{"id":418071,"date":"2025-09-12T22:51:17","date_gmt":"2025-09-12T22:51:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/418071\/"},"modified":"2025-09-12T22:51:17","modified_gmt":"2025-09-12T22:51:17","slug":"irgendwann-nennen-sie-sich-konrad-und-charles","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/418071\/","title":{"rendered":"Irgendwann nennen sie sich \u201eKonrad\u201c und \u201eCharles\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Eine schwarze Limousine mit kleiner Polizei-Eskorte gleitet an einem goldenen Sp\u00e4tsommertag durch eine Allee. Auf dem R\u00fccksitz ein Mann mit maskenhaft verschlossenem Gesicht. \u201eUnd wer ist schuld, wenn es schiefgeht?\u201c, sagt er pl\u00f6tzlich. Sein Mitarbeiter h\u00e4lt ihm entgegen: \u201eDas fragen Sie doch auch sonst nicht, Herr Bundeskanzler.\u201c So beginnt der unbedingt sehenswerte Fernsehfilm \u201eAn einem Tag im September\u201c. Er zeichnet das erste Zusammentreffen von Konrad Adenauer mit Ministerpr\u00e4sident Charles de Gaulle in dessen Privathaus im Nordosten Frankreichs nach.\u00a0 <\/p>\n<p>Zu sehen ist das Historiendrama im ZDF-Streamingportal und linear im Fernsehen bei Arte am 12. September und im ZDF am 15. September, jeweils um 20.15 Uhr. Im ZDF-Streamingportal kann man es vorab sehen. <\/p>\n<p>Adenauer graute vor dem Besuch. Der erste Kanzler der Bundesrepublik verband mit dem franz\u00f6sischen General ausschlie\u00dflich Negatives: Kurz nach dem Krieg hatte dieser Deutschland in mehrere Teilstaaten zerst\u00fcckeln wollen, dann hatte er die geplante Europ\u00e4ische Verteidigungsgemeinschaft torpediert und immer wieder das europ\u00e4ische Einigungsprojekt als Verrat an franz\u00f6sischen Interessen angegriffen. <\/p>\n<p>          &#13;<br \/>\n              Am Anfang verf\u00e4hrt sich Adenauer in Frankreich <\/p>\n<p>Dennoch fanden der Deutsche und der Franzose an diesem 14. September 1958 auf einer pers\u00f6nlichen Ebene zusammen. Und eben das schildert der Film von Kai Wessel. In den hervorragend besetzten Hauptrollen gl\u00e4nzen Burghart Klau\u00dfner als Adenauer und Jean-Yves Bartelt als de Gaulle. Klau\u00dfner hat aus den Dreharbeiten mitgenommen: \u201eMan bekommt durch den Film und die Besch\u00e4ftigung mit dem Stoff eine Ahnung davon, wie viel wichtiger pers\u00f6nliche Beziehungen in der Politik sein m\u00f6gen als wir uns gemeinhin vorstellen.\u201c <\/p>\n<p>\u00dcber den Ablauf der Begegnung sind einige Details bekannt: Adenauer versp\u00e4tete sich, weil seine kleine Wagenkolonne zun\u00e4chst irrt\u00fcmlich nicht de Gaulles Wohnort Colombey-les-Deux-Eglises ansteuerte, sondern das etwa 100 Kilometer entfernte Colombey-les-Belles. Als der Kanzler schlie\u00dflich eintraf, ging de Gaulle sofort auf ihn zu, sch\u00fcttelte ihm die Hand und sprach Deutsch.\u00a0 <\/p>\n<p>Denn er war im Ersten Weltkrieg zweieinhalb Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft gewesen. Allerdings waren seine Kenntnisse mittlerweile etwas eingerostet. Statt \u201eWie geht es Ihnen?\u201c fragte er seinen Gast: \u201eWie gehen Sie?\u201c Woraufhin dieser verdutzt erwiderte: \u201eZu Fu\u00df.\u201c Die Anekdote wird heute noch gern vom ehemaligen EU-Kommissionspr\u00e4sidenten Jean-Claude Juncker zum Besten gegeben. <\/p>\n<p>Wann genau es zwischen den beiden h\u00f6chst unterschiedlichen M\u00e4nnern an jenem Tag klickte, kann kein Historiker mit Sicherheit sagen. Vermutlich spielte ihr gemeinsamer katholischer Glaube eine Rolle, ein Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit zu einem abendl\u00e4ndischen Erbe, das zur\u00fcckging auf das Reich Karls des Gro\u00dfen.