{"id":436106,"date":"2025-09-20T00:55:16","date_gmt":"2025-09-20T00:55:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/436106\/"},"modified":"2025-09-20T00:55:16","modified_gmt":"2025-09-20T00:55:16","slug":"marko-dinics-roman-buch-der-gesichter-rund-um-den-terror-in-belgrad-1942","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/436106\/","title":{"rendered":"Marko Dini\u0107s Roman \u201eBuch der Gesichter\u201c: Rund um den Terror in Belgrad 1942"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Zu den seltenen Gl\u00fccksf\u00e4llen in einer individuellen Lesebiographie geh\u00f6ren Lekt\u00fcren, w\u00e4hrend derer Entt\u00e4uschung in Begeisterung umschl\u00e4gt. Marko Dini\u0107s Roman \u201eBuch der Gesichter\u201c ist ein Beispiel daf\u00fcr. Bis rund zur H\u00e4lfte des nicht eben schmalen Werks (mehr als 450 Seiten Umfang) steigert sich vor allem das Missfallen \u00fcber Stilbl\u00fcten. So liest man etwa: \u201eSie wunderte sich \u00fcber den Widerwillen, der pl\u00f6tzlich ihrer habhaft wurde.\u201c Da schnappt sich also der Widerwille den Menschen? Seltsam.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Oder nur zwei Seiten danach: \u201eAls er die Kneipe betrat, hatte er das eigenartige Gef\u00fchl, Mutter soeben verpasst zu haben. Rosa, die hinter dem Tresen stand, best\u00e4tigte dieses Gef\u00fchl, indem sie ihm sagte, dass sie Olga seit gestern Abend nicht gesehen habe.\u201c Ja, wie denn nun? \u201eSoeben verpasst\u201c oder doch \u201eseit gestern Abend nicht gesehen\u201c? Man fragt sich, wie ein angesehener Verlag einem Autor Derartiges durchgehen lassen kann.<\/p>\n<p>Geht es noch manierierter?<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Und da ist eine solche Passage (ebenfalls in unmittelbarer N\u00e4he der eben zitierten) noch gar nicht erw\u00e4hnt: \u201eEin Au\u00dfenstehender \u2013 vorausgesetzt, er tr\u00fcge in nichts als seinen s\u00e4genden Konsonanten die Reste einer zu Asche zerfallenen Heimat mit sich herum, und nach langer, beschwerlicher Reise w\u00e4re er hier, in dieser Arbeiterkneipe, zur Rast eingekehrt \u2013, er h\u00e4tte meinen k\u00f6nnen, die Andacht eines Stilllebens l\u00e4ge in der Luft, w\u00e4re da nicht die stumme Not gewesen, die sich in Olgas Mundwinkeln abzeichnete.\u201c Geht es noch manierierter?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Marko Dini\u0107, geboren 1988 in Wien und aufgewachsen in Belgrad\" height=\"2023\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/marko-dini-geboren-1988-in.jpg\" width=\"3000\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Marko Dini\u0107, geboren 1988 in Wien und aufgewachsen in Belgradpicture alliance\/dpa<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Kurz: Marko Dini\u0107, geboren 1988 in Wien und aufgewachsen in <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Belgrad\" data-rtr-id=\"8eb95ae65b2ae11b0e127f4e0425363063d20b82\" data-rtr-score=\"37.71740746246469\" data-rtr-etype=\"location\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/belgrad\" title=\"Belgrad\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Belgrad<\/a>, bevor er zum Studium wieder nach \u00d6sterreich ging, macht es einem nicht leicht, denn er will so originelle Bilder finden, dass er dar\u00fcber immer mal wieder den Sinnzusammenhang vergisst \u2013 inhaltlich und sprachlich. \u201eW\u00e4hrend er sich ein\u00adredete, dem Widerstand einen Dienst erwiesen zu haben, bauschte sich in seinem Ohr ein Summen auf, das von einem bei\u00dfenden Gestank eingeholt wurde.\u201c Kein Wunder, dass \u201eBuch der Gesichter\u201c es nicht mehr auf die diesj\u00e4hrige Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Man wird sich eher fragen, wie es auf die Longlist gekommen ist.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die Antwort lautet: Weil es ungeachtet seiner \u00fcberanstrengten Formulierungen ein bewegender Roman ist. Dem man den Schmerz des Verfassers \u00fcber seinen Stoff anmerkt: die deutsche Herrschaft \u00fcber Belgrad im <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Zweiter Weltkrieg\" data-rtr-id=\"affc14679eec7bfac0ce6f1e589c0936f2124f54\" data-rtr-score=\"18.07938159655121\" data-rtr-etype=\"event\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/zweiter-weltkrieg\" title=\"Zweiter Weltkrieg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zweiten Weltkrieg<\/a>. Die war im vergangenen Jahr schon Romanthema in Clemens Meyers \u201eDie Projektoren\u201c, doch da war sie eingebettet als nur ein Baustein in einem sich \u00fcber mehr als hundert Jahre erstreckenden Panorama. Bei Dini\u0107 ist die Handlungszeitspanne zwar kaum weniger weit angelegt (der erste Satz der Handlung f\u00fchrt uns in den Ersten Weltkrieg, und recht sp\u00e4t im Buch wird die eigene Geburt des Autors zum Thema), doch im Fokus dieses Romans steht ein einzelner Tag im Mai 1942, an dem aus der jugoslawischen Hauptstadt die Meldung des Chefs der in Serbien eingesetzten Gestapo nach Berlin ergangen ist, dass das Land nunmehr \u201ejudenfrei\u201c sei. Von den 82.500 jugoslawischen Juden \u00fcberlebten nur 14.000 die Schoa. Von dem, was das f\u00fcr einzelne Schicksale bedeutete, erz\u00e4hlt Dini\u0107. Seine Handlung beschlie\u00dft er mit der Widmung \u201eIm Andenken an die Opfer des Faschismus\u201c.