{"id":414456,"date":"2025-09-11T13:51:11","date_gmt":"2025-09-11T13:51:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/414456\/"},"modified":"2025-09-11T13:51:11","modified_gmt":"2025-09-11T13:51:11","slug":"literaturbetrieb-achtung-buchpreis-longlist-die-angst-weiterzulesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/414456\/","title":{"rendered":"Literaturbetrieb \u2013 Achtung, Buchpreis-Longlist: Die Angst weiterzulesen"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img311214\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/311214.jpeg\" alt=\"Das war ein gutes Buch, wir schw\u00f6ren! Im vergangenen Jahr gewann Martina Hefter mit \u00bbHey guten Morgen, wie geht es dir?\u00ab den Deutschen Buchpreis 2024.\"\/><\/p>\n<p>Das war ein gutes Buch, wir schw\u00f6ren! Im vergangenen Jahr gewann Martina Hefter mit \u00bbHey guten Morgen, wie geht es dir?\u00ab den Deutschen Buchpreis 2024.<\/p>\n<p>Foto: dpa<\/p>\n<p>Das Zweitschlimmste sind die Autorenbeschreibungen. Sie orientieren sich an zu oft gelesenen Wichtigtuer-Formulierungen wie \u00bbhat studiert in Wuppertal und Paris\u00ab. Jeder, der schon mal eine Uni von innen gesehen hat, geht davon aus, dass das Studium in Paris nur ein Auslandssemester war, aber es klingt halt besser. Auch die Lebensl\u00e4ufe jener zw\u00f6lf Schriftstellerinnen und acht Schriftsteller, deren Werke es auf die Longlist des <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1186038.deutscher-buchpreis-martina-hefter-schwindel-freiheit.html?sstr=deutscher|buchpreis\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Deutschen Buchpreises<\/a> geschafft haben, wurden f\u00fcr den dazugeh\u00f6rigen Leseprobenband ordentlich aufgeblasen.<\/p>\n<p>Die eine hatte ein Residenzstipendium, die n\u00e4chste war Teilnehmerin an der Bayerischen Akademie des Schreibens, einer gewann den Klaus-Michael-K\u00fchne-Preis, ein anderer den Franz-Hessel-Preis und wieder eine andere den Kranichsteiner Literaturf\u00f6rderpreis, mehrere waren schon mal auf diversen Shortlists oder erreichten das Finale des Open Mike. Der einzige Nominierte, in dessen Kurzbiografie auf die Auflistung solcher Erfolge verzichtet wird, ist Feridun Zaimoglu. Aber der hat\u2019s ja auch nicht n\u00f6tig; den kennt man schon.<\/p>\n<p>Der Deutsche Buchpreis wird im Oktober kurz vor der Frankfurter Buchmesse vom B\u00f6rsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben. Er ist mit 25 000 Euro dotiert. Ende August wurde die Longlist der Autorinnen und Autoren pr\u00e4sentiert, aus der die Jury die Shortlist mit sechs Titeln destilliert, die n\u00e4chste Woche bekanntgegeben wird. Die f\u00fcnf, die nicht gewinnen, bekommen jeder 2500 Euro zugesprochen.<\/p>\n<p>Wor\u00fcber hingegen kein Wort verloren wird, sind die Verkaufszahlen. In der Buchbranche gilt ein Roman als Erfolg, wenn 4000 Exemplare \u00fcber den Ladentisch gegangen sind \u2013 wenn also 0,005 Prozent der Bev\u00f6lkerung bereit war, Geld daf\u00fcr auszugeben. Das muss kein Kriterium f\u00fcr Qualit\u00e4t sein, aber man kann davon ausgehen, dass dies nicht jedem der Autor*innen auf der Longlist verg\u00f6nnt war.<\/p>\n<p>Nach der Lekt\u00fcre der offiziellen Leseproben versteht man auch, warum. Wenn ein Autor mit den Worten beginnt: \u00bbNun, als ich auf mich gestellt war, bewarb ich mich bei den Germanisten als Tutor, das war m\u00f6glich, wenn man f\u00fcnf Semester hinter sich hatte\u00ab, ist man geneigt, schon nach dem ersten Satz das Buch auf Seite zu legen und die Zeit sinnvoller zu nutzen. Man k\u00f6nnte ja mal wieder das Eisfach abtauen oder CDs sortieren.