{"id":431160,"date":"2025-09-18T02:15:13","date_gmt":"2025-09-18T02:15:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/431160\/"},"modified":"2025-09-18T02:15:13","modified_gmt":"2025-09-18T02:15:13","slug":"wirbel-um-caroline-wahl-ein-merkwuerdiges-verstaendnis-von-literatur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/431160\/","title":{"rendered":"Wirbel um Caroline Wahl: Ein merkw\u00fcrdiges Verst\u00e4ndnis von Literatur"},"content":{"rendered":"<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"0\" should-collapse-on-mobile=\"true\" hydrate-on-idle=\"\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Die Geschichte ist filmreif. Eine junge Frau ist ungl\u00fccklich in ihrem Job, wei\u00df nicht, wo sie hingeh\u00f6rt. Um sich abzulenken, beginnt sie, einen Roman zu schreiben. Der wird ein gro\u00dfer Bestseller, ein weiterer folgt, au\u00dferdem gibt es eine Verfilmung. Und auch das dritte Buch steigt direkt auf Platz 1 der Bestseller-Liste ein.<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"1\" should-collapse-on-mobile=\"true\" hydrate-on-idle=\"\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Diese m\u00e4rchenhafte Geschichte ist Caroline Wahl, die in diesem Sommer 30 geworden ist, passiert. Aus einer unbekannten, gescheiterten Verlagsmitarbeiterin wurde fast \u00fcber Nacht ein gro\u00dfer Star der deutschen Literaturszene. Am Anfang gefiel fast allen diese Aufstiegsgeschichte. Die Menschen m\u00f6gen schlie\u00dflich M\u00e4rchen. Ihr Deb\u00fct \u201e22 Bahnen\u201c wurde zum Lieblingsbuch der unabh\u00e4ngigen Buchhandlungen gew\u00e4hlt, in der Presse gelobt, von den Fans geliebt.<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"2\" should-collapse-on-mobile=\"true\" hydrate-on-idle=\"\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Happy End also?\u00a0Ganz so einfach ist es nicht. Denn in der Zwischenzeit sind viele Dinge fast gleichzeitig passiert. Die Gefeierte wird auf einmal bei Social Media zum Teil heftig kritisiert, auch in Zeitungsrezensionen gibt es H\u00e4me. Es ist eine komplizierte Geschichte, die viel \u00fcber unsere Gesellschaft und Debattenkultur aussagt.\u00a0<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"3\" should-collapse-on-mobile=\"true\" hydrate-on-idle=\"\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">In \u201e22 Bahnen\u201c und \u201eWindst\u00e4rke 17\u201c erz\u00e4hlt Wahl von zwei Schwestern. Im ersten Band stand die \u00c4ltere, Tilda, im Vordergrund, im zweiten war es ihre j\u00fcngere Schwester Ida. Sie wachsen mit einer alkoholkranken Mutter auf und finden beide auf ihre Art ihren Weg, dieses Trauma zu \u00fcberwinden. Es geht ums Erwachsenwerden, ums Loslassen, um die Suche nach sich selbst und um die Liebe. Wahl erz\u00e4hlt jeweils aus der Ich-Perspektive der Schwester, die im Mittelpunkt steht. Es ist leicht, sich in diese jungen Frauen hineinzuf\u00fchlen, ihren Weg mitzugehen. Es gibt viel Schmerz, aber Caroline Wahl liebt Happy Ends. Und so ist da auch immer irgendwie das Gef\u00fchl, dass alles gut wird.\u00a0<\/p>\n<p>Sie beschreit den Machtmissbrauch sehr pr\u00e4zise<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"5\" should-collapse-on-mobile=\"true\" hydrate-on-idle=\"\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Ihr neuer Roman ist anders. In \u201eDie Assistentin\u201c erz\u00e4hlt sie von Charlotte. Die ist Ende 20, wei\u00df nicht so recht, wie es beruflich f\u00fcr sie weitergehen soll. Eigentlich will sie Musik machen, aber wie soll man davon leben? Also nimmt sie eine Stelle als Assistentin eines Verlegers in M\u00fcnchen an. Sie hasst die Stadt, ist einsam, sp\u00fcrt, dass der Job ein Fehler war. Nun erz\u00e4hlt Wahl nicht mehr aus der Ich-Perspektive. Sie schafft Distanz, nutzt literarische Stilmittel, nimmt Teile der Handlung voraus, kehrt dann wieder zur\u00fcck, k\u00fcndigt an, sp\u00e4ter auf bestimmte Aspekte der Geschichte zur\u00fcckzukommen.