{"id":440481,"date":"2025-09-21T19:02:12","date_gmt":"2025-09-21T19:02:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/440481\/"},"modified":"2025-09-21T19:02:12","modified_gmt":"2025-09-21T19:02:12","slug":"dirndl-im-museum-ausstellung-in-augsburg-zeigt-verrueckte-neu-interpretationen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/440481\/","title":{"rendered":"Dirndl im Museum: Ausstellung in Augsburg zeigt verr\u00fcckte Neu-Interpretationen"},"content":{"rendered":"<p>Die Dirndl-Dichte schie\u00dft gerade nach oben wie der Bolzen beim &#8222;Hau den Lukas\u201c. Wer etwas auf sich h\u00e4lt, tr\u00e4gt auf dem <a href=\"https:\/\/www.abendzeitung-muenchen.de\/muenchen\/oktoberfest\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Oktoberfest<\/a> Tracht. Seit ein paar Jahren zumindest. Doch das Dirndl ist tats\u00e4chlich ein Dauerbrenner, und nicht ohne Grund. Denn das einstige Arbeitsgewand steht so ziemlich jeder Frau, man staunt manchmal \u00fcber sein figurschmeichelndes Potenzial, und es ist ungemein variabel. Besonders in modischer Hinsicht.<\/p>\n<p>Anders ist es kaum zu erkl\u00e4ren, dass sich Fashionistas wie Kate Perry oder <a href=\"https:\/\/www.abendzeitung-muenchen.de\/person\/kim-kardashian\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kim Kardashian<\/a> in den Alpen-Look h\u00fcllen und selbst Punk-Designerinnen wie Vivienne Westwood dem Dirndl neue, tendenziell grungige Facetten abgetrotzt haben. Ihre asymmetrischen, stellenweise fragmentarischen &#8222;Dirndl-Dresses\u201c z\u00e4hlen zu den schr\u00e4gsten Entw\u00fcrfen einer unterhaltsam informativen Ausstellung im Textilmuseum in Augsburg.<\/p>\n<p>Am Ende ist ohnehin nichts mehr brav oder gediegen, die Jung-Entwerferinnen von der Deutschen Meisterschule f\u00fcr Mode waren so frei und haben den Klassiker dekonstruiert oder den Arztkittel eben mal zum Dirndl umgen\u00e4ht, genauso die Richterrobe und sogar eine Uniform der Feuerwehr.<\/p>\n<p>Man sieht jedenfalls, dass die taillierte Grundform immer und erstaunlich gut funktioniert. Die Sch\u00fcrze ist nicht unbedingt Pflicht, sie setzt allerdings einen deutlichen Akzent und unterstreicht die traditionelle Anforderung. Man sollte schlie\u00dflich nicht schmutzig werden.<\/p>\n<p>Aber das ist lange her, und wenn von Tradition die Rede ist, muss man ja doch den einen oder anderen Zahn ziehen. Denn die bayerischen Trachten, die zu einer bestimmten Gegend geh\u00f6ren, sind eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Die Anregung kam sogar von oben: Nach der 1848er-Revolution sollte das Nationalgef\u00fchl durch die Pflege von Br\u00e4uchen, Volksfesten und eine identit\u00e4tsstiftende Kleidung gest\u00e4rkt werden. K\u00f6nig Maximilian II. lie\u00df ein Programm zur F\u00f6rderung von Trachten auflegen und machte sie au\u00dferdem hoff\u00e4hig. Das hat der Sache einen gewaltigen Schub verpasst, und die Idylle kam gleich mit dazu.<\/p>\n<p>Eine Operette macht das Dirndl ber\u00fchmt<\/p>\n<p>Bis heute geh\u00f6rt man mit Dirndl und Lederhosen einfach dazu. Auch als Tourist oder Sommerfrischler, egal ob aus D\u00fcsseldorf oder Berlin. Das wird &#8222;Im wei\u00dfen R\u00f6ssl\u201c so sch\u00f6n hochgenommen \u2013 seit 1897 im Theatererfolg von Oscar Blumenthal und Gustav Kadelburg, dann 30 Jahre sp\u00e4ter im Singspiel von Ralph Benatzky. Und die Alpenb\u00e4lle, die um 1880 herum in den gro\u00dfen St\u00e4dten leicht 3000 Teilnehmer anziehen, tun ein \u00dcbriges.