{"id":43788,"date":"2025-04-19T07:27:45","date_gmt":"2025-04-19T07:27:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/43788\/"},"modified":"2025-04-19T07:27:45","modified_gmt":"2025-04-19T07:27:45","slug":"brechts-trommeln-in-der-nacht-am-bochumer-schauspielhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/43788\/","title":{"rendered":"Brechts \u201eTrommeln in der Nacht\u201c am Bochumer Schauspielhaus"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">1919. Der Erste Weltkrieg ist vorbei; Streiks und Stra\u00dfenk\u00e4mpfe ersch\u00fcttern Berlin. KPD und Teile der USPD fordern die Entmachtung des Milit\u00e4rs und die Diktatur des Proletariats und gehen im \u201eSpartakusaufstand\u201c gegen die von der SPD und anderen Teilen der USPD gef\u00fchrte Provisorische Reichsregierung vor. Der junge Bertolt Brecht schreibt nach \u201eBaal\u201c sein zweites Theaterst\u00fcck, das erst 1922 zur Urauff\u00fchrung kommen wird. Urspr\u00fcnglicher Titel. \u201eSpartakus\u201c. Otto Falckenberg inszenierte es an den M\u00fcnchner Kammerspielen. Der Name war dem Intendanten und Regisseur zu revolution\u00e4r; er f\u00fcrchtete um die Sicherheit seines Theaters. So wurde dem St\u00fcck der bis heute g\u00fcltige Titel \u201eTrommeln in der Nacht\u201c verpasst. Der hat etwas Expressionistisches und passt wunderbar zu seiner Sprache.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Und zur Geschichte: Anna Balicke ist verlobt mit Andreas Kragler, der schon vor Jahren als Frontsoldat in den Krieg zog. Als er nicht heimkehrt, wendet sich Anna, massiv gedr\u00e4ngt von ihren Eltern, dem Fabrikanten Friedrich Murk zu. Ihre Liebe ist klein, doch ihr Pragmatismus gro\u00df: Murk soll sp\u00e4ter die Gesch\u00e4fte ihres Vaters \u00fcbernehmen, und er stellt eine in unruhigen Zeiten willkommene finanzielle Absicherung f\u00fcr die junge Frau dar.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Doch am Tag der Verlobung \u2013 Anna ist inzwischen von Murk schwanger \u2013 taucht Kragler wieder auf: schwer kriegsbesch\u00e4digt, an K\u00f6rper und Seele verletzt, aber mit dem Herz am rechten Fleck. Genauer gesagt sogar am linken, denn er entwickelt Sympathien f\u00fcr die Spartakisten, die inzwischen auf den Stra\u00dfen die Revolution ausrufen. In seinem Ungl\u00fcck wird er von Murk und der Familie Balicke erniedrigt, und so st\u00fcrzt sich Kragler, verbittert ob des Verlusts seiner Verlobten, in den politischen Kampf. Das Gute siegt: Anna wird mehr und mehr sensibilisiert f\u00fcr das ekelhafte Gehabe ihres neuen Lovers und l\u00e4uft wieder ihrem Andreas hinterher. Und der wendet sich schnurstracks vom politischen Kampf ab und dem Familiengl\u00fcck zu.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u201eGlotzt nicht so romantisch\u201c, hatte 1922 im Zuschauerraum der Kammerspiele an den W\u00e4nden gestanden. Dabei hatte Brecht in seinem Kriegsheimkehrer-Drama zu einem Schluss gefunden, den man kaum anders als romantisch bezeichnen kann und mit dem er folglich zeitlebens haderte. Auch im modernen, t\u00fcrkisgr\u00fcnen B\u00fchnenbild der Inszenierung von Felicitas Brucker am Schauspielhaus <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/bochum\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bochum<\/a> steht der ikonische Satz nun an der Seitenwand. Doch die Gefahr ist klein: Bruckers Inszenierung ist alles andere als romantisch. Es ist eine unangenehme Auff\u00fchrung, die wehtun soll. Die expressionistische Sprache des St\u00fccks wird eindrucksvoll zum Klingen gebracht; aber auch ihre Brutalit\u00e4t wird erbarmungslos ausgestellt. Von Familiengl\u00fcck ist nicht mehr die Rede.