{"id":436675,"date":"2025-09-20T06:16:13","date_gmt":"2025-09-20T06:16:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/436675\/"},"modified":"2025-09-20T06:16:13","modified_gmt":"2025-09-20T06:16:13","slug":"manoever-red-storm-bravo-wenn-hamburgs-hafen-zum-drehkreuz-der-nato-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/436675\/","title":{"rendered":"Man\u00f6ver Red Storm Bravo: Wenn Hamburgs Hafen zum Drehkreuz der Nato wird"},"content":{"rendered":"<p>In der Hansestadt \u00fcbt die Bundeswehr gemeinsam mit zivilen Stellen kommende Woche die Verlegung von Truppen an die Nato-Ostflanke. Das Ausgangsszenario daf\u00fcr wurde von der Realit\u00e4t inzwischen eingeholt.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Nachts rollen Kolonnen von Milit\u00e4rfahrzeugen durch Hamburg, Hubschrauber sch\u00fctzen sie aus der Luft. Im Hafen stehen an mehreren Tagen Sicherungsposten, besetzt mit Feldj\u00e4gern \u2013 der Milit\u00e4rpolizei der Bundeswehr \u2013 und mit Reservisten der Heimatschutzkompanie. Polizei, Feuerwehr und Technisches Hilfswerk (THW), Senat und Beh\u00f6rden unterst\u00fctzen die Bundeswehr, auch dabei, viele Verwundete zu versorgen.<\/p>\n<p>So wird es in der kommenden Woche aussehen. Vom 25. bis zum 27. September l\u00e4uft im Hafen und im Stadtgebiet das Man\u00f6ver \u201eRed Storm Bravo\u201c. Nach \u201eRed Storm Alpha\u201c im vergangenen Jahr ist es die zweite Gro\u00df\u00fcbung der Bundeswehr in Hamburg seit Russlands \u00dcberfall auf die Ukraine im Februar 2022. \u201eWir wollen hier im Landeskommando Hamburg zusammen mit anderen milit\u00e4rischen Einheiten bestimmte F\u00e4higkeiten erproben, etwa die Kolonnenf\u00fchrung. Wir wollen uns Gedanken machen, wie sieht eigentlich die Drohnenszenerie aus? Welche F\u00e4higkeiten haben wir? Welche Bedrohungen haben wir?\u201c, sagte Kapit\u00e4n zur See Kurt Leonards, Kommandeur des Landeskommandos Hamburg der Bundeswehr, WELT AM SONNTAG. \u201eWir wollen auch \u00fcben, wie k\u00f6nnen wir bei einem Massenanfall von Verletzten unterst\u00fctzen? Das Besondere dabei ist, dass wir das nicht abgeschirmt, isoliert auf einem Truppen\u00fcbungsplatz machen wollen, sondern in einem st\u00e4dtischen Umfeld und vor allen Dingen in der Zusammenarbeit mit anderen zivilen Blaulichtorganisationen.\u201c<\/p>\n<p>Leonards leitet das Man\u00f6ver mit seinem Stab in einer Operationszentrale in der Reichspr\u00e4sident-Ebert-Kaserne im Stadtteil Iserbrook. Die Bundeswehr setzt rund 500 Soldatinnen und Soldaten und etwa 50 Radfahrzeuge bei \u201eRed Storm Bravo\u201c ein. Die \u00dcbung wird seit Beginn des Jahres geplant. Simuliert wird, wie ein Frachtschiff und ein Flugzeug Truppen und Material in Hamburg anlanden, die nach Osten verlegt werden, in die baltischen Staaten, an die Grenze zu Russland. Das Schiff und das Flugzeug sind nur fiktive Elemente des Man\u00f6vers, die Bewegungen und Aktionen von Menschen und Milit\u00e4rfahrzeugen in der Stadt sollen hingegen so realistisch wie m\u00f6glich ge\u00fcbt werden.<\/p>\n<p>Die Nato rechnet damit, dass Russland um 2029 herum milit\u00e4risch in der Lage sein wird, das B\u00fcndnis ernsthaft zu provozieren oder Mitgliedstaaten \u2013 etwa die baltischen L\u00e4nder Estland, Lettland oder Litauen \u2013 tats\u00e4chlich anzugreifen. Wie schnell dieser Ernstfall eintreten kann, deutete sich in der vergangenen Woche an: Polen beantragte Konsultationen nach Artikel 4 des Nato-Vertrages, nachdem mindestens 19 russische Drohnen in den polnischen Luftraum eingedrungen waren, \u00fcberwiegend aus Wei\u00dfrussland kommend, aber auch aus Russland selbst. Ein kleiner Teil von ihnen wurde abgeschossen.