{"id":414715,"date":"2025-09-11T16:09:11","date_gmt":"2025-09-11T16:09:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/414715\/"},"modified":"2025-09-11T16:09:11","modified_gmt":"2025-09-11T16:09:11","slug":"gastkommentar-von-christian-wolff-schieflage-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/414715\/","title":{"rendered":"Gastkommentar von Christian Wolff: Schieflage \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Es war am vergangenen Sonntag, dem 7. September 2025. Der Leipziger Synagogalchor hatte ins Museum der Bildenden K\u00fcnste zu einem Festkonzert \u201eErhebt euch, ewige Tore! Zwei Synagogenweihen in Leipzig\u201c eingeladen. Hintergrund des Konzertes waren die Einweihung der Gro\u00dfen Gemeindesynagoge in der Gottschedstra\u00dfe am 10. September 1855 und die Wiederindienstnahme der Brodyer Synagoge in der Keilstra\u00dfe am 28. Oktober 1945.<\/p>\n<p>An dem Konzert nahmen ca. 250 Menschen teil. Neben dem Synagogalchor wirkten amarcord, emBRASSment, Anja P\u00f6che und Clemens Posselt mit. Die musikalische Leitung hatte Philipp Goldmann. Gesungen wurden u.a. Kompositionen von Felix Mendelssohn Bartholdy, Samuel Jadassohn und Louis Lewandowski, die auch vor 170 Jahren erklangen. Zwischen den Musikst\u00fccken gab es Lesungen, Redebeitr\u00e4ge und eine Computersimulation der <a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/zeitreise\/2025\/09\/die-leipziger-synagoge-10-september-170-jahre-gedenkort-mahnmal-633175\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gro\u00dfen Gemeindesynagoge<\/a>. Sie wurde in der Reichspogromnacht 1938 zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Was war nun das Besondere an diesem Konzert, das der Printausgabe der Leipziger Volkszeitung (LVZ) keine Zeile wert war? Zum einen war es dank der herausragenden Leistung der S\u00e4nger\/-innen, der Instrumentalisten und eines famos dirigierenden Philipp Goldmann ein musikalisches Highlight.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Synagogalchor-960x640-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-633394 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Synagogalchor-960x640-1.jpg\" alt=\"Synagogalchor. Foto: Lucas B\u00f6hme\" width=\"960\" height=\"640\"  \/><\/a>Leipziger Synagogalchor (hier im Juni 2025). Foto: Lucas B\u00f6hme<\/p>\n<p>Zum andern wurde an zwei Gottesh\u00e4user erinnert, welche von den Nazis, d.h. von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern der Stadt Leipzig, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 dem Erdboden gleichgemacht bzw. auf sch\u00e4ndliche Weise entweiht wurden.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wurden j\u00fcdische B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, wie schon in den Jahren zuvor, drangsaliert, in Konzentrationslager verschleppt, ermordet. Wenige Jahre sp\u00e4ter setzte mit dem Holocaust die systematische, industriell betriebene Vernichtung des j\u00fcdischen Lebens in Europa ein. 2001 entstand auf dem Grundst\u00fcck der Gro\u00dfen Gemeindesynagoge eine eindrucksvolle Gedenkst\u00e4tte.<\/p>\n<p>Das Konzert erm\u00f6glichte einen R\u00fcckblick auf die verh\u00e4ngnisvolle Geschichte der Menschen j\u00fcdischen Glaubens in Leipzig der besonderen Art. Denn in der Gegen\u00fcberstellung der wunderbaren Kompositionen mit den grauenhaften Folgen einer tief verwurzelten Judenfeindschaft, die den Holocaust erm\u00f6glichte, wurde deutlich: Solche Verbrechen sind nur m\u00f6glich, wenn Menschen wegsehen, mitmachen, lang gehegte Vorurteile tradieren und kulturell wie moralisch verw\u00fcsten.<\/p>\n<p>1855 war die Einweihung des j\u00fcdischen Gotteshauses in der Gottschedstra\u00dfe ein gro\u00dfes Ereignis f\u00fcr die Stadt Leipzig. Noch schien der Aufbruchsgeist der b\u00fcrgerlichen Revolution von 1848 zu wirken. Doch wurde die Freude \u00fcber die Vielfalt des religi\u00f6sen Lebens nicht von allen Gruppen der Stadtgesellschaft geteilt. So fehlten Vertreter der evangelisch-lutherischen und der katholischen Kirche bei der Einweihung der Synagoge. Den Presseberichten ist zu entnehmen, dass lediglich reformierte, deutschkatholische und griechische Geistliche an der Einweihung teilnahmen.