{"id":422405,"date":"2025-09-14T15:41:12","date_gmt":"2025-09-14T15:41:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/422405\/"},"modified":"2025-09-14T15:41:12","modified_gmt":"2025-09-14T15:41:12","slug":"indien-und-die-eu-kooperation-statt-belehrungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/422405\/","title":{"rendered":"Indien und die EU: Kooperation statt Belehrungen?"},"content":{"rendered":"<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">\u201eEuropa muss aus der Geisteshaltung herauswachsen, dass Europas Probleme die Probleme der Welt sind, aber die Probleme der Welt nicht die Probleme Europas.\u201c Mit diesem Satz provozierte Indiens Au\u00dfenminister Subrahmanyam Jaishankar und setzte zugleich eine Botschaft: Delhi will Partnerschaften, aber von niemandem bevormundet werden. In westlichen Debatten wird Indien inzwischen oft als Teil eines neuen Blocks gesehen. So schrieb die Zeit, Trump habe ein neues, antiwestliches B\u00fcndnis hervorgebracht, bestehend aus China, Indien und Russland. Doch die Realit\u00e4t ist komplizierter, und die Inder sind \u201eopen for business\u201c.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">In dieser Woche reiste eine ranghohe EU-Delegation nach Neu-Delhi, um die festgefahrenen Gespr\u00e4che \u00fcber ein Freihandelsabkommen neu zu beleben, nachdem mehrere Anl\u00e4ufe ins Leere gelaufen sind. Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Trumps Strafz\u00f6lle haben die Weltwirtschaft ersch\u00fcttert, Indien hart getroffen und Europa pl\u00f6tzlich wieder ins Spiel gebracht.<\/p>\n<p>Indien sieht Brics und Quad als Forum \u2013 nie als Block<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Indien sitzt bei Brics und der Shanghaier Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit neben Russland und China, w\u00e4hrend es im \u201eQuad\u201c eng mit den USA, Japan und Australien kooperiert. \u201eDas ist kein B\u00fcndnis, sondern ein Forum der Bequemlichkeit\u201c, sagt der Polit\u00f6konom Tushar Shetty, Host des Podcasts \u201eBeyond the Indus\u201c. Indien nutzte die verschiedenen Formate, um sich als eine globale, vielstimmige Macht zu positionieren, so Shetty gegen\u00fcber der Berliner Zeitung. F\u00fcr China sind diese Foren Gegengewichte zum Westen, f\u00fcr Indien sind sie B\u00fchne und Hebel zugleich. Delhi bleibt blockfrei, es spricht mit allen, ohne sich an irgendwelche Strukturen fesseln zu lassen.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Russland spielt in dieser Strategie eine besondere Rolle. Seit Jahrzehnten liefert Moskau Waffen, Energie und Nukleartechnologie. \u201eDie Sowjets waren 1971 bereit, wegen Indien einen Atomkrieg zu riskieren. Nie zuvor und nie danach hatte Indien solche R\u00fcckendeckung\u201c, erkl\u00e4rt Shetty. Bis heute gilt: Anders als mit China oder den USA hat es zwischen Moskau und Delhi nie tiefere Konflikte gegeben. Russische Kampfjets, U-Boote und Atomkraftwerke pr\u00e4gen Indiens Sicherheitsarchitektur. Doch die wachsende Abh\u00e4ngigkeit Russlands von China ver\u00e4ndert dieses Gleichgewicht. In Neu-Delhi betrachtet man diese Entwicklung mit Sorge, weil Peking die eigentliche Bedrohung bleibt.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Das Verh\u00e4ltnis zu China ist von Rivalit\u00e4t gepr\u00e4gt. Zwar ist Peking wichtigster Handelspartner, doch ungel\u00f6ste Grenzkonflikte im Himalaya sorgen f\u00fcr st\u00e4ndige Spannungen. Hinzu kommt der Wettstreit im Indischen Ozean. Auf den Malediven f\u00f6rdert Delhi Infrastrukturprojekte, w\u00e4hrend Peking H\u00e4fen \u00fcber seine \u201eMaritime Silk Road\u201c finanziert. Auch in Sri Lanka, Bangladesch und Myanmar konkurrieren beide um Einfluss. Mit dem India-Middle East-Europe Economic Corridor (IMEC), der Warenstr\u00f6me von Mumbai \u00fcber den Nahen Osten nach Europa lenken soll, wirbt Indien zudem f\u00fcr eine Alternative zu Chinas Seidenstra\u00dfenprojekt.