<\/p>\n<p>Sollten die unbemannten Kriegsger\u00e4te die Westukraine treffen, flogen sie aus Versehen nach Polen? Oder testete Russland auch diesmal die Nato, wie so oft bei seiner \u201ehybriden\u201c Kriegsf\u00fchrung? Zun\u00e4chst blieb die Lage unklar. Doch diese Woche sagte der polnische Staatspr\u00e4sident Karol Nawrocki WELT: \u201eWir haben keinen Zweifel daran, dass dies ein direkt aus Moskau gesteuerter Angriff war.\u201c Die Nato verst\u00e4rkt nun ihre Luftabwehr in Polen im Rahmen der Operation \u201eEastern Serenity\u201c.<\/p>\n<p>Das Ausgangsszenario f\u00fcr \u201eRed Storm Bravo\u201c basiert auf einem \u00e4hnlich konstruierten Fall: Estland sieht sich durch Russland akut bedroht, beantragt Konsultationen nach Artikel 4 des Nato-Vertrages und erbittet die Verlegung von Truppen nach Osten. \u201eDie Realit\u00e4t hat uns \u00fcberholt\u201c, sagt Oberstleutnant J\u00fcrgen Bredtmann, Leiter der Kommunikation beim Landeskommando Hamburg.<\/p>\n<p>Die j\u00fcngsten Entwicklungen zeigen, wie schnell der Ukrainekrieg in Richtung Nato eskalieren kann \u2013 und wie langsam sich Deutschland darauf vorbereitet. Der \u201eOperationsplan Deutschland\u201c, ein urspr\u00fcnglich mehr als 1000 Seiten starkes Dokument, beschreibt, wie die Bundeswehr in Zusammenarbeit mit den relevanten Stellen des Bundes und der L\u00e4nder die Bewegung gro\u00dfer Nato-Einheiten nach Osteuropa organisieren soll. Doch der Operationsplan ist als geheim eingestuft. Auch deshalb ist der breiten \u00d6ffentlichkeit in Deutschland wohl wenig bewusst, wie komplex und langwierig die Vorbereitungen sind, um Deutschland im Rahmen der Nato verteidigungsbereit zu machen.<\/p>\n<p>Deutschland ist zentrales Auf- und Durchmarschgebiet der Nato im Spannungs- und Verteidigungsfall mit Russland. Und Hamburg mit Deutschlands gr\u00f6\u00dftem Seehafen wird im Ernstfall eines der logistischen Drehkreuze sein. Doch die Hansestadt hat \u2013 anders als etwa Bremerhaven mit seiner Basis der US-Armee \u2013 praktisch keine aktuelle Erfahrung mit der Verlegung von Truppen und milit\u00e4rischem Ger\u00e4t. \u201eDeshalb m\u00f6chten wir diese Szenarien gerne in einem st\u00e4dtischen Umfeld und in der Zusammenarbeit mit zivilen Blaulichtorganisationen durchf\u00fchren, um in der Resilienzbildung, auch in der gesamtstaatlichen Verteidigung hier einen Beitrag leisten zu k\u00f6nnen\u201c, sagt Leonards. \u201eEs ist wichtig, dass wir mit der Polizei, mit der Feuerwehr, mit dem THW und mit anderen eine gemeinsame Sprache sprechen, ein gemeinsames Verst\u00e4ndnis haben, dass diese Menschen, die dann in diesen unterschiedlichen Organisationen zusammenkommen, sich auch vorher schon kennen.\u201c<\/p>\n<p>Die Mobilisierung von Menschen und Fachwissen kostet Zeit und Motivation \u2013 wenig aber nur im Vergleich zu dem Aufwand, der mit der Ert\u00fcchtigung der Infrastruktur verbunden ist. Viele deutsche Stra\u00dfen, Schienen und Wasserwege sind marode, speziell Br\u00fccken nicht mehr dazu geeignet, milit\u00e4risches Gro\u00dfger\u00e4t wie mehr als 50 Tonnen schwere Panzer oder Haubitzen sicher zu tragen. Diese Defizite sind vor allem bei den stark belasteten Verkehrswegen an den deutschen Seeh\u00e4fen zu sehen. Die Wirtschaft mahnt bei der \u00f6ffentlichen Hand seit vielen Jahren an, diese Engp\u00e4sse zu beseitigen \u2013 und nun kommt noch eine milit\u00e4rische Komponente hinzu.