{"id":411374,"date":"2025-09-10T09:59:12","date_gmt":"2025-09-10T09:59:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/411374\/"},"modified":"2025-09-10T09:59:12","modified_gmt":"2025-09-10T09:59:12","slug":"hansgeorg-schmidt-bergmann-%e2%80%a0-ein-sonnenkind-der-literatur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/411374\/","title":{"rendered":"Hansgeorg Schmidt-Bergmann \u2020: Ein Sonnenkind der Literatur"},"content":{"rendered":"<p>Hansgeorg Schmidt-Bergmann wusste alles \u00fcber die gro\u00dfen Literaten des S\u00fcdwestens, hei\u00dfen sie nun Johann Peter Hebel oder Victor von Scheffel. Jahrzehntelang hat der Enthusiast das literarische Leben im S\u00fcdwesten gef\u00f6rdert, vermittelt und gefeiert. Ein Nachruf.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Lesen ist eine introvertierte Angelegenheit. Aber f\u00fcr die Vermittlung, F\u00f6rderung, Verbreitung von Literatur braucht es dann die Extravertierten. Einer von ihnen, der Germanist Hansgeorg Schmidt-Bergmann, wurde jetzt mit 69 Jahren aus einem immer noch rastlos aktiven Leben gerissen.<\/p>\n<p>Er hat wie kein anderer im deutschen S\u00fcdwesten in \u201eseinem\u201c Prinz-Max-Palais, dem ehemaligen Karlsruher Wohnsitz des letzten deutschen Reichskanzlers der Monarchie, Max von Baden, der Literatur ein weithin ausstrahlendes Forum bereitet. Durch seine umf\u00e4ngliche T\u00e4tigkeit, Vernetztheit und charismatische Pers\u00f6nlichkeit war er selbst ein Prinz, ach was ein K\u00f6nig in seinem Reich, das allerdings jedem offenstand. Der K\u00f6nig rief, und alle kamen: Beginnend mit dem greisen Martin Walser bis hinauf (oder hinab?) zu den Jungen und J\u00fcngsten, gab sich in Karlsruhe unter Hansgeorg Schmidt-Bergmann \u00fcber drei Jahrzehnte hinweg ein Stelldichein, was zum Literaturgeschehen hierzulande in Beziehung stand.<\/p>\n<p>Auf der Grundlage seiner Funktion als Leiter der altehrw\u00fcrdigen Literarischen Gesellschaft Karlsruhe hatte Schmidt-Bergmann ein Literaturhaus eigener Art geschaffen. Denn der imposante Gr\u00fcnderzeitbau im Herzen der Stadt und Sitz dieser Gesellschaft beherbergte auch ein Museum f\u00fcr das literarische Leben am Oberrhein in Geschichte und Gegenwart. <\/p>\n<p>Schmidt-Bergmann, der eigentlich aus dem Norden (Bad Oldesloe) stammte, was man auch deutlich h\u00f6rte, hat sich im Laufe der Jahrzehnte zu DEM Repr\u00e4sentanten des literarischen und auch kulturellen Lebens in Baden entwickelt. Er identifizierte sich vollkommen mit seiner Wahlheimat. Er wirkte in tausend kommunalen Gremien mit. Er wusste alles \u00fcber die gro\u00dfen literarischen S\u00f6hne der Region, hei\u00dfen sie nun Johann Peter Hebel oder Victor von Scheffel. Und wer einmal mit ihm durch Karlsruhe spazierte, um die rar ges\u00e4ten architektonischen Leuchtt\u00fcrme in Augenschein zu nehmen, sp\u00fcrte auch seine Liebe zum klassizistischen Baumeister Friedrich Weinbrenner, dem Schinkel des Gro\u00dfherzogtums Baden, oder zum Maler Gustav Sch\u00f6nleber, der im 19. Jahrhundert Direktor der Karlsruher Kunstakademie war.  <\/p>\n<p>Denn er, der Literaturenthusiast, hatte nicht den Tunnelblick so vieler Literaturfunktion\u00e4re. Er wusste, dass die Literatur nur eine Funktion des kulturellen Lebens ist und nur im Zusammenspiel mit anderen \u00e4sthetischen Ausdrucksformen begriffen werden kann. Daher auch Schmidt-Bergmanns Immunit\u00e4t gegen ideologische Scheuklappen, f\u00fcr die gerade die Literatur immer besonders anf\u00e4llig war und heute wieder ist. Er hielt stattdessen die Fahne des Artistischen hoch.