{"id":419219,"date":"2025-09-13T09:41:09","date_gmt":"2025-09-13T09:41:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/419219\/"},"modified":"2025-09-13T09:41:09","modified_gmt":"2025-09-13T09:41:09","slug":"rote-tinte-so-weit-das-auge-reicht-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/419219\/","title":{"rendered":"Rote Tinte, so weit das Auge reicht \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>\u201ePlus \u00e7a change, plus c\u2019est la m\u00eame chose\u201c \u2013 oder, um das Bonmot des franz\u00f6sischen Journalisten Alphonse Karr ins zeitgen\u00f6ssische Deutsche zu transferieren: Die Kulissen m\u00f6gen zwar anders aussehen als vorher, aber die B\u00fchne bleibt unver\u00e4ndert. Als Karr diese Worte im J\u00e4nner 1849 schrieb, war die Zeitung, die Sie in den H\u00e4nden halten (sei es als bedrucktes Papier, sei es als mobiler Bildschirm), gerade einmal sechs Monate alt \u2013 und Frankreich die Zweite Republik, die ihre Staatschulden von knapp 35 Prozent des BIPs (diese <a href=\"https:\/\/www.chicagofed.org\/publications\/economic-perspectives\/2024\/2\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Zahl<\/a> stammt von Wirtschaftshistorikern der <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/fed?ref=article_a\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" eventaction=\"\" click=\"\" article=\"\" und=\"\" die=\"\" schulden:=\"\" rote=\"\" tinte=\"\" so=\"\" weit=\"\" das=\"\" auge=\"\" reicht=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Federal Reserve Bank<\/a> of Chicago) dank umsichtiger Fiskalpolitik gut im Griff hatte. In den darauffolgenden Jahrzehnten folgten die franz\u00f6sischen Finanzen allerdings einem Pfad, der heute besser als das frugale Frankreich von anno dazumal bekannt ist: au\u00dfer Rand und Band geratene Staatsausgaben, die den Schuldenstand Ende der 1880er-Jahre auf 113 Prozent des BIPs explodieren lie\u00dfen. <\/p>\n<p>Wenn Ihnen die letztgenannte Prozentzahl irgendwie bekannt vorkommen sollte, so ist das kein Zufall: Per Ende 2024 belief sich die Verschuldung des franz\u00f6sischen Staatshaushalts ebenfalls auf 113 Prozent der Wirtschaftsleistung. Der gro\u00dfe Unterschied zu damals ist allerdings, dass die aktuellen Schulden nicht Kriegen, der Erhaltung von Kolonien und Megainvestitionen ins Eisenbahnnetz geschuldet sind, sondern vor allem einem Sozialbudget, an dem sich bis dato so gut wie alle Pr\u00e4sidenten der (mittlerweile) F\u00fcnften Republik die Z\u00e4hne ausgebissen haben. <\/p>\n<p>Als Letzter reiht sich <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/emmanuel-macron?ref=article_a\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" eventaction=\"\" click=\"\" article=\"\" und=\"\" die=\"\" schulden:=\"\" rote=\"\" tinte=\"\" so=\"\" weit=\"\" das=\"\" auge=\"\" reicht=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Emmanuel Macron<\/a> in diese ehrenvolle Tradition ein. Nachdem sein Premier, <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/francois-bayrou?ref=article_a\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" eventaction=\"\" click=\"\" article=\"\" und=\"\" die=\"\" schulden:=\"\" rote=\"\" tinte=\"\" so=\"\" weit=\"\" das=\"\" auge=\"\" reicht=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Fran\u00e7ois Bayrou<\/a>, einen Budgetentwurf 2026 vorgelegt hatte, der \u2013 wenn auch zaghafte \u2013 Sparbem\u00fchungen im Gesamtausma\u00df von 44 Mrd. Euro erkennen lie\u00df, wurde er am vergangenen Montag von der Assembl\u00e9e aus dem Premiersamt hinauskomplimentiert. Wie es nun mit dem Etat weitergehen soll, ist offen, denn der Widerstand gegen Eingriffe in als sakrosankt empfundene Privilegien (etwa den Pensionsantritt mit 64 Jahren) ist mehrheitsf\u00e4hig \u2013 und die Macronisten im Parlament