{"id":441682,"date":"2025-09-22T07:04:15","date_gmt":"2025-09-22T07:04:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/441682\/"},"modified":"2025-09-22T07:04:15","modified_gmt":"2025-09-22T07:04:15","slug":"interview-mit-birgit-schulze-wehninck-und-sven-riemer-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/441682\/","title":{"rendered":"Interview mit Birgit Schulze Wehninck und Sven Riemer \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Am Mittwoch, dem 24. September findet der Aktionstag der Interessengemeinschaft der freien Kita-Tr\u00e4ger (IGFT) statt, f\u00fcr den die Buchkinder ma\u00dfgeblich in Verantwortung stehen. Die K\u00fcndigung aller Vertr\u00e4ge mit freien Tr\u00e4gern sorgt f\u00fcr Aufregung bei Tr\u00e4gern und Eltern, aber die Diskussion geht nach meinem Eindruck oft am Kern vorbei. Ich habe dazu mit Birgit Schulze Wehninck und Sven Riemer vom Buchkinder e.V. ein Interview gef\u00fchrt. Haben wir es hier mit einem kompletten Vertrauensbruch zu tun?<\/p>\n<p><strong>Frau Schulze Wehninck, Herr Riemer, die Stadt Leipzig hat Ende 2026 allen freien Tr\u00e4gern die Vertr\u00e4ge gek\u00fcndigt. Wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schulze Wehninck:<\/strong> Zun\u00e4chst hat uns das sprachlos gemacht. Zusammen mit all den anderen freien Tr\u00e4gern, wie Wohlfahrtsverb\u00e4nde, kirchliche Tr\u00e4ger, Vereinen und Elterninitiativen \u00fcbernehmen wir mit rund 155 Einrichtungen den Hauptteil der kommunalen Pflichtaufgabe, fr\u00fchkindliche Bildung umzusetzen. Statt eines partnerschaftlichen Dialoges wurde uns jedoch die Grundlage entzogen, entgegen anderslautenden Versprechungen. Das ist ein enormer Vertrauensverlust.<\/p>\n<p><strong>Riemer:<\/strong> Gleichzeitig liegt darin aber auch eine Chance, sie ist sozusagen ein Gl\u00fccksfall. Die K\u00fcndigung zwingt uns, die Rahmenbedingungen der fr\u00fchkindlichen Bildung offenzulegen und endlich ehrlich dar\u00fcber zu sprechen, wie viel Qualit\u00e4t diese Gesellschaft ihren Kindern wirklich zugestehen will. Wir sind an einem Punkt, wo die Frage gestellt werden muss: Wollen wir qualitative fr\u00fchkindliche Bildung oder Aufbewahrung.<\/p>\n<p><strong>Warum Gl\u00fccksfall?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Riemer:<\/strong> Weil wir jetzt die Chance haben, die Weichen neu zu stellen. Statt nur \u00fcber Kosten und Vergleichbarkeit mit st\u00e4dtischen Einrichtungen zu reden, k\u00f6nnen wir fragen: Welche fr\u00fchkindliche Bildung wollen wir eigentlich? Wollen wir, dass Kitas wieder zu reinen Aufbewahrungsst\u00e4tten werden? Oder wollen wir Bildungsst\u00e4tten, die Kinder st\u00e4rkt, Unterschiede ausgleicht und die Gesellschaft zusammenh\u00e4lt?<\/p>\n<p><strong>Die Stadt begr\u00fcndet ihre Entscheidung mit finanziellen Zw\u00e4ngen. K\u00f6nnen Sie diese Argumentation nachvollziehen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schulze Wehninck:<\/strong> Wir wissen, dass die Haushaltslage angespannt ist und dass \u00f6ffentliche Mittel effizient eingesetzt werden m\u00fcssen. Aber die Reduzierung auf Wirtschafts- und Kostenlogik greift zu kurz, beziehungsweise ist es unklar, woran die Wirtschaftlichkeit im Bildungssektor gemessen wird. Unserer Meinung nach ist die Qualit\u00e4t der p\u00e4dagogischen Arbeit der einzig belastbare Ma\u00dfstab \u2013 und genau daran wird zu wenig gemessen.