{"id":424944,"date":"2025-09-15T15:38:12","date_gmt":"2025-09-15T15:38:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/424944\/"},"modified":"2025-09-15T15:38:12","modified_gmt":"2025-09-15T15:38:12","slug":"kommt-bald-das-universelle-gegengift","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/424944\/","title":{"rendered":"Kommt bald das universelle Gegengift?"},"content":{"rendered":"<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Rote Speikobra (Naja pallida)\" alt=\"Rote Speikobra (Naja pallida)\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/speikobra-100-1920x1080.jpg\" \/><\/p>\n<p>                  Weltweit gibt es etwa 600 Giftschlangenarten, 200 davon gelten als medizinisch relevant. (picture alliance \/ imageBROKER \/ Sunbird Images)<\/p>\n<p>                Sch\u00e4tzungen zufolge sterben weltweit jedes Jahr mehr als 100.000 Menschen an Schlangengiften. Etwa 300.000 bis 400.000 leben nach einem Biss mit einer Behinderung, zum Beispiel weil sie einen Arm oder ein Bein verlieren. Seit 2017 stehen Schlangenbisse deshalb auf der <a title=\"Link auf: Liste der vernachl\u00e4ssigten Tropenkrankheiten der WHO\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.who.int\/teams\/control-of-neglected-tropical-diseases\/snakebite-envenoming\/prevention-and-control\" class=\"click-tracking-paragraph\" data-tracking=\"{&quot;name&quot;:&quot;Link in Beitrag&quot;,&quot;chapter1&quot;:&quot;https:\/\/www.who.int\/teams\/control-of-neglected-tropical-diseases\/snakebite-envenoming\/prevention-and-control&quot;,&quot;chapter2&quot;:&quot;Liste der vernachl\u00e4ssigten Tropenkrankheiten der WHO&quot;,&quot;chapter3&quot;:&quot;Biss zum Gegengift - Ein Serum gegen alle Schlangen&quot;,&quot;level2&quot;:1}\" rel=\"nofollow noopener\">Liste der vernachl\u00e4ssigten Tropenkrankheiten der WHO<\/a>.<\/p>\n<p>Insbesondere Menschen im globalen S\u00fcden sind betroffen, in S\u00fcdamerika, Asien und Afrika. In Nordamerika und Europa kommen Schlangenbisse hingegen deutlich seltener vor. Auch deshalb ist die Forschung zu Gegengiften lange nicht vorangekommen. Bis jetzt.<\/p>\n<p>Am 12. September 2001 beginnt Tim Friede aus Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin mit einem lebensgef\u00e4hrlichen Experiment. Schon seit er ein Kind ist, faszinieren ihn Giftschlangen, in seinem Keller h\u00e4lt er mehrere Kobra-Arten. In den vergangenen Monaten hat Tim Friede sich immer wieder verd\u00fcnntes Schlangengift gespritzt. Jetzt will er beweisen, dass er damit Immunit\u00e4t gegen die t\u00f6dlichsten Schlangen der Welt aufgebaut hat \u2013 indem er sich bei\u00dfen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Erst holt er eine Monokelkobra und dann eine Ur\u00e4usschlange aus ihren Terrarien, streckt seinen linken Arm aus \u2013 und l\u00e4sst beide Tiere zubei\u00dfen. Noch bevor er das Gegengift aus seinem K\u00fchlschrank holen kann, wird alles schwarz.<\/p>\n<p>Ein Nachbar bringt Tim Friede sofort ins Krankenhaus. Vier Tage lang liegt er im Koma \u2013 und \u00fcberlebt. In den darauffolgenden 18 Jahren \u00fcberlebt er immer und immer wieder. In dieser Zeit l\u00e4sst Tim Friede sich von mehr als 200 Giftschlangen bei\u00dfen, darunter weitere Kobras, aber auch Klapperschlangen, Mambas und Taipane.