in der Minderheit. <\/p>\n<p>Wen die franz\u00f6sischen Besitzstandswahrer allerdings nicht hinauskomplimentieren k\u00f6nnen, sind die Finanzm\u00e4rkte. Mit einem Zinssatz von knapp 3,5 Prozent f\u00fcr Staatsanleihen mit zehnj\u00e4hriger Laufzeit muss der franz\u00f6sische Staat f\u00fcr die (Re-)Finanzierung seiner Schulden derzeit um rund 80 Basispunkte, sprich 0,8 Prozent, mehr zahlen als Deutschland \u2013 und zehn Basispunkte mehr als der einstige Euro-Watschenmann Griechenland, was die Schmach umso schmerzhafter macht. <\/p>\n<p>Das aktuelle Zinsniveau legt jedenfalls nahe, dass Frankreich nicht mehr zum stabilen Kern der Eurozone gez\u00e4hlt wird, sondern zur instabilen Peripherie. Derzeit m\u00fcssen von den gro\u00dfen Mitgliedern der W\u00e4hrungsunion nur die Italiener mehr zahlen \u2013 die zwar mit einem Gesamtschuldenstand von zuletzt 135 BIP-Prozent vor Frankreich liegen, aber im Gegensatz zu den Franzosen die laufenden Ausgaben besser unter Kontrolle haben. W\u00e4hrend die EU-Kommission f\u00fcr Paris heuer ein Defizit von 5,6 Prozent des BIPs erwartet, sind es in Rom \u201enur\u201c 3,3 Prozent. <\/p>\n<blockquote class=\"fm-quote flexmodule flexmodule--quote\">\n<p class=\"fm-quote__text\">         \u00bbWenn die Haushaltsdefizite nicht deutlich runterkommen, w\u00fcrden die franz\u00f6sischen Staatsschulden relativ zur Wirtschaftsleistung in zehn Jahren auf rund 150 Prozent steigen. Dann w\u00e4re Frankreich nahe an der f\u00fcr Italien erwarteten Staatsschuldenquote.\u00ab     <\/p>\n<p>                  J\u00f6rg Kr\u00e4mer                  <\/p>\n<p class=\"fm-quote__attrib\">         Chefvolkswirt Commerzbank     <\/p>\n<\/blockquote>\n<p><a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/joerg-kraemer?ref=article_a\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" eventaction=\"\" click=\"\" article=\"\" und=\"\" die=\"\" schulden:=\"\" rote=\"\" tinte=\"\" so=\"\" weit=\"\" das=\"\" auge=\"\" reicht=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">J\u00f6rg Kr\u00e4mer<\/a>, der Chefvolkswirt der <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/commerzbank?ref=article_a\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" eventaction=\"\" click=\"\" article=\"\" und=\"\" die=\"\" schulden:=\"\" rote=\"\" tinte=\"\" so=\"\" weit=\"\" das=\"\" auge=\"\" reicht=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Commerzbank<\/a>, sieht die franz\u00f6sische Regierung \u2013 wie auch immer sie zusammengesetzt sein mag \u2013 am Zug. \u201eOffenbar bef\u00fcrchten die Anleger, dass es im franz\u00f6sischen Parlament weiter keine Mehrheit f\u00fcr eine Sanierung der Staatsfinanzen geben wird.\u00a0Aber wenn die Defizite nicht deutlich runterkommen, w\u00fcrden die franz\u00f6sischen Schulden relativ zur Wirtschaftsleistung in zehn Jahren auf rund 150 Prozent steigen. Dann w\u00e4re Frankreich nahe an der f\u00fcr Italien erwarteten Staatsschuldenquote\u201c, sagt Kr\u00e4mer zur \u201ePresse\u201c. <\/p>\n<p>Doch zur\u00fcck zu den vorhin erw\u00e4hnten \u201eSpreads\u201c \u2013 also den Unterschieden bei der Verzinsung von Staatsanleihen mit gleicher Laufzeit. Mit Zinsen von zuletzt gut 2,6 Prozent mag Deutschland zwar besser dastehen als Frankreich, aber im Vergleich zu den letzten Jahren ist das trotzdem ein <a href=\"https:\/\/fred.stlouisfed.org\/series\/IRLTLT01DEM156N\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">veritabler Anstieg:<\/a> Im September 2015 mussten Investoren mit einer Verzinsung von gerade einmal 0,65 Prozent vorliebnehmen. Und im August 2019 erreichten die deutschen Zehnjahreszinsen ihren absoluten Tiefpunkt, und zwar mit minus 0,65 Prozent. Anders ausgedr\u00fcckt: Vor genau sechs Jahren mussten Investoren f\u00fcr das Privileg, dem deutschen Staat Geld