{"id":434357,"date":"2025-09-19T08:33:12","date_gmt":"2025-09-19T08:33:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/434357\/"},"modified":"2025-09-19T08:33:12","modified_gmt":"2025-09-19T08:33:12","slug":"michael-stavaric-erzaehlt-eine-geschichte-voller-wunder-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/434357\/","title":{"rendered":"Michael Stavari\u010d erz\u00e4hlt eine Geschichte voller Wunder \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Als Stella pl\u00f6tzlich auf sich allein gestellt wird, ist sie gerade f\u00fcnfzehn. Der Tag beginnt, wie so viele zuvor, au\u00dfer dass ihr Vater im Bett liegen bleibt. Zun\u00e4chst ist Stella irritiert, schlie\u00dflich steht das gemeinsame Fr\u00fchst\u00fcck bevor. Doch aus dem ersten Unbehagen wird rasch ein z\u00e4her, fast trotzig anmutender Mechanismus der Verdr\u00e4ngung. Sie will nicht glauben, dass er tot ist. \u201eBei Vater war man nie sicher, was als N\u00e4chstes passieren, was er sagen, wohin er aufbrechen oder welchen Dingen er sich widmen w\u00fcrde. Warum sollte das im Tod anders sein?\u201c Also blendet sie aus, was nicht in ihr Bild passt, und versucht, an der gewohnten Alltagsroutine festzuhalten. Vielleicht wacht Vater ja doch gleich wieder auf, vielleicht ist das alles nur eines seiner unberechenbaren Spiele.<\/p>\n<p>Doch es bleibt nicht bei diesem fl\u00fcchtigen Vielleicht. Als der n\u00e4chste Tag anbricht, wird die Wahrheit unausweichlich und unwiderruflich, der Vater wird schlie\u00dflich von einem Krankenwagen abgeholt. Der Totenschein wird ausgestellt, und die Nachbarn versprechen, sich um das M\u00e4dchen zu k\u00fcmmern. Vorausgesetzt, sie ben\u00f6tigt ihre Hilfe. Doch Stella braucht selten welche. Sie ist still, eigenwillig und in vielem \u00e4lter, als es ihre f\u00fcnfzehn Jahre vermuten lassen. Eine Au\u00dfenseiterin, irgendwo in der \u00f6sterreichischen Provinz, die lange Zeit in einem abgeschlossenen Kosmos lebte, einem Universum, das einzig aus zwei Menschen bestand: ihr und ihrem Vater. <\/p>\n<p>Wie geht man damit um, wenn jene zentrale Figur, die zugleich Vater, Lehrer, Freund und einziger Lebensanker war, pl\u00f6tzlich fehlt? Wenn von einem Moment zum n\u00e4chsten das gewohnte Leben zerbricht? Der in Wien lebende \u00f6sterreichisch-tschechische Schriftsteller und \u00dcbersetzer Michael Stavari\u010d, der unter anderem mit dem Adelbert-Chamisso-Preis sowie dem \u00d6sterreichischen Staatspreis f\u00fcr Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet wurde, hat bereits zahlreiche Kinderb\u00fccher ver\u00f6ffentlicht. <\/p>\n<p>Was ist mit der Mutter?  <\/p>\n<p>Auch in diesem Roman ist sp\u00fcrbar, wie virtuos er \u2013 nun ein Mann jenseits der f\u00fcnfzig \u2013 sich in die Gedanken- und Gef\u00fchlswelt eines M\u00e4dchens hineinversetzen kann. In seinem kunstvoll komponierten Werk \u201eDie Schattenf\u00e4ngerin\u201c entfaltet Stavari\u010d die Geschichte einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Vater-Tochter-Beziehung \u2013 gepr\u00e4gt von N\u00e4he und Distanz, Z\u00e4rtlichkeit und Geheimnissen. Der Vater ist im Geschehen bereits abwesend und doch im gesamten Text gegenw\u00e4rtig \u2013 durch Stellas Erinnerungen, Gedanken und die Spuren, die er in ihrem Leben hinterlassen hat. Und durch all die Fragen, die unbeantwortet geblieben sind. Warum unterrichtete der Vater Stella zu Hause, fern von Gleichaltrigen, fern von gesellschaftlichen Erwartungen? Warum durfte sie nie ihre Mutter, Grete, besuchen, die seit ihrer Kindheit in einer psychiatrischen Einrichtung lebte? Warum nahm er sie nie mit auf seine Reisen, die stets einem bestimmten Naturph\u00e4nomen galten: der Sonnenfinsternis? F\u00fcnfzehnmal lie\u00df er sie bei den Nachbarn zur\u00fcck, um in ferne L\u00e4nder aufzubrechen, oft nach Afrika. \u201eDie Sonne verehrte und begehrte er in einer Weise, wie ein Mann normalerweise zu seiner Frau steht, die Tochter hatte da wohl schlechtere Karten.