{"id":426792,"date":"2025-09-16T08:45:10","date_gmt":"2025-09-16T08:45:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/426792\/"},"modified":"2025-09-16T08:45:10","modified_gmt":"2025-09-16T08:45:10","slug":"am-katzentisch-die-neue-weltordnung-stellt-europas-einfluss-radikal-infrage-aussen-und-sicherheitspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/426792\/","title":{"rendered":"Am Katzentisch: Die neue Weltordnung stellt Europas Einfluss radikal infrage \u2013 Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Die Spatzen pfeifen es von den D\u00e4chern: Die Zeit des Multilateralismus ist vorbei, die Epoche der liberalen Weltordnung zu Ende. Gr\u00fcnde sind schon seit den 2010er Jahren der Aufstieg Chinas und der selbstbewusste Zusammenschluss der BRICS-plus-Gruppe, die mittlerweile weit \u00fcber die urspr\u00fcnglichen Gr\u00fcnderstaaten Brasilien, Russland, Indien, China und S\u00fcdafrika hinausgeht. Noch ma\u00dfgeblicher wird die liberale Weltordnung jedoch von innen heraus untergraben: durch den fr\u00fcheren Hegemonen. Trump 2.0 steht f\u00fcr die geradezu lustvolle und atemberaubend schnelle Zerst\u00f6rung bisheriger Strukturen, ohne dass sich Umrisse einer neuen Ordnung abzeichnen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die friedenspolitischen Kosten dieser Abrissunternehmung sind gro\u00df. Wurde seit den 1990er Jahren \u2013 oftmals im Rahmen der Vereinten Nationen \u2013 das Konzept eines liberalen und nachhaltigen Friedens verfolgt, dominieren im Moment Gegenkr\u00e4fte in den regionalen Konfliktherden. Wo Waffenstillst\u00e4nde oder Friedensschl\u00fcsse m\u00f6glich sind, entstehen machtbasierte Arrangements \u2013 eher ein Flickenteppich kurzfristiger Stabilisierungsversuche, als dass sie \u00fcbergeordneten Designs folgten.<\/p>\n<p>Stark betroffen von diesem, schon vor Trump 2.0 einsetzenden Epochenbruch waren Libyen und Syrien, die zum Spielball regionaler wie globaler Geopolitik wurden. Auch der Gaza-Krieg steht im Schatten geopolitischer Machtkonkurrenzen, bedarf aber einer eigenen Analyse. Stattdessen soll hier die Ukraine im Vordergrund stehen, in der seit dem Angriff Russlands der derzeit verlustreichste Krieg weltweit tobt und \u00fcber deren Kopf hinweg j\u00fcngst in Alaska \u00fcber Gebietsabtretungen verhandelt wurde.<\/p>\n<p>Die ver\u00e4nderte Welt ist durch geopolitischen Wettbewerb charakterisiert. <a href=\"https:\/\/internationalepolitik.de\/de\/drei-kampfzonen\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Welche Strategie die USA dabei genau verfolgen, ist noch umstritten.<\/a> W\u00e4hrend das neokonservativ gepr\u00e4gte Lager der Primacists an der weltweiten \u00dcberlegenheit der USA festhalten, favorisieren die Priorisierer ein Disengagement in Europa und Nahost, um besser f\u00fcr die Auseinandersetzung mit China ger\u00fcstet zu sein. Die Isolationisten hingegen stehen jedwedem globalen Machtanspruch skeptisch gegen\u00fcber und wollen sich auf den amerikanischen Kontinent konzentrieren.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Viel st\u00e4rker als sein Amtsvorg\u00e4nger Joe Biden, der Taiwan sichtbar unterst\u00fctzte, verfolgt US-Pr\u00e4sident Donald Trump eine Politik der strategischen Ambiguit\u00e4t.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>US-Pr\u00e4sident Donald Trump oszilliert in seinen wechselhaften \u00c4u\u00dferungen zwischen den ersten beiden Lagern, l\u00e4sst jedoch eine klare Tendenz f\u00fcr die Priorisierer erkennen. Ihm scheint bewusst zu sein, dass eine unmittelbare Konfrontation mit den nuklearen Gro\u00dfm\u00e4chten China und Russland derzeit gef\u00e4hrlich w\u00e4re. Er scheint sich bis auf Weiteres auf eine Politik der Sicherung von Einflusssph\u00e4ren festgelegt zu haben, um Kr\u00e4fte f\u00fcr den gro\u00dfen Konflikt mit China zu sammeln. F\u00fcr die Interimsphase bis zum gro\u00dfen Showdown k\u00f6nnte es eine Art stillschweigendes Einverst\u00e4ndnis zwischen Russland und den USA geben. Dies w\u00e4re dann eine Welt, in der die USA unter anderem Zugriff auf Gr\u00f6nland h\u00e4tten \u2013 und in der die Ukraine von Russland kleingehalten und bevormundet w\u00fcrde, was erhebliche R\u00fcckwirkungen auf Friedensverhandlungen h\u00e4tte. Ob in der Folge dieser Logik China dann auch seine Anspr\u00fcche auf Taiwan durchzusetzen vermag, scheint derzeit offen. Viel st\u00e4rker als sein Amtsvorg\u00e4nger Joe Biden, der Taiwan sichtbar unterst\u00fctzte, verfolgt US-Pr\u00e4sident Donald Trump eine Politik der strategischen Ambiguit\u00e4t, bei der das Schutzversprechen mehrdeutig und vage bleibt.