{"id":43901,"date":"2025-04-19T08:29:08","date_gmt":"2025-04-19T08:29:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/43901\/"},"modified":"2025-04-19T08:29:08","modified_gmt":"2025-04-19T08:29:08","slug":"penthesileas-in-halle-so-misslungen-war-sandra-huellers-debuet-als-regisseurin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/43901\/","title":{"rendered":"\u201ePenthesile:a:s\u201c in Halle: So misslungen war Sandra H\u00fcllers Deb\u00fct als Regisseurin"},"content":{"rendered":"<p>Die Schaub\u00fchne als moralische Anstalt? Das war gestern. Jetzt will das Theater aktivistische Heilst\u00e4tte f\u00fcr die Gesellschaft sein. Warum das Publikum bei Sandra H\u00fcllers Regiedeb\u00fct Suppe zu l\u00f6ffeln bekam, aber hungrig vom Platz ging.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Am Ende ist es wie immer im Theater: Das Publikum muss die Suppe ausl\u00f6ffeln. Und das schmeckt nicht allen, die am Donnerstagabend zur Premiere von \u201ePenthesile:a:s\u201c ins <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.buehnen-halle.de\/de\/program\/penthesileas\/224105\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.buehnen-halle.de\/de\/program\/penthesileas\/224105&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Neue Theater in Halle an der Saale <\/a>gekommen sind, um die gro\u00dfe Sandra H\u00fcller als Regisseurin zu bewundern. Das sei ein H\u00f6rspiel, kein Schauspiel gewesen, beschwert sich ein Zuschauer lautstark. Richtig ist, dass B\u00fchnenvorgang und gesprochenes Wort auseinandergerissen wurden, sodass beim Sch\u00e4len der M\u00f6hre auf der K\u00fccheninsel vom Spalten der Sch\u00e4del auf dem Schlachtfeld die Rede ist. Wie passt das alles zusammen? <\/p>\n<p>Die \u00dcberschreibung \u201ePenthesile:a:s\u201c der Autorin MarDi wurde 2021 beim Festival d\u2019Avignon uraufgef\u00fchrt. Die Doppelpunkte in der deutschen \u00dcbersetzung von Dorothea Arnold und Fanny Bouquet, im Original sind es Punkte, markieren den <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/article239668453\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/article239668453&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eGender Trouble\u201c<\/a>, der in der Sache freilich auch bei \u00e4lteren \u201ePenthesilea\u201c-Bearbeitungen wie der von Heinrich von Kleist vorhanden ist, nur ohne solche Signale. Bei MarDi wird der Kampf zwischen der Amazonenk\u00f6nigin Penthesilea und dem griechischen Heerf\u00fchrer Achilles aus der dramatischen Form gerissen und als feministisches Langgedicht neugeschrieben. <\/p>\n<p>Das zw\u00f6lfk\u00f6pfige Ensemble setzt sich in die erste Reihe vor die Zuschauer und tr\u00e4gt den Text im Chor vor, w\u00e4hrend Einzelne immer wieder zu der von Ausstatterin Nadja Sofie Eller entworfenen K\u00fcchenlandschaft im W\u00fcrfel gehen und dort Kaffee kochen und Gem\u00fcse schnippeln oder verr\u00e4tselte, stumme Miniszenen auff\u00fchren. Die unheimlich dr\u00f6hnende Musik von Moritz Bossmann l\u00e4sst erahnen, dass in dieser Szene h\u00e4uslicher Normalit\u00e4t ein diffuses Unheil droht. So auch im Text: \u201eFamilie, Paare, die Geschlechter zerrei\u00dfen sich\u201c, hei\u00dft es dort, nachdem ein weiterer Krieg um Troja angek\u00fcndigt wird. <\/p>\n<p>Auf der Textebene spritzen Blut und Knochensplitter bis in die letzte Reihe, w\u00e4hrend im Bild betonte Harmlosigkeit vorherrscht. Doch diese Spannung l\u00f6st sich mehr und mehr auf, je engagierter sich das St\u00fcck in ein Lob der Fluidit\u00e4t verwandelt. Folgt man erst noch der \u201eVulvenarmee\u201c auf der Flucht vor der \u201eOrdnung der M\u00e4nner\u201c (merke: gar nicht so einfach, weil die M\u00e4nner \u2013 die lieben Strukturen! \u2013 ja in einem drin sind), wird kurz darauf schon proklamiert: \u201edie Geschlechter wechseln, die K\u00f6rper, die Sprache\u201c. Wie ein Manifest des Regenbogenbataillons: Erst Gemetzel, dann Geschlechterwechsel. Weit geschickter hat das Peter Hacks einst in seinem Drama \u201eOmphale\u201c verhandelt.