{"id":433928,"date":"2025-09-19T04:24:12","date_gmt":"2025-09-19T04:24:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/433928\/"},"modified":"2025-09-19T04:24:12","modified_gmt":"2025-09-19T04:24:12","slug":"der-absturz-die-tiefen-abgruende-einer-zerruetteten-familie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/433928\/","title":{"rendered":"&#8222;Der Absturz&#8220;: Die tiefen Abgr\u00fcnde einer zerr\u00fctteten Familie"},"content":{"rendered":"<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/coverlouis-100.webp\" alt=\"Cover: \u00c9douard Louis, \u201cDer Absturz\u201d\" title=\"Cover: \u00c9douard Louis, \u201cDer Absturz\u201d | Aufbau\" class=\"responsive\"\/><\/p>\n<p>\n            Stand: 19.09.2025 06:00 Uhr<\/p>\n<p class=\"preface\">\u00c9douard Louis z\u00e4hlt zu den wichtigen Stimmen der jungen, franz\u00f6sischen Literatur. Sein neuer Roman &#8222;Der Absturz&#8220; ist eine posthume Auseinandersetzung mit seinem verstorbenen Bruder.<\/p>\n<p class=\"textauthor\">von <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/juliane-bergmann,bergmann356.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Juliane Bergmann<\/a><\/p>\n<p class=\"\">Bei \u00c9douard Louis gibt es keine Umschweife, kein sanftes Hineingleiten in die Tragik der Geschichte; da beginnt der Roman gleich mit einem Knall &#8211; und dann folgt eine kaum auszuhaltende, geradezu ohrenbet\u00e4ubende Stille:<\/p>\n<blockquote><p>\n        Als ich vom Tod meines Bruders erfuhr, empfand ich nichts; weder Traurigkeit, noch Verzweiflung, noch Erleichterung, noch Freude.<\/p>\n<p>                Leseprobe<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>    Auf der Suche nach dem Bruder &#8211; eine schwierige Ann\u00e4herung<\/p>\n<p class=\"\">Das Verst\u00f6rende ist nicht etwa die Nachricht vom Tod des Bruders, sondern die ausbleibende Reaktion des Ich-Erz\u00e4hlers. Kein Gef\u00fchl ist da \u00fcbrig f\u00fcr das Familienmitglied. Was kann, was muss da vorgefallen sein? 38 Jahre war der verstorbene Bruder alt, als er in seiner Wohnung zusammengebrochen ist. Herzstillstand und die Organe machten nicht mehr mit. Er war schwerer Alkoholiker. Der Ich-Erz\u00e4hler f\u00e4hrt zur gemeinsamen Mutter, um ihr bei der &#8222;B\u00fcrokratie des Sterbens&#8220; beizustehen. \u00dcber den Bruder sprechen sie nicht, nur \u00fcber Mahlzeiten und Organisatorisches:<\/p>\n<blockquote><p>\n        Ich fand alles, was ich sagte, idiotisch. Ich hasste die Sprache, hasste meine Zunge, hasste meinen Mund, hasste meine Stimme.<\/p>\n<p>                Leseprobe<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"\">Der Ich-Erz\u00e4hler \u00c9douard entbl\u00e4ttert nach und nach das Leben des Bruders, versucht diesen r\u00e4tselhaften, so ganz anderen Menschen zu verstehen, ihn nach zehn Jahren Funkstille nachtr\u00e4glich kennenzulernen. Er spricht mit der Familie \u00fcber ihn, mit den Ex-Freundinnen. Die Geschwister wuchsen in armen Verh\u00e4ltnissen in einem franz\u00f6sischen Dorf auf, bei ruppigen Eltern, die sie klein hielten und dem\u00fctigten. W\u00e4hrend der Ich-Erz\u00e4hler sich aus dieser engen Welt befreite, aufs Gymnasium ging und in Paris studierte, wurde sein Bruder drogen- und alkoholabh\u00e4ngig, gewaltt\u00e4tig und kriminell. Er schw\u00e4nzte die Schule und sp\u00e4ter die Ausbildung.