{"id":43480,"date":"2025-04-19T04:32:10","date_gmt":"2025-04-19T04:32:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/43480\/"},"modified":"2025-04-19T04:32:10","modified_gmt":"2025-04-19T04:32:10","slug":"nur-nazis-und-schlechte-laune-ein-besuch-in-chemnitz-europas-kulturhauptstadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/43480\/","title":{"rendered":"Nur Nazis und schlechte Laune? Ein Besuch in Chemnitz, Europas Kulturhauptstadt"},"content":{"rendered":"<p>  \u00abDeutschland und Nazis, da denkt jeder sofort an Chemnitz\u00bb: Europas Kulturhauptstadt hadert mit ihrem Ruf <\/p>\n<p class=\"headline__lead\">In den Augen vieler Deutscher ist sie die ostigste aller ostdeutschen Grossst\u00e4dte. Neonazis, AfD-Wahlsiege und das Gef\u00fchl der Benachteiligung: Es scheint alles so typisch zu sein. Doch was bewegt die Menschen in der \u00abStadt des Verlassenwerdens\u00bb?<\/p>\n<p>   <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" alt=\"Von 1953 bis 1990 hiess Chemnitz Karl-Marx-Stadt. Die 40 Tonnen schwere Marx-B\u00fcste, ein Werk des sowjetischen Bildhauers Lew Kerbel, wurde 1971 aufgestellt. Die Chemnitzer nennen sie \u2013 mit dem s\u00e4chsischen Wort f\u00fcr Sch\u00e4del \u2013 den \u00abNischel\u00bb. Im Bild die Szenerie kurz vor der Er\u00f6ffnung des Kulturhauptstadt-Jahrs am 18. Januar.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"5841\" height=\"3894\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/a2b79eae-aa5e-497c-9273-ed7a673656d8.jpeg\" loading=\"eager\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>   Von 1953 bis 1990 hiess Chemnitz Karl-Marx-Stadt. Die 40 Tonnen schwere Marx-B\u00fcste, ein Werk des sowjetischen Bildhauers Lew Kerbel, wurde 1971 aufgestellt. Die Chemnitzer nennen sie \u2013 mit dem s\u00e4chsischen Wort f\u00fcr Sch\u00e4del \u2013 den \u00abNischel\u00bb. Im Bild die Szenerie kurz vor der Er\u00f6ffnung des Kulturhauptstadt-Jahrs am 18. Januar. <\/p>\n<p>Bild: Chris L\u00e4ssig\/Imago<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioq72vhq0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text\">Mit 250&#8217;000 Einwohnern ist Chemnitz gr\u00f6sser als Bern oder Basel, doch wer mit der Bahn kommt, glaubt, in ein Dorf zu fahren: Die Strecke aus Leipzig hat nur eine Spur. Verirrt sich ein Reh auf die Gleise, ist der Verkehr in beide Richtungen lahmgelegt.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ip1p5soo1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Wer erz\u00e4hlt, seine Anreise sei planm\u00e4ssig verlaufen, wird von den Chemnitzern bestaunt wie ein seltenes Tier: \u00abWirklich? Kaum zu glauben\u00bb, heisst es dann. Das Adjektiv \u00ababgeh\u00e4ngt\u00bb, das einige Westdeutsche ihren Landsleuten im Osten gerne anh\u00e4ngen, erscheint selten treffender als in der Grossstadt im S\u00fcden Sachsens.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqbtjfh0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Dass hier bei der letzten Bundestagswahl 32 Prozent f\u00fcr die AfD gestimmt haben, passt dann ebenso ins Bild wie die j\u00fcngere Geschichte der Stadt: Nachdem im Sommer 2018 ein Deutscher kubanischer Abstammung von zwei Asylbewerbern erstochen worden war, gingen Tausende auf die Strasse: Rentnerinnen, w\u00fctende B\u00fcrger, aber auch Neonazis und Hooligans. <a href=\"https:\/\/www.tagblatt.ch\/ld.1048327\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00abHetzjagden auf Ausl\u00e4nder\u00bb wollte die damalige Kanzlerin Angela Merkel auf einem Videomitschnitt gesehen haben.<\/a><\/p>\n<p>Wer sein Studium abgeschlossen hat, geht in der Regel<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqbtjfj0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Sieben Jahre sp\u00e4ter ist Chemnitz Kulturhauptstadt Europas. Das t\u00f6nt glanzvoller, als es ist, denn der Titel, der von der EU verliehen wird, geht selten an die kulturellen Metropolen eines Landes. Eher soll er helfen, Problemzonen wiederzubeleben. \u00abC the unseen\u00bb lautet das Motto der Kulturhauptstadt Chemnitz, \u00absehe das \u00dcbersehene\u00bb.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Zeran Osman und Dominik Intelmann.