{"id":440728,"date":"2025-09-21T21:29:11","date_gmt":"2025-09-21T21:29:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/440728\/"},"modified":"2025-09-21T21:29:11","modified_gmt":"2025-09-21T21:29:11","slug":"schweizer-shootingstar-nelio-biedermann-ueber-seinen-neuen-roman-lazar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/440728\/","title":{"rendered":"Schweizer Shootingstar Nelio Biedermann \u00fcber seinen neuen Roman \u00abL\u00e1z\u00e1r\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/7496278780525314.webp\" fetchpriority=\"high\" width=\"1684\" height=\"1262\" alt=\"Nelio Biedermann, Schriftsteller, posiert am Mittwoch, 16. Juli 2025, in Zuerich. Nelio Biedermann studiert derzeit Germanistik und Filmwissenschaft an der Universitaet Zuerich. Sein drittes Buch &amp;quo ...\" data-image-id=\"7496278780525314\" class=\"watson-snippet__image bg-grey-10 block h-auto w-full \"\/><\/p>\n<p>Nelio Biedermann ist 22 Jahre alt und Bestseller-Autor.Bild: Keystone<\/p>\n<p>Interview<\/p>\n<p>Noch nie startete ein Schweizer Autor mit 22 Jahren schon derart durch wie jetzt der neue Shootingstar Nelio Biedermann. Warum er sich mit Thomas Mann und dem spanischen Fussballgenie Lamine Yamal vergleicht.<\/p>\n<p>21.09.2025, 19:1621.09.2025, 19:22<\/p>\n<p>Raffael Schuppisser, Julian Sch\u00fctt \/ ch media<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Nelio Biedermann, Ihr Roman \u00abL\u00e1z\u00e1r\u00bb f\u00fchrt die Schweizer Bestsellerliste an und ist f\u00fcr den Schweizer Buchpreis nominiert. Es ist das Buch der Stunde. Haben Sie eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr?<\/strong><br \/><strong>Nelio Biedermann:<\/strong> Ich glaube, was das Publikum anspricht, sind lustvoll erz\u00e4hlte Geschichten und die Mischung aus Historischem und Fiktionalem, manchmal fast Mystischem oder Fantastischem, wobei das eine nahtlos ins andere \u00fcbergeht. Man kann sich einfach vom Buch unterhalten lassen. Dass ausgerechnet der eigene Roman so gut ankommt, w\u00fcnscht\u202fman sich nat\u00fcrlich, aber man traut sich kaum, es im Voraus zu hoffen.<\/p>\n<p>\u00abIn der Schule war ich eigentlich gar nicht ehrgeizig, ich habe eher versucht, mit m\u00f6glichst wenig Aufwand durchzukommen.\u00bb<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Einen derart grossen Erfolg hat wohl noch niemand in der Schweizer Literatur schon in ihrem Alter von 22 Jahren gehabt, auch nicht Frisch und D\u00fcrrenmatt. Wie nehmen Sie den Rummel um Ihre Person und Ihr Buch wahr?<\/strong><br \/>Ich muss mich erst daran gew\u00f6hnen, weil alles so neu und surreal ist. Manchmal sehe ich auf meinem Handy eine Werbung mit meinem Gesicht darauf oder entdecke in Zeitungen Artikel \u00fcber mich. Ich lese sie, aber dass gleichzeitig so viele Menschen dieselben Artikel lesen, begreife ich noch nicht so richtig. Es ist eine sch\u00f6ne, aber eigenartige Erfahrung, sich auf diese Weise pl\u00f6tzlich selber\u202fzu begegnen.<\/p>\n<p>Nelio Biedermann<\/p>\n<p>Der Roman \u00abL\u00e1z\u00e1r\u00bb des 22-j\u00e4hrigen Schweizer Schriftstellers und Germanistikstudenten, der am Z\u00fcrichsee lebt, geht derzeit durch die Decke. Nelio Biedermann erhielt daf\u00fcr einen sechsstelligen Vorschuss, und bereits 20 \u00dcbersetzungen sind am Entstehen. Das Epos f\u00fchrt die Bestsellerliste an und ist f\u00fcr den Schweizer Buchpreis nominiert. Inspiriert von der Geschichte seiner Vorfahren, erz\u00e4hlt Biedermann vom Glanz und Elend einer ungarischen Adelsfamilie, die die Donaumonarchie, die Weltkriege und den Sowjetkommunismus durchlebt und 1956 in die Schweiz fl\u00fcchtet. (js)<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Was bedeutet Erfolg f\u00fcr Sie?