<\/p>\n<p>Aber dann sagt man sich, \u00bbsei nicht so streng, gib ihnen eine Chance!\u00ab Und so k\u00e4mpft man sich durch 20 Leseproben, um herauszufinden, was ein Buch auszeichnet, das als Longlist-w\u00fcrdig erachtet wurde. Was auff\u00e4llt: Viele schreiben in der 1. Person. Diese Form des Erz\u00e4hlens funktioniert dann, wenn das Ich tats\u00e4chlich etwas zu erz\u00e4hlen und daraus als ver\u00e4nderter Mensch hervorgeht. Oder wenn es \u2013 wie bei <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1188018.heinz-strunk-zauberberg-therapiesitzungen-und-kotzschaum.html?sstr=heinz|strunk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heinz Strunk<\/a> \u2013 den ganz normalen Irrsinn so pr\u00e4zise beschreibt, dass dieser zu leuchten anf\u00e4ngt.<\/p>\n<p>\u00bbLebensversicherung\u00ab von Katrin Bach beginnt mit den Worten: \u00bbIch bin vierunddrei\u00dfig Jahre alt und habe Angst.\u00ab Das ist doch mal ein Einstieg! Und weil \u00bbIch habe Angst\u00ab ja schon mal neugierig macht, wiederholt sie diesen Satz in mannigfachen inhaltlichen Variationen. Dadurch entsteht eine unfassbare Monotonie, die \u2013 wir haben ja damals im Deutsch-Leistungskurs aufgepasst \u2013 sicher symbolisieren soll, dass das Leben in ihrem Dorf unfassbar monoton ist. Da man diese Botschaft nach viereinhalb Seiten kapiert hat, machen die restlichen gut 230 Seiten ziemlich Angst.<\/p>\n<p>Bei Kaleb Erdmann scheint das Ich ein Teetrauma zu haben (\u00bbTee trinken hat ja etwas Masochistisches, das dachte ich schon immer, sage ich\u00ab). Also r\u00e4soniert er in \u00bbDie Ausweichschule\u00ab \u00fcber den <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1189071.talke-talks-matcha-chai-tee.html?sstr=tee|trinken\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Teeaufguss<\/a> als Metapher, w\u00e4hrend er ein <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1079448.essen-fassen-ratten-in-berlin.html?sstr=Nutria\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nutria<\/a> betrachtet, das wiederum von einem Kind betrachtet wird. Aber eigentlich geht es weder um Tee noch um falsche Biber, sondern um einen Roman des Ich-Erz\u00e4hlers. Also ein Fall von selbstreferenzieller Literatur. Galt mal als supermodern. Damals, in den 70ern. Aber mittlerweile sind wir ein halbes Jahrhundert weiter.<\/p>\n<p>In der deutschen Mittelschichtsliteratur erinnern sich oft die Kinder von Verwaltungsangestellten an die alte Reihenhaussiedlung, literarisch ist das meist unergiebig. Vielleicht gelingt es ja postmigrantischen Autorinnen und Autoren, hintergr\u00fcndigere Geschichten zu verfassen, aufgrund von Erfahrungen, die existenziellerer Natur sind? Wie Dmitrij Kapitelman, der in Kyjiw geboren wurde, Jina Khayyer, die iranischer Abstammung ist, und Jehona Kicaj, die Anfang der 90er im Kosovo zur Welt kam. Das k\u00f6nnte doch spannend werden, denkt man sich. Doch was alle drei abliefern, sind Erlebnisberichte, wie man sie in der \u00bbZeit\u00ab findet. Also Texte der Art, die Bildungsb\u00fcrger daran erinnern, dass es jenseits der Bundesrepublik eine Welt gibt, in der es ungem\u00fctlicher zugeht. Das ist journalistisch, aber nicht literarisch interessant.