{"id":432336,"date":"2025-09-18T13:21:13","date_gmt":"2025-09-18T13:21:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/432336\/"},"modified":"2025-09-18T13:21:13","modified_gmt":"2025-09-18T13:21:13","slug":"berlin-tag-macht-traenen-luegen-nicht-der-kanzler-is-a-mensch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/432336\/","title":{"rendered":"Berlin Tag &#038; Macht: Tr\u00e4nen l\u00fcgen nicht: Der Kanzler is a Mensch!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bei der Wiederer\u00f6ffnung der Synagoge in M\u00fcnchen \u00fcberrascht Friedrich Merz mit echter Emotion. Ein Moment der Menschlichkeit in Zeiten politischer Routinen. Doch folgt daraus endlich die entsprechende Politik &#8211; oder verhallen des Kanzlers Tr\u00e4nen schneller als der Applaus?<\/strong><\/p>\n<p>Emotion hat viele Gesichter. Wer mal auf der S\u00fcdtrib\u00fcne des Westfalenstadions stand, w\u00e4hrend Borussia Dortmund das Siegtor gegen den FC Bayern M\u00fcnchen erzielte, kennt einige davon. Man sieht sie in Krei\u00dfs\u00e4len nach Geburten oder in Kirchen bei Hochzeiten. Im Kanzleramt dagegen eher selten. Das emotionalste Gesicht, das man von Friedrich Merz kannte, zeigt ihn mit einem Teller Currywurst und Pommes in der Kantine des Deutschen Bundestags. Die Aussicht auf den vor ihm dahinvegetierenden &#8222;Kraftriegel der Sozialen Marktwirtschaft&#8220; lie\u00df den sp\u00e4teren Bundeskanzler so ungewohnt euphorisch wirken, als h\u00e4tte er gerade eigenh\u00e4ndig ein paar Klimakleber vor der Parkhauseinfahrt zum Bundestags-Fahrdienst weggek\u00e4rchert.<\/p>\n<p>Jenes Bild aus der Vorweihnachtszeit des Jahres 2021 dokumentiert zwei Dinge. Zun\u00e4chst unterstreicht es die Bedeutung von Friedrich Merz als Innovationstreiber. Merz gab bereits den kulinarisch versierten Teilzeit-Foodblogger, als Markus S\u00f6der noch wahlweise das schnellstm\u00f6gliche Verbrenner-Aus und die sofortige Abschaltung aller Kernkraftwerke forderte. Dar\u00fcber hinaus entzaubert das Foto skurrile Aluhut-Theorien aus dem verschw\u00f6rungstheoretischen Querdenker-Lager. Bei der &#8222;Bilderberger wollen uns mit Chemtrails zwangsimpfen&#8220;-Armada ist man sich n\u00e4mlich sicher, Merz w\u00fcrde stets so emotionslos wirken, weil unsere Spitzenpolitiker l\u00e4ngst durch Reptiloiden in Menschengestalt ersetzt wurden und seither als Marionetten einer b\u00f6sen Schatten-Macht der Hochfinanz (oder wenn man Ursula von der Leyen fragt: den Juden) ferngesteuert werden.<\/p>\n<p>Bei so viel QAnon-Vibes wirkt es fast vers\u00f6hnlich, dass die Gaza-Flotilla-Komikerin Enissa Amani dieser Tage eine Instagram-Story l\u00f6schen musste, nachdem ihr zahlreiche wissenschaftsaffine Fans erl\u00e4utert hatten, die Erde sei keinesfalls eine Kugel, sondern selbstredend eine Scheibe. Eine These, f\u00fcr die es \u00fcbrigens durchaus valide Evidenzans\u00e4tze gibt. Richard David Precht beispielsweise sa\u00df schon seit mehr als vier Tagen nicht mehr bei &#8222;Markus Lanz&#8220;. Da w\u00e4re es gar nicht so abwegig, dass Precht bei einem ausgiebigen Wutspaziergang so intensiv nachgedacht hat, dass er hochkonzentriert abgelenkt ein bisschen zu weit nach rechts marschiert und dann einfach vom Rand runtergefallen ist. Precht (&#8222;Wer bin ich &#8211; und wenn ja: wie viele?&#8220;), das nur f\u00fcr alle, die nie ein &#8222;Markus Lanz&#8220;-Plus-Abo hatten, gilt als Deutschlands zweitbekanntester Polit-Philosoph nach Wolfgang Kubicki (&#8222;Was trinke ich &#8211; und wenn ja: wie viele?&#8220;).