<\/p>\n<p>Tim Friedes Plan ist hochgef\u00e4hrlich, Fachleute warnen ausdr\u00fccklich davor: &#8222;Selbst-Immunisierung ist keine gute Idee&#8220;, sagt Melisa Benard Valle, Assistenzprofessorin f\u00fcr Biotechnologie und Biomedizin an der D\u00e4nischen Technischen Universit\u00e4t Orbit. &#8222;Es ist auch dann keine gute Idee, wenn man es Schritt f\u00fcr Schritt mit verd\u00fcnntem Gift macht. Es gibt immer ein Risiko.&#8220;<\/p>\n<p>Wenn man Tim Friede fragt, warum er sich dieser Gefahr freiwillig aussetzt, erkl\u00e4rt er, dass es ihm Selbstbewusstsein gibt, die Schlangenbisse zu \u00fcberleben. Aber es gibt noch eine weitere Motivation: Tim Friede hofft, dass sein Blut eines Tages der Wissenschaft hilft. Er ahnt, dass die Antik\u00f6rper in seinem Blut der Schl\u00fcssel f\u00fcr ein universelles Gegengift sein k\u00f6nnten: ein Serum gegen alle Schlangen.<\/p>\n<p>Jacob Glanville ist Immunologe und Pharmaunternehmer aus Kalifornien. Er kritisiert, dass die Gegengiftforschung seit vielen Jahrzehnten kaum Fortschritte macht. &#8222;Eigentlich hat sich seit 125 Jahren kaum mehr etwas ge\u00e4ndert. Damals gab es einen Typen namens Albert Calmette. Er hat herausgefunden, dass ein Pferd Antik\u00f6rper produziert, wenn man ihm immer und immer wieder kleine Dosen von Schlangengift spritzt. Und das Serum aus dem Pferdeblut funktioniert dann als Gegengift.&#8220;<\/p>\n<p>                Bis heute wird Gegengift aus dem Blutserum von Pferden oder Schafen hergestellt. Der Prozess ist aufw\u00e4ndig und teuer \u2013 und f\u00fcr jede einzelne Schlangenart braucht es ein eigenes Gegengift. Gerade afrikanische L\u00e4nder werden deshalb mittlerweile kaum noch mit Antivenom beliefert. 2014 hat der franz\u00f6sische Pharmaproduzent Sanofi die Produktion eines wirksamen Kombinationspr\u00e4parats mit einer Mischung aus tierischen Antik\u00f6rpern gegen die zehn wichtigsten Giftschlangen-Arten der Subsahara-Region eingestellt. Das s\u00fcdafrikanische Pharmaunternehmen South African Vaccine Producers, der einzige afrikanische Gegengift-Produzent<a title=\"Link auf:  hat seit Jahren Lieferprobleme.\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.nhls.ac.za\/delays-in-snakebite-antivenom-production\/\" class=\"click-tracking-paragraph\" data-tracking=\"{&quot;name&quot;:&quot;Link in Beitrag&quot;,&quot;chapter1&quot;:&quot;https:\/\/www.nhls.ac.za\/delays-in-snakebite-antivenom-production\/&quot;,&quot;chapter2&quot;:&quot; hat seit Jahren Lieferprobleme.&quot;,&quot;chapter3&quot;:&quot;Biss zum Gegengift - Ein Serum gegen alle Schlangen&quot;,&quot;level2&quot;:1}\" rel=\"nofollow noopener\"> hat seit Jahren Lieferprobleme.<\/a><\/p>\n<p>Die Produktion von Antivenom mit tierischen Antik\u00f6rpern hat auch medizinische Nachteile: Der menschliche K\u00f6rper kann auf die tierischen Proteine im Serum mit einem allergischen Schock oder mit der sogenannten Serum-Krankheit reagieren. Darum werden die Antik\u00f6rper gereinigt und aufgespalten. Allerdings leiden dabei auch Haltbarkeit und Wirkdauer, sodass Betroffene das Gegengift innerhalb einiger Stunden mehrmals erhalten m\u00fcssen. &#8222;Alles Probleme, die ein Gegengift auf Basis von humanen Antik\u00f6rpern nicht h\u00e4tte&#8220;, sagt Jacob Glanville.