<\/p>\n<p>Der Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS) sieht allein f\u00fcr die verteidigungsrelevanten Bau- und Reparaturprojekte in den deutschen Seeh\u00e4fen und bei den Inlandsanbindungen einen Bedarf von drei Milliarden Euro \u2013 als eine Teilsumme jener insgesamt 15 Milliarden Euro an Kosten, mit denen der ZDS f\u00fcr die Sanierung der deutschen Seeh\u00e4fen kalkuliert. Dieses Geld m\u00fcsste aus Sicht der Hafenbranche vor allem der Bund in den kommenden Jahren zur Verf\u00fcgung stellen, um die H\u00e4fen f\u00fcr den k\u00fcnftigen Au\u00dfenhandel und die Energieversorgung zu pr\u00e4parieren \u2013 und f\u00fcr die Verteidigung. \u201eDen Seeh\u00e4fen geht es wie der Bundeswehr \u2013 beide wurden seit der deutschen Einheit mehr als drei Jahrzehnte lang in ihrer Modernisierung str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigt\u201c, sagte Florian Keisinger, Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer des ZDS, WELT AM SONNTAG. \u201eMit Blick auf die Bundeswehr hat man dieses Defizit mittlerweile verstanden und einen gesellschaftlichen Konsens gefunden, dass es beseitigt werden muss. Bei den Seeh\u00e4fen sind wir an diesem Punkt noch lange nicht.\u201c<\/p>\n<p>Mit dem Bundesverteidigungsministerium hat der ZDS vor einigen Wochen Kontakt aufgenommen, um herauszufinden, ob eine Co-Finanzierung zur Hafensanierung auch aus den staatlichen Verteidigungsausgaben organisiert werden k\u00f6nnte. \u201eWir brauchen f\u00fcr die Modernisierung der Hafeninfrastruktur einen eigenen Posten im Haushalt des Bundesverteidigungsministeriums, dem Einzelplan 14\u201c, sagt Keisinger. \u201eDie Bundeswehr und Deutschlands Verb\u00fcndete m\u00fcssen im Konfliktfall in der Lage sein, die Seeh\u00e4fen zu nutzen. Den Seeh\u00e4fen kommt damit eine ganz neue Rolle zu, f\u00fcr die sie heutzutage weit \u00fcberwiegend nicht vorbereitet sind.\u201c Ein zweites gro\u00dfes Thema ist aus Sicht der Hafenwirtschaft der Schutz der kritischen Infrastruktur, \u201eetwa vor Drohnen und Aussp\u00e4hung speziell auch im Rahmen der sogenannten hybriden Kriegsf\u00fchrung. Das sind mittlerweile allt\u00e4gliche Situationen.\u201c<\/p>\n<p>Hamburgs Wirtschaftsbeh\u00f6rde teilt diese Analyse. \u201eDeutschlands gr\u00f6\u00dfter Hafen muss f\u00fcr diese Aufgaben ert\u00fcchtigt werden. Die Sanierung und auch die Herstellung von schwerlastf\u00e4higen Kaimauern, von schwerlastf\u00e4higen Kranen f\u00fcr Umladungen, die Bereitstellung von Waggongarnituren, die Fl\u00e4chenbereithaltung und erforderliche Sicherungsmechanismen geh\u00f6ren zu den Investitionen, die daf\u00fcr get\u00e4tigt werden m\u00fcssen\u201c, sagt ein Sprecher. Hamburg finanziere solche Projekte teilweise selbst, etwa die Sanierung des Steinwerder Kais an der S\u00fcdseite der Marinewerft Blohm + Voss: \u201eAngesichts des Investitionsbedarfs ist es aber nicht leistbar, alle Bedarfe milit\u00e4rischer Logistik aus kommunalen Mitteln abzubilden. Das ist eine Bundesaufgabe, die in den deutschen H\u00e4fen in den kommenden Jahren anf\u00e4llt.