<\/strong><br \/>In der Schule war ich eigentlich gar nicht ehrgeizig, ich habe eher versucht, mit m\u00f6glichst wenig Aufwand durchzukommen. Als ich das Schreiben entdeckte, habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass mich etwas wirklich fasziniert. Beim Schreiben denke ich aber nicht an Erfolg.<\/p>\n<p>\u00abMir gef\u00e4llt, dass man nicht sagt: \u2039Das Buch findet nur Beachtung, weil Sie so jung sind.\u203a Sondern: \u2039Es ist so gut \u2013 und Sie sind so jung.\u203a\u00bb<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Man vergleicht Sie in der FAZ und anderswo bereits mit Thomas Mann. Ist er ein Idol?<\/strong><br \/>Ich bewundere ihn sehr. F\u00fcr dieses Buch \u2013 es ist ja ein Familienroman \u2013 habe ich die \u00abBuddenbrooks\u00bb gelesen. Ich wollte vermeiden, dass man mir Bez\u00fcge zu Thomas Mann nachweist, die mir selber nicht bewusst waren. Lob und Kritik nehme ich allerdings immer mit einer gewissen Distanz auf. Ich bin sehr kritisch mit mir, vermutlich kritischer als Aussenstehende.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Welche Rolle spielte die Qualit\u00e4t Ihres Manuskripts und welche, dass Sie erst 22 Jahre alt sind?<\/strong><br \/>Es fasziniert die Leute wahrscheinlich zus\u00e4tzlich. Das kenne ich auch von mir, wenn ich junge Fussballer sehe. So verbl\u00fcffte bei der letzten EM etwa der damals erst 17-J\u00e4hrige Lamine Yamal. Man achtete besonders auf ihn. Zuerst musste er aber die Qualit\u00e4t erreichen, dass er mitspielen konnte und die Leute ihn \u00fcberhaupt wahrnahmen. So \u00e4hnlich ist das wohl bei mir und meinem Buch. Mir gef\u00e4llt, dass man nicht sagt: \u00abDas Buch findet nur Beachtung, weil Sie so jung sind.\u00bb Sondern: \u00abEs ist so gut \u2013 und Sie sind so jung.\u00bb Das ist ein sch\u00f6ner Unterschied.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Jungtalente haben im Fussball oft einen h\u00f6heren Marktwert als erfahrene Spieler. Ist das im Literaturbetrieb \u00e4hnlich?<\/strong><br \/>Sicher ist es f\u00fcr die Verlage attraktiv, wenn sie wissen, dass von einem jungen Autor noch viel zu erwarten ist. Bei mir spielt aber sicher auch eine Rolle, dass ich das Geschichtenerz\u00e4hlen in den Vordergrund stelle. Das kommt gut an.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Stimmt das mit dem sechsstelligen Vorschuss, den Sie erhalten haben?<\/strong><br \/>Dar\u00fcber haben der Verlag und ich \u2013 wie \u00fcblich \u2013 Stillschweigen vereinbart.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Aber wie ist es m\u00f6glich, dass so hohe Summen im Spiel waren, bevor das Manuskript ganz fertig war?<\/strong><br \/>Ich bin mit dem noch unvollendeten Manuskript zu meiner Z\u00fcrcher Agentur Liepman gegangen, und die hat den Text an verschiedene Verlage in Deutschland und in der Schweiz geschickt. Dann sind gleich sieben Verlage darauf angesprungen und haben geboten. Das war auch f\u00fcr mich erstaunlich, weil ich bei meinem ersten Buch \u00abAnton will bleiben\u00bb noch in der umgekehrten Position war: Da musste ich mich bewerben. Und nun kamen pl\u00f6tzlich Angebote. Ich konnte ausw\u00e4hlen und entschied mich f\u00fcr Rowohlt Berlin, auch weil ich an einer langfristigen Zusammenarbeit interessiert bin.