<\/p>\n<p>Perspektiven auf einen Tag im Mai<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Eines davon war ein Gro\u00dfonkel von Mirko Dini\u0107, dessen Geschichte in der Familie durch den Bericht eines im Bosnienkrieg jung get\u00f6teten Onkels kursierte. Zumindest erz\u00e4hlt es so der Roman, der als vorletztes Kapitel einen Brief dieses erst nach dem Zweiten Weltkrieg zur Welt gekommenen Onkels aus dem Jahr 1988 wiedergibt, in dem etliche F\u00e4den der zuvor aus bereits vier verschiedenen Perspektiven erfolgten Schilderungen des Schreckenstages vom Mai 1942 zusammengef\u00fchrt werden. Da sind wir bereits tief in der zweiten, der faszinierenden H\u00e4lfte von Dini\u0107s \u201eBuch der Gesichter\u201c, in der es dem Autor nicht mehr darum geht, seine Wortgewandtheit zu beweisen, sondern er in ein Erz\u00e4hlen gekommen ist, das einen nicht mehr losl\u00e4sst.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Marko Dini\u0107: \u201eBuch der Gesichter\u201c. Roman.\" height=\"2603\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/marko-dini-buch-der-gesichter.jpg\" width=\"1600\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Marko Dini\u0107: \u201eBuch der Gesichter\u201c. Roman.Zsolnay<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Der Wendepunkt ist just der Eintritt jenes Mirko \u00adDini\u0107 in die Handlung, denn der erweist sich als ein Denunziant, den durch eine seltsame F\u00fcgung das Schicksal jener ereilt, die er verraten will. Die Ambivalenz zwischen dieser Figur und ihrem Autor ver\u00e4ndert den ganzen Text \u2013 pl\u00f6tzlich wird er psychologisch doppeldeutig, und die zuvor angesichts ein\u00addimensionaler Charakterisierungen der Protagonisten fehlende Neugier beim Lesen wird nicht nur geweckt, sondern konstant gesteigert bis zum Schluss. Es ist, wie gesagt, ein seltenes Gl\u00fccksgef\u00fchl, das durch einen solchen Umschwung entsteht. Warum dann noch Gedanken an die z\u00e4he erste H\u00e4lfte verschwenden?<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">In ihr wird der eigentliche Held des \u201eBuchs der Gesichter\u201c etabliert: Isak Ras, geboren 1910 und gestorben im Geburtsjahr seines Autors, 1988. Unter dem Rufnamen Iwan entgeht er dem verbreiteten Antisemitismus, zumal er seine j\u00fcdischen Eltern schon als Kind verliert. Bei dem \u00fcberzeugten kommunistischen Wirtshaus-Betreiberpaar Rosa und Milan findet er Unterschlupf und moralische Vorbilder. Noch einmal: Hier sind wir tief im Klischee.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Doch je tragischer die Menschen um Isaak\/Iwan sterben, desto komplexer wird Dini\u0107s Konstruktion: \u201eWahrscheinlich h\u00e4tte der Serbe Ivan die Erinnerung an den Juden Isaak mit ins Grab genommen, w\u00e4ren die Deutschen nicht gekommen \u2013 wahrscheinlich w\u00e4re Jalija noch am Leben.\u201c Das steht auf Seite 303. Und l\u00e4ngst bedient Dini\u0107 sich da auch intensiv bei B\u00fcchern von Autoren, die zu den bleibenden Zeugen der NS-Verbrechen z\u00e4hlen: Ruth Kl\u00fcger mit \u201eweiter leben\u201c zum Beispiel, Alexander Ti\u0161ma mit \u201eDas Buch Blam\u201c und allen voran Milo Dor, der mit dem 1952 erschienenen Widerstands\u00adroman \u201eTote auf Urlaub\u201c nicht nur ein Muster f\u00fcr \u201eBuch der Gesichter\u201c geboten hat, sondern unter seinem Geburts\u00adnamen Milutin \u00adDo\u00adros\u00adlovac sogar zur Figur bei \u00adDini\u0107 wird, und das nicht zuf\u00e4llig in jenem \u201eDoppelg\u00e4nger\u201c-Kapitel, mit dem das Buch endlich zu sich selbst findet. Da es trotzdem vielen wohl unplausibel erscheinen d\u00fcrfte, \u201eBuch der Ge\u00adsichter\u201c erst von Seite 207 an zu lesen, sei Geduld angeraten. Sie wird reich belohnt.<\/p>\n<p><strong>Marko Dini\u0107:\u201eBuch der Gesichter\u201c. Roman.<\/strong> Zsolnay Verlag, Wien 2025. 461 S. geb., 28,\u2013 \u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Zu den seltenen Gl\u00fccksf\u00e4llen in einer individuellen Lesebiographie geh\u00f6ren Lekt\u00fcren, w\u00e4hrend derer Entt\u00e4uschung in Begeisterung umschl\u00e4gt. 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