{"id":413930,"date":"2025-09-11T09:06:12","date_gmt":"2025-09-11T09:06:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/413930\/"},"modified":"2025-09-11T09:06:12","modified_gmt":"2025-09-11T09:06:12","slug":"regierung-zofft-sich-um-europas-klimaziel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/413930\/","title":{"rendered":"Regierung zofft sich um Europas Klimaziel"},"content":{"rendered":"<p>Blick in den Saal beim Klimagipfel in Paris 2015, kurz vor Verk\u00fcndung der gro\u00dfen Einigung. (Foto: Benjamin von Brackel)<\/p>\n<p>Wer im Dezember 2015 dabei war, erinnert sich gern an den magischen Moment: Die Staatenvertreter hakten sich im Konferenzflur von Le Bourget unter, marschierten in den Verhandlungssaal und <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/klimakonferenzen\/so-geht-klimaschutz-im-21-jahrhundert\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">beschlossen<\/a> dort den Pariser Klimavertrag, begleitet von Jubel, Beifall und Tr\u00e4nen der R\u00fchrung weltweit.<\/p>\n<p>Seitdem gilt das globale Versprechen, die Erderw\u00e4rmung m\u00f6glichst auf 1,5 Grad zu begrenzen. Zehn Jahre nach dem magischen Moment steht die Welt an der Schwelle zu den 1,5 Grad und vor dem <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/tag\/cop-30\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">n\u00e4chsten<\/a> Klimagipfel, der schon im Vorfeld als historisch gilt.<\/p>\n<p>Er beginnt in zwei Monaten, am 10. November, im brasilianischen Bel\u00e9m. Die 30. UN-Klimakonferenz (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/UN-Klimakonferenz_in_Bel%C3%A9m_2025\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">COP\u00a030<\/a>) ist in den Augen vieler Klimasch\u00fctzer die letzte Chance, das 1,5-Grad-Limit noch am Leben zu erhalten.<\/p>\n<p>In Bel\u00e9m m\u00fcssen sich die Nationen darauf einigen, unter allen Umst\u00e4nden an den 1,5 Grad festzuhalten, betonte auch <a href=\"https:\/\/www.pik-potsdam.de\/members\/johanro\/homepage-de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Johan Rockstr\u00f6m<\/a> diese Woche bei einer <a href=\"https:\/\/www.helmholtz-klima.de\/termin\/zehn-jahre-pariser-klimaabkommen-wege-aus-der-krise\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Veranstaltung<\/a> zum zehnj\u00e4hrigen Jubil\u00e4um von Paris. Die Tatsache, dass die Welt derzeit rasch auf die 1,5 Grad zusteuert, k\u00f6nne kein Argument f\u00fcr die Staaten sein, sich vom 1,5-Grad-Ziel zu l\u00f6sen, warnte der Direktor des Potsdam-Instituts f\u00fcr Klimafolgenforschung. Es komme auf jedes Zehntelgrad an.<\/p>\n<p>Klimahoffnungen ruhen auf Deutschland und Europa<\/p>\n<p>Wie andere setzt Rockstr\u00f6m\u00a0\u2013 nach dem erneuten <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/international\/raus-aus-paris-rein-in-die-erde\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Austritt<\/a> der USA aus dem Paris-Abkommen\u00a0\u2013 gro\u00dfe Hoffnungen auf Europa und insbesondere Deutschland. Diese Hoffnungen sind bis jetzt auch nicht ungerechtfertigt, schaut man allein auf die Klimaziele.<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Kommission <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/europaeische-union\/eu-kommission-schlaegt-aufgeweichte-90-prozent-vor\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hat im Juli vorgeschlagen<\/a>, als EU-Klimaziel f\u00fcr 2040 eine CO2-Minderung um 90 Prozent gegen\u00fcber 1990 zu verankern. 2050 will die EU nach wie vor klimaneutral sein. Bislang gibt es rechtlich verbindlich aber nur ein Klimaziel f\u00fcr 2030. Dieses verlangt eine Senkung der Emissionen um 55 Prozent.