\u00a0<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"6\" should-collapse-on-mobile=\"true\" hydrate-on-idle=\"\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Vor allem aber seziert sie den Machtmissbrauch durch Charlottes Chef Ugo Maise. Seine Marotten, seine unsinnigen W\u00fcnsche, seine narzisstische Pers\u00f6nlichkeit. Mal ist er nett, dann droht er aus dem Nichts mit K\u00fcndigung. Er ist \u00fcbergriffig, kommentiert Charlottes Kleidungsstil, ihre Frisur. Manchmal ber\u00fchrt er sie wie zuf\u00e4llig. Er will, dass sie zu ihm nach Hause kommt, um dort zu arbeiten. Er ruft sie zu jeder Tages- und Nachtzeit an.<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"7\" should-collapse-on-mobile=\"true\" hydrate-on-idle=\"\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Caroline Wahl beschreibt das sehr pr\u00e4zise. Maise wei\u00df um das Machtgef\u00e4lle und nutzt es aus. Und Charlotte tut, was viele Opfer solch missbr\u00e4uchlichen Verhaltens tun. Sie gibt sich die Schuld an Fehlern, die keine waren. Sie vertraut ihrem Gef\u00fchl nicht, das ihr sagt, dass er sie so nicht behandeln darf. Sie glaubt, wenn sie sich nur noch mehr anstrengt, wird es ihr gelingen, ihn zu \u00fcberzeugen. Sie will Kolleginnen ausstechen und macht sich so zur Komplizin.<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"8\" should-collapse-on-mobile=\"true\" hydrate-on-idle=\"\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Es war eine mutige Entscheidung von Caroline Wahl, mit den Erwartungen vieler Fans zu brechen. Die h\u00e4tten lieber etwas im Stil von \u201e22 Bahnen\u201c und \u201eWindst\u00e4rke 17\u201c gelesen. In den Bewertungsportalen h\u00e4ufen sich schlechte Kritiken. Sie aber zeigt, dass sie sich weiterentwickeln will. Und sie nutzt die Macht, die sie durch ihren Erfolg erlangt hat, um auf den Machtmissbrauch hinzuweisen, der in unser patriarchalen Gesellschaft noch immer Alltag ist.<\/p>\n<p>Einkalkulierter Skandal<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"10\" should-collapse-on-mobile=\"true\" hydrate-on-idle=\"\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Ja, Wahl kalkuliert sicher auch den Skandal ein, weil die Parallelen zu ihrem eigenen Leben offensichtlich sind. Sie selbst war ungl\u00fccklich als Assistentin des Verlegers des Diogenes Verlags in Z\u00fcrich. Sie mochte die Stadt nicht, war einsam. Und nun fragen sich alle, ob dieser tyrannische Roman-Chef ihr Chef ist. Wahl verneint das. Aber die Aufregung ist nat\u00fcrlich gro\u00df. Sie hat sicher auch Spa\u00df an der Provokation. Kann man ihr das vorwerfen?<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"11\" should-collapse-on-mobile=\"true\" hydrate-on-idle=\"\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Und pl\u00f6tzlich werden auch ihre ersten beiden Romane scharf kritisiert. Als Tochter aus gutb\u00fcrgerlichem Hause sei sie gar nicht in der Lage, angemessen \u00fcber die Armut zu schreiben, in der Tilda und Ida aufwachsen. Nat\u00fcrlich ist es legitim, die Darstellung gesellschaftlicher Missst\u00e4nde in einem Roman zu kritisieren. Aber zu sagen, es d\u00fcrfe nur jemand \u00fcber Armut schreiben, der oder die sie selbst erlebt hat, offenbart ein merkw\u00fcrdiges Verst\u00e4ndnis von Literatur.\u00a0<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"12\" should-collapse-on-mobile=\"true\" hydrate-on-idle=\"\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Interessant ist auch die Wucht und oft H\u00e4me, mit der Wahl gerade bei Social Media attackiert wird. Ihr Kleidungsstil, ihre Frisur, ihr Sportwagen oder die Art, wie sie das H\u00f6rbuch eingesprochen hat \u2013 alles scheint sie in den Augen ihrer Hater falsch zu machen. Aus der M\u00e4rchen-Prinzessin ist pl\u00f6tzlich die b\u00f6se Hexe geworden. Warum eigentlich? Das hat, neben der inhaltlichen Neuausrichtung, auch mit ihrem Auftreten zu tun. Eine junge Frau darf gern erfolgreich sein, aber sie soll sich dann doch bitte an die Regeln halten. Und die sagen: L\u00e4cheln, freundlich und bescheiden sein.