\u201c<\/p>\n<p>In Hamburg lernt man aber auch, wo es bei der Erarbeitung einer h\u00f6heren Wehrf\u00e4higkeit vorangeht. \u201eDas Zusammenspiel zwischen Handelskammer, Bundeswehr und Senat zum Thema Operationsplan Deutschland und insgesamt zu einer h\u00f6heren Resilienz und Verteidigungsf\u00e4higkeit funktioniert in Hamburg sehr gut. Das ist nicht selbstverst\u00e4ndlich\u201c, sagt Philip Koch, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Bereichs International bei der Handelskammer Hamburg: \u201eWir sehen unsere Aufgabe in der Handelskammer vor allem auch darin, die Schnittstellen zwischen allen der an diesem komplexen Prozess Beteiligten und der Wirtschaft zu verbessern.\u201c<\/p>\n<p>Voll des Lobes ist auch der Chef des Bundeswehr-Landeskommandos: \u201eDas l\u00e4uft in Hamburg sehr gut. Weil wir hier von Anfang an als Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr \u00fcberhaupt keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste erlebt haben. Ganz im Gegenteil\u201c, sagt Kurt Leonards. \u201eWir sind hier in Hamburg in einem sehr intensiven Austausch auch mit der Zivilgesellschaft.\u201c<\/p>\n<p>Zwei Wochen vor dem Beginn von \u201eRed Storm Bravo\u201c stand der Kapit\u00e4n zur See in der Handelskammer, bei einer Konferenz f\u00fcr Unternehmen, die an F\u00f6rdermitteln der Europ\u00e4ischen Union f\u00fcr mehr Resilienz im Krisenfall interessiert sind. Leonards hielt seinen Basisvortrag \u201eDeutschland nicht im Krieg \u2013 nicht mehr im Frieden\u201c. Damit ist er mittlerweile h\u00e4ufig in der Stadt unterwegs, auch auf Anfrage von Unternehmen, Beh\u00f6rden und Rettungsdiensten. In der Handelskammer erkl\u00e4rte er, einen Tag nach dem Einflug der Drohnen in Polen, warum er seinen Vortrag nahezu jede Woche mit neuen Beispielen \u00fcberarbeiten muss: \u201eWir haben das Thema Landes- und B\u00fcndnisverteidigung mehr als 30 Jahre lang nicht bearbeitet. Und das m\u00fcssen wir jetzt tun. Denn das Thema ,hybride Aktion\u2018 ist l\u00e4ngst auch in Deutschland angekommen.\u201c<\/p>\n<p><b>Olaf Preu\u00df ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG f\u00fcr Hamburg und Norddeutschland. Die maritime Wirtschaft \u2013 Schifffahrt, H\u00e4fen und Werften \u2013 ist eines seiner Schwerpunktthemen, er berichtet aber auch \u00fcber die R\u00fcstungsindustrie und \u00fcber die Bundeswehr.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In der Hansestadt \u00fcbt die Bundeswehr gemeinsam mit zivilen Stellen kommende Woche die Verlegung von Truppen an die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":436676,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1826],"tags":[685,29,30,692,113635,3287,34898,32795,307,54561,113634],"class_list":{"0":"post-436675","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-hamburg","8":"tag-bundeswehr","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany","11":"tag-hamburg","12":"tag-heimatschutz-ks","13":"tag-manoever","14":"tag-parkraum-inbox","15":"tag-preuss-olaf","16":"tag-russland","17":"tag-seehaefen-ks","18":"tag-truppenaufmarsch-ks"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115235165500002390","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/436675","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=436675"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/436675\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/436676"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=436675"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=436675"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=436675"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}