<\/p>\n<p>Jeder Euro, der in die fr\u00fchkindliche Entwicklung investiert wird, entfaltet \u00fcber die Jahre eine vielfache Wirkung \u2013 er verbessert die Startbedingungen der Kinder und tr\u00e4gt gleichzeitig zur Entlastung der \u00f6ffentlichen Haushalte bei. Die Folgekosten bei Unt\u00e4tigkeit sind ja jetzt schon enorm. Aber auch das ist ja allen Verantwortlichen bekannt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Plakat-IGFt_Sept2025.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-634307 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Plakat-IGFt_Sept2025.jpg\" alt=\"Kita-Aktionstag am 24. September. Plakat: Interessengemeinschaft der freien Kita-Tr\u00e4ger (IGFT) \" width=\"2250\" height=\"1500\"  \/><\/a>Kita-Aktionstag am 24. September. Plakat: Interessengemeinschaft der freien Kita-Tr\u00e4ger (IGFT)<\/p>\n<p><strong>Besonders kritisiert wird der Personalschl\u00fcssel. Wie zeigt sich das in Ihrer t\u00e4glichen Arbeit?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Riemer:<\/strong> Der Schl\u00fcssel wird ja jetzt nicht auf kommunaler Ebene verhandelt. Trotzdem bildet er die Grundlage f\u00fcr jede Kita in Sachsen und der liegt bei ca. 1 zu 12 im Kindergartenbereich und 1 zu 5 im Krippenbereich. In diesem Schl\u00fcssel sind neben der unmittelbaren Arbeit am Kind die Vor- und Nachbereitung der Arbeit, die Dokumentation der Arbeit, Elterngespr\u00e4che, Teambesprechungen, Klausurtage, Fort- und Weiterbildung, Urlaub und Krankheit enthalten.<\/p>\n<p>In der Praxis hei\u00dft das oft, dass eine Fachkraft mit 20 Kindern allein ist. Nun allen, die schon mal mit Kindern zu tun hatten, m\u00fcsste da ein Licht aufgehen. Und allen Verantwortlichen, die keine Erfahrungen im Begleiten von Kindern haben, sollte die Vorstellungskraft gen\u00fcgen, dass an diesem fragilen Konstrukt nicht weiter gespart werden kann, wenn ein Bildungsauftrag damit einhergehen soll.<\/p>\n<p><strong>Schulze Wehninck:<\/strong> Hinzu kommt der hohe Krankenstand seit der Corona-Pandemie. Notbetrieb im Winter ist keine Ausnahme mehr, sondern Realit\u00e4t. Statt L\u00f6sungen zu suchen, versch\u00e4rfen die geplanten K\u00fcrzungen den Engpass. Es gibt kaum einen Arbeitsbereich, in dem der Schutz der Besch\u00e4ftigten aufgrund des Arbeitskontextes so schwierig umzusetzen ist. Ein wesentlicher Teil der fr\u00fchkindlichen Arbeit ist Beziehungsarbeit und die geht weder mit Maske noch k\u00f6rperlos. Oder wie soll ein weinendes Kind von anderthalb Jahren getr\u00f6stet werden?<\/p>\n<p>Besch\u00e4digtes Vertrauen<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen von einem besch\u00e4digten Vertrauen zwischen Stadt und freien Tr\u00e4gern. Woran machen Sie das fest?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Riemer:<\/strong> An der Art des Vorgehens. Verhandlungen wurden abgebrochen, die K\u00fcndigung kam ohne Vorank\u00fcndigung per E-Mail und nachgelagert mit der Post. \u00dcbrigens sehr zeitnah,<a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/politik\/leipzig\/2025\/04\/der-stadtrat-tagte-stadtrat-erhohung-kita-beitrage-haushaltsloch-622476\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> nachdem der Stadtrat einer Erh\u00f6hung des Elternbeitrages nicht zugestimmt hat.