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.ksta.de\/kultur-medien\/neuer-roman-von-leif-randt-millennial-in-der-midlifekrise-1101217\" class=\"dm-imagefeat__imagecontainer dm-imagefeat relative\" aria-label=\"\" tabindex=\"-1\" data-v-511f39a6=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" width=\"2666\" height=\"4000\" alt=\"HANDOUT - Der Autor Leif Randt. Er ist mit seinem Buch \u201eAllegro Pastell\u201c f\u00fcr den Leipziger Buchpreis 2020 nominiert. +++ dpa-Bildfunk +++\" loading=\"lazy\" onerror=\"this.setAttribute('data-error', 1)\" class=\"dm-imagefeat__image w-full aspect-square sm:aspect-auto aspect-video\" style=\"aspect-ratio:1;\" data-nuxt-pic=\"\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/ba0fe686-3443-4677-b075-0ef39df3e67b.jpeg\"  \/><\/a><\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"14\" should-collapse-on-mobile=\"true\" hydrate-on-idle=\"\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Caroline Wahl hat darauf offensichtlich \u00fcberhaupt keine Lust. Sie wollte den Erfolg, sie freut sich \u00fcber ihn. <a href=\"https:\/\/www.ksta.de\/kultur-medien\/bestseller-autorin-caroline-wahl-ich-moechte-in-irgendeiner-sache-die-beste-sein-979811\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eIch m\u00f6chte in irgendeiner Sache die Beste sein\u201c<\/a>, sagte sie im Gespr\u00e4ch mit dieser Zeitung vor ein paar Monaten. Sie will die Bestseller, sie ist sicher, sie zu verdienen. Und sie sagt auch selbstbewusst, dass sie den Deutschen Buchpreis gewinnen will. Als sie f\u00fcr \u201eWindst\u00e4rke 17\u201c nicht nominiert war, machte sie ihre Entt\u00e4uschung \u00f6ffentlich. Auch daf\u00fcr gab es viel Gegenwind. Bei M\u00e4nnern wird so viel Selbstbewusstsein als St\u00e4rke interpretiert, Frauen gelten hingegen schnell als karrieregeil und verbissen. Und wenn sich Wahl dann aber unter kritischen Posts \u00e4u\u00dfert, sich verletzlich zeigt, zugibt, dass ihr der Gegenwind zusetzt, ist es auch falsch. Sie kann es nicht richtig machen.<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"15\" should-collapse-on-mobile=\"true\" hydrate-on-idle=\"\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Am Ende, w\u00fcnscht sich Caroline Wahl, soll alles gut ausgehen in ihren Romanen. Ihren Figuren schenkt sie daher ein Happy End, zumindest irgendwie. Ihre eigene Geschichte ist ganz sicher noch lange nicht fertig geschrieben. Ob es ein Happy End gibt, wei\u00df niemand. Aber Caroline Wahl hat den Mut, sich nicht vorschreiben zu lassen, welchen Weg sie geht, um es zu finden. Und das ist mehr als die meisten ihrer Kritiker von sich behaupten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"17\" should-collapse-on-mobile=\"true\" hydrate-on-idle=\"\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Caroline Wahl: \u201eDie Assistentin\u201c, Rowohlt, 368 Seiten, 24 Euro, E-Book: 19,99 Euro.<\/p>\n<p class=\"dm-paragraph my-8 dm-article-content-width\" index=\"18\" should-collapse-on-mobile=\"true\" hydrate-on-idle=\"\" has-padding=\"\" data-v-586984a4=\"\">Ihren neuen Roman stellt Caroline Wahl bei der lit.Cologne Spezial vor. Am 18. September, 21 Uhr, spricht sie im WDR-Funkhaus mit Emily Grunert \u00fcber \u201eDie Assistentin\u201c. Es gibt nur noch Restkarten. Wir verlosen 3 x 2 Tickets. Wenn Sie gewinnen m\u00f6chten, schicken Sie bitte eine Mail mit dem Betreff \u201eCaroline Wahl\u201c und Ihren vollst\u00e4ndigen Namen bis 15. September, 12 Uhr, an:<br \/>ksta-kultur@kstamedien.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Geschichte ist filmreif. Eine junge Frau ist ungl\u00fccklich in ihrem Job, wei\u00df nicht, wo sie hingeh\u00f6rt. 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