<\/p>\n<p>Kein Anh\u00e4nger des \u201eanything goes\u201c<\/p>\n<p>Andererseits legte Schmidt-Bergmann mit seinem Engagement in diversen Jurys (um nur diese zu nennen: f\u00fcr den Hermann-Hesse-Preis sowie f\u00fcr den Staatspreis des Landes Baden-W\u00fcrttemberg) und nicht zuletzt als Germanistikprofessor an der Universit\u00e4t Karlsruhe auch Wert auf solide und aus der Tradition abgeleitete Qualit\u00e4tsma\u00dfst\u00e4be. <\/p>\n<p>Er selbst war ein Sch\u00fcler des gro\u00dfen Literaturwissenschaftlers Gert Mattenklott, bei dem er sich habilitierte. Und er hat, anfangs noch angeregt von seinem akademischen Lehrer, wichtige Grundlagenb\u00fccher zur Literatur des postromantischen Biedermeier (Platen, Lenau), aber auch zur Literatur \u201eJung-Wiens\u201c um 1900 (beispielsweise Schnitzlers) publiziert. Zuletzt plante er eine Edition der Briefe Hebels.<\/p>\n<p>Diese fundierte Bildung bewahrte Schmidt-Bergmann davor, mit seinem Literaturforum in Karlsruhe, wie so viele Literaturh\u00e4user inzwischen, lediglich als Durchlauferhitzer f\u00fcr saisonale Nichtigkeiten zu fungieren. Wenn irgendwo, dann war unter seiner \u00c4gide der Kampf gegen die allenthalben drohenden K\u00fcrzungen im Kulturbereich, also auch f\u00fcr die von ihm betreuten Institutionen in Karlsruhe, richtig und wichtig, weil Schmidt-Bergmann w\u00e4hlerisch und kein Anh\u00e4nger des \u201eanything goes\u201c war.  <\/p>\n<p>Er wird eine gro\u00dfe L\u00fccke in das kulturelle Leben des S\u00fcdwestens rei\u00dfen. Und er wird als Mensch sehr fehlen. Denn bei aller intellektuellen Kompetenz war er nicht nur die farbige Figur eines selbstbewussten K\u00f6nigs. Er hatte auch ein echtes Interesse an allem Menschlichen. Zugewandt, neugierig, immer befl\u00fcgelt von sprudelnden Ideen, besa\u00df er die seltene Gabe, andere mit seiner Begeisterung anzustecken, sie zu eigenen Projekten zu animieren. Falls es jemals eine gewisse norddeutsche Schwere in seinem Charakter gegeben haben sollte, so l\u00f6ste sie sich unter der Sonne Badens auf in jene Leichtigkeit des Seins, die nur in s\u00fcdlichen Gefilden gedeiht. Ein 69-j\u00e4hriges Sonnenkind der Literatur ist von uns gegangen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Hansgeorg Schmidt-Bergmann wusste alles \u00fcber die gro\u00dfen Literaten des S\u00fcdwestens, hei\u00dfen sie nun Johann Peter Hebel oder Victor&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":411375,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1844],"tags":[1634,3364,29,30,8903,26652,63975,108784],"class_list":{"0":"post-411374","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-karlsruhe","8":"tag-baden-wuerttemberg","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-germany","12":"tag-karlsruhe","13":"tag-krause-tilman","14":"tag-literarisches-leben","15":"tag-literaturhaeuser-ks"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115179419476433826","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/411374","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=411374"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/411374\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/411375"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=411374"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=411374"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=411374"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}