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Mit den USA wiederum bleibt das Verh\u00e4ltnis widerspr\u00fcchlich. Modi lie\u00df sich 2019 von Trump feiern, nur um wenig sp\u00e4ter von Strafz\u00f6llen auf Textilien, Stahl und Agrarprodukte getroffen zu werden. \u201eDrei\u00dfig Jahre Vertrauensaufbau sind damit im Handstreich verdampft\u201c, sagt Shetty. Viele Inder empfanden die Trump-Z\u00f6lle als Verrat.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Europa wirkt da verl\u00e4sslicher. In den Verhandlungen \u00fcber ein Freihandelsabkommen gibt es inzwischen Fortschritte. Mehr als die H\u00e4lfte der Kapitel ist bereits abgeschlossen, etwa zu geistigem Eigentum oder digitalen Regeln. Doch bei den strittigen Fragen bleibt es heikel: Europ\u00e4ische Forderungen nach Markt\u00f6ffnung bei Autos, Alkohol oder Milchprodukten sto\u00dfen auf Widerstand. F\u00fcr Indien ist das keine technische Frage, sondern eine politische. Mehr als 60 Prozent der Bev\u00f6lkerung sind Kleinbauern, jede Markt\u00f6ffnung kann Existenzen in Indien gef\u00e4hrden. \u201eEuropa darf hier nicht die Fehler der USA wiederholen\u201c, warnt Shetty. \u201eWer Indien gewinnen will, muss verstehen, dass es nicht nur um M\u00e4rkte geht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDeutschland k\u00f6nnte hier von Indien lernen\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">In diesem Zusammenhang fragte die Berliner Zeitung bei drei indischen Ingenieuren nach, die seit f\u00fcnf Jahren in Berlin leben und anonym bleiben wollen. Im Gespr\u00e4ch wurde deutlich, dass die EU dort vor allem durch einzelne L\u00e4nder wahrgenommen wird, weniger als ein geopolitisch einheitlicher Block. Deutschland gilt vielen als Anf\u00fchrer, wenn es um gro\u00dfe Abkommen geht, gefolgt von Frankreich im R\u00fcstungsbereich und Italien im Handel. Gleichzeitig betonen die drei Gespr\u00e4chspartner, dass in Indien mehr Wissen \u00fcber Europa existiert als umgekehrt. Viele Inder studieren oder arbeiten in Deutschland, doch kaum jemand aus Europa geht nach Indien. Austauschprogramme und pers\u00f6nliche Kontakte k\u00f6nnten hier eine L\u00fccke schlie\u00dfen. Bei internationalen B\u00fcndnissen sehen viele Inder eine \u00e4hnliche Ambivalenz wie Shetty. Weder die SOZ noch Quad seien starre Bl\u00f6cke. Unter Biden habe man Vertrauen gesp\u00fcrt, unter Trump dagegen Angst vor einem pl\u00f6tzlichen Bruch.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die drei Inder beobachten auch Unterschiede im Alltag. Deutschland gilt als b\u00fcrokratisch, w\u00e4hrend in Indien viele Verwaltungsakte l\u00e4ngst digitalisiert sind. Ein Reisepass kann dort online innerhalb einer Woche verl\u00e4ngert werden, Strom- und Gasrechnungen laufen \u00fcber ein einheitliches digitales System. \u201eDeutschland k\u00f6nnte hier von Indien lernen\u201c, meint einer von ihnen. Besonders stolz sind sie auf die Innovationskraft.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Stichwort Digitalisierung &#8211; mit UPI, dem Unified Payments Interface, hat die indische Regierung per Dekret ein digitales Zahlungssystem geschaffen, das so einfach wie universell ist. Ein QR-Code gen\u00fcgt, und Geldsummen wechseln binnen Sekunden den Besitzer. Innerhalb weniger Jahre nutzen es Hunderte Millionen Menschen, auch in den Bundesstaaten, die vom elektronischen Zahlungsverkehr bisher weitestgehend au\u00dfen vor blieben. Auch in der Medizin hat Indien Fortschritte gemacht. Viele Behandlungen sind beispielsweise g\u00fcnstiger als im Westen. Patienten aus den USA und Australien reisen deshalb zunehmend nach Indien.