischem bewegt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berlin taz | Durch einen n\u00e4chtlichen Anruf seiner Schwester Tamar aufgeschreckt, nimmt Gadi widerwillig in Z\u00fcrich den n\u00e4chstm\u00f6glichen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":409744,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-409743","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115175821459438020","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/409743","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=409743"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/409743\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/409744"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=409743"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=409743"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=409743"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}