{"id":418572,"date":"2025-09-13T03:38:11","date_gmt":"2025-09-13T03:38:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/418572\/"},"modified":"2025-09-13T03:38:11","modified_gmt":"2025-09-13T03:38:11","slug":"cellistin-raphaela-gromes-ueber-vergessene-komponistinnen-und-ihr-erstes-buch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/418572\/","title":{"rendered":"Cellistin Raphaela Gromes \u00fcber vergessene Komponistinnen und ihr erstes Buch"},"content":{"rendered":"<p class=\"em_text\">Frau Gromes, wann ist Ihnen zum ersten Mal bewusst geworden, dass Komponistinnen in unserer Gesellschaft praktisch ausgeblendet sind?<br \/><strong>Raphaela Gromes:<\/strong> Das ist eigentlich erst in der Corona-Zeit passiert. Ich hatte damals Zeit, mich intensiver mit meinem Repertoire zu besch\u00e4ftigen, habe Noten bestellt, Namen entdeckt, die ich noch nie geh\u00f6rt hatte \u2013 und pl\u00f6tzlich hat sich eine ganze Welt aufgetan. Da waren gro\u00dfartige Werke, wirklich tolle Kompositionen. Und ich habe mich gefragt: Warum kenne ich diese Frauen nicht? Warum sind sie aus den Konzerts\u00e4len verschwunden? Erst durch dieses Entdecken habe ich gemerkt, dass da etwas ganz grundlegend nicht stimmt. Ich sage heute: Dieses Projekt hat mich zur Feministin gemacht.<\/p>\n<p>Sie haben nicht nur CDs aufgenommen, sondern auch ein Buch geschrieben. Wie kam es dazu?<br \/><strong>Gromes:<\/strong> Mich haben die Lebensgeschichten dieser Frauen unglaublich ber\u00fchrt. Viele waren wahre Heldinnen, die f\u00fcr sich und andere gek\u00e4mpft haben, die T\u00fcren ge\u00f6ffnet und den Weg bereitet haben \u2013 und trotzdem wurden sie vergessen. Ich wollte diese Geschichten erz\u00e4hlen, weil sie inspirierend sind und nicht nur f\u00fcr die Klassik-Welt wichtig sind, sondern allgemein etwas \u00fcber unser Denken verraten: \u00fcber Vorurteile, \u00fcber Strukturen, die bis heute nachwirken. Mir war klar: Das kann ich nicht allein stemmen. F\u00fcr die vielen Biografien, die historischen Hintergr\u00fcnde und Fakten brauchte ich eine Co-Autorin. Mit der Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka habe ich eine wunderbare Partnerin gefunden. Sie hat recherchiert und Material geliefert, ich habe daraus meinen pers\u00f6nlichen Blick formuliert \u2013 damit  das Buch  in  meiner Stimme bleibt.<\/p>\n<p>Haben Sie Ihre Entdeckungsreise bewusst zum roten Faden des Buches gemacht?<br \/><strong>Gromes:<\/strong> Ja, das hat sich so ergeben. Am Anfang stand mein eigenes \u201eErweckungserlebnis\u201c \u2013 pl\u00f6tzlich gingen mir die Augen auf. Dann bin ich immer tiefer eingestiegen, habe die ersten Komponistinnen f\u00fcr mich entdeckt, sp\u00e4ter die historischen Wurzeln der vielen Vorurteile. Genau diese Reise spiegelt das Buch: von der pers\u00f6nlichen Erfahrung    hin zum gro\u00dfen historischen Zusammenhang.<\/p>\n<p>War es schwer, \u00fcberhaupt Quellen zu finden?<br \/><strong>Gromes: <\/strong>\u00dcberhaupt nicht. Es gibt seit den 1970er- und 1980er-Jahren eine F\u00fclle an musikwissenschaftlicher Arbeit, viele Komponistinnen wurden bereits ediert, Verlage wie der Furore-Verlag in Kassel oder Hildegard Publishing in den USA haben viel herausgebracht. Nur: All das ist nie wirklich im Konzertbetrieb angekommen. Ich konnte auf diesem Wissen aufbauen. Dazu kamen eigene Recherchen mit dem Archiv Frau und Musik und auch pers\u00f6nliche Kontakte, die uns erm\u00f6glicht haben, Komponistinnen mit Interviews ganz neu vorzustellen.