{"id":410610,"date":"2025-09-10T02:50:17","date_gmt":"2025-09-10T02:50:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/410610\/"},"modified":"2025-09-10T02:50:17","modified_gmt":"2025-09-10T02:50:17","slug":"katastrophen-mit-kunstanspruch-julius-von-bismarcks-werkschau-in-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/410610\/","title":{"rendered":"Katastrophen mit Kunstanspruch: Julius von Bismarcks Werkschau in Wien"},"content":{"rendered":"<p>Eine riesige Welle rollt heran. Der Himmel verdunkelt sich. Ein Blitz schl\u00e4gt ein.<\/p>\n<p>Es sind solche Situationen, die im Menschen unweigerlich Furcht ausl\u00f6sen. Sie sind aber auch in der Lage, intensive sinnliche Erlebnisse zu verursachen. In der Philosophie spricht man von der \u00c4sthetik des Erhabenen, und es gibt zahllose Kunstwerke, die auf dieses schaurig-sch\u00f6ne Empfinden abzielen. Eines der ber\u00fchmtesten ist vielleicht Caspar David Friedrichs Gem\u00e4lde \u201eM\u00f6nch am Meer\u201c von 1808\/\u201910.<\/p>\n<p>Doch steht der Mensch der Natur heute gleicherma\u00dfen hilflos gegen\u00fcber wie der winzig anmutende M\u00f6nch in diesem Gem\u00e4lde? Der deutsche K\u00fcnstler Julius von Bismarck, der eine Auswahl seiner Werke nun im Kunst Haus Wien (bis 8.\u20053.) zeigt, hat da zumindest ein paar Fu\u00dfnoten anzubringen.<\/p>\n<p>    Die Wellen peitschen<\/p>\n<p>In einem Video am Beginn der Schau, auf 2011 datiert, ist der K\u00fcnstler zu sehen, wie er inmitten eines Sturms am Strand von Rio de Janeiro steht und mit einer Peitsche auf das Meer eindrischt. Nicht nur Friedrichs frommer M\u00f6nch schl\u00e4gt hier offenbar zur\u00fcck, auch der antike Feldherr Xerxes wird herbeizitiert \u2013 dieser lie\u00df der Sage nach das Meer, das seine Br\u00fccken \u00fcber die Dardanellen zerst\u00f6rt hatte, mit 300 Peitschenhieben bestrafen.<\/p>\n<p>Die Aktion ist absurd, sie stellt aber doch ein ver\u00e4ndertes Menschenbild vor: Der Homo sapiens l\u00e4sst sich heute nicht mehr von h\u00f6heren Gewalten lenken oder gar bestrafen. So erscheint es logisch, dass im Raum nebenan jenes Projekt vorgestellt wird, mit dem Bismarck 2016\/\u201917 wie der mythische Prometheus das Feuer vom Himmel holte. In Venezuela lie\u00df er Raketen in Gewitterzellen steigen, die Blitze entluden sich entlang einer leitenden Schnur: Viel Aufwand daf\u00fcr, dass am Ende eine Handvoll brauchbarer Bilder entstand.<\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" class=\"lazyload \" title=\"\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/46-218453650.jpg\"  data- data-ratio=\"720\/1080\" alt=\"46-218453650\"\/><\/p>\n<p>                Copyright-Hinweis \u00f6ffnen\/schlie\u00dfen<\/p>\n<p>\n                \u00a9 Julius von Bismarck\/VG Bild-Kunst\n            <\/p>\n<p>    Feuer, Wasser, Blitz<\/p>\n<p>Der 1983 geborene Bismarck ist freilich zu reflektiert, um Beherrschungsfantasien anzuh\u00e4ngen, wie sie heute etwa von Tech-Milliard\u00e4ren gerne gew\u00e4lzt werden. Lieber b\u00fcrstet er Vorstellungen einer geb\u00e4ndigten Natur gegen den Strich. \u201eDie gro\u00dfe Frage ist ja: K\u00f6nnen wir unsere Zukunft ins Positive lenken, indem wir die Kontrolle an uns rei\u00dfen \u2013 oder ist dieser Versuch zum Scheitern verurteilt?\u201c, sagt der K\u00fcnstler. \u201eDas kann man, finde ich, momentan nicht beantworten.\u201c<\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" class=\"lazyload \" title=\"\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/46-218456816.jpg\"  data- data-ratio=\"1624\/1080\" alt=\"46-218456816\"\/><\/p>\n<p>                Copyright-Hinweis \u00f6ffnen\/schlie\u00dfen<\/p>\n<p>\n                \u00a9 Katja Strempel\n            <\/p>\n<p>Bei seinen Erkundungen sucht der K\u00fcnstler aber selbst oft Grenzsituationen auf: Ein Werk in der Schau zeigt etwa einen gigantischen Wellenberg; bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass dieser sich bewegt. Bismarck und sein Team wagten sich daf\u00fcr in einen Seesturm, um 1,5 Sekunden Videomaterial aufzunehmen, die dann ins Endlose gedehnt wurden.<\/p>\n<p>In mancher Hinsicht schlie\u00dft der Tr\u00e4ger eines tolstoihaften Rauschebarts an den Typus des \u201eGentleman-Explorers\u201c an, der in fr\u00fcheren Zeiten oft die Fantasien befl\u00fcgelte \u2013 allerdings unter den Vorzeichen eines kolonialen Weltbilds. Auch hier setzt Bismarck reflektierend an: F\u00fcr das Projekt \u201eLandscape Painting\u201c (2023) reiste er etwa nach Papua-Neuguinea, wo ein Seest\u00fcck nach seinem Urururonkel, dem einstigen Reichskanzler Otto von Bismarck (1815\u20131898), benannt ist. Der K\u00fcnstler tauchte dort ein auf riesige T\u00fccher gemaltes Schraffurmuster ins Meer \u2013 auf dem resultierenden Foto scheint sich eine romantisch-exotische Darstellung des 19. Jahrhunderts dann auf raffinierte Weise mit der Realit\u00e4t zu \u00fcberlagern.<\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" class=\"lazyload \" title=\"\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/46-218453651.jpg\"  data- data-ratio=\"1920\/960\" alt=\"46-218453651\"\/><\/p>\n<p>                Copyright-Hinweis \u00f6ffnen\/schlie\u00dfen<\/p>\n<p>\n                \u00a9 Julius von Bismarck\/VG Bild-Kunst\n            <\/p>\n<p>Die Frage, wie nahe eine solche k\u00fcnstlerische Reflexion an die Gegenwart r\u00fccken darf und soll, stellt sich schlie\u00dflich in einer Serie, f\u00fcr die Bismarck Aufnahmen in jenen Teilen von Los Angeles machte, die von der Feuersbrunst Anfang 2025 zerst\u00f6rt wurden. Dass dies trotz des \u201eAbstands\u201c von der Medienberichterstattung und dem Einverst\u00e4ndnis der Anwohner eine Gratwanderung ist, ist dem K\u00fcnstler bewusst. Die Bilder sind n\u00e4mlich leider auf unheimliche Weise sch\u00f6n.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eine riesige Welle rollt heran. Der Himmel verdunkelt sich. Ein Blitz schl\u00e4gt ein. 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