<\/p>\n<p>Die Menschwerdung des Friedrich Merz<\/p>\n<p>Der bisherige Expressivit\u00e4tslevel im Mienenspiel von Friedrich Merz trug nicht dazu bei, derartige Ger\u00fcchte \u00fcber die roboterartige Emotionslosigkeit unserer Spitzenpolitiker als ferngelenkte Erf\u00fcllungsgehilfen der Hinterzimmer-Eliten zu entkr\u00e4ften. Bislang zeigte Merz konsequent Gef\u00fchlswallungen, die an die emotionale Dynamik eines \u00d6ltankers erinnerten. Die fehlende Virtuosit\u00e4t bei Gem\u00fctsbewegungen lie\u00df Merz oft professionell wirken, zuweilen aber auch kalt.<\/p>\n<p>Seine beinahe mechanische Vortragsgestik lie\u00df S\u00e4tze wie &#8222;Die sexuelle Orientierung geht die \u00d6ffentlichkeit nichts an. Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und nicht Kinder betrifft, ist das kein Thema f\u00fcr die \u00f6ffentliche Diskussion&#8220; unbehaglich inhuman wirken. Eine empathielose Einlassung, die sogar Parteifreund Jens Spahn auf Distanz gehen lie\u00df: &#8222;Wenn die erste Assoziation bei Homosexualit\u00e4t Gesetzesfragen oder P\u00e4dophilie ist, dann m\u00fcssen Sie eher Fragen an Merz richten.&#8220; Eine Beurteilung, die Spahn einige Jahre sp\u00e4ter wom\u00f6glich den ersehnten Ministerposten im Kabinett Merz kostete. Rache wird bekanntlich kalt serviert. Und hat selten ein Verfallsdatum.<\/p>\n<p>Die Zeiten, in denen Merz f\u00fcr den Prototypen der machtgesteuerten, emotionalen Komplettl\u00e4hmung gehalten wurde, sind seit dieser Woche vorbei. \u00dcberraschend sensibel und bemerkenswert ger\u00fchrt zeigte sich Merz in der Synagoge Reichenbachstra\u00dfe. Das einzige in M\u00fcnchen erhalten gebliebene j\u00fcdische Gotteshaus aus der Vorkriegszeit wurde im Jahr 1938 bei den Novemberpogromen stark besch\u00e4digt und nun umfassend restauriert. Zur feierlichen Wiederer\u00f6ffnung sprach auch der deutsche Regierungschef. Ein wichtiger Anlass, insbesondere in diesen Zeiten. Aber auch einer, bei dem man erwartet h\u00e4tte, der Kanzler w\u00fcrde eine weitere gut vorbereitete, aber leidenschaftslos vorgetragene Pflichtrede halten, von der anschlie\u00dfend nicht viel mehr bleiben w\u00fcrde als ein h\u00fcbsches Gruppenfoto vor historischer Kulisse.<\/p>\n<p> Tr\u00e4nen l\u00fcgen nicht (immer)<\/p>\n<p>Wir alle, ich eingeschlossen, wurden eines Besseren belehrt. Und m\u00fcssen unser Erwartungsmanagement an das menschliche Format von Friedrich Merz sowie seine Authentizit\u00e4tsf\u00e4higkeit neu justieren. Vor 450 G\u00e4sten, darunter Charlotte Knobloch, Israels Botschafter Ron Prosor oder Brahms-Testimonial Igor Levit, entglitt Merz bei seiner Rede pl\u00f6tzlich die staatsm\u00e4nnische Contenance und lie\u00df ihn mit Tr\u00e4nen k\u00e4mpfen. Echte, bittere Tr\u00e4nen einer ihn \u00fcberw\u00e4ltigenden Scham, Trauer, Hilflosigkeit, Anteilnahme und Wut, die man nicht inszenieren kann. Keine Krokodilstr\u00e4nen im professionellen Mitgef\u00fchl-Modus, den viele Politiker jederzeit aktivieren k\u00f6nnen, sobald sie eine Situation identifizieren, in der sie feinf\u00fchlige Philanthropie und tr\u00e4nenintensives Bedauern f\u00fcr Image-relevant halten.<\/p>\n<p>Als Merz die unmenschlichen Verbrechen der Nationalsozialisten an den Juden anspricht, bricht ihm die Stimme weg. F\u00fcr einige Augenblicke der puren Menschlichkeit schie\u00dfen ihm Tr\u00e4nen in die Augen. Der wiederholte Appell jiddisch sprechender Holocaust-\u00dcberlebender &#8222;Sej a Mensch&#8220;: Merz ist- nat\u00fcrlich! &#8211; einer. Der Kanzler versucht f\u00fcr einen kurzen Moment, durch emotionsk\u00fchlendes Luftanhalten und Konzentration auf protokollarische Souver\u00e4nit\u00e4tsanforderungen, seine Emotionen zu