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"1170\" height=\"1062\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>   Zeran Osman und Dominik Intelmann. <\/p>\n<p>Bild: H. F. M\u00fcller<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqcj3b60\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Die Einheimischen neigen nicht unbedingt zur Euphorie: Dass Chemnitz nun Kulturhauptstadt sei, werde die Lage aber sicher nicht schlimmer machen, sagt Zeran Osman. Die 34-J\u00e4hrige arbeitet f\u00fcr ein Dokumentationszentrum, das Ende Mai er\u00f6ffnen soll und sich mit den Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ip1p83u91\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Der NSU ermordete in den Nullerjahren neun Menschen mit Migrationshintergrund und eine Polizistin; ihre Taten planten die rechtsextremen Terroristen im Heckertgebiet, einem Chemnitzer Plattenbauquartier.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc3h180\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Nun sitzen Osman und ihr Kollege Dominik Intelmann, 44, in einem kargen Besprechungsraum und denken laut dar\u00fcber nach, warum Chemnitz ist, wie es ist. Osman ist in Kurdistan geboren, wuchs aber in Halle auf. Nach Chemnitz kam sie zum Studium. Intelmann ist geb\u00fcrtiger Chemnitzer, lebt heute aber teilweise in Leipzig.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc3h1b0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Die meisten ihrer Kommilitonen seien nach dem Abschluss weggezogen, sagt Osman. \u00abChemnitz ist die Stadt des Verlassenwerdens.\u00bb Manchmal f\u00fchle sie sich wohl, manchmal weniger. \u00abEs gibt hier grosse, g\u00fcnstige Wohnungen, und ich mag die Ruhe in der Nacht.\u00bb Aber die Jugend fehle, trotz Universit\u00e4t. Von \u00abHeimscheisser-Studis\u00bb, die ihre Dreckw\u00e4sche am Wochenende zu ihren Eltern br\u00e4chten, spricht Osman.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc3h1e0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Bedroht f\u00fchle sie sich nur selten, doch wenn sie sehe, dass rechtsradikale T-Shirts im \u00f6ffentlichen Raum toleriert w\u00fcrden, werde sie w\u00fctend. Er fahre lieber Velo, als die Tram zu nehmen, wirft Intelmann ein. \u00abIn Leipzig gibt es Milieus, die eingreifen, wenn etwas passiert.\u00bb Chemnitz sei dagegen eine private Stadt, in der die Leute unter sich blieben.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Trotz starker Kriegszerst\u00f6rungen l\u00e4sst sich vielerorts noch erahnen, dass Chemnitz vor dem Zweiten Weltkrieg zu den reichsten St\u00e4dten Deutschlands z\u00e4hlte. Im Bild der Theaterplatz mit dem Opernhaus; links das K\u00f6nig-Albert-Museum.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"5196\" height=\"3464\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>   Trotz starker Kriegszerst\u00f6rungen l\u00e4sst sich vielerorts noch erahnen, dass Chemnitz vor dem Zweiten Weltkrieg zu den reichsten St\u00e4dten Deutschlands z\u00e4hlte. Im Bild der Theaterplatz mit dem Opernhaus; links das K\u00f6nig-Albert-Museum. <\/p>\n<p>Bild: Gabriele Hanke \/ Imago<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioq72vnl0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Ob der Aufstieg der AfD f\u00fcr das Dokumentationszentrum eine Bedrohung sei? In Sachsen regiert eine Minderheitsregierung aus CDU und SPD, geduldet von Sahra Wagenknechts Gefolgsleuten. Die Finanzierung des Zentrums sei damit erst einmal gesichert, sagt Osman. \u00abAber wenn die AfD irgendwann einmal regieren sollte, dann wohl zuerst hier.\u00bb<\/p>\n<p>Ein Politiker will wieder Lokf\u00fchrer werden<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc593t0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">\u00abIn Chemnitz wird gearbeitet, in Leipzig gehandelt, in Dresden geprasst\u00bb lautet ein alter Spruch, den fast jeder hier irgendwann einmal zitiert. Das Gef\u00fchl, Nummer drei zu sein, hatte man schon im 19. Jahrhundert. Doch Chemnitz ist keine h\u00e4ssliche Stadt. Im Zweiten Weltkrieg wurde zwar vieles zerst\u00f6rt und sp\u00e4ter im Plattenbaustil der DDR wiederaufgebaut, doch einiges blieb auch erhalten, etwa das repr\u00e4sentative Opernhaus.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc59400\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Ihren fr\u00fcheren Reichtum sieht man der Stadt an, ihre heutigen Probleme allerdings auch: Von den zahlreichen Gr\u00fcnderzeitvillen, die sich die Chemnitzer B\u00fcrger errichten liessen, stehen viele leer. Manche Strassen wirken wie ausgestorben. Das eigentliche Zentrum um das Rathaus herum ist zwar belebt, f\u00fcr eine Stadt dieser Gr\u00f6sse aber sehr klein.