{"id":433842,"date":"2025-09-19T03:34:14","date_gmt":"2025-09-19T03:34:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/433842\/"},"modified":"2025-09-19T03:34:14","modified_gmt":"2025-09-19T03:34:14","slug":"das-wettsingen-der-globalen-mehrheit-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/433842\/","title":{"rendered":"Das Wettsingen der \u201eglobalen Mehrheit\u201c \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Es gab eine Zeit, da fieberte Russland dem Eurovision Song Contest entgegen, da schickte der Kreml die erfolgreichsten Popstars des Landes zu dem europ\u00e4ischen Gesangswettbewerb und nahm das gute Abschneiden Russlands ernst. Sehr ernst sogar. Die Teilnahme am ESC galt als Beleg, dass man zu Europa geh\u00f6rte. <\/p>\n<p>Die Ukraine-Invasion \u00e4nderte alles. Russland ist seither vom ESC ausgeschlossen. Heute will Russland kein Teil Europas mehr sein \u2013 oder zumindest nicht \u201edieses\u201c Europas, das russische B\u00fcrokraten nur noch ritualisiert als \u201everfaulenden Westen\u201c bezeichnen. Homosexualit\u00e4t, Gewalt, Verfall der Sitten \u2013 das sind die Schablonen, die im heutigen Russland \u00fcber Europa vorherrschen und f\u00fcr die nach Ansicht des Kreml auch der ESC steht. Man grenzt sich ab von der US-gepr\u00e4gten Massenkultur des Westens und h\u00e4lt dagegen patriarchale Strukturen, Heterosexualit\u00e4t und Religiosit\u00e4t hoch. <\/p>\n<p>Auf Anordnung des russischen Pr\u00e4sidenten, Wladimir Putin, hat Russland einen eigenen Gesangswettbewerb ausgerufen. Der Wettbewerb nennt sich Intervision und findet am Samstag erstmals statt. \u201eDie Stimmen der Welt auf einer B\u00fchne\u201c hei\u00dft das unverd\u00e4chtig klingende Motto. Vertreter aus 23\u2009Staaten werden in Moskau an dem Wettsingen teilnehmen. Bei Intervision \u2013 wie schon der Name sagt, ist der Wettstreit \u201einternational\u201c ausgerichtet \u2013 singen Verb\u00fcndete und Freunde Russlands. <\/p>\n<p>Putin hat nichts Neues erfunden. Intervision gab es schon einmal in der russischen Geschichte, und zwar in der Sowjetperiode. Interwidenje, so die russische \u00dcbersetzung, wurde in den 1960er-Jahren als Gegenprojekt zur \u201ekapitalistischen\u201c Eurovision gegr\u00fcndet. In sp\u00e4teren Jahren fanden vier gleichnamige Gesangswettbewerbe statt.<\/p>\n<p>Intervision 2025 steht freilich unter neuen Vorzeichen. Heute geht es nicht mehr um die Konkurrenz rivalisierender Systeme (Kapitalismus versus Kommunismus), sondern um Kulturkampf. \u201eTraditionell universale, spirituelle und Familien-Werte\u201c sollen in den Gesangsbeitr\u00e4gen gefeiert werden, so steht es laut einem Reuters-Bericht vom Februar in den Planungsdokumenten, verboten seien Gewaltaufrufe und politische Aussagen. <\/p>\n<p> Kulturelle F\u00fchrungsmacht<\/p>\n<p>Russland inszeniert sich mit Intervision als kulturelle F\u00fchrungsmacht einer antiwestlichen Internationale. Dass man China als Teilnehmerland gewinnen konnte, d\u00fcrfte dem Kreml munden, der sich im wirtschaftspolitischen Bereich mit der Rolle als Junior-Partner Pekings zufriedengeben muss. Auch die Brics-Staaten Brasilien, Indien und S\u00fcdafrika machen mit, ebenso wie Moskaus traditionelle Verb\u00fcndete Belarus, Vietnam und Venezuela. Auch mehrere afrikanische Staaten (\u00c4gypten, \u00c4thiopien, Kenia), zentralasiatische Nachbarn, mehrere Nahost-Nationen sowie das russlandfreundliche Serbien haben K\u00fcnstler nominiert. <\/p>\n<p>Es sind allesamt Staaten, die politisch und wirtschaftlich durch B\u00fcndnisse eng mit Russland verzahnt sind bzw. in einer Abh\u00e4ngigkeit vom Moskauer Regime stehen. Bei einer Pressekonferenz diese Woche traten neben dem Generaldirektor des ausstrahlenden Ersten Kanals, Konstantin Ernst, auch Au\u00dfenminister Sergej Lawrow und der Vizechef der Kreml-Verwaltung, Sergej Kirienko, auf. Ihre Pr\u00e4senz zeigt, dass Intervision eine staatstragende Angelegenheit ist. Ein Publikumsvoting ist nicht vorgesehen, \u00fcber den Gewinnerbeitrag wird eine Jury entscheiden. Gleichwohl hob Kirienko hervor, dass mehr als 4,3\u2009Milliarden Menschen weltweit den Konkurs mitverfolgen k\u00f6nnten \u2013 \u201emehr als die H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung\u201c. Ob die Zuschauerzahlen tats\u00e4chlich in dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung liegen werden, darf bezweifelt werden. Es geht vielmehr um die Inszenierung als globales Ereignis.