unterdr\u00fccken. Es gelingt ihm nicht. Leicht verunsichert, wie seine Gef\u00fchlsregung aufgenommen werden, zappelt er vom linken auf das rechte Standbein und zur\u00fcck, w\u00e4hrend er sich suchend im Auditorium umschaut. Welche Hilfe auch immer er dort erhofft, am Ende entdeckt er wohl nur Markus S\u00f6der, dem vor Schreck \u00fcber die unverhofft entfesselte Empathie des Kanzlers beinahe sein koscherer D\u00f6ner aus der Hand f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Ich bin kein \u00fcberschw\u00e4nglicher Merz-Fan, rechne ihm diesen ehrlichen Gef\u00fchlsausbruch aber hoch an. Es ist ein behagliches Gef\u00fchl, von einem Kanzler regiert zu werden, der nicht in jeder Situation wie eine Maschine durchfunktioniert. Auch in meinem direkten Umfeld herrscht nur \u00fcberschaubarer Bedarf an BRAVO-Starschnitten von Friedrich Merz. Aber selbst die kompromisslosesten Unions-N\u00f6rgler zollen ihm f\u00fcr diesen Auftritt Respekt. Daran \u00e4ndert sich auch nichts, als Merz irgendwann die Fassung zur\u00fcckerlangt und sich im Verlaufe seiner Rede einen Seitenhieb auf das Merkel-Mantra &#8222;Wir schaffen das&#8220; nicht verkneifen kann: &#8222;Wir haben in Politik und Gesellschaft zu lange die Augen davor verschlossen, dass von den Menschen, die in den letzten Jahrzehnten nach Deutschland gekommen sind, ein beachtlicher Teil in Herkunftsl\u00e4ndern sozialisiert wurde, in denen Antisemitismus geradezu Staatsdoktrin ist, Israelhass schon Kindern vermittelt wird.&#8220;<\/p>\n<p>Quo Vadis, Israelpolitik?<\/p>\n<p>Nun sind nicht alle Diskursteilnehmer so kulant wie ich. Erfahrungsgem\u00e4\u00df sitzt die Rassismuskarte leider recht locker in diesen Tagen. Folglich lassen ideologiegetriebene Gegenreden nicht lange auf sich warten. Ausgerechnet selektivpazifistische Nahostexperten, die Kritikern ihrer einseitigen Kommunikationsstrategie zum Gaza-Krieg stets erkl\u00e4ren, man sei nicht automatisch Steigb\u00fcgelhalter einer Terrororganisation, nur weil man Israel Kriegsverbrechen und Genozide vorwirft, Hamas aber mit keinem Wort erw\u00e4hnt, wollen Merz aus seinem Satz nun einen Strick drehen: Er habe zwar ein wom\u00f6glich existierendes Problem des importierten Antisemitismus erw\u00e4hnt, die viel gr\u00f6\u00dfere Gefahr aus rechtsextremistischen Kreisen aber verschwiegen.<\/p>\n<p>Womit wir unmittelbar bei der entscheidenden Frage w\u00e4ren: Was erw\u00e4chst aus Merz eindrucksvollem Auftritt? Konvertiert des Kanzlers ehrliche Betroffenheit in weniger konfuser Israel-Politik &#8211; oder geht der Zickzack-Kurs weiter? Aktuell muss man bei unserer Regierung t\u00e4glich mit Aussagen rechnen, die sich proportional umgekehrt zu denen des Vortages verhalten. Ein Punkt, der auch f\u00fcr alle J\u00fcdinnen und Juden in Deutschland von zentraler Bedeutung ist. Hier hat sich Merz mit seinem Empathie-Comeback selbst in die Pflicht genommen. Wird er seinem eigenen Anspruch gerecht? Oder verhallt seine Anteilnahme letztendlich doch in gestenreichen, aber ergebnislimitierten Resonanzr\u00e4umen der Tatenlosigkeit? Die Tr\u00e4nen von M\u00fcnchen hatten Gewicht, weil sie ehrlich waren. Entscheidend wird jedoch sein, ob sie in einer klaren politischen Linie m\u00fcnden, die j\u00fcdisches Leben sch\u00fctzt und Antisemitismus aus allen Richtungen bek\u00e4mpft. Denn Emotionen sind ein starker Hebel, ohne Taten jedoch bleiben sie folgenlos.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bei der Wiederer\u00f6ffnung der Synagoge in M\u00fcnchen \u00fcberrascht Friedrich Merz mit echter Emotion. 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