{"id":426566,"date":"2025-09-16T06:46:18","date_gmt":"2025-09-16T06:46:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/426566\/"},"modified":"2025-09-16T06:46:18","modified_gmt":"2025-09-16T06:46:18","slug":"die-haende-der-frauen-wenn-der-koerper-gegen-unterdrueckung-rebelliert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/426566\/","title":{"rendered":"&#8222;Die H\u00e4nde der Frauen&#8230;&#8220;: Wenn der K\u00f6rper gegen Unterdr\u00fcckung rebelliert"},"content":{"rendered":"<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/coverdschabbarowa-100.webp\" alt=\"Cover: Jegana Dschabbarowa, &quot;Die H\u00e4nde der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt&quot;\" title=\"Cover: Jegana Dschabbarowa, &quot;Die H\u00e4nde der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt&quot; | Zsolnay\" class=\"responsive\"\/><\/p>\n<p>\n            Stand: 16.09.2025 06:00 Uhr<\/p>\n<p class=\"preface\">2024 musste die aserbeidschanische Dichterin Jegana Dschabbarowa aus Russland fliehen, weil sie lebensbedrohlichen Morddrohungen und Schikanen ausgesetzt war. Sie lebt jetzt in Hamburg und hat ihren ersten Roman ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p class=\"textauthor\">von <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/annemarie-stoltenberg,stoltenberg232.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Annemarie Stoltenberg<\/a><\/p>\n<p class=\"\">Jegana Dschabbarowa beschreibt in ihrem Text K\u00f6rperteile. Sie beginnt mit den Augenbrauen, dann folgen Nase, Mund, H\u00e4nde, Schultern, R\u00fccken. Jedes einzelne K\u00f6rperteil ist einem ganzen Konvolut von strengen Vorschriften unterworfen. Es ist nicht nur das Kopftuch. Zum Beispiel die Augenbrauen d\u00fcrfen erst gezupft werden, wenn eine Frau verheiratet ist. Sie erz\u00e4hlt von der Gesamtheit aller Sinneswahrnehmungen und von der Beschaffenheit des K\u00f6rpers und den Anforderungen an ihn. \u00dcber die H\u00e4nde, die ja schon im Titel vorkommen, hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote><p>\n        Die wichtigsten K\u00f6rperteile einer Frau waren die H\u00e4nde: Sie bereiteten Essen zu, wiegten Kinder, wuschen W\u00e4sche, b\u00fcgelten M\u00e4nnerhemden, wischten den Boden oder Staub &#8211; Frauenh\u00e4nde mussten immer besch\u00e4ftigt sein, Sorglosigkeit stand nur M\u00e4nnerh\u00e4nden zu. W\u00e4hrend M\u00e4nnerh\u00e4nde tr\u00e4ge auf gedeckten Tischen ruhten, brachten Frauenh\u00e4nde Speisen, verteilten Teller, rollten Teig (\u2026), k\u00fcrzten S\u00e4ume von Hochzeitskleidern. Jede Frau in unserer Familie wusste, dass die H\u00e4nde ihr nicht zum Schreiben gegeben waren.<\/p>\n<p>                Leseprobe<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/hand-102.webp\" alt=\"Eine Frau h\u00e4lt ihre H\u00e4nde vor das Gesicht. \" title=\"Eine Frau h\u00e4lt ihre H\u00e4nde vor das Gesicht.  | dpa\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>Hunderte Frauen und M\u00e4dchen werden in Deutschland Tag f\u00fcr Tag Opfer von k\u00f6rperlicher oder psychischer Gewalt. Aber der Staat unternimmt zu wenig f\u00fcr ihren Schutz, sagt das Deutsche Institut f\u00fcr Menschenrechte und fordert Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>    Krankheit als Befreiung und innerer Kampf<\/p>\n<p class=\"\">Die tausend Vorschriften religi\u00f6ser und kultureller Art in ihrer Familie erz\u00e4hlen von Unterdr\u00fcckung, Gewalt und Unterwerfung. Die Ich-Erz\u00e4hlerin entzieht sich den Forderungen St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck. Sie entkommt den Repressalien durch eine Krankheit, die eine r\u00e4tselhafte Zerst\u00f6rung des ganzen K\u00f6rpers nach sich zieht. Andererseits bedeutet just diese Krankheit etwas, das \u00c4rzte als &#8222;Krankheitsvorteil&#8220; beschreiben. Wenn die Ich-Erz\u00e4hlerin k\u00f6rperlich nicht funktioniert, kann