{"id":418431,"date":"2025-09-13T02:15:29","date_gmt":"2025-09-13T02:15:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/418431\/"},"modified":"2025-09-13T02:15:29","modified_gmt":"2025-09-13T02:15:29","slug":"sylvain-prudhommes-beruehrender-roman-der-freitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/418431\/","title":{"rendered":"Sylvain Prudhommes ber\u00fchrender Roman \u2014 der Freitag"},"content":{"rendered":"<p class=\"bc-article-intro__text u-hyphens\">In \u201eDer Junge im Taxi\u201c entfaltet Sylvain Prudhomme ein stilles, eindringliches Drama. Zwischen franz\u00f6sischer Besatzung, Algeriens Geschichte und den Nachwirkungen des Krieges erz\u00e4hlt er von Schweigen und der Suche nach Gerechtigkeit<\/p>\n<p>        Der franz\u00f6sische Schriftsteller Sylvain Prudhomme<\/p>\n<p>Foto: Joel Saget\/Getty Images<\/p>\n<p>Von diesem Buch blickt man auf, als ob man in einer anderen Welt gewesen w\u00e4re. Aber eigentlich m\u00f6chte man nicht aufblicken, man will unbedingt dieses Geheimnis l\u00fcften, das am Bodensee seinen Ursprung hat. In der Besatzung durch die franz\u00f6sische Armee nach dem Zweiten Weltkrieg. Gebannt folgt man Simon, dem Ich-Erz\u00e4hler, der auf der Beerdigung seines Gro\u00dfvaters in S\u00fcdfrankreich von dessen verleugnetem Sohn erf\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Auch dass dieser Gro\u00dfvater einige Zeit in Algerien lebte, spielt eine Rolle, das bis 1962 unter franz\u00f6sischer Herrschaft und teils von Franzosen besiedelt war. Mit welchen Grausamkeiten sich die Kolonialmacht acht Jahre lang der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung erwehrte, auch daran will Sylvain Prudhomme erinnern. \u00dcbersetzt von Claudia Kalscheuer, ist Der Junge im Taxi sein vierter Roman im Unionsverlag (182 S., 22 \u20ac). Der Bezug zu Algerien ist darin nur ein Detail. Doch passt es zu seinem Anliegen: das Schweigen zu brechen.<\/p>\n<p>Aber erst einmal sind wir bei der Beerdigung des Gro\u00dfvaters dabei, sp\u00fcren Simons Beklemmung, als ihm ein Verwandter von der Existenz eines Kindes erz\u00e4hlt, von dem man nicht spricht. Ein Junge, verlassen, verheimlicht \u2013 nur \u201eM.\u201c wird er im Buch genannt, als d\u00fcrfe sein voller Name nicht ausgesprochen werden. Dass Simon ihn suchen will, bringt die fast 100-j\u00e4hrige Gro\u00dfmutter zur Wei\u00dfglut. Versto\u00dfen w\u00fcrde sie ihn, wenn er es t\u00e4te.<\/p>\n<p>Schweigen im Krieg<\/p>\n<p>Gef\u00fchle, verbunden mit der Forderung, sich in einem Konflikt f\u00fcr eine Seite zu entscheiden. An so vieles im eigenen Leben denkt man beim Lesen. Auch wir sind ja in wechselvolle Geschichte eingebunden \u2013 zwischen leuchtenden humanistischen Idealen und kriegerischer Denkungsart. Wie der Autor das alles in uns aufruft, w\u00e4hrend er uns ins augenblickliche Geschehen eintauchen l\u00e4sst, macht die nachhaltige Wirkung des Buches aus. So ruhig erz\u00e4hlt Prudhomme, als ob er uns aus der Alltagshast herausholen wollte, damit wir uns auf den Augenblick einlassen und auf ungewohnte Gedankenbahnen.<\/p>\n<p>Wir sollen verstehen: warum die Gro\u00dfeltern schwiegen, warum auch die Mutter ganz in der Gegenwart leben m\u00f6chte und Simon detektivische Kr\u00e4fte entfaltet. Um sp\u00e4terer Gerechtigkeit willen. Vielleicht will er auch eigenen Bedr\u00fcckungen begegnen. Neben M. gibt es n\u00e4mlich eine zweite Gestalt im Buch, deren Name nicht ausgeschrieben ist: A. Wie wunderbar hatte Simons Liebe zu ihr begonnen und wie banal war das Ende. Die zwei S\u00f6hne werden nun von den Eltern abwechselnd betreut, die nicht wissen, wie sie Verwandten und Freunden die Trennung erkl\u00e4ren sollen.<\/p>\n<p>Es sei sein bisher autobiografischster Roman, urteilte die franz\u00f6sische Tageszeitung L\u2019Humanit\u00e9. Indem sich der Ich-Erz\u00e4hler in den deutschen Jungen einf\u00fchlt, sucht er Heilung f\u00fcr sich selbst. M. war ja sogar allein im Taxi nach Frankreich gefahren, um den Vater kennenzulernen. Aber der schloss sich in seinem Zimmer ein. Und seine Frau, eifers\u00fcchtig im Grunde, wollte den Jungen schnellstens los sein.<\/p>\n<p>Aber damit ist die Geschichte noch l\u00e4ngst nicht zu Ende. Manche Wendung erwartet uns noch. Erfahren werden wir, dass rund 400.000 alliierte Besatzungssoldaten in Deutschland Kinder gezeugt und zur\u00fcckgelassen haben, um Skandale zu vermeiden. Wie der Krieg Menschen verh\u00e4rtet, \u00fcberlegt man beim Lesen, und was Frieden von uns verlangt: dass wir uns nicht gegeneinander verschlie\u00dfen, dass wir uns \u00f6ffnen und g\u00fctiger miteinander sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In \u201eDer Junge im Taxi\u201c entfaltet Sylvain Prudhomme ein stilles, eindringliches Drama. 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