{"id":419147,"date":"2025-09-13T09:03:10","date_gmt":"2025-09-13T09:03:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/419147\/"},"modified":"2025-09-13T09:03:10","modified_gmt":"2025-09-13T09:03:10","slug":"roman-ueber-depressionen-zwischen-hoffnung-und-schmerz-warum-dieses-buch-mitten-ins-herz-trifft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/419147\/","title":{"rendered":"Roman \u00fcber Depressionen: Zwischen Hoffnung und Schmerz &#8211; Warum dieses Buch mitten ins Herz trifft"},"content":{"rendered":"<p>Thomas Melle ist Schriftsteller und leidet an einer bipolaren St\u00f6rung. 2016 ging er damit an die \u00d6ffentlichkeit. Sein neuer Roman erz\u00e4hlt von Therapieversuchen \u2013 und was passiert, wenn das Schreiben gegen die Depression nicht hilft.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Das \u201eHaus zur Sonne\u201c im Titel von Thomas Melles neuem Roman \u2013 es klingt idyllisch, vielleicht sogar nach Sommerfrische. Doch wer das Werk des 1975 geborenen Schriftstellers kennt, ahnt es schon, hier ist eine therapeutische Einrichtung gemeint. Denn Melles Texte r\u00fchren von existenziellen Abgr\u00fcnden des Menschen her, den psychischen Krankheiten. Nachdem der Schriftsteller mit seinem viel beachteten Werk <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article157902043\/Thomas-Melle-Mit-bipolarer-Stoerung-eine-Autobiografie-schreiben.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article157902043\/Thomas-Melle-Mit-bipolarer-Stoerung-eine-Autobiografie-schreiben.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eDie Welt im R\u00fccken\u201c (2016)<\/a> seine bipolare St\u00f6rung \u00f6ffentlich gemacht und daf\u00fcr eine rastlos-fiebrige \u00c4sthetik gefunden hatte, greift sein aktueller Roman, der f\u00fcr den Deutschen Buchpreis nominiert ist, das Thema erneut auf. <\/p>\n<p>Anders als vermutet hat der Autor sein psychisches Leiden in den vergangenen Jahren nicht \u00fcberwinden k\u00f6nnen. Seinem autobiografisch inspirierten Ich-Erz\u00e4hler zufolge wurden die Manien sogar noch l\u00e4nger \u2013 und die depressiven Phasen noch schlimmer. Eine von zahlreichen treffenden Metaphern beschreibt diese \u201eKatastrophe\u201c als \u201edickfl\u00fcssig wie Honig, der sich dann verh\u00e4rtet zu einer Art Harz, in den Adern, den Nerven, bis wieder die totale L\u00e4hmung eintritt.\u201c Danach geht nichts mehr, der Protagonist ist schon zu Beginn des Romans am Ende. Er will sterben. <\/p>\n<p>Hilfe in einem Sanatorium<\/p>\n<p>Wie gut, dass es zumindest im neuen fiktionalen Setting ein Sanatorium gibt, das professionelle Hilfe anbietet. Zum Portfolio der Einrichtung geh\u00f6rt neben einem sogenannten angenehmen Suizid auch ein Verw\u00f6hnprogramm der besonderen Art: Mithilfe neuester Technik k\u00f6nnen die Klienten (ein netter Euphemismus f\u00fcr Patienten) in Simulationen eintauchen. Alles scheint m\u00f6glich im virtuellen Schlaraffenland. Man darf Rockstar sein und durch die Menge gleiten oder eine Traumhochzeit feiern. Selbst in die Rolle eines Staatenlenkers kann man schl\u00fcpfen. Dienen derartige Immersionen der Heilung oder doch eher der Ablenkung? In jedem Fall sollen sie den Schmerz bet\u00e4uben.<\/p>\n<p>Sich an ihm abzuarbeiten, ist eine Konstante in der zeitgen\u00f6ssischen Literatur, die den Schmerz in seinen physischen und psychischen Varianten vielfach thematisiert. Von David Wagners \u201eLeben\u201c (2013), \u00fcber Urs Faes\u2019 \u201eHalt auf Verlangen\u201c (2017) bis hin zu Jan Kuhlbrodts \u201eKr\u00fcppelpassion\u201c (2023) reichen die Beispiele f\u00fcr k\u00f6rperliche Erkrankungen. Hinzu kommen die psychischen Leiden. Neben der Demenz, verarbeitet in Arno Geigers \u201eDer alte K\u00f6nig in seinem Exil\u201c (2011) oder Ron Segals \u201eJeder Tag wie heute\u201c (2014), sind Texte \u00fcber Depressionen zu einem Topos geworden. <\/p>\n<p>Was alle Texte eint, ist zuvorderst das Ringen um die bedrohte Identit\u00e4t. \u201eSchmerz greift das Selbst an, zersetzt dessen Bild und unterwirft das Ich. Schmerz schmei\u00dft Narzi\u00df raus, tr\u00e4gt sich an dessen Stelle ins Weltbild ein und reorganisiert das Ich.\u201c Das schreibt der Philosoph Boris Wandruszka (\u201ePhilosophie des Leidens\u201c). <\/p>\n<p>Was macht die Krankheit aus einem? Wie viel Selbst l\u00e4sst sie \u00fcbrig? In Benjamin Maacks Buch \u201eWenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein\u201c (2020), einer  traurig-beklemmenden, ber\u00fchrenden Chronik eines Psychiatrieaufenthalts anl\u00e4sslich chronischer <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article256418810\/Depressionen-und-Suizidgedanken-Was-der-Brief-von-Wolfgang-Grupp-mit-mir-macht.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article256418810\/Depressionen-und-Suizidgedanken-Was-der-Brief-von-Wolfgang-Grupp-mit-mir-macht.