leihen zu d\u00fcrfen, Geld rausr\u00fccken. <\/p>\n<p>H\u00e4tte, h\u00e4tte, Fahrradkette<\/p>\n<p>W\u00e4re die Bundesregierung schon damals zur Einsicht gelangt, dass die Bundesrepublik einen dreistelligen Milliardenbetrag in ihre Verteidigung und in die \u00fcber weite Strecken zerbr\u00f6selte (Verkehrs-)Infrastruktur investieren muss, dann w\u00fcrde der deutsche Staatssaldo heute anders, sprich besser aussehen. Der einzige, wenn auch schwache Trost: Mit ihrer sp\u00e4ten Einsicht sind die Deutschen in guter Gesellschaft. Denn in fast allen westlichen Industrienationen kennen die Schuldenpegel derzeit nur eine Richtung \u2013 n\u00e4mlich nach oben. Wenn selbst auf dem japanischen Anleihenmarkt, der seit dem Platzen der Immobilienblase Anfang der 1990er-Jahre als \u201eWitwenmacher\u201c bekannt war (weil er Anleger, die auf steigende Zinsen spekulierten, ins Unheil trieb), heute knapp 1,6 Prozent zu holen sind, dann liegt es auf der Hand, dass ein globaler Paradigmenwechsel stattgefunden hat. Die USA, die f\u00fcr ihre Zehn-Jahres-Treasuries mit zuletzt knapp \u00fcber vier Prozent h\u00f6here Zinsen als Frankreich bereitstellen mussten, runden dieses Bild ab. Von Gro\u00dfbritannien mit 4,6 Prozent ganz zu schweigen. <\/p>\n<p>Was genau ist passiert? Die Antwort auf diese Billionenfrage hat drei Aspekte: einen strukturellen, einen globalen und einen politischen. <\/p>\n<p>Fangen wir mit der Struktur an. Vereinfacht ausgedr\u00fcckt wiegt der Schuldendienst heute schwerer, weil Geld nicht mehr so billig wie noch vor einigen Jahren ist. Als in den USA 2008 die Subprime-Krise explodierte und das globale Finanzsystem ins Wanken geriet, pumpten Notenbanken bis dahin pr\u00e4zedenzlose Mengen an Liquidit\u00e4t in die Geldkreisl\u00e4ufe, um einen Infarkt zu verhindern, und dr\u00fcckten ihre Leitzinsen in Richtung null \u2013 was in weiterer Folge das staatliche Schuldenmachen verbilligte. Unter diesen Bedingungen (deutlich mehr Geld jagt einer marginal gestiegenen Menge an Waren und Dienstleistungen hinterher) h\u00e4tte die Inflation eigentlich rasch anziehen m\u00fcssen \u2013 was sie aber nicht (bzw. nicht fl\u00e4chendeckend) tat. <\/p>\n<p>Doch kein neues Zeitalter<\/p>\n<p>Dieser Umstand f\u00fchrte zu Spekulationen \u00fcber den Anbruch eines neuen Zeitalters, in dem sich Regierungen straflos bis \u00fcber beide Ohren verschulden k\u00f6nnen, weil es weltweit zu viele Ersparnisse gebe, die g\u00fcnstig angezapft werden k\u00f6nnten. Die Theorie von dieser sogenannten Sparschwemme (Savings Glut) wurde in der Zwischenzeit insofern falsifiziert, als dieses Kapital nicht unbedingt den Emittenten von Staatsanleihen zur freien Verf\u00fcgung stehen muss, weil es sich auch attraktivere Anlageformen suchen kann \u2013 zum Beispiel US-Hightech-Aktien, Gold oder andere Verm\u00f6genswerte. <\/p>\n<p>Und dieser Sinneswandel h\u00e4ngt auch mit einer anderen Weichenstellung zusammen: n\u00e4mlich bei den Pensionsversicherungen, die einen separaten Wandel vollziehen bzw. vollzogen haben \u2013 weg von leistungsorientierten und hin zu beitragsorientierten Pensionspl\u00e4nen. Was der Solvenz der Pensionssysteme zutr\u00e4glich ist, hat einen Nebeneffekt: Wenn die Pensionsh\u00f6he nicht mehr garantiert werden muss, verringert sich f\u00fcr die Versicherer die Notwendigkeit, die Beitr\u00e4ge ihrer Kunden in fixverzinsliche Produkte (etwa Staatsanleihen) zu investieren. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend also die Pensionsversicherungen weniger Anleihen halten m\u00fcssen, wollen die Staaten mehr Anleihen begeben. Denn die strukturellen Ausgaben, die mit der \u00dcberalterung der westlichen Gesellschaften zusammenh\u00e4ngen, sprich Pensionen und Gesundheit, steigen \u00fcberall an \u2013 selbst in den USA, die nicht unbedingt als Wohlfahrtsstaat bekannt sind, muss ein immer gr\u00f6\u00dferer Teil des Budgets herangezogen werden. Dass die Entwicklung in den Vereinigten Staaten derart dramatisch erscheint, hat allerdings damit zu tun, dass in der <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/oecd?ref=article_a\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" eventaction=\"\" click=\"\" article=\"\" und=\"\" die=\"\" schulden:=\"\" rote=\"\" tinte=\"\" so=\"\" weit=\"\" das=\"\" auge=\"\" reicht=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">OECD<\/a>-Statistik, die den Daten zugrunde liegt, nicht nur staatliche, sondern auch private Sozialausgaben inkludiert sind. Und diese (vor allem die Krankenversicherungskosten) sind in den USA in den letzten Jahren regelrecht explodiert. Ohne die privaten Ausgaben w\u00e4ren es knapp 23 Prozent des US-BIPs. Das ist zwar niedriger als in allen anderen westlichen Industrienationen, aber blo\u00df dreieinhalb Prozentpunkte unter Spanien und Italien \u2013 wo die \u00f6ffentlichen Gesundheitssysteme besser und fl\u00e4chendeckenderer als in den USA performen. <\/p>\n<p>Immer schwerer wiegen zudem die Kosten des Klimawandels, sprich die Beseitigung der durch Feuer, Wasser und D\u00fcrre verursachten Sch\u00e4den. Hier ist Europa als der sich am schnellsten erw\u00e4rmende Kontinent besonders gefordert \u2013 ebenso wie bei der Verteidigung vor einem revanchistischen Russland, das seine Grenzen in Richtung Westen verschieben will. Die Folge? Steigende Zinsen bei h\u00f6heren Defiziten. <\/p>\n<p>R\u00fcckkehr der Inflation<\/p>\n<p>Der zweite Grund: Dass die Zinsen steigen, hat auch mit der R\u00fcckkehr der tot geglaubten Inflation zu tun. Und diese R\u00fcckkehr vollzog sich in drei Etappen. Nach der Subprime-Krise legten zuerst Verm\u00f6genswerte (beispielsweise Immobilien, aber auch Kunst) im Lauf der 2010er-Jahre zu. Die zweite Inflationsstufe wurde 2020 durch die Coronapandemie gez\u00fcndet, als die Regierungen abermals zus\u00e4tzliches Geld in ein System pumpten, das eine gleichbleibende bzw. sogar schrumpfende Menge an Waren und Dienstleistungen bereitstellte \u2013 was sich nach dem Ende der Lockdowns in steigenden Preisen f\u00fcr Fl\u00fcge oder Restaurantbesuche manifestierte. Nach <a href=\"https:\/\/www.ecb.europa.eu\/press\/economic-bulletin\/focus\/2023\/html\/ecb.ebbox202303_07~ca65de8ae5.en.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Berechnungen<\/a> der Europ\u00e4ischen Zentralbank kletterten die Staatsausgaben in der Eurozone von 46,9 Prozent des BIPs 2019 auf 52,6 Prozent 2020. <\/p>\n<p>Der dritte Schlag erfolgte 2022 nach dem \u00dcberfall Russlands auf die Ukraine, der in Europa die bis dato g\u00fcnstig aus Russland bezogene Energie massiv verteuerte \u2013 und erneut staatliche Subventionen zur Folge hatte. Nach Angaben der EU-Kommission gaben die EU-Staaten in diesem Jahr insgesamt 397 Mrd. Euro f\u00fcr <a href=\"https:\/\/energy.ec.europa.eu\/news\/energy-subsidies-report-shows-progress-2023-2025-01-29_en#:~:text=Required%20under%20the%20EU%20Governance%20Regulation%20and,of%20GDP%2C%20down%20from%202.37%25%20in%202022.\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Energiesubventionen<\/a> aus \u2013 2021 waren es lediglich 213 Mrd. Euro gewesen. <\/p>\n<p>Hierzulande hat sich sp\u00e4testens zu diesem Zeitpunkt eine Lohn-Preis-Spirale (bzw. Preis-Lohn-) verfestigt. Den Reigen aus hohen Lohnabschl\u00fcssen und im EU-Schnitt \u00fcberdurchschnittlich hohen Preissteigerungen (etwa in der Gastronomie) hat die Regierung noch immer nicht im Griff. Im Gegenteil: Die Ma\u00dfnahmen, die Bund und L\u00e4nder zuletzt ergriffen haben, um die im Lauf der letzten Krisenjahre angeh\u00e4uften Schulden abzuschmelzen (Stichwort: Geb\u00fchrenerh\u00f6hungen), tragen weiter