{"id":43299,"date":"2025-04-19T02:56:15","date_gmt":"2025-04-19T02:56:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/43299\/"},"modified":"2025-04-19T02:56:15","modified_gmt":"2025-04-19T02:56:15","slug":"in-duesseldorf-ist-das-grandiose-fruehwerk-marc-chagalls-zu-sehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/43299\/","title":{"rendered":"In D\u00fcsseldorf ist das grandiose Fr\u00fchwerk Marc Chagalls zu sehen"},"content":{"rendered":"<p>Eng und dunkel ist die Stube, nur notd\u00fcrftig wird der fast fensterlose Raum von einer Petroleumlampe erhellt. Und doch strahlt die von zwei Frauen und einem Mann bev\u00f6lkerte Szenerie: Der Mann h\u00e4lt ein Neugeborenes hoch. Und weil er in ebenso dunklen Farben erscheint wie die am linken Bildrand aufgeregt umherlaufende Katze, wird das Baby zu einem Licht im tr\u00fcben Provinzalltag. Marc Chagalls Gem\u00e4lde \u00bbDie Geburt\u00ab von 1911 steht stellvertretend f\u00fcr sein Fr\u00fchwerk, in dem er das j\u00fcdische Leben im Schtetl am westlichen Rand des russischen Zarenreichs jenseits von Romantisierung und Verkitschung ins Bild setzt.<\/p>\n<p>Enge und Perspektivlosigkeit, Armut und Alkoholismus sind ebenso Gegenstand seiner fr\u00fchen Gem\u00e4lde wie die Anmut der Schabbatruhe und das Wunder der Geburt. Dass selbst der hoffnungsloseste Trinker und die banalste Kuh abheben und das abgelegenste Schtetl zu einem Ort unverhoffter Wunder werden k\u00f6nnen, ist die vielleicht wichtigste und ermutigendste Botschaft des j\u00fcdischen Jahrhundertk\u00fcnstlers Marc Chagall (1887\u20131985). Das \u00bbK20\u00ab, die Moderne-Dependance der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, widmet ihm jetzt eine umfangreiche Ausstellung, deren Fokus auf dem fr\u00fchen Schaffen von 1909 bis 1923 liegt.<\/p>\n<p>K\u00fcnstlerische Ausbildung in Witebsk und St. Petersburg<\/p>\n<p>In diese Jahre f\u00e4llt Chagalls k\u00fcnstlerische Ausbildung in Witebsk und St. Petersburg, seine pr\u00e4gende Zeit im Paris der Avantgarden und die erste kommerziell erfolgreiche Ausstellung in Berlin. Ebenso seine erzwungene R\u00fcckkehr ins heimische Witebsk w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs sowie die politischen und \u00e4sthetischen Umbr\u00fcche infolge der Oktoberrevolution. In D\u00fcsseldorf sind \u00fcberdies etliche Werke aus Chagalls sp\u00e4teren Schaffensphasen zu sehen \u2013 \u00bbdie das Publikum sehr begeistern\u00ab, so Susanne Gaensheimer, Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Sie verspricht \u00bbeine epochale Ausstellung\u00ab mit den wichtigsten Meisterwerken Chagalls.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Das abgelegenste Schtetl kann zu einem Ort unverhoffter Wunder werden.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Und tats\u00e4chlich gelang es der K20-Kuratorin Susanne Meyer-B\u00fcser und Gisela Kirpicsenko von der Wiener Albertina, wo die Schau zuvor zu sehen war, \u00fcber 100 teils hochkar\u00e4tige Gem\u00e4lde, Gouachen und Grafiken unter anderem aus Paris, Madrid, New York, Jerusalem und Tel Aviv zusammenzutragen. Eine \u00e4hnlich gut best\u00fcckte Pr\u00e4sentation von Chagalls Fr\u00fchwerk war zuletzt 2017 in Basel zu sehen, w\u00e4hrend die Frankfurter Schirn Kunsthalle 2022 Arbeiten aus den 30er- und 40er-Jahren zeigte. In dieser Bandbreite war Chagall indes schon lange nicht mehr in Deutschland zu erleben.