\u00a0 <\/p>\n<p>Auch teilten beide Staatsleute bei allem Machtkalk\u00fcl ethische und demokratische Grund\u00fcberzeugungen, die sie auch im Krieg und unter dem Druck der NS-Diktatur nicht preisgegeben hatten. Gleichwohl stand Drehbuchautor Fred Breinersdorfer vor der Aufgabe, die vorhandenen L\u00fccken zu f\u00fcllen und eine Dramaturgie f\u00fcr seinen 90-Minuten-Film zu finden.\u00a0 <\/p>\n<p>Er schm\u00fcckte daf\u00fcr unter anderem die Geschichte von de Gaulles K\u00f6chin Louise aus, die sich damals dagegen str\u00e4ubte, f\u00fcr die verhassten Deutschen zu kochen. Und er erfand zwei junge Journalistinnen, die f\u00fcr die Zukunft und die Visionen der Jugend stehen sollen. <\/p>\n<p>          &#13;<br \/>\n              De Gaulles Ehefrau Yvonne bricht das Eis <\/p>\n<p>Vor allem aber baute Breinersdorfer den Part von de Gaulles Ehefrau Yvonne, dargestellt von H\u00e9l\u00e8ne Alexandridis, aus. Im Film ist es letztlich sie, die das Eis zwischen de Gaulle und Adenauer bricht, indem sie das Gespr\u00e4ch auf Schicksalsschl\u00e4ge aus ihrem Privatleben lenkt. All diese Einf\u00e4lle des Autors kommen dem Film zugute.\u00a0 <\/p>\n<p>In einem Punkt allerdings wird die Geschichte dann doch verzerrt. Der Film erweckt den Eindruck, als w\u00e4ren Deutsche und Franzosen erst im Jahr 1958 in Gestalt von Adenauer und de Gaulle erstmals daran gegangen, das beiderseitige Verh\u00e4ltnis zu kitten. Das ist falsch. Anders als im Film dargestellt, bewarfen franz\u00f6sische Dorfbewohner Adenauers Limousine nicht mit Eiern, sondern winkten ihm freundlich zu.\u00a0 <\/p>\n<p>Denn vor de Gaulle hatten eben schon zwei andere gro\u00dfe Franzosen dem \u201eErbfeind\u201c die Hand gereicht: Jean Monnet und Robert Schuman, die Architekten der 1951 gegr\u00fcndeten Europ\u00e4ischen Gemeinschaft f\u00fcr Kohle und Stahl, des Vorl\u00e4ufers der heutigen Europ\u00e4ischen Union. Und 1957 waren die R\u00f6mischen Vertr\u00e4ge unterzeichnet worden, die die Europ\u00e4ische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) begr\u00fcndeten. Erm\u00f6glicht hatte das eine enge Zusammenarbeit Adenauers mit dem damaligen franz\u00f6sischen Ministerpr\u00e4sidenten Guy Mollet, der heute zu Unrecht v\u00f6llig vergessen ist. <\/p>\n<p>          &#13;<br \/>\n              Ein Europafreund war de Gaulle in Wahrheit nicht <\/p>\n<p>Dass de Gaulle ein erkl\u00e4rter Gegner der EWG war, weil er in \u00fcberstaatlichen Institutionen wie der Br\u00fcsseler Kommission und dem Europ\u00e4ischen Parlament eine inakzeptable Beschneidung franz\u00f6sischer Souver\u00e4nit\u00e4t sah, klingt im Film nur ganz am Rande an. Der Abschluss des deutsch-franz\u00f6sischen Freundschaftsvertrags war 1963 hochumstritten, weil ihn de Gaulle als Grundlage einer strategischen Allianz begriff, die Frankreich dank des wirtschaftlichen Gewichts der jungen Bundesrepublik zu alter Gr\u00f6\u00dfe zur\u00fcck verhelfen sollte. Um dem entgegenzuwirken, stellte der Bundestag dem Vertrag ein klares Bekenntnis zu USA und Nato voran &#8211; de Gaulle kochte vor Wut.\u00a0 <\/p>\n<p>Dies schm\u00e4lert nicht sein historisches Verdienst, die gerade erst begonnene Ann\u00e4herung zwischen den beiden ehemals verfeindeten Nationen zur engen Partnerschaft ausgebaut zu haben. Der Film feiert das v\u00f6llig zurecht. Zwei alte M\u00e4nner sind damals aufeinander zugegangen, so schwer es ihnen auch fiel. Millionen Menschen profitieren bis heute davon. <\/p>\n<p>          &#13;<br \/>\n            <img decoding=\"async\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/14-September-1958-Bundeskanzler-Konrad-Adenauer-Burghart-915619.jpg\" title=\"Irgendwann nennen sie sich \u201eKonrad\u201c und \u201eCharles\u201c \" alt=\"14. September 1958: Bundeskanzler Konrad Adenauer (Burghart Klau\u00dfner, 2.v.r.) und Ministerpr\u00e4sident Charles de Gaulle (Jean-Yves Berteloot, M.) begegnen sich zum ersten Mal.ZDF\/Nico Neefs\" class=\"img-responsive\"\/>&#13;<br \/>\n            &#13;<\/p>\n<p class=\"image-caption\">14. September 1958: Bundeskanzler Konrad Adenauer (Burghart Klau\u00dfner, 2.v.r.) und Ministerpr\u00e4sident Charles de Gaulle (Jean-Yves Berteloot, M.) begegnen sich zum ersten Mal.ZDF\/Nico Neefs <\/p>\n<p>&#13;<\/p>\n<p class=\"image-credit\">&#13;<br \/>\n\t\t\t\t\t\t\t\u00a9 ZDF\/Nico Neefs<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n            &#13;<\/p>\n<p>          &#13;<br \/>\n            <img decoding=\"async\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Fuenf-Jahre-nachdem-sich-Konrad-Adenauer-und-Charles-de-915620.jpg\" title=\"Irgendwann nennen sie sich \u201eKonrad\u201c und \u201eCharles\u201c \" alt=\"F\u00fcnf Jahre nachdem sich Konrad Adenauer und Charles de Gaulle in dessen Privathaus in Frankreich erstmals getroffen hatten, besiegelten sie in Paris den deutsch-franz\u00f6sischen Freundschaftsvertrag (Archiv).picture alliance \/ dpa\" class=\"img-responsive\"\/>&#13;<br \/>\n            &#13;<\/p>\n<p class=\"image-caption\">F\u00fcnf Jahre nachdem sich Konrad Adenauer und Charles de Gaulle in dessen Privathaus in Frankreich erstmals getroffen hatten, besiegelten sie in Paris den deutsch-franz\u00f6sischen Freundschaftsvertrag (Archiv).picture alliance \/ dpa <\/p>\n<p>&#13;<\/p>\n<p class=\"image-credit\">&#13;<br \/>\n\t\t\t\t\t\t\t\u00a9 picture alliance \/ dpa<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n            &#13;<\/p>\n<p>          &#13;<br \/>\n            <img decoding=\"async\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Der-franzoesische-Staatspraesident-Charles-de-Gaulle-915621.jpg\" title=\"Irgendwann nennen sie sich \u201eKonrad\u201c und \u201eCharles\u201c \" alt=\"Der franz\u00f6sische Staatspr\u00e4sident Charles de Gaulle posiert mit dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer.picture-alliance \/ dpa\" class=\"img-responsive\"\/>&#13;<br \/>\n            &#13;<\/p>\n<p class=\"image-caption\">Der franz\u00f6sische Staatspr\u00e4sident Charles de Gaulle posiert mit dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer.picture-alliance \/ dpa <\/p>\n<p>&#13;<\/p>\n<p class=\"image-credit\">&#13;<br \/>\n\t\t\t\t\t\t\t\u00a9 picture-alliance \/ dpa<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n            &#13;<\/p>\n<p>          &#13;<br \/>\n            <img decoding=\"async\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Burghart-Klaussner-verkoerpert-in-dem-ZDF-Film-Ein-Tag-im-915622.jpg\" title=\"Irgendwann nennen sie sich \u201eKonrad\u201c und \u201eCharles\u201c \" alt=\"Burghart Klau\u00dfner verk\u00f6rpert in dem ZDF-Film \u201eEin Tag im September\u201c Bundeskanzler Konrad Adenauer (Archivbild).Christian Charisius\/dpa\" class=\"img-responsive\"\/>&#13;<br \/>\n            &#13;<\/p>\n<p class=\"image-caption\">Burghart Klau\u00dfner verk\u00f6rpert in dem ZDF-Film \u201eEin Tag im September\u201c Bundeskanzler Konrad Adenauer (Archivbild).Christian Charisius\/dpa <\/p>\n<p>&#13;<\/p>\n<p class=\"image-credit\">&#13;<br \/>\n\t\t\t\t\t\t\t\u00a9 Christian Charisius\/dpa<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n            &#13;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eine schwarze Limousine mit kleiner Polizei-Eskorte gleitet an einem goldenen Sp\u00e4tsommertag durch eine Allee. 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