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Hatten Sie einen Mentor, der Sie beim Schreiben unterst\u00fctzt hat?<\/strong><br \/>Nein. Aber ich schreibe t\u00e4glich, feile daran und lese auch, wie es die ganz grossen Autorinnen und Autoren machen.<\/p>\n<p>\u00abIch w\u00fcnsche mir, dass ich nicht anders behandelt werde, nur weil das Buch jetzt draussen ist.\u00bb<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Sie studieren noch Germanistik in Z\u00fcrich. Ist es ein komisches Gef\u00fchl, wenn Sie nun als neuer Literaturstar an die Uni gehen?<\/strong><br \/>Bisher habe ich im Uni-Umfeld sehr positive Reaktionen bekommen. Und viele meiner Freunde kennen mich schon von fr\u00fcher. Sie beobachten das alles sehr gespannt und freuen sich mit mir, weil sie sehen, dass auch ich mich sehr dar\u00fcber freue. Ich w\u00fcnsche mir, dass ich nicht anders behandelt werde, nur weil das Buch jetzt draussen ist.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Gegenw\u00e4rtig boomt das Buchgesch\u00e4ft dank des j\u00fcngeren Booktok-Publikums, das Romantik und Sex liebt. Beides ist auch in Ihrem Roman reichlich vorhanden.<\/strong><br \/>Ja, aber bei mir ist es nicht die s\u00fcssliche, sondern eher die\u202fsogenannte\u202fschwarze Romantik, wie sie etwa bei E.T.A. Hoffmann zum Ausdruck kommt. Bei mir hat Romantik immer etwas Bedrohliches, etwas, das die Figuren in Bedr\u00e4ngnis bringt. Das Erotische wollte ich wie das Romantische nicht aussparen. Wenn ich von verschiedenen Generationen erz\u00e4hle und Figuren beim Aufwachsen begleite, geh\u00f6rt die erwachende Sexualit\u00e4t dazu. Aber es ist nicht das Hauptmotiv des Buches.<\/p>\n<p>\u00abAlles Intensive ist schwierig zu schreiben. Sexszenen haben bei mir meist etwas leicht Absurdes.\u00bb<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Viele Autoren tun sich schwer damit, explizit \u00fcber Sex zu schreiben. Wie ist es bei Ihnen?<\/strong><br \/>Es ist schon schwieriger als anderes. Alles Intensive ist schwierig zu schreiben. Sexszenen haben bei mir meist etwas leicht Absurdes. Das gab mir mehr Freiheit beim Schreiben.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Man k\u00f6nnte auch sagen, viele Figuren haben einen merkw\u00fcrdigen Fetisch. Einer f\u00fchlt sich erregt, wenn ihm die Frau eine schmutzige Zehe in den Mund steckt. Wie kommen Sie auf solche Ideen?<\/strong><br \/>Ich weiss oft selbst nicht genau, wie ich auf solche Dinge komme. Es ist schwer nachzuvollziehen. Manchmal st\u00f6sst ein kleines Detail etwas an \u2013 etwas, das ich sehe oder beobachte \u2013, und daraus entsteht ein Dominoeffekt: Nach und nach werden verschiedene Gedanken angestossen, die sich dann zu einer Handlung oder zu einer Figur entwickeln.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Sie haben in Gespr\u00e4chen gesagt, Sie w\u00fcrden sich beim Schreiben der Sexszenen etwas blockiert f\u00fchlen, weil Sie daran denken, wie wohl Ihre Eltern darauf reagieren. Wie haben sie reagiert?<\/strong><br \/>Sehr positiv und entspannt. Sie fanden es unterhaltsam, auch wegen der Absurdit\u00e4t in diesen Szenen. Ich habe mir ihre Reaktion viel schlimmer vorgestellt, als sie war.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Uns hat erstaunt, dass Sie, anders als etwa Kim de l\u2019Horizon, der sich mit dem eigenen Leben auseinandersetzt, eine weit zur\u00fcckliegende Vergangenheit in den Mittelpunkt Ihres Romans stellen.