<\/p>\n<p>Umso schmerzlicher vermisst man in D\u00fcsseldorf Leihgaben aus Russland: Schl\u00fcsselwerke wie etwa \u00bbDer Spaziergang\u00ab von 1917\/18 aus dem Russischen Museum in St. Petersburg oder \u00bb\u00dcber der Stadt\u00ab von 1918 aus der Moskauer Tretjakow-Galerie h\u00e4tten dieser Ausstellung eine Krone aufgesetzt. Die Albertina habe zwar z\u00fcgig Leihanfragen an russische Museen gestellt, berichtet Susanne Meyer-B\u00fcser. Mit dem russischen \u00dcberfall auf die Ukraine 2022 sei dies aber nicht mehr weiterverfolgt worden \u2013 \u00bbein ganz gro\u00dfer Verlust\u00ab, so die Kuratorin der Ausstellung.<\/p>\n<p>Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland <\/p>\n<p>Da das Jerusalemer Israel-Museum und das Tel Aviv Museum of Art weiterhin ihre Werke verleihen, begegnet man in dieser Schau eindr\u00fccklichen Gem\u00e4lden wie \u00bbEinsamkeit\u00ab von 1933, mit dem Marc Chagall sichtlich sorgenerf\u00fcllt auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland reagierte. Auch die k\u00fcnstlerischen Zeugnisse seiner Pal\u00e4stina-Reise von 1931\/32, wo Chagall etwa die Kotel in Jerusalem und eine Synagoge in Safed malte, werden in D\u00fcsseldorf pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Die auf dieser Reise entstandenen, erstaunlich naturalistischen Bilder korrespondieren mit den in den Revolutionsjahren geschaffenen, ebenfalls \u00fcberraschend pr\u00e4zisen Darstellungen des heimischen Witebsk mit seinen mitunter d\u00f6rflichen Stra\u00dfenz\u00fcgen, alten j\u00fcdischen Friedh\u00f6fen und pr\u00e4chtigen Kircht\u00fcrmen. Es scheint, als w\u00fcrde Chagall dieses Privileg nur seinen pers\u00f6nlichen Herzensorten einr\u00e4umen, w\u00e4hrend seine Paris-Ansichten stets eher schematisch blieben und von seinem zwischenzeitlichen Exilort New York keine malerischen Ansichten \u00fcberliefert sind.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>In dieser Bandbreite war Marc Chagall schon lange nicht mehr in Deutschland zu erleben.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Sp\u00e4testens seit dem Zweiten Weltkrieg gerann das von den Nazis vielerorts niedergebrannte und ausgel\u00f6schte Schtetl in Chagalls Kunst zu einer nostalgisch-wehm\u00fctigen, ins Fabelhafte entr\u00fcckten Formel f\u00fcr den Verlustschmerz und die \u2013 oft buchst\u00e4blich blumige \u2013 Beschw\u00f6rung eines verschwundenen Paradieses. Auch diese postkartentauglichen Bilder sind in D\u00fcsseldorf zu besichtigen, ebenso wie Chagalls monumentale Darstellungen biblischer Motive.<\/p>\n<p>Sie m\u00f6gen zwar ein Garant f\u00fcr gute Besucherzahlen sein, die eigentliche Sensation dieser Schau sind jedoch Chagalls fr\u00fche Arbeiten. Wie das pralle prosaische und vielfach ziemlich raue j\u00fcdische Alltagsleben im heftig kriselnden Schtetl zu einer nicht versiegenden Quelle k\u00fcnstlerischer Erfindungsfreude wurde, ist selten so eindrucksvoll gezeigt worden wie im K20. Wer nachsp\u00fcren m\u00f6chte, wie Moishe Shagal aus Ljosna bei Witebsk seine einfache Herkunft nutzte, um sich zur Weltmarke Marc Chagall zu wandeln, kommt an dieser Ausstellung nicht vorbei.<\/p>\n<p>Die Ausstellung ist bis zum 10. August im K20 D\u00fcsseldorf zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eng und dunkel ist die Stube, nur notd\u00fcrftig wird der fast fensterlose Raum von einer Petroleumlampe erhellt. 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