zur Teuerung bei. <\/p>\n<p>Spendierhosen \u00fcberall<\/p>\n<p>Damit w\u00e4ren wir beim dritten, politischen Grund f\u00fcr steigende Schulden angelangt: einer toxischen Kombination aus dem bereits erw\u00e4hnten, tats\u00e4chlich gestiegenen \u00f6ffentlichen Investitionsbedarf und teils \u00fcberh\u00f6hten, teils jenseitigen Versprechen der Parteien an ihre verunsicherten W\u00e4hlerschaften. Das gilt nicht nur f\u00fcr den linken Teil des politischen Spektrums, in dem die Spendierhosen seit jeher tiefere Taschen hatten, sondern auch f\u00fcr die nationalpopulistische Rechte. Etwa in Deutschland, wo die Wahlgeschenke der AfD die deutschen Steuereinnahmen laut Berechnungen des <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/diw?ref=article_a\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" eventaction=\"\" click=\"\" article=\"\" und=\"\" die=\"\" schulden:=\"\" rote=\"\" tinte=\"\" so=\"\" weit=\"\" das=\"\" auge=\"\" reicht=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">DIW Berlin<\/a> um 181 Mrd. Euro schm\u00e4lern w\u00fcrden \u2013 pro Jahr. In Frankreich summierte der Thinktank Ifrap die Kosten der Reformvorschl\u00e4ge des <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/rassemblement-national?ref=article_a\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" eventaction=\"\" click=\"\" article=\"\" und=\"\" die=\"\" schulden:=\"\" rote=\"\" tinte=\"\" so=\"\" weit=\"\" das=\"\" auge=\"\" reicht=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Rassemblement National<\/a> von Marine Le Pen auf \u201elediglich\u201c 14 Mrd. Euro pro Jahr\u2009\u2013 was angesichts der Nervosit\u00e4t auf den Anleihenm\u00e4rkten ausreichen d\u00fcrfte, um den franz\u00f6sischen Schuldendienst weiter zu verteuern. <\/p>\n<p>Was dann passieren kann, l\u00e4sst sich anhand der j\u00fcngeren britischen Geschichte demonstrieren. Als die (zumindest dem Parteinamen nach) konservative Premierministerin <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/liz-truss?ref=article_a\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" eventaction=\"\" click=\"\" article=\"\" und=\"\" die=\"\" schulden:=\"\" rote=\"\" tinte=\"\" so=\"\" weit=\"\" das=\"\" auge=\"\" reicht=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Liz Truss<\/a> Anfang Oktober 2022 einen populistischen Schwenk hinlegte und massive Steuersenkungen ank\u00fcndigte, brachte sie damit das britische Pensionssystem an den Rand des Ruins, da internationale Investoren aufgrund der nicht gegenfinanzierten Steuerversprechen h\u00f6here Zinsen f\u00fcr britische Schuldscheine verlangten. In weiterer Folge musste die britische Notenbank mit 65 Mrd. Pfund intervenieren, um den Anleihenmarkt zu beruhigen. Und Truss trat am 20.\u2009Oktober zur\u00fcck. <\/p>\n<blockquote class=\"fm-quote flexmodule flexmodule--quote\">\n<p class=\"fm-quote__text\">         \u00bbDer Euroraum kann ein sicherer Hafen werden, wenn die Politiker endlich ihre Hausaufgaben machen. Damit meine ich solide Staatsfinanzen, gute Rahmenbedingungen f\u00fcr die Unternehmen und die F\u00e4higkeit, sich milit\u00e4risch selbst zu verteidigen.\u00a0\u00ab     <\/p>\n<p>                  J\u00f6rg Kr\u00e4mer                  <\/p>\n<p class=\"fm-quote__attrib\">         Chefvolkswirt Commerzbank     <\/p>\n<\/blockquote>\n<p> \u201eWir haben es in der Hand\u201c<\/p>\n<p>Gibt es einen Ausweg aus dem Schlamassel? Ja, aber nicht ohne harte Reformarbeit. \u201eDer Euroraum kann ein sicherer Hafen werden, wenn die Politiker endlich ihre Hausaufgaben machen. Damit meine ich solide Staatsfinanzen, gute Rahmenbedingungen f\u00fcr die Unternehmen und die F\u00e4higkeit, sich milit\u00e4risch selbst zu verteidigen. Wir haben es in der Hand\u201c, res\u00fcmiert Commerzbank-Chefvolkswirt Kr\u00e4mer. Nachdem