<\/a> Dieser damals angenommene Betrag von ich glaube 20 bis 25 Millionen Euro war im Haushaltsentwurf schon eingerechnet.<\/p>\n<p>Wir erleben die K\u00fcndigung als Machtdemonstration. Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr Erziehende, Eltern, Kinder und Tr\u00e4ger sieht anders aus. Au\u00dferdem haben wir den Eindruck, dass die Einheit der freien Tr\u00e4ger bewusst untergraben werden soll. Einzelverhandlungen mit den jeweiligen Tr\u00e4gern stehen bei dem Scheitern der wieder aufgenommen Verhandlungen ja schon im Raum.<\/p>\n<p><strong>Schulze Wehninck:<\/strong> Wir wollen nicht als Problemverursacher dargestellt werden, wir sind Partner der Kommune und Teil der L\u00f6sung, die jetzt entwickelt werden will. Ohne die freien Tr\u00e4ger g\u00e4be es diese Form der Bildungsvielfalt in Leipzig nicht. Hier m\u00f6chten wir im Austausch und auf Augenh\u00f6hen mit der Stadt Leipzig ankn\u00fcpfen und weiter gestalten.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Welche Forderungen stellen Sie f\u00fcr die kommenden Monate?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Riemer:<\/strong> Erstens: eine klare Anerkennung unserer Rolle und Verantwortung in der Grundsatzvereinbarung und dass eine qualitative fr\u00fchkindliche Bildung eine gemeinsame Aufgabenstellung ist. Zweitens: transparente, auf Qualit\u00e4t ausgerichtete Verhandlungen \u2013 nicht nur Kostendebatten. Und drittens: konkrete Schritte hin zu einem kindgerechten Personalschl\u00fcssel. Das geht nur im Schulterschluss zwischen Kommune und freien Tr\u00e4gern gegen\u00fcber der Landesregierung.<\/p>\n<p>Dies alles k\u00f6nnen wir jetzt nur aus unserer individuellen Sicht des BuchKinderGartens so benennen, wir sind zwar Teil der Interessengemeinschaft der freien Tr\u00e4ger (IGFT), aber wir sind nicht Teil der Verhandlungsgruppe. Ich kann nur sagen, dass das Unverst\u00e4ndnis und der Unmut bei den freien Tr\u00e4gern sehr gro\u00df sind.<\/p>\n<p><strong>Wie kann die Stadt das zur\u00fcckgestellte Kita-Moratorium sinnvoll umsetzen?<\/strong><\/p>\n<p>Schulze Wehninck: Das Ziel des Moratoriums war, das Absinken der Kinderzahlen f\u00fcr einen besseren Personalschl\u00fcssel zu nutzen. Hier erwarten wir, dass die Kommune aktiv mitgestaltet, damit tats\u00e4chlich Verbesserungen f\u00fcr die Praxis entstehen.<\/p>\n<p>Mehr Qualit\u00e4t, weniger B\u00fcrokratie<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen von einem \u201ewei\u00dfen Blatt\u201c. Was meinen Sie damit?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schulze Wehninck:<\/strong> Wie schaffen wir mehr Qualit\u00e4t und weniger B\u00fcrokratie? Wir sollten die Platz\u00fcberkapazit\u00e4t, die sich jetzt in Leipzig eingestellt hat, als Chance begreifen. Viele Tr\u00e4ger haben aber Angst, dass sie ungefragt vom Netzt genommen werden. Auch hier braucht es gemeinsame L\u00f6sungsstrategien und kein einseitiges unkoordiniertes Handeln seitens der Stadtverwaltung.<\/p>\n<p>Auch der Umgang mit einer nicht komplett ausgelasteten Kita muss besprochen werden. Ein gr\u00f6\u00dferer Raumanspruch pro Kind braucht unserer Meinung nach keine Zustimmung des Landes. F\u00fcr ein Kindergartenkind sind das zur Zeit 2,5 m2 des Gruppenraumes \u2013 auch da wird schnell ersichtlich, dass da Luft nach oben ist.