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Detlef M\u00fcller.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"1170\" height=\"1345\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>   Detlef M\u00fcller. <\/p>\n<p>Bild: H. F. M\u00fcller<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqcvejd0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Im Februar w\u00e4hlten die Chemnitzer <a href=\"https:\/\/www.tagblatt.ch\/ld.693127\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Alexander Gauland in den Bundestag, den Ehrenvorsitzenden der AfD.<\/a> Sein Vorg\u00e4nger als \u00f6rtlicher Abgeordneter war der Sozialdemokrat Detlef M\u00fcller. Im Rathaus, einem imposanten Jugendstilbau, sitzt M\u00fcller nun in den Fraktionsr\u00e4umen seiner Partei.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqd2a5m0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">In der deutschen Politik d\u00fcrfte der 60-J\u00e4hrige ein Unikum sein: Dass ein Parlamentarier in seinen angestammten Beruf zur\u00fcckkehrt, kommt zwar immer wieder vor, doch bedeutet dies meist eine gut bezahlte T\u00e4tigkeit, etwa als Anwalt. M\u00fcller aber will, nach f\u00fcnfzehn Jahren im Bundestag, wieder Lokf\u00fchrer werden. Erhebe der Betriebsarzt keine Einw\u00e4nde, werde er im September wieder auf der Erzgebirgsbahn anfangen.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc59440\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Trotz seines unpr\u00e4tenti\u00f6sen Auftretens scheint seine Niederlage an M\u00fcller zu nagen. Gauland sei im Wahlkampf vielleicht zweimal hier gewesen, sagt der SPD-Politiker. \u00abDass die Leute trotzdem AfD w\u00e4hlten, hat mich getroffen.\u00bb Laufe er, M\u00fcller, durch die Innenstadt, werde er freundlich gegr\u00fcsst, \u00ababer der Kevin aus dem Heckertgebiet w\u00e4hlt halt AfD\u00bb.<\/p>\n<p>Subventionen f\u00fcr K\u00fcnstler sieht die AfD nicht gern<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc59460\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Der schlechte Ruf, den ihre Stadt seit 2018 hat, \u00e4rgert die Chemnitzer. \u00abWo Sie jetzt sitzen, sass damals eine Reporterin der \u2039New York Times\u203a\u00bb, erz\u00e4hlt M\u00fcller. \u00abDie fragte mich, ob ich jetzt von hier wegziehen m\u00fcsse.\u00bb Dabei seien viele Neonazis damals von ausserhalb angereist. Er glaube, er habe der Journalistin begreiflich machen k\u00f6nnen, dass es sich in Chemnitz leben lasse. Gelesen habe er ihren Artikel aber nicht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Ronny Licht.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"736\" height=\"874\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>   Ronny Licht. <\/p>\n<p>Bild: H. F. M\u00fcller<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc59480\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Ein Stockwerk tiefer als M\u00fcller sitzt Ronny Licht, ein Stadtrat der AfD. Der 48-J\u00e4hrige ist kulturpolitischer Sprecher seiner Partei. Manches, was 2018 geschehen sei, sei wohl \u00abzu heftig\u00bb gewesen, r\u00e4umt er ein. Dass einige nun so t\u00e4ten, als m\u00fcsse Chemnitz \u00abentnazifiziert\u00bb werden, emp\u00f6re ihn aber. \u00abDeutschland und Nazis, da denkt jeder sofort an Chemnitz.\u00bb Sogar aus Kanada sei k\u00fcrzlich ein Fernsehteam angereist.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc59490\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Fundamentalopposition zum Kulturhauptstadt-Projekt mag Licht nicht betreiben: \u00abIch hatte nie ein Problem damit\u00bb, sagt er. Allerdings spricht er von einem \u00abkleinteiligen Projekt f\u00fcr eine intellektuelle Blase\u00bb \u2013 und t\u00f6nt dann in seiner Kritik fast wie ein Linker: Wer acht Stunden am Tag arbeite und Kinder habe, m\u00fcsse \u00ababgeholt\u00bb werden. Dies geschehe aber nicht.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc594a0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Dass der Stadt auch in der Kulturpolitik gr\u00f6bere Konflikte bevorstehen k\u00f6nnten, deutet der AfD-Mann allenfalls an. Es brauche K\u00fcrzungen, sagt er. Subventionen f\u00fcr K\u00fcnstler seien ein Luxus. Von den Milliarden, die die n\u00e4chste deutsche Regierung den Kommunen versprochen habe, w\u00fcrden vielleicht 2,5 Millionen Euro pro Jahr in Chemnitz ankommen. \u00abDas verbraten wir, wenn wir eine einzige Strassenkreuzung bauen.