<\/p>\n<p>Zu tief war der militante Antisemitismus gerade auch in den offiziellen Kirchen verankert. Schon 1850 erschien Richard Wagners antisemitische Hetzschrift \u201eDas Judenthum in der Musik\u201c, und 1889 fiel das im Zuge der neugotischen Umgestaltung der Thomaskirche vorgesehene Fenster f\u00fcr Felix Mendelssohn Bartholdy antisemitischen Einspr\u00fcchen zum Opfer (erst 1997 konnte die Schmach und Schande beseitigt werden). Das waren nur zwei der ideologischen Steine, auf denen die Judenfeindschaft der Nazis aufbauen und durch die die \u201enationalsozialistische Verhetzung\u201c sich zum monstr\u00f6sen Menschheitsverbrechen, dem Holocaust, entwickeln konnten.<\/p>\n<p>Bei der Weihe der Brodyer Synagoge in der Keilstra\u00dfe im Oktober 1945 f\u00fchrte der damalige Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinde Richard Frank aus:<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns keiner T\u00e4uschung hingeben, dass dieser Geist (gemeint ist der Rassenhass, Nationalismus, V\u00f6lkerunterdr\u00fcckung, Vernichtungswillen der Nazis) noch l\u00e4ngst nicht \u00fcberwunden ist. Niemand kann in Zukunft die jetzt so oft geh\u00f6rte und beliebte billige Entschuldigung gebrauchen, dass er von all den schlimmen Geschehnissen nichts gewusst habe, denn klar und offen liegt jetzt alles zu Tage. <\/p>\n<p>Und trotzdem kann man beobachten, dass das Gift der nationalsocialistischen Verhetzung so tief in den deutschen Volksk\u00f6rper eingedrungen ist, dass sicher noch viele Jahre vergehen werden, bevor es wieder ausgeschieden sein wird. Dass ein raub- und mordgieriger Untermensch, der sich selbst \u00fcberheblich den Titel eines F\u00fchrers anma\u00dfte, die Geschicke Deutschlands regeln konnte, ist wohl das gr\u00f6\u00dfte Ungl\u00fcck, das Deutschland in seiner Geschichte betroffen hat. <\/p>\n<p>Dass er im deutschen Volke hunderttausende von Helfershelfern finden konnte, die ihm nicht nur willig, sondern in unverst\u00e4ndlichem Sadismus sogar teilweise freudig als Henkersknechte dienten, ihn sogar zu \u00fcbertreffen suchten, ist vielleicht noch trauriger.<\/p>\n<p>Am Ende seiner Rede rief Frank aus:<\/p>\n<p>Heute erkennt ein jeder, der nicht absichtlich die Augen verschlie\u00dft, wohin die faschistische Ideologie f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Ob wir das heute auch noch mit dieser Gewissheit sagen k\u00f6nnen? Angesichts einer Partei wie die AfD, die bewusst an die Ideologie des Nationalsozialismus dadurch anzukn\u00fcpfen versucht, den Nazi-Terror zum \u201eVogelschiss der Geschichte\u201c zu erkl\u00e4ren und die Erinnerungskultur als \u201eSchuldkult\u201c diffamiert, sind Zweifel mehr als angebracht! Denn die Rechtsnationalisten heute betreiben genauso wie die Nazis und wie ein Donald Trump oder Viktor Orb\u00e1n bewusst und gezielt die Umwertung aller Werte.<\/p>\n<p>Sie erkl\u00e4ren systematisch die L\u00fcge zur Wahrheit, und die Ann\u00e4herung an die Wahrheit wird als L\u00fcge verfolgt. Das Recht wird ausgehebelt durch die Legitimation des Unrechts. Leider sind wir im \u00f6ffentlichen Diskurs jetzt schon in eine Situation geraten, in der die militante Umkehrungsstrategie der Neu-Faschisten die Wahrheitsfindung erschwert bis verunm\u00f6glicht \u2013 mit der fatalen Folge, dass jedem ideologischen Verfeindungsfeldzug T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet sind.<\/p>\n<p>H\u00f6chste Wachsamkeit ist gefordert genauso wie kulturelle, moralische und politische Geistesgegenwart. Dazu hat das Konzert des Synagogalchors und seine Einbettung in die eindrucksvollen Texte einen gro\u00dfartigen Beitrag geleistet \u2013 gleichzeitig aber auch offenbart, was bei uns schon alles in Schieflage geraten ist.