<\/strong><br \/>F\u00fcr mich war von Anfang an klar, dass ich mich an meiner Familiengeschichte inspiriere. Doch w\u00e4hrend des Schreibens kommen dann viele Dinge intuitiv zusammen. Ich sitze nicht da und \u00fcberlege, wie ich etwas konzipiere, damit es m\u00f6glichst oft gelesen wird. Ich suche nach dem, was f\u00fcr mich dringlich ist, nach der Geschichte, die ich erz\u00e4hlen muss. Das Thema war also gegeben, aber ich musste daf\u00fcr eine Sprache finden, die zu dieser Zeit passt, ohne verstaubt zu sein. Es ist nicht die Sprache von Thomas Mann, aber es gibt sicher \u00dcberbleibsel. Ich wusste, dass ich nicht in einer gegenw\u00e4rtigen Sprache schreiben kann. Das war f\u00fcr mich die gr\u00f6sste Herausforderung.<\/p>\n<p>\u00abUnd ich merkte, dass jene vergangene Zeit sich auf unsere Gegenwart \u00fcbertragen l\u00e4sst.\u00bb<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Thomas H\u00fcrlimann hat uns einmal in einem Interview gesagt, konservative Geister seien die besseren Schriftsteller. Geschichte sei immer etwas Abgeschlossenes, und Konservative blickten zur\u00fcck. Einverstanden?<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht wirkt es einfacher, \u00fcber etwas Abgeschlossenes zu schreiben, weil man den \u00dcberblick hat. Andererseits weiss man aber nicht, wie das Gef\u00fchl war, damals zu leben. Wenn man \u00fcber die Gegenwart schreibt, kennt man zwar das Lebensgef\u00fchl dieser Zeit sehr genau, weiss aber nicht, wohin sich alles entwickelt. Auch das ist eine grosse Unsicherheit. Schreiben bleibt so oder so schwierig \u2013 egal, ob man r\u00fcckw\u00e4rts oder vorw\u00e4rts schaut.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Viele Epochen, von denen Sie in \u00abL\u00e1z\u00e1r\u00bb erz\u00e4hlen\u202f\u2013\u202fob Donaumonarchie, Erster und Zweiter Weltkrieg, Sowjetzeit \u2013, sind schon oft dargestellt worden, auch in der Weltliteratur. War das nicht belastend beim Schreiben?<\/strong><br \/>Ja, das hat mich besch\u00e4ftigt. Aber ich wusste, dass ich aus einer heutigen psychologischen Perspektive schreiben muss. Das ist der einzige Vorteil, den ich gegen\u00fcber den fr\u00fcheren Autoren habe. Sie konnten aus ihrer eigenen Zeit heraus schreiben. Ich habe daf\u00fcr den \u00dcberblick, den sie unm\u00f6glich haben konnten: Ich weiss, was auf all die Ereignisse folgte. Ich bin nicht in die Zeit verstrickt und konnte gleichzeitig modernere Elemente in den Text einbauen. Und ich merkte, dass jene vergangene Zeit sich auf unsere Gegenwart \u00fcbertragen l\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>K\u00f6nnen Sie die Parallelen etwas konkretisieren?<\/strong><br \/>Auch wir leben wieder in einer Zeit voller Unsicherheiten, die auch die Menschen damals empfanden. Es gibt heute wie damals viele Umbr\u00fcche und das Gef\u00fchl, dass vielleicht etwas\u202fzu Ende geht\u202fund etwas Neues beginnt. Man muss sich neu orientieren. Viele Menschen f\u00fchlen sich hin- und hergerissen von diesen politischen und wirtschaftlichen Umw\u00e4lzungen. Und dann gibt es trotz all der gravierenden Ereignisse doch weiter die ganz pers\u00f6nlichen Dramen und Verstrickungen, die die Menschen und auch meine Figuren erleben. Diese privaten Probleme besch\u00e4ftigen sie zum Teil mehr als alles, was rundherum weltpolitisch passiert. Mir war wichtig zu zeigen, wie Pers\u00f6nliches und Geschichtliches ineinandergreifen und sich gegenseitig beeinflussen.