<\/p>\n<p>nd.DieWoche \u2013 unser w\u00f6chentlicher Newsletter<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/311215.jpeg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"170\"\/><\/p>\n<p>Mit unserem w\u00f6chentlichen Newsletter <strong>nd.DieWoche<\/strong> schauen Sie auf die wichtigsten Themen der Woche und lesen die <strong>Highlights<\/strong> unserer Samstagsausgabe bereits am Freitag. <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/newsletter\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hier das kostenlose Abo holen<\/a>.<\/p>\n<p>H\u00e4tten sie sich doch einmal die Erz\u00e4hlungen und Romane des renommiertesten migrantischen deutschen Schriftstellers <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1193416.literatur-maxim-biller-erzaehlt-davon-wie-schoen-alles-ist.html?sstr=maxim|biller\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Maxim Biller<\/a> zu Gem\u00fcte gef\u00fchrt. Dann h\u00e4tten sie gewusst, dass autobiografisch gef\u00e4rbte Texte davon leben, dass sie zum einen offenlassen, was real und was erfunden ist, und zum anderen bei allem pers\u00f6nlichen Dekor einen erz\u00e4hlerischen Kern haben, der universell ist. Der fehlt bei Dmitrij Kapitelman, Jina Khayyer und Jehona Kicaj. Das Gelesene hallt nicht nach bald \u2013 so wie man auch die Texte der \u00bbZeit\u00ab bald wieder vergisst.<\/p>\n<p>Der viel zu fr\u00fch verstorbene Uwe Kopf (\u00bbDie elf Gehirne der Seidenspinnerraupe\u00ab) meinte einmal: \u00bbMan sollte seine Texte aufs Skelett reduzieren und jedes \u00fcberfl\u00fcssige Wort weglassen. Das gilt besonders f\u00fcr Adjektive. Oft will der Autor nur (\u2026) Originalit\u00e4t erzwingen.\u00ab Daran denkt man, wenn man so einen Satz liest: \u00bbDer Koffer rollt brav und widerstandslos neben mir her \u00fcber die spiegelnden Steinplatten.\u00ab Viele Texte auf der Longlist kranken daran, dass das Bem\u00fchen, \u00bboriginell\u00ab zu sein, allzu offensichtlich durchschimmert.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend man insgeheim der deutschsprachigen Literatur den Totenschein ausstellt und sich fragt, wer das liest (Masochisten? Menschen ohne Sprachgef\u00fchl?), geschieht das Wunder. Eine ehemalige Psychiatriekrankenschwester haut einen Text raus, bei dem man bereits nach wenigen S\u00e4tzen in den Seilen h\u00e4ngt: \u00bbMeine Mutter bringt uns T\u00f6chtern Dinge bei. Andere Dinge, als mit geradem R\u00fccken am Esstisch zu sitzen, als \u203aDanke\u2039 und \u203aBitte\u2039 zu sagen, andere Dinge als ihrem Sohn. Sie bringt uns bei, dass Schnaps \u00c4rger bedeutet. Dass M\u00e4nner, die Bier trinken, harmlos sind.\u00ab So beginnt \u00bbDas Schwarz an den H\u00e4nden meines Vaters\u00ab von <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1191834.feminismus-und-literatur-hand-auf-die-herdplatte.html?sstr=lena|sch\u00e4tte\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lena Sch\u00e4tte<\/a>. Und nat\u00fcrlich werde ich die 24 Euro ausgeben, um zu erfahren, wer hier was trinkt und warum.<\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">Deutscher Buchpreis 2025: Die Nominierten. 128 S., gratis in vielen Buchhandlungen erh\u00e4ltlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das war ein gutes Buch, wir schw\u00f6ren! 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