{"id":430279,"date":"2025-09-17T17:55:23","date_gmt":"2025-09-17T17:55:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/430279\/"},"modified":"2025-09-17T17:55:23","modified_gmt":"2025-09-17T17:55:23","slug":"erinnerung-an-hermann-huebsch-der-stuttgarter-maler-der-50-jahre-im-wald-lebte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/430279\/","title":{"rendered":"Erinnerung an Hermann H\u00fcbsch: Der Stuttgarter Maler, der 50 Jahre im Wald lebte"},"content":{"rendered":"<p>Die sch\u00f6nsten Geschichten liegen auf der Stra\u00dfe, sagt man. Manchmal h\u00e4ngen sie auch an einem Baum. So wie im Fall des 1995 verstorbenen Stuttgarter Malers Hermann H\u00fcbsch, der gro\u00dfe Teile seines 95-j\u00e4hrigen Lebens im Wald verbrachte, dem Weidach- und Zettachwald oberhalb des K\u00f6rschtals unweit des Pressehauses in M\u00f6hringen. Dort, mitten im Wald, befand sich seine H\u00fctte, in der er mehr als 50 Jahre lang lebte, immer von Montag bis Donnerstag, und dort \u00fcber Gott und die Welt und die Natur im Speziellen nachdachte, Fl\u00f6te spielte und sich am Dasein freute. Ein Ort, den er mitsamt den von ihm angelegten und bestellten Gem\u00fcsebeeten und einem selbst gemauerten, kleinen Schwimmbad sein \u201eG\u00fctle\u201c nannte \u2013 und den es nicht mehr gibt. <\/p>\n<p>Dort, an einem Baum oberhalb des verschwundenen \u201eG\u00fctle\u201c, an das heute nur noch eine Bodenplatte erinnert, h\u00e4ngt ein Zettel, auf dem ein gewisser P. Z\u00fcgel nach \u201eBildern und Kunstwerken des 1901 in Lucine in Schlesien geborenen und 1995 in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a> verstorbenen Kunstmalers Hermann H\u00fcbsch\u201c fragt. Er wolle \u201eein digitales Archiv des k\u00fcnstlerischen Nachlassens von Herrn H\u00fcbsch erstellen\u201c, steht dort zu lesen. Es gehe ihm um Nachweise zu \u201e\u00d6lbildern, Aquarellen, Kompositionen, Skulpturen und Kreide- und Federrohrzeichnungen\u201c. Abgebildet ist auch die zweist\u00f6ckige H\u00fctte, die Hermann H\u00fcbsch von der Universit\u00e4t Hohenheim gepachtet hatte und kurz nach Kriegsende bezog. Er bemalte sie au\u00dfen mit Fresken und verzierte sie innen mit Mosaiken aus Tr\u00fcmmern. Strom und Wasser gab es nicht; H\u00fcbsch heizte mit Kohlen, morgens wusch er sich an einem Wassertrog. Fotografien zeigen einen hageren, kleinen Mann mit lichten, wei\u00dfen Haaren. Sie erinnern an einen Asketen.<\/p>\n<p>Fast das gesamte Fr\u00fchwerk ging im Krieg verloren <\/p>\n<p>Doch die Geschichte von Hermann H\u00fcbsch f\u00fchrt \u00fcber diesen Wald und die Einsiedelei hinaus. Sie f\u00fchrt nach Heslach, wo er seinen offiziellen Wohnsitz hatte. Sie f\u00fchrt zu seinem Gesundbrunnen, das Mineralbad Leuze, das er immer freitags besuchte, und in die Ameisenbergstra\u00dfe, wo sich sein Atelier befand, das ihm die Stadt nach dem Krieg zur Verf\u00fcgung gestellt hatte. Samstags war sein Maltag. <\/p>\n<p>H\u00fcbschs Geschichte f\u00fchrt auch auf die Schw\u00e4bische Alb, auf der er mit seiner Frau Doris sonntags auf Malwanderungen unterwegs war, und nach Bergell in Graub\u00fcnden, eine Landschaft, die er liebte und der er zahlreiche Bilder widmete. \u00dcberhaupt war er h\u00f6chst produktiv. Mindestens 1500 Arbeiten von ihm sind erhalten; sie bilden aber nur einen Ausschnitt seines Ouevres. Fast sein gesamtes Fr\u00fchwerk ging im Krieg verloren; ein Bombenangriff 1944 zerst\u00f6rte H\u00fcbschs damaliges Atelier in der Birkenwaldstra\u00dfe. <\/p>\n<p>Seine Geschichte f\u00fchrt auch zu