<\/p>\n<p>Wir brauchen eine gemeinsame Vision \u2013 nicht nur Verwaltungshandeln nach Kassenlage.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/DSCF2011.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-634309 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/DSCF2011.jpg\" alt=\"Beim Kreativsein darf es ruhig auch mal bunte H\u00e4nde geben. Foto: Buchkinder e.V.\" width=\"2250\" height=\"1492\"  \/><\/a>Beim Kreativsein darf es ruhig auch mal bunte H\u00e4nde geben. Foto: Buchkinder e.V.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt die \u00d6ffentlichkeit in diesem Konflikt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schulze Wehninck:<\/strong> Eine sehr gro\u00dfe. Eltern und Besch\u00e4ftigte erleben t\u00e4glich, was schlechte Rahmenbedingungen bedeuten. Deswegen wollen wir die Menschen sensibilisieren, die Dramatik sichtbar machen und gemeinsam politischen Druck aufbauen.<\/p>\n<p><strong>Neben der K\u00fcndigung gibt es einige weitere gro\u00dfe Herausforderungen in den Verhandlungen. Den b\u00fcrokratischen Aufwand haben sie eben schon angesprochen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schulze Wehninck:<\/strong> Der b\u00fcrokratische Aufwand ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Immer kleinteiligere Nachweisforderungen des Amtes binden viel Zeit, die eigentlich in die Verbesserung unserer Einrichtung geh\u00f6rt. Das \u00fcberfordert kleine Tr\u00e4ger besonders.<\/p>\n<p>Die Art, der Umfang und die Komplexit\u00e4t der Nachweispflicht ist von jeder Vertrauensbasis befreit. Der Logik des Misstrauens folgend kann sie aus Sicht der Stadtverwaltung nur immer kleinteiliger werden.<br \/>Wir bekommen auch mit, wie die Mitarbeitenden mit diesem Vorgehen selbst \u00fcberfordert sind.<\/p>\n<p><strong>Riemer:<\/strong> \u201eWir sind ein Misstrauensstaat geworden\u201c, sagte unser Oberb\u00fcrgermeister B. Jung in seiner Rolle als Pr\u00e4sident des Deutschen St\u00e4dtetages, es br\u00e4uchte \u201eeinfache, unb\u00fcrokratische L\u00f6sungen, keinen Generalverdacht\u201c. Dies wurde im Zusammenhang mit dem b\u00fcrokratischen Aufwand bei der F\u00f6rdermittelakquise und der F\u00f6rdermittelberechnung der St\u00e4dte und Gemeinden im Zusammenspiel mit dem Bund von Herrn Jung so benannt.<\/p>\n<p>An dieser Stelle w\u00e4re es unseres Erachtens toll, auch die Handlungsm\u00f6glichkeiten innerhalb unserer Stadt auszusch\u00f6pfen. Das ist ein sehr zentraler Punkt, zumal die Stadtverwaltung anstrebt, ein pauschalisiertes Verfahren, hin zu einer Spitzabrechnung zu ver\u00e4ndern. Der b\u00fcrokratische Aufwand w\u00fcrde sich also f\u00fcr alle Seiten nochmals weiter erh\u00f6hen!<\/p>\n<p>Immer mehr F\u00f6rderbedarf<\/p>\n<p><strong>Es wird auch von einem vermehrten F\u00f6rderbedarf bei Kindern gesprochen. Was bedeutet das f\u00fcr Sie?