<\/p>\n<p>Die perfekte Ausstattung liefern neue Firmen, auf hohem Niveau tun das Wallach in M\u00fcnchen und Lanz in Salzburg. Die Postkarten, die die Urlauber um die Welt schicken, sind wirksamer als jede Zeitungsannonce. Die Heimatfilme nach dem Zweiten Weltkrieg sorgen dann f\u00fcr die n\u00e4chste Trachtenwelle. Denn was die Sisi (im Film mit Doppel-s) aus Possenhofen tr\u00e4gt, kann nicht verkehrt sein. Immerhin verliebt sich der \u00f6sterreichische Kronprinz in sie. Und f\u00fcr den &#8222;F\u00f6rster vom Silberwald\u201c kommt auch nur ein Dirndl im Dirndl infrage.<\/p>\n<p>Dass die Nazis das Kleid vereinnahmt und zu einer normierten Alltagstracht umfunktioniert hatten, schien in den 1950er Jahre schon wieder aus dem Ged\u00e4chtnis gefallen zu sein. Die simplen Schnitte, die f\u00fcr jede Frau leicht umsetzbar sein sollten, veranschaulichen freilich auch den modischen Absturz. Ein Dirndl hatte in braunen Zeiten eben nicht chic zu sein, sondern bieder.<\/p>\n<p>Sowieso war die im Trachtengesch\u00e4ft h\u00f6chst erfolgreiche j\u00fcdische Familie Wallach den Nazis ein Dorn im Auge, zumal ihre hochwertigen Kreationen und Muster &#8211; vom &#8222;G\u00e4nsebl\u00fcmchen\u201c bis zur &#8222;T\u00f6lzer Rose\u201c &#8211; seit den 1910er Jahren in ganz Europa geordert wurden. Auch die &#8222;R\u00f6ssl\u201c-Urauff\u00fchrung hat das M\u00fcnchner Unternehmen ausgestattet. Doch es gelang nur Moritz Wallach, mit seiner Familie in die USA zu emigrieren. Sein Bruder Max und dessen Ehefrau wurden 1942 in Theresienstadt ermordet.<\/p>\n<p>Dieses dunkle Kapitel hat das Verh\u00e4ltnis zu Trachten durchaus beeinflusst. Auf der anderen Seite trug der Schriftsteller Oskar Maria Graf just im amerikanischen Exil dauernd seine Lederhose. Aus Heimweh. Doch das zeigt ja die Ambivalenz, die genauso die Dirndl betrifft.<\/p>\n<p>1972 standen sie dann wie \u00fcberhaupt die Olympischen Spiele in M\u00fcnchen f\u00fcr ein weltoffenes Deutschland. Die Hostessen trugen eine schn\u00f6rkellose wei\u00df-hellblauen Version, die sich nicht zuletzt durch die sp\u00e4tere Schwedenk\u00f6nigin Silvia, damals noch Sommerlath, einpr\u00e4gen sollte.<\/p>\n<p>Selbst der Kimono f\u00fcgt sich in den Alpenzauber<\/p>\n<p>Und jetzt? Zwischen Discount-Dirndl f\u00fcr weniger als 30 Euro und Haute Couture ist einiges geboten. Auch das f\u00fchrt das Kuratorenteam um Michaela Breil vor Augen. Wobei die Designer-Entw\u00fcrfe selbstredend in der \u00dcberzahl sind. Von Lola Paltingers bewusst \u00fcberdekorieren Glamour-Kleidchen f\u00fcr Promi-M\u00e4dis bis zu Susanne Bisovskys klug eingesetzter Opulenz mit Wiener Chic. Emanuel Burger greift f\u00fcr G\u00f6ssl fulminant in die Historienkiste, w\u00e4hrend Lena Hoschek die Nostalgie zum Stilprinzip erkoren hat. Selbst Kimonos und Saris f\u00fcgen sich ein. Doch all das beweist ja nur: Ein Dirndl geht immer. Egal wo und von wem es getragen wird.<\/p>\n<p>&#8222;Dirndl &#8211; Tradition goes Fashion\u201c bis 19. Oktober im Textilmuseum Augsburg, Provinostr. 46, Di bis So 9 bis 18 Uhr, Katalog 148 Seiten, 24,90 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Dirndl-Dichte schie\u00dft gerade nach oben wie der Bolzen beim &#8222;Hau den Lukas\u201c. 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