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Auch der ehemalige deutsche Botschafter in Indien, Walter Lindner, warnte j\u00fcngst in einem <a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2024-05\/indien-westen-diplomatie-industrienation-handel\">Zeit-Interview<\/a> davor, Delhi nur durch die Brille alter Kategorien zu sehen. \u201eWir \u2013 und damit meine ich westliche Industrienationen \u2013 denken immer noch, wir w\u00fcssten alles besser. Indien ist ein sehr junges Land, mehr als die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung ist j\u00fcnger als 30 Jahre. Die Menschen sind risikobereit und dynamisch. Sie wachsen mit hohem Konkurrenzdruck auf, gr\u00fcnden Start-ups, scheitern, versuchen es nochmal. Gleichzeitig k\u00f6nnen sie sich sehr gut anpassen, weil sie das st\u00e4ndig m\u00fcssen.\u201c Europa, so Lindners Fazit, sollte nicht versuchen, Indien zu belehren, sondern genauer hinschauen, wie das Land mit Tempo und Wandel umgeht.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die Energiefrage aber zeigt die Bruchlinien am deutlichsten. Europa kritisiert Indiens \u00d6limporte aus Russland, kauft jedoch dasselbe \u00d6l nach der Raffinierung wieder zur\u00fcck. \u201eMan wirft uns vor, russisches \u00d6l zu kaufen. Aber Europa kauft unser raffiniertes \u00d6l trotzdem, nur eben \u00fcber Umwege\u201c, sagt einer der Ingenieure. F\u00fcr viele in Indien ist das der sichtbarste Ausdruck einer Doppelmoral. Wer finanziert wessen Krieg \u2013 der K\u00e4ufer oder der Verk\u00e4ufer?<\/p>\n<p>Es braucht mehr Pragmatismus im Umgang mit Indien<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Am Ende bleibt Indien blockfrei. Die Tradition der Blockfreiheit, also des Non-Alignments, zieht sich durch die indische Au\u00dfenpolitik. Neu-Delhi will seine Probleme selbst l\u00f6sen und zugleich offen f\u00fcr Handel und Partnerschaften bleiben. \u201eIndiens T\u00fcr ist offen\u201c, sagt Shetty. \u201eAber sie \u00f6ffnet sich nur f\u00fcr Angebote, nicht f\u00fcr Belehrungen.\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Europa t\u00e4te gut daran, dies ernst zu nehmen. Statt moralisierender Rhetorik braucht es Pragmatismus. Weniger Forderungen, mehr Austausch. Weniger Bevormundung, mehr Kooperation. Investitionen, Technologiepartnerschaften, Bildungsprogramme \u2013 und Symbole, die zeigen, dass man Indien auf Augenh\u00f6he begegnet.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ article_paragraph_end-of-article-icon__tzjPO\">Indien bleibt eine Wildcard. Kompliziert, widerspr\u00fcchlich, vielen in Europa fremd, doch entscheidend f\u00fcr das Machtgef\u00fcge der kommenden Jahrzehnte. Blockfrei, offen f\u00fcr Gesch\u00e4fte, bereit f\u00fcr Partnerschaften. Dass Trumps Strafz\u00f6lle das globale Gleichgewicht verschoben haben, hat Europa ins Spiel gebracht. Ob Br\u00fcssel diese Chance nutzt oder Indien auch f\u00fcr die EU ein ungel\u00f6stes R\u00e4tsel bleibt, entscheidet sich im September.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eEuropa muss aus der Geisteshaltung herauswachsen, dass Europas Probleme die Probleme der Welt sind, aber die Probleme der&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":422406,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3933],"tags":[331,332,548,663,158,3934,3935,13,14,15,12],"class_list":{"0":"post-422405","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-eu","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europaeische-union","13":"tag-europe","14":"tag-european-union","15":"tag-headlines","16":"tag-nachrichten","17":"tag-news","18":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115203413845130251","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/422405","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=422405"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/422405\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/422406"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=422405"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=422405"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=422405"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}