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/louis126.webp\" alt=\"\u00c9douard Louis\" title=\"\u00c9douard Louis | picture alliance \/ Jan Haas, Jan Haas\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Schriftsteller befragt 2019 von Katja Weise.<\/p>\n<p>    Analytische Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte<\/p>\n<p class=\"\">Wie in seinen vorigen Romanen schreibt \u00c9douard Louis auch in &#8222;Der Absturz&#8220; sehr autobiografisch. Seine Begr\u00fcndung: Menschen und Themen der Arbeiterklasse hat er in der Literatur oft vermisst: &#8222;Wenn ich schreibe, will ich so wahr wie m\u00f6glich \u00fcber die Welt schreiben. Ich habe immer den Eindruck, dass die Wirklichkeit selten vorkommt, sie oft gar kein Thema ist. Ich muss Geschichten erz\u00e4hlen, die mich der Welt, wie ich sie als Kind erlebt habe, wieder nahe bringen. Ich muss diese Menschen sichtbar machen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"\">Die Sprache des Romans ist anspruchsvoll und kantig: gedankliche Einsch\u00fcbe, Relativs\u00e4tze, indirekte Rede, Schl\u00fcsselpassagen, die sich wie im Remix wiederholen. Beim Lesen dieses eigentlich tieftraurigen Textes erleben wir eine sehr rationale, analytische Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte, flankiert von Wissen der Psychoanalyse und Soziologie. Dieser distanziert-k\u00fchle Sound ist gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig, ein vermeintlicher Widerspruch. Aber gerade weil das Buch so geschrieben ist, zielen die vereinzelten gef\u00fchlvollen Momente dann besonders in die Magengrube. Das sitzt. Etwa wenn der Erz\u00e4hler seine Mutter ansieht:<\/p>\n<blockquote><p>\n        In mir drin dachte ich: &#8222;Es tut mir leid. Es tut mir leid, dass dein Sohn tot ist.<\/p>\n<p>                Leseprobe<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>    Literatur zwischen Fiktion und Realit\u00e4t<\/p>\n<p class=\"\">Die Familie im Buch ist alles andere als begeistert, immer wieder zum literarischen Stoff zu werden. Bei der ersten Ver\u00f6ffentlichung wollte der Bruder den Autor sogar aus Wut umbringen. So war es auch in Wirklichkeit bei Louis. So viel Selbstreferenz und -entbl\u00f6\u00dfung ist erstaunlich. Offen bleibt, wie viel Fiktion ist, wie viel echtes Leben des Autors. Und gerade das wirft die Frage wieder an uns zur\u00fcck: Ist es \u00fcberhaupt wichtig, das zu unterscheiden? Ist unsere Lust, mehr \u00fcber das Intimste des Schriftstellers zu erfahren, nicht vermessen?<\/p>\n<p>    Aufr\u00fcttelnde Fragen des Lebens<\/p>\n<p class=\"\">Warum beginnt ein Mensch zu hassen? Wie entfremden sich Br\u00fcder? Bis zu welchem Zeitpunkt l\u00e4sst sich ein sozialer Absturz noch abwenden? Kann es sein, dass in einer Familie alle im Recht und gleichzeitig im Unrecht sind? Es sind gro\u00dfe, m\u00e4chtige Fragen, die der neue Roman von Louis in aller H\u00e4rte stellt. Ohne Kitsch, ohne Pose. Das liest sich wie ein d\u00fcsterer Bericht, fast dokumentarisch. Dennoch oder gerade deswegen ist das Buch extrem aufr\u00fcttelnd.<\/p>\n<p>        Schlagw\u00f6rter zu diesem Artikel<\/p>\n<p>            <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/buch\/Romane-Buch-Rezensionen-Lesungen-und-Podcasts,romane107.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Romane<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 19.09.2025 06:00 Uhr \u00c9douard Louis z\u00e4hlt zu den wichtigen Stimmen der jungen, franz\u00f6sischen Literatur. 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