sich die \u00e4u\u00dferen Faktoren, die zus\u00e4tzlichen Druck auf die Haushalte erzeugen, nicht wegw\u00fcnschen lassen, muss die Resilienz aus dem Inneren kommen. <\/p>\n<p>Wie gro\u00df ist der Konsolidierungsbedarf? F\u00fcr Frankreich geht Kr\u00e4mer davon aus, dass \u201edas Haushaltsdefizit in Richtung drei Prozent fallen\u201c m\u00fcsste, um das Verh\u00e4ltnis der Staatsschulden zum Bruttoinlandsprodukt mittelfristig zu stabilisieren. Hierzulande geht der Fiskalrat nicht davon aus, dass es der Regierung ohne zus\u00e4tzliche Sparma\u00dfnahmen gelingen werde, das Defizit bis 2029 auf drei BIP-Prozent zu dr\u00fccken. Heuer soll der Fehlbetrag bei 4,3 Prozent liegen, 2026 bei 4,1 Prozent. Legt man sich in Wien nicht zus\u00e4tzlich ins Zeug, d\u00fcrfte die Staatsverschuldung 2029 die 90-Prozent-Marke \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p>In dieser Hinsicht haben es die USA als Emittent der globalen Leitw\u00e4hrung und Angelpunkt des internationalen Finanzsystems leichter. \u201eDer Status des US-Dollar l\u00e4sst es zu, dass die Staatsverschuldung um 22 Prozent des BIPs h\u00f6her sein kann, als es sonst der Fall w\u00e4re\u201c, <a href=\"https:\/\/www.atlanticcouncil.org\/content-series\/atlantic-council-strategy-paper-series\/why-the-us-cannot-afford-to-lose-dollar-dominance\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">rechnet<\/a> der Thinktank Atlantic Council vor. Dieser Dollar-Bonus wird allerdings durch die erratische Wirtschafts- und Handelspolitik von US-Pr\u00e4sident Donald Trump zusehends infrage gestellt. Die Folgen einer Abkoppelung der USA vom Rest der Welt (bzw. vice versa) f\u00fcr den amerikanischen Schuldendienst k\u00f6nnten verheerend sein. Nach <a href=\"https:\/\/www.jpmorgan.com\/insights\/global-research\/currencies\/de-dollarization\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Kalkulationen<\/a> des Finanzinstituts JP\u2009Morgan resultiert ein einprozentiger R\u00fcckgang der globalen Nachfrage nach Treasuries in einem Anstieg der Zinsen um 33 Basispunkte. Momentan halten internationale Investoren US-Anleihen im Umfang von 30 Prozent des US-BIPs \u2013 vor 15 Jahren sind es noch 50 Prozent gewesen. Anders ausgedr\u00fcckt: Selbst f\u00fcr die USA wird die Luft mittelfristig d\u00fcnn, wenn Trump nicht gegensteuert. Denn f\u00fcr 2025 kalkuliert man in Washington mit einem Budgetdefizit von 5,6 Prozent der Wirtschaftsleistung \u2013 genauso viel wie 2024 in Frankreich. \u201ePlus \u00e7a change, plus c\u2019est la m\u00eame chose.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201ePlus \u00e7a change, plus c\u2019est la m\u00eame chose\u201c \u2013 oder, um das Bonmot des franz\u00f6sischen Journalisten Alphonse Karr&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":419220,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3933],"tags":[331,332,5976,548,663,158,3934,3935,13,14,15,12],"class_list":{"0":"post-419219","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-eu","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-analyse","11":"tag-eu","12":"tag-europa","13":"tag-europaeische-union","14":"tag-europe","15":"tag-european-union","16":"tag-headlines","17":"tag-nachrichten","18":"tag-news","19":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115196335437063425","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/419219","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=419219"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/419219\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/419220"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=419219"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=419219"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=419219"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}