<\/p>\n<p>Seit Ende der 1980er Jahr war weltweit und unter F\u00fchrung der Vereinten Nationen der Versuch unternommen worden, ein anspruchsvolles Modell der Konfliktbeilegung und nachhaltiger Friedenssicherung zu etablieren. Es folgte liberalen Designs, die mit den Mitteln von Demokratie und Marktwirtschaft kriegszerr\u00fcttete Gesellschaften transformieren und nicht nur stabilisieren wollten. Heute scheinen wir von diesen Anspr\u00fcchen weiter entfernt denn je.<\/p>\n<p>Verantwortlich hierf\u00fcr ist zweifellos das Scheitern westlich dominierter Milit\u00e4reins\u00e4tze in Afghanistan, im Irak und in der Sahel-Region. Zweitens haben sich seit geraumer Zeit <a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/epub\/10.1177\/0010836718765902\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Gegenmodelle des autorit\u00e4ren Konfliktmanagements beziehungsweise des illiberalen Peacebuilding<\/a> entwickelt, wie zum Beispiel innerstaatliche Konflikte in Russland, Sri Lanka, China, \u00c4thiopien, Ruanda und in der T\u00fcrkei. Schlie\u00dflich gibt es Kr\u00e4fte, die sich explizit gegen einen nachhaltigen Frieden richten (counter peace). Ihnen ist <a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/pdf\/10.1177\/13540661231168772\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">das emanzipatorische Element des liberalen Peacebuilding ein Dorn im Auge<\/a>. Derartig destruktiv wirkende Kr\u00e4fte waren bereits im Libyen-Krieg aktiv, so etwa Russland, die T\u00fcrkei, \u00c4gypten oder die Vereinigten Arabischen Emirate.<\/p>\n<p>Das Paradigma eines machtbasierten Friedens (power peace) zeigt sich besonders deutlich anhand des Krieges in Syrien, der viel zu sp\u00e4t und bis auf Weiteres nur vorl\u00e4ufig beendet wurde. Sinnbild daf\u00fcr sind die Anfang 2017 begonnenen Astana-Gespr\u00e4che zwischen Russland, dem Iran und der T\u00fcrkei. In ihnen ging es letztlich um <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/epdf\/10.1080\/17502977.2024.2371713?needAccess=true\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Deeskalation und kurzfristige Stabilisierung sowie um den Fortbestand eines autokratischen Regimes<\/a>. Bezeichnenderweise waren diese Bem\u00fchungen nicht von Erfolg gekr\u00f6nt, denn die machtpolitischen Interessen Russlands, des Irans und der T\u00fcrkei konvergierten nur bedingt. Stattdessen setzte sich 2024 der regional st\u00e4rkste Spieler durch: Die T\u00fcrkei nutzte die Gunst der Stunde und unterst\u00fctzte die syrische Rebellenallianz Hai\u02beat Tahrir asch-Scham bei der Einnahme zentraler Gebiete und bei der Eroberung von Damaskus im Dezember 2024. Russland war zu dieser Zeit durch den Krieg in der Ukraine gebunden; und der Iran musste mit ansehen, wie Israel im Libanon die verb\u00fcndete Hisbollah-Miliz entscheidend schw\u00e4chte.<\/p>\n<p>Das trilaterale Forum der Astana-Gespr\u00e4che zielte nicht auf einen nachhaltigen Frieden. Zugleich stand es f\u00fcr einen begrenzten Multilateralismus, der zwar mit den UN-Bem\u00fchungen rivalisierte, aber zugleich auch die Anschlussf\u00e4higkeit an die UN-Diplomatie im Blick hatte. Schlie\u00dflich gab es durch die Einbeziehung von Vertretern der syrischen Regierung und ausgew\u00e4hlter Oppositionsgruppen eine selektive Inklusivit\u00e4t.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Die betroffene Seite sa\u00df in Alaska nicht mit am Tisch \u2013 und auch die anderen Europ\u00e4er waren ausgeschlossen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Mit Trump 2.0 und seinem Ansatz im Russland-Ukraine-Krieg wird demgegen\u00fcber geopolitisches Verhandeln auf eine neue Stufe gebracht, die auf Exklusivit\u00e4t setzt. <a href=\"https:\/\/dgap.org\/en\/research\/publications\/after-alaska-summit-ukraine-not-closer-peace\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Sie kommt den Putin\u2019schen Vorstellungen entgegen<\/a>, den Ukraine-Krieg im Stil einer Jalta-Konferenz zu l\u00f6sen. Mit einem wichtigen Unterschied allerdings zum Februar 1945: Beim Alaska-Gipfel vom 15. August 2025 verhandelte der Pr\u00e4sident des m\u00e4chtigsten Staates weltweit mit einem Aggressor \u00fcber das potenzielle Beutest\u00fcck. Die betroffene Seite sa\u00df nicht mit am Tisch \u2013 und auch die anderen Europ\u00e4er waren ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Die derzeitige US-Strategie \u00f6ffnet einer revisionistischen Macht T\u00fcr und Tor, milit\u00e4risch eroberte Gebiete nicht nur v\u00f6lkerrechtswidrig zu annektieren, sondern sogar mit einer internationalen Anerkennung rechnen zu k\u00f6nnen. Kiew ist dazu zwar nicht bereit. Doch sind die milit\u00e4rischen und wirtschaftlichen Hebel Washingtons gegen\u00fcber dem ukrainischen Pr\u00e4sidenten Wolodymyr Selenskyj letztlich gro\u00df.