<\/p>\n<p>Nachdem den M\u00e4nnern noch Schnellkocht\u00f6pfe und Staubsauger in ihre Fressen gehauen wurden und so der Sprung vom antiken Stoff zur K\u00fcchenzeile geschafft wurde, geht\u2019s auf ins n\u00e4chste Metaphernschlachtfeld: Nun soll man Koralle, Alge, Biene oder gleich \u201ePflanzenrudel\u201c werden. Man merkt die Donna-Haraway-Lekt\u00fcre. Einer der \u201eHot Takes\u201c der Philosophin lautet, man m\u00fcsse zu Humus werden, das sei im eigentlichen Sinne human. Bei Haraway l\u00e4uft das auf einen Fortpflanzungsverzicht hinaus, weil man sich mit Flora und Fauna verwandt machen soll, anstatt Kinder in die Welt zu setzen. <\/p>\n<p>Am Ende geht es nicht um ein neues Kapitel in der Menschheitsgeschichte \u2013 dem Fortschritt wird mit viel Pathos abgeschworen \u2013, sondern um das Zur\u00fcck in die Naturgeschichte. Kein Ende der <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/article255747242\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/article255747242&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Vorgeschichte<\/a>, wie die radikale Aufkl\u00e4rung es vor Augen hatte, sondern ihre Verl\u00e4ngerung ins Unendliche. Der depressiv ersch\u00f6pfte Mensch des Anthropoz\u00e4n tr\u00e4umt von einer R\u00fcckkehr in die Gemeinschaft der Einzeller und Wirbellosen. Was soll man von diesem posthumanistischen Neorousseauismus halten? <\/p>\n<p>Und dann gibt\u2019s Suppe f\u00fcr alle<\/p>\n<p>Was der Kritiker schon l\u00e4nger ahnt, tritt zum Ende hin ein: Text und B\u00fchnengeschehen finden nun doch in einer ausgepinselten Utopie zusammen. Come together! Eine lange Tafel wird aufgebaut und das Publikum zu Tisch geladen. Serviert wird nicht nur Suppe, sondern gleich die ganz gro\u00dfe Vers\u00f6hnung. Hier will die Schaub\u00fchne nicht einmal mehr moralische Anstalt sein, sondern gleich Heilanstalt. Eine \u00e4sthetische Tendenz, die von den gro\u00dfen Biennalen bis zu den Theaterfestivals immer h\u00e4ufiger zu beobachten ist, wenn man zum als \u201ewiderst\u00e4ndige Praxis\u201c gelabelten betreuten Kochen geladen wird.<\/p>\n<p>Das Paradoxe ist, dass die auf der B\u00fchne vorgef\u00fchrte Vers\u00f6hnung im Publikum \u2013 zumindest in der unmittelbaren N\u00e4he des Kritikers \u2013 zu einem gegenteiligen Effekt f\u00fchrt, n\u00e4mlich zur dramatischen Entzweiung im Konflikt, wie eingangs bereits angedeutet. \u201eGequirlte Schei\u00dfe!\u201c, poltert ein Zuschauer beim Schlussapplaus. Sofort tritt ein Gegenspieler auf, der ihm mangelnde Hirnwindungen und gleich auch noch Stasi-Vokabular attestiert, was mit einem Hinweis auf die woke-faschistoide Kultur des Ausschlusses gekontert wird. Die ganze Dynamik des Kulturkampfs in nur zwei Minuten! <\/p>\n<p>Was an dem Abend gek\u00f6chelt wird, folgt einem einfachen Rezept: Ein Text, der angesagte Themen so abstrakt verhandelt, dass es nicht einmal st\u00f6rt, dass die Konkretion dazu das gemeinsame L\u00f6ffeln der Suppe ist. Gew\u00fcrzt wird das Ganze mit einem kr\u00e4ftigen Schuss Starbonus: H\u00fcllers Regiedeb\u00fct (mit Ko-Regisseur Tom Schneider)! Wer sich jedoch erinnert, wie <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/article250502682\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/article250502682&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">die oscarnominierte Ausnahmeschauspielerin<\/a> (\u201eAnatomie eines Falls\u201c, \u201eZone of Interest\u201c) mit Jens Harzer zusammen \u201ePenthesilea\u201c spielte, d\u00fcrfte \u2013 trotz Suppe \u2013 nach \u201ePenthesile:a:s\u201c \u00e4sthetisch hungrig geblieben sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Schaub\u00fchne als moralische Anstalt? Das war gestern. Jetzt will das Theater aktivistische Heilst\u00e4tte f\u00fcr die Gesellschaft sein.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":43902,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1860],"tags":[3364,29,548,663,3934,30,4062,17332,22161,13,22164,22162,22163,14,15,17331,860,12093,12,94],"class_list":{"0":"post-43901","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-halle-saale","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europe","13":"tag-germany","14":"tag-halle","15":"tag-halle-saale","16":"tag-hayner-jakob","17":"tag-headlines","18":"tag-heinrich-von","19":"tag-hueller","20":"tag-kleist","21":"tag-nachrichten","22":"tag-news","23":"tag-saale","24":"tag-sachsen-anhalt","25":"tag-sandra","26":"tag-schlagzeilen","27":"tag-theater"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114363692723049642","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43901","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=43901"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43901\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/43902"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=43901"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=43901"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=43901"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}