<\/p>\n<p> Begehrte Teilnehmer aus dem Westen<\/p>\n<p>Der antiwestlichen Rhetorik seiner F\u00fchrung zum Trotz arbeitet sich Russland noch immer am Westen ab. Wenn die Teilnehmer aus afrikanischen und asiatischen Staaten, wie in Werbe-Clips des Kreml-Senders Erster Kanal zu sehen ist, durch das blitzblanke Moskau gef\u00fchrt werden, inszeniert sich Russland als der \u201ewahre Westen\u201c. <\/p>\n<p>Wichtiger als die Teilnehmer aus dem Globalen S\u00fcden (oder der \u201eglobalen Mehrheit\u201c, wie es in Moskau nun hei\u00dft) sind f\u00fcr die Organisatoren die Teilnehmer aus dem Westen, da sie als Beweis dienen, dass der Westen schwach, unattraktiv und innerlich gespalten ist. Moskau gelang der Propagandacoup, einen K\u00fcnstler aus den USA als Mitwirkenden zu gewinnen. Allerdings sagte der S\u00e4nger Brandon Howard kurz vor Beginn des Wettbewerbs aus nicht n\u00e4her genannten \u201efamili\u00e4ren Gr\u00fcnden\u201c seine Teilnahme ab. Ein Ersatz war \u00fcberraschend schnell gefunden: die aus Australien stammende S\u00e4ngerin Vassy, deren letzter Hit zehn Jahre zur\u00fcckliegt. <\/p>\n<p> Im Dienste des russischen Staates<\/p>\n<p>Russland wird durch den S\u00e4nger Shaman vertreten. Shaman, der mit b\u00fcrgerlichem Namen Jaroslaw Dronow hei\u00dft, ist Unterst\u00fctzer von <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/putin?ref=article_a\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" eventaction=\"\" click=\"\" article=\"\" gegenveranstaltung=\"\" zum=\"\" song=\"\" contest:=\"\" das=\"\" wettsingen=\"\" der=\"\" mehrheit=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Putins<\/a> Feldzug gegen die Ukraine und trat im besetzten ukrainischen Gebiet auf. Er geh\u00f6rt zu Putins Staatsk\u00fcnstlern und repr\u00e4sentiert den musikalischen Mainstream im Land: ein strammer Recke in schwarzer Uniform, mit zackigem wei\u00dfblonden Haarschnitt und Kreuz um den Hals. Sein bekanntestes Lied \u201eIch bin Russe\u201c (\u201eJa Russkij\u201c) ist eine nationalistische Hymne, die Russlands Outcast-Dasein feiert. <\/p>\n<p>Shaman ist mit Jekaterina Misulina liiert, einer bekannten antiliberalen Aktivistin, die mit ihrer staatlichen Vorfeldorganisation Liga f\u00fcr Internetsicherheit die Verfolgung Andersdenkender vorantreibt. Anfang September annoncierte Shaman anl\u00e4sslich des Geburtstags seiner Geliebten in einem bizarren Clip die Gr\u00fcndung der Partei \u201eWir\u201c, was Fragen nach den zuk\u00fcnftigen Aktivit\u00e4ten des Paares aufwirft.<\/p>\n<p>Mit der Neugr\u00fcndung von Intervision hat Russland in Sachen Popul\u00e4rmusik endg\u00fcltig mit dem Westen gebrochen. Die Periode seit der ersten ESC-Teilnahme des Landes 1994 war allerdings von mehreren Krisen gepr\u00e4gt. Nach dem Sieg Dima Bilans bei dem Eurovision Song Contest im Mai 2008 war Moskau ein Jahr sp\u00e4ter Austragungsort. Damals kriselte das Verh\u00e4ltnis der russischen F\u00fchrung mit dem Westen aufgrund des Georgien-Kriegs bereits. Im Oktober 2009 regte Putin bei einem Treffen der <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/shanghaier-organisation-fuer-zusammenarbeit?ref=article_a\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" eventaction=\"\" click=\"\" article=\"\" gegenveranstaltung=\"\" zum=\"\" song=\"\" contest:=\"\" das=\"\" wettsingen=\"\" der=\"\" mehrheit=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Shanghaier Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit<\/a> erstmals eine Gegenveranstaltung an. 2014, nach der Krim-Annexion und dem Lostreten des Donbass-Kriegs, gab es erneut solche \u00dcberlegungen. Doch Russland blieb knirschend Teil des ESC und schickte Kreml-nahe Interpreten wie Polina Gagarina und Sergej Lasarew zum Wettsingen. Die Teilnehmerin von 2021, die urspr\u00fcnglich aus Tadschikistan stammende Manizha, war \u00e4sthetisch eine wohltuende Ausnahme. Manizhas feministische Empowerment-Hymne \u201eRussian Woman\u201c war in Russland \u00e4u\u00dferst umstritten. Die S\u00e4ngerin sollte die vorl\u00e4ufig letzte Teilnehmerin Russlands beim ESC sein.<\/p>\n<p>              Fakten<\/p>\n<p>1960 wurde in Prag ein Verband von osteurop\u00e4ischen Fernsehanstalten namens Intervision gegr\u00fcndet. Zwischen 1977 und 1980 fanden vier Intervision-Gesangswettbewerbe im polnischen Sopot statt, wo es davor schon ein bekanntes Ostblock-Musikfestival gegeben hatte. 1978 gewann die Sowjetunion mit der bekannten Schlagers\u00e4ngerin Alla Pugatschowa (\u201eK\u00f6nige d\u00fcrfen alles\u201c). <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es gab eine Zeit, da fieberte Russland dem Eurovision Song Contest entgegen, da schickte der Kreml die erfolgreichsten&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":433843,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4013],"tags":[331,332,13,113163,14,15,4043,4044,850,307,12],"class_list":{"0":"post-433842","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-russland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-headlines","11":"tag-intervision","12":"tag-nachrichten","13":"tag-news","14":"tag-russia","15":"tag-russian-federation","16":"tag-russische-foederation","17":"tag-russland","18":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115228866344752020","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/433842","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=433842"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/433842\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/433843"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=433842"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=433842"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=433842"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}