\u201c Jedes Mal lie\u00df der Vater Stella mit Fragen zur\u00fcck \u2013 unbeantwortet, aber tief eingepr\u00e4gt. <\/p>\n<p>Garten wird zu Dschungel<\/p>\n<p>In einem Interview meinte Michael Stavari\u010d, es ginge ihm in dem Buch auch um das Verh\u00e4ltnis zwischen Mensch und Natur. Als Autor von Sachb\u00fcchern f\u00fcr Kinder wie \u201eFaszination Krake\u201c, das Kindern die Besonderheiten dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen und hochintelligenten Meeresbewohner nahebringt, gelingt es ihm ebenso, die Wunder des Himmels wie Sonnenfinsternisse und andere astronomische Ph\u00e4nomene greifbar zu machen. Auch die \u00fcppige Wildheit eines Gartens, der scheinbar ungeb\u00e4ndigt vor sich hin wuchert, werden bei ihm zu poetischen Bildern. W\u00e4hrend Stella allein im Haus wohnen bleibt, \u00fcberl\u00e4sst sie das Terrain sich selbst, und bald gleicht ihr Garten einem Dschungel, zum \u00c4rger der Nachbarn. \u201eIch dachte an den dichten Dschungel Afrikas und wie die Natur jederzeit und \u00fcberall auf der Welt in der Lage dazu ist, die Beweise jeder menschlichen Existenz zu vernichten.\u201c <\/p>\n<p>Es sind die leisen T\u00f6ne, die in diesem Buch nachhallen \u2013 nicht das laute Drama oder aufreibende Konflikte, sondern das Unausgesprochene, das Verdr\u00e4ngte, das allm\u00e4hlich in die Wirklichkeit durchsickert. Die Ich-Erz\u00e4hlerin ist sehr reflektiert, ihre Sprache ist oft poetisch, zur\u00fcckgenommen und zugleich eindringlich. Als h\u00f6re man das Schweigen zwischen den Zeilen und sehe die Leerstellen zwischen den Erinnerungen. <\/p>\n<p>Getuschelt wird viel im Dorf  <\/p>\n<p>Die bei diesem Autor stets wiederkehrende Sympathie f\u00fcr das Surreale und Absurde begegnet einem auch bei der \u201eSchattenf\u00e4ngerin\u201c. So verf\u00fcgt Stella \u00fcber au\u00dfergew\u00f6hnliche F\u00e4higkeiten: Sie vermag ihren Nachbarn, die sie wegen ihres verwilderten Gartens anzeigen wollen, die Schatten gewaltiger Felsbrocken anzuheften, sodass diese sich von da an nur noch m\u00fchsam und wie beschwert durchs Leben schleppen, und dem Pfarrer, dem sie noch etwas heimzuzahlen hat, h\u00e4ngt sie den Schatten eines Friedhofkreuzes an, wodurch er wirkt, als tr\u00fcge er selbst ein Kreuz. Im Dorf bleibt Stella ein Sonderfall. Sie lebt weiter im Haus auf dem H\u00fcgel, f\u00e4hrt allein zum Einkaufen, hilft bald dem Totengr\u00e4ber aus. Ihre Umgebung begegnet ihr mit einer Mischung aus Mitleid und Respekt, manchmal mit Misstrauen. Getuschelt wird viel \u2013 doch Stella k\u00fcmmert das wenig. Sie hat andere Fragen, andere Ma\u00dfst\u00e4be. Die Welt, die ihr Vater ihr hinterlassen hat, ist voller Licht und Schatten. <\/p>\n<p>Ursprung des Lebens<\/p>\n<p>Um dem l\u00e4ngsten Schatten, den der Vater hinterlassen hat, n\u00e4herzukommen, reist Stella einige Jahre sp\u00e4ter nach Afrika und will dem Naturph\u00e4nomen beiwohnen, von dem ihr Vater so fasziniert war. Sie fliegt in den Kongo und erlebt ihre erste Sonnenfinsternis. Als eine unerwartete Offenbarung pl\u00f6tzlich das tiefste Geheimnis in Stellas Leben ans Licht bringt, markiert das eine \u00fcberraschende Wendung. Pl\u00f6tzlich wird das bisherige Leben in den Schatten gestellt, und es tauchen mehr Fragen auf, als beantwortet wurden. Ist das der absolute Nullpunkt, der Ursprung eines neuen Lebens? <\/p>\n<p>Die Sonnenfinsternis, auf die Stella so lange hingefiebert hat, wird nicht nur zum astronomischen Ereignis, sondern auch zum Symbol f\u00fcr die Schatten ihrer eigenen Biografie, die bisher im Verborgenen lagen. Was zun\u00e4chst als Reise zu einem Naturph\u00e4nomen begann, wird f\u00fcr Stella zu einer tiefgreifenden Selbstfindung. Vielleicht wird sie nicht dieselbe Art von Schattenf\u00e4ngerin wie ihr Vater, aber vielleicht wird sie lernen, mit den eigenen Schatten zu leben. Und das ist wom\u00f6glich das gr\u00f6\u00dfte Erbe, das er ihr hinterlassen hat. <\/p>\n<blockquote class=\"fm-quote flexmodule flexmodule--quote\"><\/blockquote>\n<p>                                              <img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Die-Schattenf\u00e4ngerin.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/>                                             <\/p>\n<p><strong>Michael Stavari\u010d<\/strong><\/p>\n<p>Die Schattenf\u00e4ngerin<\/p>\n<p>Roman. 288 S., geb., \u20ac 25,95 (Luchterhand)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als Stella pl\u00f6tzlich auf sich allein gestellt wird, ist sie gerade f\u00fcnfzehn. 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