{"id":412682,"date":"2025-09-10T21:39:17","date_gmt":"2025-09-10T21:39:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/412682\/"},"modified":"2025-09-10T21:39:17","modified_gmt":"2025-09-10T21:39:17","slug":"karl-banghards-die-wahre-geschichte-der-germanen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/412682\/","title":{"rendered":"Karl Banghards \u201eDie wahre Geschichte der Germanen\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Arch\u00e4ologen m\u00fcssen bei der Interpretation ihrer Funde vorsichtig sein. Sie wissen, dass sie das Bild der Vorgeschichte pr\u00e4gen und beim Publikum dabei auf ein Bed\u00fcrfnis nach Identit\u00e4tsstiftung sto\u00dfen. Auf der anderen Seite werden ihre Ergebnisse regelm\u00e4\u00dfig durch neue Grabungsfunde \u00fcberholt, in Kalkriese kann man das gut beobachten. Die Varusschlacht, die hier im Jahr 9 nach Christus stattgefunden haben soll, bekommt st\u00e4ndig eine neue Wendung. Mal gibt es Hinweise darauf, dass die erkennbaren Wallbefestigungen auf dem Oberesch von den Germanen stammen, dann wieder spricht vieles f\u00fcr die R\u00f6mer. Die Grabungsleiter sind nicht zu beneiden.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Es ist nicht leicht, auskunftsfreudige wissenschaftliche Gespr\u00e4chspartner zu finden, wenn es um die Germanen geht, also, vorsichtig ausgedr\u00fcckt, jene Stammesgruppen, die vor etwa zweitausend Jahren (auch) auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands gelebt haben. Das \u00fcberlieferte Bild \u201eder Germanen\u201c wird von vielen Historikern und Arch\u00e4ologen derart kritisch betrachtet, dass kaum noch feste Konturen \u00fcbrig bleiben. Dabei fordert die Frage weiter heraus, welche Gemeinsamkeiten diese Gruppen jenseits der Sprachverwandtschaft aufwiesen.<\/p>\n<p>Besuchererwartungen im Germanenmuseum<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die betonte Zur\u00fcckhaltung der Arch\u00e4ologie ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die NS-Zeit, in der von ihr erwartet wurde, eine heroische Ahnenreihe der Germanen bis in die Jungsteinzeit zur\u00fcckzuverfolgen, wissenschaftliche Befunde wurden dabei ignoriert. Kaum jemand wei\u00df das besser als Karl Banghard, Pr\u00e4historiker und Direktor des Arch\u00e4ologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen im Teutoburger Wald. Die 1936 gegr\u00fcndete In\u00adstitution, das erste germanische Freilichtmuseum der Welt, ist in ihren Urspr\u00fcngen geradezu ein Produkt dieser Geschichtsverf\u00e4lschung. Aus wenigen Pfostenl\u00f6chern und eisenzeitlichen Gruben zimmerten NS-Ideologen ein planes Germanenwunschbild, das heute in Oerlinghausen freilich kritisch eingebettet wird. Auch neue Bauten, rekonstruiert auf seri\u00f6ser Grundlage, gibt es dort inzwischen zu sehen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Banghard trifft fast t\u00e4glich auf erwartungsfrohe Besucher: Rechtsextreme, die sich auf Rundreise im Teutoburger Wald befinden und einen Besuch beim Hermannsdenkmal mit einem Ausflug zu den Externsteinen und der fr\u00fcheren SS-Kultst\u00e4tte Wewelsburg bei Paderborn verbinden. Er begegnet in seinem Museum \u00e4lteren Besuchern, die falschen Vorstellungen aus \u00fcberholten Schulb\u00fcchern nachh\u00e4ngen, er trifft auf Schulklassen, denen ein angemessenes Germanenbild vermittelt werden sollte \u2013 das sich deutlich von jenem unterscheidet, das sie aus Netflix-Serien wie \u201eBarbaren\u201c oder \u201eVikings\u201c kennen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Karl Banghards Folgerung aus dieser Unsch\u00e4rfe lautet im Vorwort seines neuen Buchs: \u201eEin \u00fcberkommenes Bild kann nur mit einem Gegenbild aufgel\u00f6st werden, nicht mit einem Vakuum\u201c. Sein Germanenbuch widme sich diesem Gegenbild, wobei dem Alltag der Menschen eine besondere Bedeutung beigemessen werde. Etwas anderes bleibt ihm freilich kaum \u00fcbrig, da die Fundlage bei den Germanen alles andere als spektakul\u00e4r ist. Sie haben kaum beeindruckende Monumentalbauten und nur wenige Schriftzeugnisse hinterlassen.<\/p>\n<p>Greift die Ansprache der jungen Leser?