<\/p>\n<p>Welche Komponistinnen haben Sie am meisten beeindruckt?<br \/><strong>Gromes: <\/strong>Marie Ja\u00ebll, die als erste Frau ein Cellokonzert schrieb und auch brillante Klaviermusik komponierte. Luise Adolpha Le Beau, eine M\u00fcnchnerin, deren Cellosonate f\u00fcr mich ein Meisterwerk ist: hochkomplex, absolut auf den Punkt, ohne jede L\u00e4nge. Man ist fast entt\u00e4uscht, wenn sie zu Ende ist. Und Henri\u00ebtte Bosmans aus den Niederlanden \u2013 ihre Musik ist expressiv, eigenst\u00e4ndig und geh\u00f6rt dringend zur\u00fcck in die Konzerts\u00e4le. Das sind meine Favoritinnen f\u00fcrs Cello-Repertoire.<\/p>\n<p>Frauen wurde \u00fcber Jahrhunderte gesagt, sie seien f\u00fcrs Komponieren ungeeignet. Mit welchen Argumenten?<br \/><strong>Gromes: <\/strong>Ganz fr\u00fch \u2013 unter dem Einfluss der katholischen Kirche \u2013 galt Musik bei Frauen als unsittlich, sie wurde in die N\u00e4he der Prostitution ger\u00fcckt. Eine Frau, die sang oder musizierte, galt als verf\u00fchrerisch, gef\u00e4hrlich. Sp\u00e4ter, in der Aufkl\u00e4rung, wurde es nicht besser: Gleichheit hie\u00df \u201eGleichheit der M\u00e4nner\u201c. Frauen waren nicht mitgemeint. Man sprach ihnen schlicht die Genialit\u00e4t ab. Ein ber\u00fchmter Satz lautete: \u201eDer Mann gebiert das Kunstwerk, die Frau gebiert den Menschen.\u201c Das hat sich tief in die K\u00f6pfe eingegraben.<\/p>\n<p>Und das h\u00e4ufigste Vorurteil?<br \/><strong>Gromes: <\/strong>Dass Frauen keine Begabung h\u00e4tten. Wenn sie doch komponierten, dann sei es eben \u201ezart\u201c und \u201elieblich\u201c. Gro\u00dfe Formen, Sinfonien, Opern \u2013 das traute man ihnen nicht zu. Aber nat\u00fcrlich ist das Quatsch. F\u00fcr mich gibt es keinen Unterschied zwischen m\u00e4nnlichem und weiblichem Komponieren. Entscheidend ist Handwerk, Ausbildung, und  dann die individuelle Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p>Heute noch sind Komponistinnen und Interpretinnen unterrepr\u00e4sentiert. Warum?<br \/><strong>Gromes: <\/strong>Das frage ich mich auch. Bei Cellosolistinnen auf gro\u00dfen B\u00fchnen liegt der Anteil bei nur 22 Prozent, bei lebenden Komponistinnen sind es gerade einmal 13 Prozent. Dass wir in der Klassik nicht auf 50 Prozent kommen, ist klar, historisch gab es weniger M\u00f6glichkeiten. Aber heute? Das verstehe ich nicht. Ich glaube, es hat viel mit Gewohnheit und Vorurteilen in den K\u00f6pfen von Dramaturgen und Intendanten zu tun. Nat\u00fcrlich denkt man zuerst an die bekannten M\u00e4nner. Eine Quote halte ich nicht f\u00fcr sinnvoll, Qualit\u00e4t soll z\u00e4hlen. Aber wenn man wirklich offen nach Qualit\u00e4t sucht, findet man sehr viele hervorragende Komponistinnen.<\/p>\n<p>Sie spielen inzwischen viele Werke von Komponistinnen. Ist das f\u00fcr Ihre Karriere ein Risiko?