\u00bb<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Nirgendwo in Deutschland stossen die politischen Gegens\u00e4tze st\u00e4rker aufeinander als in den Grossst\u00e4dten des Ostens. Hier ein Plakat der Linkspartei vor der letzten Bundestagswahl, das mutmasslich von Sympathisanten der AfD \u00fcbermalt wurde.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"6000\" height=\"4000\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>   Nirgendwo in Deutschland stossen die politischen Gegens\u00e4tze st\u00e4rker aufeinander als in den Grossst\u00e4dten des Ostens. Hier ein Plakat der Linkspartei vor der letzten Bundestagswahl, das mutmasslich von Sympathisanten der AfD \u00fcbermalt wurde. <\/p>\n<p>Bild: Imago<\/p>\n<p> Ein K\u00fcnstler spottet \u00fcber die Heimatt\u00fcmelei<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc594c0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Ein K\u00fcnstler, der kaum Subventionen annimmt, ist Osmar Osten. In Woll-Gilet und Tweed-Jackett wirkt der b\u00e4rtige Mann wie ein \u00dcberbleibsel jenes b\u00fcrgerlichen Chemnitz, das es vor dem Krieg einmal gegeben haben mag. \u00abDie Kulturhauptstadt holte mich ein, ohne dass ich es erwartete\u00bb, sagt der 65-J\u00e4hrige: F\u00fcr das Stadtzentrum habe er eine Skulptur erschaffen d\u00fcrfen. \u00abNormalerweise h\u00e4tte ich das gar nicht finanzieren k\u00f6nnen.\u00bb<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Osmar Osten.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"739\" height=\"988\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>   Osmar Osten. <\/p>\n<p>Bild: H. F. M\u00fcller<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc594f0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Ostens Atelier befindet sich in einer fr\u00fcheren Fabrik; Farbgeruch liegt in der Luft, Licht str\u00f6mt durch grosse Fenster herein. Dass er normalerweise die kleine Form bevorzuge, mache ihn unabh\u00e4ngig. \u00abNotizheft, Papier und Stift, das reicht mir.\u00bb So bleibe ihm erspart, sich um \u00f6ffentliche Gelder zu bewerben.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc594g0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Um einen Antrag auf F\u00f6rderung zu stellen, so meint Osten, m\u00fcsste er \u00abl\u00fcgen ohne Ende\u00bb: Vor dreissig Jahren sei jeder regionale Bezug verp\u00f6nt gewesen, nun m\u00fcsse alles heimatt\u00fcmelnd sein. \u00abDa verlegt ein Maler seine B\u00e4ume dann auch mal aus dem Erzgebirge ins Vogtland, um Geld vom dortigen Landratsamt zu bekommen\u00bb, spottet Osten.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc594i0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Ob der neue Heimatstil mit dem allgemeinen Rechtsruck zu tun habe, dar\u00fcber will der K\u00fcnstler kein Urteil abgeben. Klare Ansagen sind Ostens Sache ohnehin nicht. In seinem Werk regieren Humor und Ironie: \u00abWir sind das Volk (aber nicht gerne)\u00bb, steht auf einer seiner Zeichnungen, auf einer anderen: \u00abWir sehen uns vorm Tagesgericht.\u00bb<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Humor und Ironie regieren: Zeichnungen von Osmar Osten.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"1170\" height=\"1409\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>   Humor und Ironie regieren: Zeichnungen von Osmar Osten. <\/p>\n<p>Bild: H. F. M\u00fcller<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc594j0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Ostens Verh\u00e4ltnis zu seiner Heimat ist ein pragmatisches: Der Mietzins f\u00fcr sein Atelier sei niedrig, und \u00fcber die Autobahn sei man schnell weg. Besucht werde man in Chemnitz allerdings nicht: \u00abIn Mailand sagen mir die Galeristen, \u2039ich komme bei Ihnen vorbei\u203a \u2013 aber sie kommen dann nie.\u00bb Fr\u00fcher habe er immer nach Wien gewollt, \u00ababer wenn ein Sachse dort den Mund aufmacht, ist er schnell im Spottbereich\u00bb.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc594k0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">So etwas wie ein politisches Bekenntnis erh\u00e4lt man von Osten allenfalls \u00fcber Umwege: Dass sein Kleidungsstil jenem Gaulands \u00e4hnlich sei, sei ihm unangenehm. Gebe er sich auf einer seiner Ausstellungen zu erkennen, wunderten sich die Leute \u00fcber sein Alter und seine \u00abReichsb\u00fcrgerjacke\u00bb. Einmal sei er auf der Strasse angespuckt worden, vermutlich wegen seiner Kleidung. \u00abAm liebsten w\u00e4re mir eine Tarnkappe\u00bb, sagt er.