sie auch nicht verheiratet werden. Der Druck auf sie wirkt so massiv, dass man sich zu fragen beginnt, wie und woher die innere Gegenwehr, ein anderer Lebensentwurf gespeist sein k\u00f6nnte. Es kann unter anderem der liebevolle Gro\u00dfvater gewesen sein:<\/p>\n<blockquote><p>\n        Er war es auch, der mit uns sprach: Er nannte den Fluss Fluss, Gras Gras, Sch\u00f6nes sch\u00f6n, den Himmel Himmel und die Erde Erde. Er geizte nicht mit Z\u00e4rtlichkeit, er trug uns auf seinem R\u00fccken \u00fcber Bergfl\u00fcsse, auch als wir l\u00e4ngst gro\u00df geworden waren. Die wichtigsten Lektionen &#8211; wie man liebt, sanft und z\u00e4rtlich ist, das Sch\u00f6ne sieht, Worte sagt &#8211; habe ich von ihm gelernt.<\/p>\n<p>                Leseprobe<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"\">Wie ihre H\u00e4nde, Arme und Beine versagen und die Ich-Erz\u00e4hlerin immer wieder ins Krankenhaus muss und den \u00c4rzten R\u00e4tsel aufgibt, wird intensiv beschrieben:<\/p>\n<blockquote><p>\n        Der Schmerz hatte mich b\u00f6se gemacht und in meine Haut eingesperrt: Mich nervten andere, gesunde K\u00f6rper, die m\u00fchelos sprechen, atmen und sich bewegen konnten, mich nervten Freundinnen, die freudig \u00fcber ihre Zukunftspl\u00e4ne und ihre neuen Partner sprachen, (\u2026). Ich sah keine Zukunft, denn alles, was meine Augen sehen konnten, war Schmerz, eine weitere Sackgasse meines K\u00f6rpers, sein Sterben und sein langsames Zerfallen: Ich f\u00fchlte, wie ich zu einer Statue wurde, wie ich innerlich versteinerte, wie ich mich in einen trockenen Stein verwandelte, in ein Gef\u00e4\u00df f\u00fcr Zorn.<\/p>\n<p>                Leseprobe<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>    Mit poetischer Sprache gegen Gewalt und Unterdr\u00fcckung<\/p>\n<p class=\"\">Es ist ersch\u00fctternd, wie sehr die Unterdr\u00fcckung von Frauen \u00fcber ihre K\u00f6rperlichkeit und eben auch den eigenen Umgang der Frauen mit ihren K\u00f6rpern funktioniert. In einer unendlich zarten, friedfertigen, poetischen Sprache &#8211; vorz\u00fcglich \u00fcbersetzt von\u00a0Maria Rajer &#8211; erz\u00e4hlt Jegana Dschabbarowa von brutalen und finsteren Zust\u00e4nden.<\/p>\n<p class=\"\">Jegana Dschabbarowa stellt ihr Buch am 17. September im Literaturhaus Hamburg vor &#8211; im Gespr\u00e4ch mit Olga Grjasnowa.<\/p>\n<p>        Schlagw\u00f6rter zu diesem Artikel<\/p>\n<p>            <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/buch\/Romane-Buch-Rezensionen-Lesungen-und-Podcasts,romane107.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Romane<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 16.09.2025 06:00 Uhr 2024 musste die aserbeidschanische Dichterin Jegana Dschabbarowa aus Russland fliehen, weil sie lebensbedrohlichen Morddrohungen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":426567,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1797,1785,1796,29,111727,214,30,111726,1795,1800,215],"class_list":{"0":"post-426566","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buch","10":"tag-buecher","11":"tag-buchtipps","12":"tag-deutschland","13":"tag-die-haende-der-frauen-in-meiner-familie-waren-nicht-zum-schreiben-bestimmt","14":"tag-entertainment","15":"tag-germany","16":"tag-jegana-dschabbarowa","17":"tag-roman","18":"tag-romane","19":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115212634849335426","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/426566","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=426566"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/426566\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/426567"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=426566"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=426566"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=426566"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}