<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Banghard will dem verfestigten Trugbild vergangener Tage \u201eeine schnelle, offene Erz\u00e4hlung\u201c entgegensetzen, allerdings \u00fcbertreibt er es ein wenig, wenn er schreibt: \u201eWie alle Geschichten ist auch diese Geschichte bestimmt nicht wahr. Sie muss aber dennoch erz\u00e4hlt werden.\u201c Wie man \u00fcberhaupt sagen muss: Wollte man dieses Buch verrei\u00dfen, m\u00fcsste man nur aus Banghards Vorwort und der Danksagung zitieren. In Letzterer wird allen Lesern vom Fach f\u00fcr eine \u201enachsichtige Lekt\u00fcre\u201c gedankt, der Autor hebt die kurze Entstehungszeit des Buchs hervor und schreibt sich selbst in \u00fcbersteigerter Bescheidenheit lediglich \u201eHalbwissen\u201c zu. Komplexe Fragestellungen habe er \u201eeinfach glattgeb\u00fcgelt\u201c. Gegen die Entscheidung des Verlags, das Buch mit \u201eDie wahre Geschichte der Germanen\u201c zu betiteln, war Banghard offenbar machtlos.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Karl Banghard: \u201eDie wahre Geschichte der Germanen\u201c. Propyl\u00e4en Verlag, Berlin 2025. 272 S., Abb., br., 22,\u2013 \u20ac.\" height=\"3000\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/karl-banghard-die-wahre.jpg\" width=\"1980\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Karl Banghard: \u201eDie wahre Geschichte der Germanen\u201c. Propyl\u00e4en Verlag, Berlin 2025. 272 S., Abb., br., 22,\u2013 \u20ac.Verlag<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">An dem Buch ist jedenfalls vieles zu loben. Banghard beschreibt ausgew\u00e4hlte Funde, die sich zeitlich von der Varusschlacht bis zum Hunnensturm, r\u00e4umlich von der Normandie bis nach Polen und in die Ukraine erstrecken. Dabei greift er meist auf neuere und neueste Erkenntnisse zur\u00fcck, die sich Methoden wie der Genanalyse oder der Arch\u00e4obotanik und den Grabungen detailversessener Arch\u00e4ologen an Mist-Klei-Wurten und Mooropferpl\u00e4tzen verdanken. Banghard selbst verf\u00fcgt \u00fcber erstaunliche Detailkenntnisse etwa zur kultischen Totenverbrennung und zum Langhausbau. Stellenweise liest sich das Buch auch wie eine kleine Einf\u00fchrung in die Arch\u00e4ologie, in der man zudem viel \u00fcber die R\u00f6mer lernt. In ihrer Bedeutung nicht zu untersch\u00e4tzen sind auch die Fotos in der Buchmitte, welche Germanen-Models in historisch nachgestellten Gew\u00e4ndern beim Hausbau oder der Eisenerzeugung zeigen. Das sind die angestrebten Gegenbilder.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Auff\u00e4llig ist der Stil Banghards. Der Klappentext spricht von einem \u201erasant geschriebenen Roadmovie\u201c, und das trifft es nicht schlecht. Die Kapitel beginnen meist mit einem Aha-Effekt und enden mit Cliffhanger oder Punch\u00adline. Zwischendurch kann es auch mal hei\u00dfen: \u201eWer Arminius, den Helden der Varusschlacht, als ersten Deutschen bezeichnet h\u00e4tte, h\u00e4tte daf\u00fcr von ihm wohl eine aufs Maul bekommen.\u201c An Wortbildungen wie \u201eVarusgate\u201c oder \u201edas G-Wort\u201c hat Banghard sichtlich Freude. Das Ganze wirkt manchmal ein wenig forciert, ist insgesamt aber kurzweilig.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Fraglich ist, ob der \u00dcbersetzungsanspruch f\u00fcr j\u00fcngere Leser, der sich hinter vielen Formulierungen verbirgt, wirklich ins Ziel trifft. Zu w\u00fcnschen w\u00e4re es, doch das Buch ist keinesfalls voraussetzungslos geschrieben und richtet sich insgesamt eher an Geschichtsinteressierte mit Vorwissen. Rechtsextreme, nationalistische oder identit\u00e4re Leser werden an dem Buch keinen Gefallen finden. Sie treffen in ihm auf extrem anpassungsf\u00e4hige, dezentral organisierte mobile Germanen, solche, die Rom nicht unterwarfen, sondern es in vielen Bereichen kopierten.<\/p>\n<p><strong>Karl Banghard: \u201eDie wahre Geschichte der Germanen\u201c<\/strong>. Propyl\u00e4en Verlag, Berlin 2025. 272 S., Abb., br., 22,\u2013 \u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Arch\u00e4ologen m\u00fcssen bei der Interpretation ihrer Funde vorsichtig sein. 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