<\/p>\n<p>Einige Verw\u00e4sserungen tr\u00fcben die Freude \u00fcber die 90 Prozent. Wie in Deutschland sollen k\u00fcnftig auch in Europa Reduktionspflichten der einzelnen Sektoren wie Energie oder Verkehr miteinander verrechenbar sein. Die EU-Kommission will zudem international gehandelte CO2-Zertifikate f\u00fcr das Klimaziel anerkennen. Bis zu drei Prozentpunkte der 90 Prozent sollen so &#8222;erf\u00fcllt&#8220; werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zum EU-Ziel f\u00fcr 2040 hat die schwarz-rote Koalition in Berlin im Grunde schon Ja gesagt. Dazu muss man nur in den Koalitionsvertrag schauen. Da steht: Man unterst\u00fctze das 90-Prozent-Ziel\u00a0\u2013 <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/deutschland\/schwarz-rote-koalition-laesst-den-klimaschutz-zuruecktreten\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mit der Ma\u00dfgabe<\/a>, dass Deutschland erstens nicht mehr reduzieren muss als mit dem deutschen Klimaziel f\u00fcr 2040 vorgegeben. Und zweitens soll Deutschland das 2040er Ziel ebenso mit bis zu drei Prozentpunkten durch ausl\u00e4ndische CO2-Zertifikate erf\u00fcllen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Klimaziele sind weitgehend deckungsgleich<\/p>\n<p>Wie hoch ist das deutsche Klimaziel f\u00fcr 2040? Das liegt derzeit bei <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/deutschland\/bundestag-beschliesst-neues-klimaschutzgesetz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">minus 88 Prozent<\/a> gegen\u00fcber 1990\u00a0\u2013 auf den ersten Blick weniger als das EU-Ziel. Deutschland rechnet bei den 88 Prozent aber\u00a0\u2013 anders als die EU\u00a0\u2013 <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/deutschland\/co2-senken-sollen-erst-ab-2045-angerechnet-werden\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">keine<\/a> Effekte durch nat\u00fcrliche CO2-Senken wie W\u00e4lder, Moore und Gr\u00fcnland hinein. W\u00fcrde Deutschland das tun, soll rechnerisch ungef\u00e4hr ein Ziel von 91 Prozent CO2-Reduktion herauskommen.<\/p>\n<p>Kurz zusammengefasst: Die EU will f\u00fcr 2040 minus 90 Prozent und baut ein paar Schlupfl\u00f6cher ein. Deutschland strebt in etwa dieselbe Reduktion an und baut ein paar Schlupfl\u00f6cher ein.<\/p>\n<p>Der Verstand sagt: Die Ziele von EU-Kommission und Deutschland sind ziemlich deckungsgleich. So schien es nur eine Formfrage, dass Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) kommende Woche im EU-Umweltrat die Hand hebt f\u00fcrs europ\u00e4ische 90-Prozent-Minus im Jahr 2040.<\/p>\n<p>Die EU k\u00f6nnte dann zum Weltklimagipfel in Bel\u00e9m auch eine ordentliche <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/klimakonferenzen\/langsam-mahlen-die-muehlen-der-bonner-klimadiplomatie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Klimaverpflichtung<\/a> abgeben. Diese sogenannten National Determined Contributions (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nationally_Determined_Contributions\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NDCs<\/a>) haben zwar 2035 als Zieljahr, das Umrechnen d\u00fcrfte aber in Br\u00fcssel hinzubekommen sein.<\/p>\n<p>Kanzleramt will offenbar Entscheidung am Umweltminister vorbei<\/p>\n<p>Die klare Klimalogik soll jetzt aber, wie zu h\u00f6ren ist, im Kanzleramt nicht so ganz verstanden worden sein. Nicht wegen der Zahlen. Die stehen schlie\u00dflich im Koalitionsvertrag. Da ist nicht viel zu machen.<\/p>\n<p>Die Regierungsspitze soll vielmehr am zust\u00e4ndigen Umweltminister vorbei Zustimmung zu einem Vorschlag Frankreichs signalisiert haben. Die Franzosen haben vorgeschlagen, das EU-Klimaziel nicht in der n\u00e4chsten Woche vom <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rat_f%C3%BCr_Umwelt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Umweltministerrat<\/a>, sondern sp\u00e4ter im Oktober vom Europ\u00e4ischen Rat beschlie\u00dfen zu lassen.<\/p>\n<p>Wo ist der Unterschied? Im Rat der Umweltminister wird mit Mehrheit entschieden\u00a0\u2013 im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Europ%C3%A4ischer_Rat\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Europ\u00e4ischen Rat<\/a> sitzen dagegen die Regierungs- und Staatschefs der 27 EU-L\u00e4nder und entscheiden einstimmig. Dort reicht ein Nein eines Klimabremsers wie Ungarn oder <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/tag\/polen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Polen<\/a> und das Klimaziel scheitert vorerst.