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Depression<\/a>, ist die Rede von \u201eZahnbohrerheulen in einem leeren Kopf\u201c. <\/p>\n<p>Auch Thomas Melles Ich-Erz\u00e4hler umkreist die psychische Pein, kann nicht fassen, was in ihm vorgeht und jede Kreativit\u00e4t zerst\u00f6rt: \u201eIch hatte mich bei der Niederschrift des Buches noch einmal mit aller Kraft gegen die Krankheit gestemmt \u2013 und verloren. Mein Talent kam gegen die Krankheit nicht an, sie war st\u00e4rker gewesen, am Ende.\u201c Die erz\u00e4hlerische Form f\u00fcr die geistige Erstarrung erweist sich in \u201eHaus zur Sonne\u201c als konsequent und erm\u00fcdend zugleich. In unz\u00e4hligen Wiederholungen dreht sich der Protagonist in einer Spirale aus Ohnmacht und Todessehnsucht. Dies l\u00e4sst <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.kiwi-verlag.de\/buch\/thomas-melle-haus-zur-sonne-9783462004656\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.kiwi-verlag.de\/buch\/thomas-melle-haus-zur-sonne-9783462004656&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">Melles Roman<\/a> sowohl z\u00e4h als auch authentisch erscheinen. Denn seine Sogwirkung macht uns zu Mitf\u00fchlenden, vermittelt Empathie in einer Zeit, die dieses Gef\u00fchlt allzu oft verlernt hat. <\/p>\n<p>Damit stellt Melle auch einen wichtigen kulturgeschichtlichen Mechanismus des Schmerzes heraus. Bereits im Martyrium Jesu angelegt, birgt die Passion das, was englisch compassion hei\u00dft. Die Wunde gleicht einem symbolischen Eingang zum Gegen\u00fcber, ge\u00f6ffnet f\u00fcr alle, die das Leid zu teilen bereit sind. Der Philosoph <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus240352217\/Byung-Chul-Han-Depression-und-Burn-out-sind-Resultate-eines-Leistungszwanges.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus240352217\/Byung-Chul-Han-Depression-und-Burn-out-sind-Resultate-eines-Leistungszwanges.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Byung-Chul Han<\/a> schrieb in seinem Essay \u201ePalliativgesellschaft\u201c (2020): \u201eSchmerz ist Bindung. Wer jeden schmerzhaften Zustand ablehnt, ist bindungsunf\u00e4hig.\u201c So einsam sich Thomas Melles literarisches Alter Ego innerhalb der Geschichte f\u00fchlt, so nah sind ihm hingegen seine Leser \u2013 eine Beobachtung, die wohl auf die meiste Schmerz-Prosa unserer Tage zutrifft.<\/p>\n<p>Das virtuelle Schlaraffenland des Sanatoriums kommt dem Anti-Helden in Thomas Melles Roman zunehmend wie ein Gef\u00e4ngnis vor, Erl\u00f6sung oder Genesung r\u00fccken in eine hypothetische Ferne. Je weiter man liest, desto unklarer wird allerdings, was wirklich ist und was bereits Traum oder Simulation. Dementsprechend k\u00f6nnte der sp\u00e4te Ausbruch auf Einbildung basieren. Dieses Jonglieren mit der Realit\u00e4tserfahrung birgt \u2013 bei aller Tr\u00fcbsal \u2013 auch etwas Sch\u00f6pferisches. Schmerz und Gebrechen \u00f6ffnen neue R\u00e4ume des Erz\u00e4hlens. Gerade die k\u00fcnstlich hervorgerufenen, halluzinatorischen Szenarien verleihen Melles Roman einige rauschhaft-spielerische Momente und \u00fcberlagern die latent zu vielen Wunschtraum-Abschweifungen des Romans. <\/p>\n<p>Gerade weil der Erz\u00e4hler der Realit\u00e4t entr\u00fcckt scheint, wirft sein Text die Frage nach Gewissheiten auf. Erst der Schmerz bringt uns auf ihre Spur, wenn man einigen weisen Versen der 2023 verstorbenen Literaturnobelpreistr\u00e4gerin <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article247999556\/Louise-Glueck-Am-Ende-der-Leiden-eine-Pforte-Ein-Nachruf-auf-die-Nobelpreistraegerin.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article247999556\/Louise-Glueck-Am-Ende-der-Leiden-eine-Pforte-Ein-Nachruf-auf-die-Nobelpreistraegerin.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Louise Gl\u00fcck<\/a> Glauben schenkt: \u201eVerzweiflung ist die Wahrheit. Das ist, was \/ Mutter und Vater wissen. Alle Hoffnung ist dahin. \/ Wir m\u00fcssen zur\u00fcck, wo sie verloren ging, \/ wollen wir sie wiederfinden\u201c. Alle Krankheit vermittelt uns das Gl\u00fcck von Hoffnung auf Gesundheit und Genesung. Ohne sie w\u00e4re das Gute eine Phrase, auch und gerade in der Literatur.<\/p>\n<p>Thomas Melle: Haus zur Sonne. Roman. Kiepenheuer &amp; Witsch, 320 Seiten, 24 Euro.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Haben Sie suizidale Gedanken, oder haben Sie diese bei einem Angeh\u00f6rigen\/Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erh\u00e4lt man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800 \/ 111 0 111 und 0800 \/ 111 0 222.<\/p>\n<p>Auch eine Beratung \u00fcber das Internet ist m\u00f6glich unter http:\/\/www.telefonseelsorge.de. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Suizidpr\u00e4vention.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Thomas Melle ist Schriftsteller und leidet an einer bipolaren St\u00f6rung. 2016 ging er damit an die \u00d6ffentlichkeit. 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