jenem Peter Z\u00fcgel, der das DIN-A4-Blatt an den Baum im Weidach- und Zettachwald heftete, einem 58-j\u00e4hrigen ehemaligen Berufsschullehrer und fr\u00fcheren Nachbarn von Hermann H\u00fcbsch in Heslach, wo Z\u00fcgel heute noch wohnt. Die Begegnung mit dem <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Maler\" title=\"Maler\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Maler<\/a> und Menschen sei f\u00fcr ihn eine \u201epr\u00e4gende Erfahrung\u201c gewesen, sagt er. Seine Eltern erwarben f\u00fcr ihn und seine beiden Geschwister schon fr\u00fch einige von H\u00fcbsch Bildern. Oft sa\u00df er als junger Mann mit ihm zusammen. Sie sammelten Teekr\u00e4uter oder besorgten Holz f\u00fcr die Bilderrahmen, die der Maler selbst anfertigte. Als H\u00fcbsch 1990, damals bereits 90 Jahre alt, sein \u201eG\u00fctle\u201c im Wald altershalber aufl\u00f6ste, half er ihm beim Auszug. Das digitale Archiv, das er anlegen und der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich machen will und f\u00fcr das er weitere Hinweise auf Arbeiten des K\u00fcnstlers sucht, sieht er als Ausdruck von Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr dessen Leben und Wirken an. <\/p>\n<p>In hohem Alter erfand er sich als K\u00fcnstler neu <\/p>\n<p>Dieses Leben war nicht nur reich an Bildern, sondern auch an Ereignissen und Begegnungen. Bevor er Kunstmaler wurde, erlernte H\u00fcbsch das Malerhandwerk. Er ging auf Wanderschaft und wechselte das Metier. An der Universit\u00e4t D\u00fcsseldorf nahm er Mal- und Zeichenkurse, ebenso an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen. Von 1926 bis 1932 studierte er an der Kunstakademie in Stuttgart. Fortan war er freischaffender K\u00fcnstler. Es folgten die Kriegsjahre und die Einberufung in die Wehrmacht. An der Ostfront geriet H\u00fcbsch in Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung 1946 z\u00e4hlte er zu den Mitbegr\u00fcndern der Freien Kunstschule Stuttgart, wo er bis 1956 lehrte \u2013 wenn er sich nicht in seinem \u201eG\u00fctle\u201c oder seinem Atelier aufhielt. 1947 schloss er sich der \u201eStuttgarter Sezession\u201c an.<\/p>\n<p>Nicht alles, was er machte, war in strengem Sinne Kunst. H\u00fcbsch malte Schilder und portr\u00e4tierte Familien \u2013 Auftragsarbeiten. In den 1950er und 1960er Jahren \u00fcbernahm er etliche Kunst-am-Bau-Auftr\u00e4ge und fertigte die f\u00fcr die damalige Zeit charakteristischen in Putz geritzten gro\u00dfformatigen Bilder an, die bis heute viele H\u00e4userfassaden zieren, sogenannte Sgraffiti. Das Foyer der Stuttgarter Nachrichten in der R\u00e4pplenstra\u00dfe, wo die Zeitung von 1964 bis 176 ihren Sitz hatte, gestaltete er gro\u00dffl\u00e4chig mit Mosaiken aus. Und er entwickelte sich immer weiter. In seinem Sp\u00e4twerk findet sich nichts Fig\u00fcrliches mehr. H\u00fcbschs Kunst wurde abstrakt, collagenartig. Er experimentierte mit Applikationen und Farbfl\u00e4chen. Seine letzte Ausstellung hatte er 1994 im Stuttgarter Rathaus. Hermann H\u00fcbsch war damals 94. <\/p>\n<p> Die gro\u00dfe Liebe zwischen Doris Schoettle und Hermann H\u00fcbsch <\/p>\n<p>Ein wesentlicher Teil seiner Geschichte ist durch seine Frau gepr\u00e4gt, Doris Schoettle, Tochter von Helene und Erwin Schoettle, zwei Namen, bei denen man in Stuttgart die Ohren spitzt. Erwin Schoettle (1899 \u2013 1976), Widerstandsk\u00e4mpfer im Exil, SPD-Gr\u00f6\u00dfe und sp\u00e4ter Bundestagsvizepr\u00e4sident, war 1946 Mitherausgeber der Stuttgarter Nachrichten. Seine Frau Helene (1903 \u2013 