<\/p>\n<p>W\u00fcrden sich die Klimablockierer so in der EU durchsetzen, schw\u00e4chte das massiv Europas Glaubw\u00fcrdigkeit vor der Weltklimakonferenz, warnen zehn Umwelt- und Klimaverb\u00e4nde <a href=\"https:\/\/www.dnr.de\/presse\/pressemitteilungen\/umweltverbaende-warnen-mit-offenem-brief-bundesregierung-darf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">in einem Schreiben<\/a>. Auch stiege das Risiko, dass am Ende ein viel zu schwaches EU-Klimaziel f\u00fcr 2040 beschlossen wird.<\/p>\n<p>Die Organisationen, darunter alle gro\u00dfen Umweltverb\u00e4nde, appellieren an Kanzler Friedrich Merz (CDU), daf\u00fcr zu sorgen, dass das EU-2040-Klimaziel von minus 90 Prozent wie geplant am 18. September im Umweltrat beschlossen wird.<\/p>\n<p>Klimaforscher warnen vor politischem Zwei-Grad-Ziel<\/p>\n<p>Bis dato ist vom Kanzler und aus seinem Amt dazu nichts zu h\u00f6ren. Aber nicht nur in Deutschland st\u00f6ren sich Konservative schon l\u00e4nger an dem vergleichsweise noch strengen europ\u00e4ischen Klimaziel.<\/p>\n<p>Ihre \u00dcberlegung: Wenn die 1,5 Grad ohnehin gerissen werden, k\u00f6nnen wir doch auch gleich zu einem Zwei-Grad-Ziel \u00fcbergehen. Dann w\u00e4re pl\u00f6tzlich gen\u00fcgend CO2-Budget \u00fcbrig, um noch auf Jahrzehnte <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/strom\/neue-groko-verdoppelt-erdgasverstromung-wieder\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gaskraftwerke<\/a> zu betreiben oder das <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/tag\/verbrennungsmotor\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Verbrennerverbot<\/a> abzuschaffen.<\/p>\n<p>Genau dieses Vorgehen bef\u00fcrchten Rockstr\u00f6m und viele andere Klimawissenschaftler und sagen: Angesichts der schon heute sichtbaren extremen Folgen des Klimawandels m\u00fcssen wir an den Pariser 1,5 Grad festhalten. Und wenn die <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/technik\/gefaehrliche-klimaklempnerei\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00fcberschritten<\/a> sein sollten, dann k\u00e4mpfen wir um 1,6 oder 1,7 Grad, geben aber keinen klimapolitischen Freibrief f\u00fcr ein Zwei-Grad-Ziel.<\/p>\n<p>Dass hinter dem Man\u00f6ver um die Sitzung des Umweltrats mehr steckt, sieht offenbar auch der deutsche Umweltminister und zeigt sich stark ver\u00e4rgert. Er erwarte, dass die Bundesregierung an einem Strang ziehe und sich f\u00fcr eine Beschlussfassung im n\u00e4chsten Umweltministerrat einsetze, sagte Carsten Schneider <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/carsten-schneider-umweltminister-richtet-warnung-an-cdu-und-csu-a-83f95e58-677d-4eae-b931-bdb25d8768db\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">dem Magazin Spiegel<\/a>. Wer das neue europ\u00e4ische Klimaziel f\u00fcr 2040 blockiere und notwendige Beschl\u00fcsse verz\u00f6gere, handle gegen deutsche Interessen, gibt der SPD-Politiker zu verstehen.<\/p>\n<p>Ein Ministeriumssprecher legte noch nach: Man k\u00f6nne nicht best\u00e4tigen, dass die Bundesregierung das EU-Klimaziel f\u00fcr 2040 im Europ\u00e4ischen Rat abstimmen lassen wolle, lie\u00df das Haus Schneider wissen. Auch gebe es keine Positionierung der Bundesregierung, die ein Aufschieben dieses Klimaziels vorsehe.<\/p>\n<p>Wie der Zoff zwischen Kanzleramt und Umweltministerium ausgeht, ist noch offen. Schneider soll die SPD-Bundestagsfraktion in der Frage hinter sich wissen. Auch der Koalitionsvertrag steht auf seiner Seite.<\/p>\n<p>Klar wird nur einmal mehr: Die Zeit, als man sich in der Klimapolitik noch unterhakte und gemeinsam losmarschierte, ist vorbei, auch in Deutschland. Paris vor zehn Jahren blieb ein einsamer Moment der Geschichte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Blick in den Saal beim Klimagipfel in Paris 2015, kurz vor Verk\u00fcndung der gro\u00dfen Einigung. 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