<\/p>\n<p>Steuern wir unwiderruflich auf ein Zeitalter der Geopolitik zu? Mit Blick auf die Ukraine scheint der Zug noch nicht v\u00f6llig abgefahren zu sein. Denn ebenso wie in Syrien sto\u00dfen Gro\u00dfmacht-Deals auf inh\u00e4rente Grenzen. Diese liegen f\u00fcr die USA nicht zuletzt darin, dass sie mit Blick auf die Sicherheitsgarantien f\u00fcr die Ukraine auf die Europ\u00e4er angewiesen sind. Diese sollten sich nicht vorschnell auf Beitr\u00e4ge und Arrangements verpflichten, an deren Ausgestaltung sie nicht beteiligt werden. Sie haben n\u00e4mlich durchaus Verhandlungsmacht, insofern sie bei einem Friedensschluss unabdingbar eine zentrale Rolle spielen m\u00fcssen. Zudem k\u00f6nnten sie auch auf externe, au\u00dfereurop\u00e4ische Beobachter dr\u00e4ngen, um in einem fortgeschrittenen Verhandlungsprozess m\u00f6gliche Friedensgespr\u00e4che multilateral zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Hierzu bed\u00fcrfte es allerdings einer eigenst\u00e4ndigeren Position in den transatlantischen Beziehungen, wie wir sie eher in Frankreich als in Deutschland finden. Konkret bedeutet dies: Mit Blick auf China sollte die EU einen abw\u00e4genden Kurs steuern, der die multilateralen Bem\u00fchungen der ostasiatischen Gro\u00dfmacht w\u00fcrdigt und nicht der Schwarz-Wei\u00df-Vorstellung eines unausweichlichen Hegemonialkonflikts folgt. Angesichts der russischen Bedrohung ist das Vertrauen in amerikanische Sicherheitsgarantien br\u00fcchig geworden. <a href=\"file:\/\/vol01bln.fes.de\/VOL01\/daten\/IZ\/GEP%20IPG%20Journal\/4_IPG-Journal\/Inhalte%202025\/Inhalte%2009%20September\/Einzelbeitr\u00e4ge\/%5bhttps:\/wissenschaft-und-frieden.de\/artikel\/ein-angriff-russlands-auf-die-nato\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Zugleich gibt es auch keinen Grund f\u00fcr Alarmismus<\/a>, der das Szenario eines baldigen und quasi nat\u00fcrlichen russischen Angriffs auf die NATO an die Wand malt und die europ\u00e4ischen NATO-Kapazit\u00e4ten kleinredet. Kurzum: Es ist in der derzeitigen Lage wenig hilfreich, dass Schmeichler wie der NATO-Generalsekret\u00e4r Mark Rutte das Wort f\u00fchren. Vielmehr sollte Klartext gegen\u00fcber der US-Administration geredet werden. Europ\u00e4ische Sicherheitsgarantien f\u00fcr die Ukraine sind m\u00f6glich. Aber es muss betont werden, dass diese nur dann bereitgestellt werden, wenn die USA auch in dieses durchaus riskante Unternehmen einsteigen und die europ\u00e4ischen B\u00fcndnispartner nicht vor vollendete Tatsachen stellen. Ansonsten drohen die Europ\u00e4er am Katzentisch der Gro\u00dfm\u00e4chtediplomatie zu landen und friedenspolitisch keinen Einfluss nehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Spatzen pfeifen es von den D\u00e4chern: Die Zeit des Multilateralismus ist vorbei, die Epoche der liberalen Weltordnung&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":426793,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3933],"tags":[331,332,227,548,663,158,3934,3935,15578,1403,13,19025,14,15,307,12,58,317,64,82694],"class_list":{"0":"post-426792","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-eu","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-china","11":"tag-eu","12":"tag-europa","13":"tag-europaeische-union","14":"tag-europe","15":"tag-european-union","16":"tag-frieden","17":"tag-geopolitik","18":"tag-headlines","19":"tag-machtpolitik","20":"tag-nachrichten","21":"tag-news","22":"tag-russland","23":"tag-schlagzeilen","24":"tag-syrien","25":"tag-ukraine","26":"tag-usa","27":"tag-weltordnung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115213102201386786","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/426792","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=426792"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/426792\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/426793"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=426792"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=426792"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=426792"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}