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckreise bringt eine \u00dcberraschung<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc594n0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Ohne einen Besuch bei Uwe Dziuballa kommt kaum eine Reportage \u00fcber Chemnitz aus. Warum, wird rasch klar: Der Mann ist zwar Chemnitzer, aber er ist auch, was die Stadt nicht ist: selbstbewusst. <a href=\"https:\/\/www.tagblatt.ch\/ld.1051729\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2018 wurde sein koscheres Restaurant \u00abSchalom\u00bb von Neonazis mit Steinen beworfen,<\/a> seither ist er ein gefragter Gespr\u00e4chspartner.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iortfdq20\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Dabei ist das Verh\u00e4ltnis, das der 60-J\u00e4hrige zu den Medien unterh\u00e4lt, zwiesp\u00e4ltig: Er ist dort sehr pr\u00e4sent, schilt aber keinen Berufsstand heftiger als die Journalisten: Sie k\u00e4men mit einer Erwartungshaltung, und wenn man die nicht erf\u00fclle, werde man in eine Schublade gesteckt. Tats\u00e4chlich scheinen deutsche Journalisten nicht so recht zu wissen, wo sie Dziuballa einsortieren sollen: \u00abEin Linker war er nie\u00bb, notierte die \u00abFrankfurter Rundschau\u00bb 2023, als sei das bereits bemerkenswert.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Uwe Dziuballa.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"1170\" height=\"1336\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>   Uwe Dziuballa. <\/p>\n<p>Bild: H. F. M\u00fcller<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc594q0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Dass er nicht nur rechten, sondern auch migrantischen Judenhass beim Namen nennt, scheint ihn manchen schon verd\u00e4chtig zu machen. Seit dem Angriff der Hamas auf Israel trage er auf der Strasse statt einer Kippa einen Hut, erz\u00e4hlt er.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioqc594u0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Nun, da Chemnitz Kulturhauptstadt sei, seien viele Besucher beeindruckt, \u00abweil vorher nur Dreck \u00fcber die Stadt ausgesch\u00fcttet wurde\u00bb. Das allgemeine Gejammer geht dem studierten Ingenieur auf die Nerven. \u00abEinige meckern, die Leute w\u00fcrden nicht mitgenommen. Wenn mich ein Busfahrer stehen l\u00e4sst, muss ich halt laufen.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ioum3l2c0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Dass auch die R\u00fcckreise des Reporters bequem verlaufen wird, erwartet kaum einer seiner Gespr\u00e4chspartner. So viel Gl\u00fcck habe kein Mensch. Tats\u00e4chlich setzt sich der Zug dann zehn Minuten fr\u00fcher als erwartet in Bewegung. Die Passagiere blicken ungl\u00e4ubig. Dann l\u00f6st einer von ihnen auf: Man sitze im Vorg\u00e4ngerzug, der f\u00fcnfzig Minuten zu sp\u00e4t sei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00abDeutschland und Nazis, da denkt jeder sofort an Chemnitz\u00bb: Europas Kulturhauptstadt hadert mit ihrem Ruf In den Augen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":43481,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1851],"tags":[150,2770,3364,21991,29,548,663,3934,30,13,14,15,21992,16,859,12,4672],"class_list":{"0":"post-43480","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-chemnitz","8":"tag-alternative-fuer-deutschland","9":"tag-chemnitz","10":"tag-de","11":"tag-detlef-mueller","12":"tag-deutschland","13":"tag-eu","14":"tag-europa","15":"tag-europe","16":"tag-germany","17":"tag-headlines","18":"tag-nachrichten","19":"tag-news","20":"tag-osmar-osten","21":"tag-politik","22":"tag-sachsen","23":"tag-schlagzeilen","24":"tag-wahlen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114362760838433097","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43480","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=43480"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43480\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/43481"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=43480"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=43480"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=43480"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}