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p><strong>Notwendiger Nachtrag:<\/strong> W\u00e4hrend ich diesen Beitrag geschrieben habe, kam die Meldung, dass die M\u00fcnchner Philharmoniker und ihr zuk\u00fcnftiger Chefdirigent Lahav Shani, ein geb\u00fcrtiger Israeli, von der Leitung des Flanders Festival Gent ausgeladen wurden. Als Grund wird angegeben: \u201eIm Lichte seiner Rolle als Chefdirigent des Israel Philharmonic Orchestras sind wir nicht in der Lage, f\u00fcr die n\u00f6tige Klarheit \u00fcber seine Haltung dem genozidalen Regime in Tel Aviv gegen\u00fcber zu sorgen.\u201c<\/p>\n<p>\u00a0Weiter hei\u00dft es: \u201eWir haben uns entschieden, die Ruhe unseres Festivals zu wahren und das Konzerterlebnis f\u00fcr Besucher und Musiker zu sch\u00fctzen.\u201c Wie bitte? Seit wann soll ein Musikfestival zur \u201eRuhe\u201c beitragen und seit wann wird ein Konzerterlebnis \u201egesch\u00fctzt\u201c, wenn man die Musiker\/-innen ausl\u00e4dt, die f\u00fcr dieses Erlebnis sorgen sollen? Zu einer solch abstrusen Begr\u00fcndung einer skandal\u00f6sen Entscheidung kann man nur kommen, wenn man verblendet ist von antisemitischen Vorurteilen.<\/p>\n<p>Ich geh\u00f6re zu den Menschen, die die Politik der rechtsradikal-autokratischen Netanjahu-Regierung nicht nur f\u00fcr verh\u00e4ngnisvoll, sondern die Kriegf\u00fchrung dieser Regierung im Gaza f\u00fcr v\u00f6lkerrechtswidrig halten. Durch sie wird der (Hamas-)Terrorismus nicht \u00fcberwunden, sondern gef\u00fcttert. Das aber hindert mich nicht nur daran, sondern best\u00e4rkt mich darin, das Existenzrecht des Staates Israel zu verteidigen, jeder Form des Antisemitismus entgegenzutreten und mich f\u00fcr das j\u00fcdische Leben in der Stadtgesellschaft einzusetzen.<\/p>\n<p>Darum m\u00fcssen jeder europ\u00e4isch gesinnte Demokrat und jede europ\u00e4isch gesinnte Demokratin der Entscheidung der Festivalleitung in Gent klar und unmissverst\u00e4ndlich entgegentreten. Denn das ist Antisemitismus pur: die \u00dcbertragung von Urteilen und Typisierungen auf Einzelpersonen und Gruppen aufgrund ihrer Herkunft und religi\u00f6sen \u00dcberzeugung \u2013 unabh\u00e4ngig von ihren pers\u00f6nlichen Meinungen.<\/p>\n<p><strong>Christian Wolff,<\/strong>\u00a0geboren am 14. November 1949 in D\u00fcsseldorf, war 1992\u20132014 Pfarrer der Thomaskirche zu Leipzig. Seit 2014 ist Wolff, langj\u00e4hriges SPD-Mitglied, als Blogger und Berater f\u00fcr Kirche, Kultur und Politik aktiv. Er lebt in Leipzig und ist gesellschaftspolitisch in vielen Bereichen des \u00f6ffentlichen Lebens engagiert. Zum Blog des Autors:\u00a0<a href=\"https:\/\/wolff-christian.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/wolff-christian.de\/<\/a>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es war am vergangenen Sonntag, dem 7. September 2025. Der Leipziger Synagogalchor hatte ins Museum der Bildenden K\u00fcnste&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":173586,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[712,3364,29,30,411,576,4693,71,109316,859,109317],"class_list":{"0":"post-414715","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-antisemitismus","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-germany","12":"tag-israel","13":"tag-juedisches-leben","14":"tag-kommentar","15":"tag-leipzig","16":"tag-leipziger-synagogalchor","17":"tag-sachsen","18":"tag-synagogalchor"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115186536605555926","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/414715","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=414715"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/414715\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/173586"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=414715"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=414715"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=414715"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}