<\/p>\n<p>\u00abUnd Literatur kann etwas, was reine Geschichtsschreibung nicht kann: Sie erz\u00e4hlt die Geschichten dahinter.\u00bb<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Sie erz\u00e4hlen, wie die Adelsfamilie von L\u00e1z\u00e1r immer mehr den Atem Sowjetrusslands im Nacken hat. Eine sehr aktuelle Konstellation: Neben den Ukrainern sp\u00fcrt man auch in Polen und im Baltikum wieder diesen Atem des imperialistischen Russlands.<\/strong><br \/>Ja, und pl\u00f6tzlich gibt es wieder Krieg in Europa. Eine Figur, Lajos, sagt, er h\u00e4tte nie gedacht, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal Krieg in Europa geben werde. Viele von uns dachten ebenfalls, dass es nie mehr so weit kommen k\u00f6nnte \u2013 und nun ist es wieder da. Und Literatur kann etwas, was reine Geschichtsschreibung nicht kann: Sie erz\u00e4hlt die Geschichten dahinter. Die Zeit, \u00fcber die ich schreibe, ist f\u00fcr uns heute oft nur eine Ansammlung von Zahlen, Fakten und Namen. Selbst ich, obwohl es meine Familiengeschichte betrifft, kannte zwar die Erz\u00e4hlungen, habe aber erst beim Schreiben wirklich verstanden, was die Ereignisse f\u00fcr die Figuren \u2013 und f\u00fcr meine Familie \u2013 bedeuteten.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Was genau ist denn aus Ihrer Familiengeschichte in den Roman eingeflossen?<\/strong><br \/>Die Figuren sind alle v\u00f6llig fiktiv, das war mir wichtig. Aber die grossen Stationen, die sie durchlaufen, sind dieselben, die auch meine Familie durchlaufen hat.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>War ihre Familie auch in Besitz eines \u00abWaldschlosses\u00bb wie im Buch?<\/strong><br \/>Es gab verschiedene Schl\u00f6sser. Das Schloss, das ich beim Schreiben vor Augen hatte, ist heute nicht mehr von Wald umgeben, sondern von Feldern. Es gibt aber auch ein Jagdschloss, das tats\u00e4chlich mitten in einem Wald liegt. Ich habe verschiedene reale Orte zusammengef\u00fcgt. In einigen der Schl\u00f6sser h\u00e4ngen heute immer noch Portraits meiner Urgrosseltern.<\/p>\n<p>\u00abMeine Angeh\u00f6rigen hatten das Gl\u00fcck, dass die ungarischen Fl\u00fcchtlinge \u2013 im Gegensatz zu den j\u00fcdischen \u2013 in der Schweiz sehr herzlich empfangen wurden.\u00bb<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Ihre Familie musste fliehen und alles zur\u00fccklassen. Wurde ihr sp\u00e4ter etwas von dem Besitz zur\u00fcckgegeben?<\/strong><br \/>Anders als in Deutschland kam praktisch nichts zur\u00fcck. Mein Grossonkel, der wieder in Budapest lebt, hat ein kleines St\u00fcck Land erhalten, das er bewirtschaften kann, aber keine Schl\u00f6sser. Diese befinden sich heute in Privat- oder Staatsbesitz.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Ist das nicht ein merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl, wenn man weiss, dass es einmal der eigenen Familie geh\u00f6rte?<\/strong><br \/>F\u00fcr mich nicht. Ich bin nicht damit aufgewachsen. Schon als Kind war klar, dass es uns nicht mehr geh\u00f6rt. Wir besuchten die Orte zwar, aber f\u00fcr mich hatte das fast etwas von einem Roman.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Wie ist Ihre Familie in der Schweiz angekommen? Hatten sie noch ein adliges Bewusstsein?