1994), die gro\u00dfe Dame der Stuttgarter SPD, baute f\u00fcr die Arbeiterwohlfahrt nach dem Krieg ein Netz an N\u00e4hstuben auf und war Mitbegr\u00fcnderin des Vereins Lebenshilfe f\u00fcr geistig Behinderte. Die Schoettles haben gro\u00dfe Fu\u00dfspuren in der Stadt hinterlassen. <\/p>\n<p>Ihre Tochter Doris wurde 1928 geboren. An der Freien Kunstschule lernte sie den 27 Jahre \u00e4lteren Hermann kennen. Sie war seine Sch\u00fclerin. Und wurde seine Lebensgef\u00e4hrtin \u2013 anfangs ein schwieriges Thema im Hause Schoettle, wie Peter Z\u00fcgel wei\u00df. Ein Internat-Aufenthalt in England sollte bei Doris ein Nachdenken bewirken. Doch die Liebe war st\u00e4rker. 1961 heirateten die beiden. 1963 wurde ihr Sohn Mathias geboren. Das Schoettle-Haus in Heslach bildete das gemeinsame Dach. Nach dem fr\u00fchen Tod von Doris Schoettle 1988 wohnte der vom Tod seiner Frau gezeichnete Hermann H\u00fcbsch dort mit seiner zwei Jahre j\u00fcngeren Schwiegermutter. Das letzte Lebensjahr verbrachte er in der Bopserwaldstra\u00dfe, wo er vor 30 Jahren bei einem Saunabesuch starb. <\/p>\n<p> Ein Zeitdokument: Bleistiftzeichnungen von Kriegsgefangenen  <\/p>\n<p>Hermann H\u00fcbsch hat seine Lebensbegleiter in Bildern festgehalten: Helene Schoettle, Erwin Schoettle \u2013 von ihnen existieren mehrere Portr\u00e4ts. Und nat\u00fcrlich seine geliebte Doris. Ein Zeugnis dieser innigen Beziehung ist ein farbenpr\u00e4chtiges Gem\u00e4lde des Hochzeitsstrau\u00dfes der Eheleute H\u00fcbsch, das ebenfalls erhalten geblieben ist. Portr\u00e4tiert hat er auch einen befreundeten Mit-Leuzeaner, der sich beim Anblick des Bildes allerdings so schlecht getroffen f\u00fchlte, dass er H\u00fcbsch die Freundschaft aufk\u00fcndigte, wie Z\u00fcgel schmunzelnd erz\u00e4hlt. Der Sohn des Portr\u00e4tierten fand sp\u00e4ter \u00fcbrigens: \u201eGenau so sah er aus!\u201c <\/p>\n<p>Und dann gibt es da noch eine ganz andere Sorte Portr\u00e4ts \u2013 Bleistiftzeichnungen aus dem Kriegsgefangenenlager Kreuzburg bei Breslau. Mehr als 100 Mitgefangene hat Hermann H\u00fcbsch dort zwischen Mai und August 1945 portr\u00e4tiert, die Bl\u00e4tter mit Datum versehen und auf der R\u00fcckseite die Namen der Soldaten notiert. \u201eDie Zeichnungen stellen ein einzigartiges Zeitdokument dar\u201c, schrieb Peter Z\u00fcgel vor einem Jahr in einem Brief an das Stuttgarter Kulturamt: \u201eIn den ersch\u00f6pften, freudlosen und ausgemergelten Gesichtern, spiegelt sich die Grausamkeit, Trostlosigkeit und Sinnlosigkeit des Krieges wider.\u201c Einige Gesichter lie\u00dfen aber auch Hoffnung auf eine bessere Zukunft erahnen. Vielleicht k\u00f6nnten die Bilder dazu beitragen, die heutigen Generation an das Nie wieder zu erinnern, schrieb Z\u00fcgel weiter: \u201eEs w\u00e4re sch\u00f6n, wenn sie Teil einer Ausstellung zum Gedenken an den 80. Jahrestag der Befreiung vom Naziterror am 8. Mai 1945 sein k\u00f6nnten.\u201c<\/p>\n<p>Eine Antwort hat er bis heute nicht erhalten. So wenig wie von der Uni Stuttgart, der Merz-Akademie und der Staatlichen Akademie der Bildenden K\u00fcnste Stuttgart, wo er jeweils anregte, H\u00fcbsch und sein Werkverzeichnis zum Thema einer Bachelor- oder Masterarbeit zu machen. Einen passenden Anlass dazu gibt es: am 22. November 2026 w\u00fcrde Hermann H\u00fcbsch 125 Jahre alt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die sch\u00f6nsten Geschichten liegen auf der Stra\u00dfe, sagt man. Manchmal h\u00e4ngen sie auch an einem Baum. 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