{"id":418315,"date":"2025-09-13T01:14:15","date_gmt":"2025-09-13T01:14:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/418315\/"},"modified":"2025-09-13T01:14:15","modified_gmt":"2025-09-13T01:14:15","slug":"nummern-schornsteine-fragen-erinnerungen-werden-lebendig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/418315\/","title":{"rendered":"Nummern, Schornsteine, Fragen: Erinnerungen werden lebendig"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sirenen heulen, die Aula schweigt. Kurze Unterbrechung, dann sprechen sie wieder, erz\u00e4hlen Kindheitserinnerungen. Jugendliche fragen, h\u00f6ren, halten aus.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen die Erinnerungen wachhalten, damit so etwas Schlimmes nie wieder passiert.\u201c Das ist der Antrieb von Pfarrer Klaus Endter und den Zeitzeugen, die ab dem 7. September eine Reihe von Wiesbadener Schulen besucht haben, darunter auch der Campus Erbenheim der <strong>Obermayr Eurupa-Schule<\/strong>. Gegen 9:30 f\u00fcllte sich das Theater am Campus Erbenheim, die Stimmen senkten sich, dann ein Gespr\u00e4ch, das selten geworden ist, begann.<\/p>\n<p>\u201eZeichen der Hoffnung\u201c: Wie eine Initiative Br\u00fccken schl\u00e4gt<\/p>\n<p>Pfarrer <strong>Enderweg<\/strong> erinnerte an die Gr\u00fcndung der evangelischen Initiative <strong>Zeichen der Hoffnung<\/strong> vor 48 Jahren \u2013 im Schatten der Frankfurter Auschwitz-Prozesse und der neuen Ostpolitik. Der Verein organisiert seitdem Freiwilligendienste, Studienreisen, Hilfen f\u00fcr \u00dcberlebende und eben jene Zeitzeugengespr\u00e4che. In dieser Woche besuchten die \u201edrei\u201c Zeitzeugen f\u00fcnf Schulen \u2013 ein dichtes Programm, das die Begegnung bewusst in den Alltag holte.<\/p>\n<p>Die G\u00e4ste: Bartnikowski, Wascher, Scharek<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt standen <strong>Bogdan Bartnikowski<\/strong> (93), Auschwitz-\u00dcberlebender, sp\u00e4ter Kampfpilot der polnischen Luftwaffe und Schriftsteller, sowie <strong>Barbara Doniecka<\/strong>, die als Zehnj\u00e4hrige nach Auschwitz verschleppt wurde. Als Vertreter der zweiten Generation sprach <strong>Cezary Nar\u00f3g<\/strong> (54). Seine Mutter kam als Dreij\u00e4hrige in ein Au\u00dfenlager des KZ Stutthof bei Danzig \u2013 nicht wegen  \u201eTat\u201c, sondern, weil die Familie dem deutschen Siedlungsprojekt im Osten weichen sollte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Bogdan-Bartnikowski-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-139512\"  \/><\/p>\n<p>Bartnikowski beschrieb die Deportation im August 1944: \u00fcberf\u00fcllte Viehwaggons, Hitze, Durst, keine Toiletten. Nach 24 Stunden hielt der Zug in Birkenau. Er sah <strong>SS-Kolonnen, Hunde, Stacheldraht<\/strong>, und zwei Schornsteine, aus denen Flammen schlugen: \u201eEin s\u00fc\u00dflicher, schwerer Geruch hing \u00fcber dem Lager.\u201c Es folgte die <strong>Selektion<\/strong>.<\/p>\n<p>Doniecka schilderte die Ankunft im <strong>\u201eMikwe\u201c<\/strong>, der entw\u00fcrdigenden Wasch- und Desinfektionsprozedur, das wahllose Einkleiden, falsche Schuhpaare, ein viel zu gro\u00dfes Kleid. Sie erz\u00e4hlte von <strong>L\u00e4usen und Wanzen<\/strong>, die nachts \u201ewie Regentropfen\u201c von den Holzw\u00e4nden fielen. Ihre Mutter erstritt f\u00fcr die Tochter eine andere H\u00e4ftlingsnummer \u2013 aus nackter \u00dcberlebenslogik: Wenn die SS Zehnergruppen zur Strafe erschoss, sollte <strong>die Mutter zuerst getroffen werden<\/strong>, um dem Kind eine Chance zu lassen.<\/p>\n<p>Rituale der Entw\u00fcrdigung \u2013 und leise Solidarit\u00e4t<\/p>\n<p>Bartnikowski kam als Zw\u00f6lfj\u00e4hriger in einen <strong>Jugendblock<\/strong> des M\u00e4nnerlagers. Kapos zwangen die Jungen zu sinnloser \u201eGymnastik\u201c, zu Kniebeugen und Liegest\u00fctzen \u2013 Disziplinierung durch Ersch\u00f6pfung. Abends, nach dem Appell, fl\u00fcsterten die Kinder von <strong>Schule, Weihnachten, den Stra\u00dfen Warschaus<\/strong>. Diese Erinnerungen wurden zur inneren Fluchtlinie. Sie sangen ein <strong>religi\u00f6ses Lied<\/strong> \u2013 \u201eAlle unsere t\u00e4glichen Dinge nehmen wir mit Gnade an\u201c \u2013, wenige Minuten Trost gegen die Verzweiflung.