<\/p>\n<p>Glanville hatte deshalb eine Idee: Er wollte einen Menschen finden, der Schlangenbisse \u00fcberlebt hat, um in seinem Blut nach Breitband-Antik\u00f6rpern zu suchen, die gegen m\u00f6glichst viele verschiedene Gifte\u00a0wirken k\u00f6nnten. Anfangs habe er gehofft, einen tollpatschigen Schlangenforscher zu finden, der ein paar Bisse hinter sich hat \u2013 ohne Erfolg. Doch dann st\u00f6\u00dft er online auf einen Artikel \u00fcber Tim Friede, den Schlangenmann aus Wisconsin. &#8222;Er hat sich in 17 Jahren und neun Monaten 645-mal selbst verd\u00fcnntes Gift verabreicht und sich 202-mal von 16 verschiedenen Giftschlangen bei\u00dfen lassen. Ich konnte das nicht glauben. Wenn irgendwer in der Welt diese universell neutralisierenden Antik\u00f6rper gebildet hat, dann er.&#8220;<\/p>\n<p>Im Jahr 2017 telefonieren Jacob Glanville und Tim Friede das erste Mal miteinander. Dieser erkl\u00e4rt sich bereit, eine kleine Blutspende zu geben. Die Suche nach den perfekten Antik\u00f6rpern beginnt.<\/p>\n<p>                <strong>Die Suche in Tim Friedes Antik\u00f6rper-Bibliothek<\/strong><\/p>\n<p>Jacob Glanville und sein Kollege Peter Kwong, Professor f\u00fcr Medizin, Biochemie und molekulare Biophysik an der Columbia University in New York beginnen nun den Bauplan f\u00fcr die Antik\u00f6rper aus Tim Friedes Immunzellen zu kopieren. Sie erstellen eine eigene Bibliothek der Antik\u00f6rper \u2013 die Tim-Friede-Bibliothek. Im n\u00e4chsten Schritt nehmen sie die Gifte unter die Lupe. Denn sie suchen eine Art Andockstelle, an die Tim Friedes Antik\u00f6rper binden und die im Idealfall m\u00f6glichst viele Schlangengifte gemeinsam haben.<\/p>\n<p>&#8222;Es gibt dieses bemerkenswerte biologische Prinzip, das wir von Viren wie Grippe, HIV, Coronaviren oder Malaria kennen&#8220;, erkl\u00e4rt Jacob Glanville. &#8222;Obwohl diese Viren sehr divers sind und sich auch andauernd ver\u00e4ndern, haben sie alle eine gemeinsame Achillesferse.&#8220; All diese Viren haben eine Angriffsstelle im Zentrum ihres Bauplans, den sie nicht ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, ohne sich quasi selbst auszul\u00f6schen. Die Evolution hat ihn konserviert. Aus Antik\u00f6rpern, die hier angreifen, k\u00f6nnen breit wirksame Therapeutika entwickelt werden.<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe mir gedacht: Es gibt rund 650 Giftschlangenarten aber \u2013 die Natur ist faul. Ich wette, auch die Gifte haben eine Conserved Site.&#8220; Tats\u00e4chlich entdeckt Jacob Glanville genau eine solche versteckte Andockstelle im Zentrum verschiedener Gifte. Mithilfe des Phagen Displays, einer Technologie, die 2018 den Nobelpreis f\u00fcr Medizin erhalten hatte, versuchen er und Peter Kwong nun die perfekte Kombination aus Antik\u00f6rpern und der Conserved Site zu finden.<\/p>\n<p>                <strong>Millionen Phagen f\u00fcr den Durchbruch<\/strong><\/p>\n<p>Daf\u00fcr nutzen die beiden eine Armee von Phagen, spezielle Viren, in die sich der Bauplan von Friedes Antik\u00f6rpern einschleusen l\u00e4sst. Jede einzelne Phage tr\u00e4gt auf ihrer Oberfl\u00e4che nun ein anderes Antik\u00f6rperfragment aus Tim Friedes Blut. Dann werden die Phagen mit den Giften konfrontiert. Wenn sie an ein Gift binden k\u00f6nnen, reichern sie sich an.<\/p>\n<p>Kwong und Glanville testen mit ihren Teams Runde um Runde \u2013 unterschiedliche Kombinationen aus verschiedenen Giftgruppen mit nahezu endlos vielen Antik\u00f6rperstrukturen. Und schlie\u00dflich finden sie tats\u00e4chlich einen vielversprechenden Kandidaten: Es ist ein Antik\u00f6rper, der alle langkettigen Neurotoxine, eine zentrale Toxingruppe zahlreicher Giftnattern-Arten, neutralisiert.