<\/strong><br \/>Meine Angeh\u00f6rigen hatten das Gl\u00fcck, dass die ungarischen Fl\u00fcchtlinge \u2013 im Gegensatz zu den j\u00fcdischen \u2013 in der Schweiz sehr herzlich empfangen wurden. Trotzdem mussten sie sich ein neues Leben aufbauen. Das war sicher schwierig: Sie hatten zun\u00e4chst im \u00dcberfluss gelebt, dann alles verloren. Nachdem sie sich in Ungarn wieder etwas aufgebaut hatten, mussten sie erneut fliehen und wieder von vorn anfangen. Mein Vater wurde gleich nach der Flucht in der Schweiz geboren. Er wuchs sehr schweizerisch auf, zu Hause wurde aber Ungarisch gesprochen.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Haben Sie selbst ein \u00abAdelsgef\u00fchl\u00bb? Tragen Sie die Adelsvergangenheit Ihrer Familie in sich?<\/strong><br \/>Nein, \u00fcberhaupt nicht. Ich trage zwar den Siegelring meines Grossvaters (zeigt auf seinen Ringfinger), aber ich habe kein Adelsbewusstsein. Mein Grossvater hatte es wohl noch, weil er damit aufgewachsen ist. F\u00fcr mich waren diese Geschichten aber immer faszinierend.<\/p>\n<p>\u00abIch habe sogar begonnen, wieder von Hand zu schreiben.\u00bb<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Benutzen Sie k\u00fcnstliche Intelligenz als Werkzeug zum Recherchieren oder Schreiben?<\/strong><br \/>Nein, weder zum Schreiben noch zum Recherchieren. Ich habe sogar begonnen, wieder von Hand zu schreiben. Bei meinem ersten Roman habe ich gemerkt, dass ich, wenn es schwierig wurde, besser vorankam, wenn ich mit Stift auf Papier schrieb. Bei \u00abL\u00e1z\u00e1r\u00bb habe ich dann gleich von\u202fAnfang\u202fmit der\u202fHand\u202fgeschrieben. Am\u202fn\u00e4chsten\u202fTag tippe ich dann das Geschriebene ab und \u00fcberarbeite es gleich.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>K\u00f6nnten Sie sich vorstellen einmal KI zum Schreiben zu nutzen?<\/strong><br \/>Ich finde nicht, dass die Nutzung von KI per se schlecht w\u00e4re. Man k\u00f6nnte sie durchaus integrieren, um ein Kunstwerk zu schaffen. Ich selbst habe es bisher nicht getan. Ich finde es sch\u00f6n, etwas zu schreiben, von dem ich am Ende weiss, dass es mein eigenes Werk ist.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"><strong>Wird ihr n\u00e4chstes Buch wieder in der Vergangenheit spielen?<\/strong><br \/>Ich weiss, dass es in der Gegenwart spielen wird. Ich habe mich lange schwergetan, \u00fcber die Gegenwart zu schreiben, und musste mich sozusagen an sie herantasten. Auch in \u00abL\u00e1z\u00e1r\u00bb n\u00e4here ich mich bereits der Gegenwart an \u2013 es beginnt im 19. Jahrhundert und endet nach dem zweiten Weltkrieg. Jetzt bin ich so weit, dass ich wirklich \u00fcber die Gegenwart schreiben kann.<\/p>\n<p class=\"watson-snippet__text my-6 text-[16px] lg:text-[18px] leading-normal md:w-3\/5\"> (aargauerzeitung.ch)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nelio Biedermann ist 22 Jahre alt und Bestseller-Autor.Bild: Keystone Interview Noch nie startete ein Schweizer Autor mit 22&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":440729,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-440728","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115244418319945548","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/440728","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=440728"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/440728\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/440729"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=440728"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=440728"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=440728"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}