<\/p>\n<p>Die zweite Generation: Schweigen, das pr\u00e4gt<\/p>\n<p>Bei <strong><strong>Nar\u00f3g<\/strong><\/strong> zuhause schwieg die Mutter lange. Erst beil\u00e4ufig brachen Bruchst\u00fccke durch \u2013 etwa, als der Sohn seinen Lebenslauf schrieb und sie betonte, was im Lager das \u00dcberleben sicherte: die Eigenschaften <strong>gesund, kr\u00e4ftig, arbeitsf\u00e4hig<\/strong>. Der Satz verr\u00e4t mehr als jede Chronik. Sp\u00e4ter suchte die Familie das Gespr\u00e4ch \u2013 und traf wie an der <strong>Obermayr Europa-Schule<\/strong> am <strong>Campus Erbenheim<\/strong> Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern, die <strong>offen fragen<\/strong> stellten und <strong>respektvoll zuh\u00f6rren<\/strong>.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Barbara-Doniecka-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-139513\"  \/><\/p>\n<p>Ein Ort mit Geschichte: Spuren am Schulhaus<\/p>\n<p>Schulleiter Dr. Gerhard Obermayr erinnerte an die <strong>Familie Dr. Katzenstein<\/strong>, die in den 1920er-Jahren am Standort  in Erbenheim Arzneimittel (\u201eResinetten\u201c) herstellte \u2013 ein Hinweis darauf, dass <strong>Geb\u00e4ude Biografien speichern<\/strong>. Wiesbaden kn\u00fcpft seit Jahren an diese Erinnerungsarbeit an; die Stadt <a href=\"https:\/\/wiesbaden-lebt.de\/damit-sich-nie-wieder-jemand-abwendet\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">zeichnete <strong>Bogdan Bartnikowski<\/strong> j\u00fcngst mit der <strong>Silbernen B\u00fcrgermedaille<\/strong> aus <\/a>\u2013 nicht als Ehrengabe, sondern als <strong>Auftrag<\/strong>, weiter zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Warnsirenen im Jetzt: Warum Erinnerung Politik bleibt<\/p>\n<p>Als gegen 11 Uhr die bundesweite Warn\u00fcbung die Handys in der Aula aufheulen lie\u00df, erkl\u00e4rte der Gastgeber kurz Hintergr\u00fcnde. Die Szene passte ins Bild: <strong>Zivilschutz<\/strong> kehrt ins \u00f6ffentliche Bewusstsein zur\u00fcck \u2013 nicht aus Nostalgie, sondern, weil Europa erneut Krieg erf\u00e4hrt. Erinnerung <strong>warnt<\/strong>, sie <strong>ordnet Gegenwart<\/strong>, sie <strong>fordert<\/strong> Haltung.<\/p>\n<p>Warum sie zur\u00fcckkehren<\/p>\n<p>\u201eDas ist keine Freude\u201c, sagte Bartnikowski \u00fcber seine Auftritte. Jede Erz\u00e4hlung <strong>rei\u00dft Wunden wieder auf<\/strong>. Aber er sieht <strong>Fragen, Interesse, Anteilnahme<\/strong> \u2013 und sp\u00fcrt Pflicht. Nicht, um Schuldgef\u00fchle zu sch\u00fcren, sondern um <strong>Nationalismus und Hass<\/strong> entgegenzutreten. Doniecka berichtete von ihrer <strong>Angst vor Hunden<\/strong> bis heute; Nar\u00f3g von <strong>S\u00e4tzen<\/strong>, die das Lager in die Nachkriegsk\u00f6pfe legte. Gerade deshalb <strong>tragen<\/strong> solche Gespr\u00e4che: Sie binden Erfahrung an Sprache \u2013 und Sprache an <strong>Verantwortung<\/strong>.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Barbara-Doniecka-1-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-139514\"  \/><\/p>\n<p>Was bleibt<\/p>\n<p>Die Jugendlichen notierten, fragten nach Nummern, nach Kleidung, nach Hunger, nach dem ersten Bild in Auschwitz. Sie h\u00f6rten von <strong>Wahlverwandtschaft<\/strong> in der Baracke, von <strong>geteiltem Brot<\/strong>, von <strong>Liedern<\/strong>, die kurz trugen. Am Ende bleibt, was diese Woche intendierte: <strong>Erinnerung als Begegnung<\/strong>. Nicht als Pflicht\u00fcbung, sondern als <strong>Dialog<\/strong>, der Zukunft wagt.<\/p>\n<p>Alle Fotos \u00a92025 Volker Watschounek \/ Wiesbaden lebt!<\/p>\n<p>Weitere Nachrichten aus dem <strong>Stadtteil Mitte<\/strong> <a href=\"http:\/\/wiesbaden-lebt.de\/tag\/mitte\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">lesen Sie hier<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/wiesbaden.de\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mehr <strong>Informationen<\/strong> hier.<\/a><br \/>Mehr zur<strong><a href=\"https:\/\/www.kuenstlergruppe50-wiesbaden.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\"> K\u00fcnstlergruppe 50<\/a> <\/strong>in Wiesbaden.<\/p>\n<p><strong>Roter Faden<\/strong> f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.zeitzeugenbuero.de\/bildung-und-vermittlung\/zeitzeugengespraeche\/leitfaeden-fuer-zeitzeugengespraeche\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Zeitzeugengespr\u00e4che<\/a>.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" id=\"metis-img-pixel\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/6fbc44c0c9384487aa8eed223734c3a5.gif\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/>\t\t\t\t\t\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sirenen heulen, die Aula schweigt. 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