<\/p>\n<p>Doch im Experiment mit M\u00e4usen reicht der Antik\u00f6rper nicht aus, um die Tiere ausreichend vor dem Gift zu sch\u00fctzen. Eine Redakteurin des Fachmagazins Cell motiviert die beiden Forscher, an einem Gegengift-Cocktail aus verschiedenen Antik\u00f6rpern zu arbeiten. Und nach monatelanger Suche finden die beiden schlie\u00dflich weitere passende Antik\u00f6rper.<\/p>\n<p>                Und die M\u00e4use leben. Jacob Glanville und Peter Kwong haben mithilfe von Tim Friedes Antik\u00f6rpern erstmals einen Breitband-Cocktail entwickelt, der im Maus-Experiment <a title=\"Link auf: nachweislich gegen zentrale Bestandteile der Gifte von 19 t\u00f6dlichen Schlangen wirkt\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.cell.com\/cell\/abstract\/S0092-8674(25)00402-7 \" class=\"click-tracking-paragraph\" data-tracking=\"{&quot;name&quot;:&quot;Link in Beitrag&quot;,&quot;chapter1&quot;:&quot;https:\/\/www.cell.com\/cell\/abstract\/S0092-8674(25)00402-7 &quot;,&quot;chapter2&quot;:&quot;nachweislich gegen zentrale Bestandteile der Gifte von 19 t\u00f6dlichen Schlangen wirkt&quot;,&quot;chapter3&quot;:&quot;Biss zum Gegengift - Ein Serum gegen alle Schlangen&quot;,&quot;level2&quot;:1}\" rel=\"nofollow noopener\">nachweislich gegen zentrale Bestandteile der Gifte von 19 t\u00f6dlichen Schlangen wirkt<\/a>, darunter Kobras, Kraits, Taipane und Mambas. Der Cocktail greift dabei die wichtigsten Toxingruppen an, die bei mehr als 300 Giftnatter-Arten mit Nervengiften vorkommen. <\/p>\n<p>Der Cocktail ist noch immer kein perfektes Gegengift. Und bis ein Medikament auf den Markt kommt, wird es noch dauern. Aber die Methode funktioniert, sagt auch die Schlangengift-Expertin Melisa Benard Valle: &#8222;Bis es ein marktreifes Produkt gibt, f\u00fcnf Jahre sind wahrscheinlich zu optimistisch. Wahrscheinlich etwas mehr. Aber die Forschung kommt schnell voran \u2013 und es ist m\u00f6glich. Und das h\u00e4tte vor f\u00fcnf Jahren noch niemand gedacht.&#8220;<\/p>\n<p>Das Leben von Tim Friede hat sich jetzt schon ver\u00e4ndert. Jacob Glanville hat ihm eine Position in seinem Pharmaunternehmen verschafft. Den Forschenden hat Tim Friede versprochen, seine Giftexperimente um seiner Gesundheit willen zu pausieren. Wie lange er diese Pause einh\u00e4lt, das kann er allerdings nicht sagen. &#8222;Es ist Euphorie und ein Adrenalin-Rausch. Nicht aufgrund einer Droge, sondern weil es sich menschlich anf\u00fchlt.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Weltweit gibt es etwa 600 Giftschlangenarten, 200 davon gelten als medizinisch relevant. (picture alliance \/ imageBROKER \/ Sunbird&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":424945,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[137],"tags":[29,90883,30,141,28351,232,111438,111439],"class_list":{"0":"post-424944","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-gesundheit","8":"tag-deutschland","9":"tag-gegengift","10":"tag-germany","11":"tag-gesundheit","12":"tag-gift","13":"tag-health","14":"tag-schlangenbiss","15":"tag-serum"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115209063988250858","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/424944","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=424944"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/424944\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/424945"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=424944"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=424944"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=424944"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}