<br \/><strong>Gromes:<\/strong> Fragen Sie mich in zehn Jahren noch einmal (lacht). Im Moment l\u00e4uft es sehr gut. Meine CD \u201eFemmes\u201c stand auf Platz 1 der Klassikcharts, die Konzerts\u00e4le waren voll. Das zeigt: Das Publikum ist neugierig auf Neues. Und Sony hat sofort ein Folgeprojekt erm\u00f6glicht:  \u201eFortissima\u201c  mit gro\u00dfformatigen Werken von Komponistinnen. Das ist ermutigend.<\/p>\n<p>Wie weit sind wir insgesamt von einer gleichberechtigten Gesellschaft entfernt?<br \/><strong>Gromes: <\/strong>Leider noch sehr weit. Zwar gab es Fortschritte, aber weltweit erleben wir R\u00fcckschritte. In Afghanistan und im Iran d\u00fcrfen Frauen nicht zur Schule, nicht arbeiten, nicht singen \u2013 sie werden systematisch aus dem \u00f6ffentlichen Leben gedr\u00e4ngt. Und auch hierzulande gibt es Familien, in denen M\u00e4dchen heimlich musizieren, weil es ihnen verboten ist und sie fr\u00fch verheiratet werden sollen. Das ist bitter, und es wird viel zu wenig dar\u00fcber gesprochen. Oft aus Angst, man k\u00f6nnte rassistisch wirken. Aber wir m\u00fcssen das thematisieren \u2013 sonst \u00e4ndert sich nichts.<\/p>\n<p>Das Interview f\u00fchrteJesko Schulze-Reimpell.<\/p>\n<p>    Ein Buch \u00fcber Komponistinnen<\/p>\n<p class=\"em_text\">Zusammen mit der Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka hat Raphaela Gromes ein Buch geschrieben: \u201eFortissima! Verdr\u00e4ngte Komponistinnen und wie sie meinen Blick auf die Welt ver\u00e4ndern\u201c. Zu dem Buch ist auch eine CD gleichen Titels erschienen, mit Einspielungen von kaum bekannten Komponistinnen. Auf das Thema zum Buch ist Gromes gekommen, als sie f\u00fcr ihre CD \u201eFemme\u201c recherchierte \u2013 und dabei ungew\u00f6hnliche musikalische Sch\u00e4tze und spannende Geschichten entdeckte. \u201eFemme\u201c war ungew\u00f6hnlich erfolgreich und stand auf Platz eins der Klassik-Charts. <\/p>\n<p>Die 34-j\u00e4hrige Cellistin ist in M\u00fcnchen in einer Musikerfamilie aufgewachsen. 2012 wurde sie mit dem Musikf\u00f6rderungspreis des Konzertvereins Ingolstadt ausgezeichnet. Seitdem tritt sie regelm\u00e4\u00dfig als Solistin in Ingolstadt auf. Raphaela Gromes stellt zusammen mit dem Pianisten Julian Riem ihre neue CD und das Buch \u201eFortissima\u201c am 25. November, 20 Uhr, im Prinzregententheater M\u00fcnchen vor. Aus dem Buch wird die Fernsehmoderatorin Judith Rakers lesen. Karten gibt es unter anderem bei M\u00fcnchenticket.jsr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Frau Gromes, wann ist Ihnen zum ersten Mal bewusst geworden, dass Komponistinnen in unserer Gesellschaft praktisch ausgeblendet sind?Raphaela&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":418573,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-418572","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115194908368148467","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/418572","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=418572"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/418572\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/418573"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=418572"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=418572"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=418572"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}