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Brucker bedient den Brechtschen Verfremdungs-Effekt auf eigene Art. Vincent Redetzkis Murk macht sich vor seiner Braut durch merkw\u00fcrdig verdrehte Turn\u00fcbungen zum Affen (\u201eIst das deine Liebeserkl\u00e4rung?\u201c, fragt Anna in einem der wenigen humorvollen Momente der Auff\u00fchrung); Linde Dercon gibt ihre Anna durchg\u00e4ngig verkrampft. Dass diese Frau tats\u00e4chlich lieben kann, ist kaum vorstellbar. Es ist wohl eher die moralischere Grundhaltung als irgendeine emotionale Bindung, die sie zu Kragler hinzieht. Die Genderverkehrung zwischen Mutter und Vater Balicke verwirrt eher, so originell Oliver M\u00f6ller die verhutzelte, so \u00e4ngstliche wie stereotype Mutter auch spielt.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Einleuchtender ist das zur Sprache passende expressionistische Spiel, das nahezu alle Figuren besch\u00e4digt oder gest\u00f6rt wirken l\u00e4sst. Krieg, Aufst\u00e4nde, Sorgen um die politische oder finanzielle Sicherheit wirken traumatisierend und nehmen den Menschen Gelassenheit und Nat\u00fcrlichkeit. Frappierend wird das in der Figur des Kragler deutlich, die mit Stefan Hunstein bewusst viel zu alt besetzt ist: Statt des bezaubernden jungen Beaus, dessen Portr\u00e4t an der Wand h\u00e4ngt, schneit an Annas Verlobungstag ein geschw\u00e4chter, von Brandwunden entstellter Alter herein. Umso krasser wirkt der erbarmungslose Hass, der dem Kriegsheimkehrer entgegenschl\u00e4gt. Distanzlos springt der sensationsgeile, intrigante Journalist Babusch (Jakob Schmidt) um die Gesellschaft herum und weidet sich am Ungl\u00fcck der anderen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Aggressive Medien und Kriegsgewinnlertum sind eher Nebenaspekte einer Aktualisierung der Vorlage. Auch Kraglers Konflikt zwischen dem Kampf f\u00fcr seine \u00dcberzeugungen und der Sicherheit in der Familie erscheint angesichts sich zuspitzender Kriegsgefahr in Europa zeitgem\u00e4\u00df. Vor allem aber erweitert Felicitas Brucker den ansonsten radikal gek\u00fcrzten Brecht-Text um Beitr\u00e4ge der feministischen Autorin Seyda Kurt. Migrantische Interviewpartner werfen per Video schlagwortartige S\u00e4tze \u00fcber deutsche Staatsraison, deutschen Wohlfahrtsstaat, Geb\u00e4r- und Kriegst\u00fcchtigkeit ein, prangern die Fixierung deutschen Denkens auf die deutsche Kultur an und wollen die Reichen nicht t\u00f6ten, aber auf einen D\u00f6nerspie\u00df stecken. Wieweit solche Agitation hilfreich ist f\u00fcr das politische Anliegen der Inszenierung, sei dahingestellt, aber nat\u00fcrlich ist sie eine aktuelle Entsprechung zu den spartakistischen Aufst\u00e4nden in Deutschland im Nachgang zur Russischen Revolution.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u00dcberzeugender wirken da die ma\u00dfvolleren Mittel, die Rolle der Frauen zu st\u00e4rken. Linda Dercon schafft das auch ohne Kurts Agitprop. Sie fordert \u201eVerbundenheit ohne Unterwerfung\u201c, will \u201eKummer tauschen und keine Ringe.\u201c Das zunehmend selbstbewusste Auftreten der jungen Anna, die Entwicklung eines eigenen politischen Bewusstseins und die kritische Haltung sowohl gegen\u00fcber der kalten Berechnung des Murk als auch gegen\u00fcber dem erneut in den Kampf ziehenden Kragler verleihen der Figur St\u00e4rke. Die Auff\u00fchrung bezieht Stellung, bleibt aber am Ende ratlos. Das d\u00fcrfte kalkuliert sein. Man hat jedenfalls Stoff zum Nachdenken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"1919. Der Erste Weltkrieg ist vorbei; Streiks und Stra\u00dfenk\u00e4mpfe ersch\u00fcttern Berlin. 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