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Riemer:<\/strong> Ja, viele Kinder kommen heute mit erh\u00f6htem F\u00f6rderbedarf in die Kita \u2013 sei es sprachlich, emotional oder sozial. Das erfordert zus\u00e4tzliches Fachpersonal und besondere F\u00e4higkeiten, die in der jetzigen Personalsituation kaum abgedeckt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Wie hat sich die technische Infrastruktur, vor allem im IT-Bereich, auf Ihren Aufwand ausgewirkt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Riemer:<\/strong> Die Anforderungen im IT-Bereich steigen st\u00e4ndig, von Verwaltung, Dokumentation bis Datenschutz. Das Know-how , die Wartung und Begleitung der Infrastruktur kosten ebenfalls Ressourcen, die wir nicht zus\u00e4tzlich budgetiert bekommen. Es gibt einfach keinen Posten daf\u00fcr.<\/p>\n<p><strong>Lassen sich auch die Integrationsaufgaben als Belastung beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Riemer:<\/strong> Nun Belastung schiebt diese Aufgabe in die falsche Richtung. Es sind aber definitiv zus\u00e4tzliche Herausforderung, die es zu bew\u00e4ltigen gilt. Oft liegen schreckliche Ereignisse bei Kindern und Eltern in ihren jeweiligen Geschichten. Die Aufgabenfelder sind auch hier sehr komplex. Eine stimmige Integration \u2013 oder besser Inklusion \u2013 ist eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, dabei bringt sie zus\u00e4tzliche personelle und organisatorische Anforderungen mit sich. Ohne entsprechende Unterst\u00fctzung wird das immer schwieriger. Wir k\u00f6nnen aber auch sagen, dass uns dies an vielen Stellen gut gelungen ist.<\/p>\n<p><strong>Der Umgang mit Erziehungsberechtigten stellt ebenfalls eine Herausforderung dar?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schulze Wehninck:<\/strong> Viele Familienstrukturen haben sich stark ver\u00e4ndert. Die Begleitung der Eltern erfordert mehr Zeit und Beratungskompetenz, zum Beispiel bei Erziehungsfragen oder sozialen Problemen.<\/p>\n<p>Wenn man Kosten nicht vergleichen kann<\/p>\n<p><strong>Wie bewerten Sie die Verwaltungspauschale, speziell f\u00fcr kleinere Tr\u00e4ger?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Riemer:<\/strong> Die Pauschale ist schlichtweg nicht ann\u00e4hernd ausreichend, um den stetig wachsenden Aufwand zu decken. Das wurde auch schon vielfach inhaltlich unterlegt und kommuniziert. Gerade kleinere Tr\u00e4ger haben es sehr schwer, die Mehrbelastung aus eigener Kraft zu tragen. Hier braucht es ohne Zweifel eine Verbesserung.<\/p>\n<p><strong>Sie haben auch die Vergleichsszenarien zwischen kommunalen und freien Tr\u00e4gern erw\u00e4hnt. Woran scheitern diese Ihrer Meinung nach?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schulze Wehninck:<\/strong> Die Kostenstrukturen von kommunalen und freien Tr\u00e4gern sind verschieden. W\u00e4hrend sich die Gesamtheit der Kosten bei freien Tr\u00e4gern in einem Wirtschaftsplan abbilden und offen liegen, gibt es bei der Kommune Gemein-, sprich Verwaltungskosten, die getrennt nicht aufgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Die Pr\u00fcfszenarien der Vergleiche von Seiten der Stadtverwaltung sind oft intransparent und die Informationen \u00fcber den eigenen Verwaltungsapparat wohl auch nicht abrufbar. Fairer- und logischerweise m\u00fcsste zum Beispiel der Oberb\u00fcrgermeister, sowie die Organe der kommunalen Selbstverwaltung und der Verwaltungsapparat, vordergr\u00fcndig das Amt f\u00fcr Jugend und Familie ja anteilig mit eingerechnet werden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann die Stadt Leistungen f\u00fcr kommunale Einrichtungen anders zusammenfassen, so zum Beispiel bei der Reinigung. Das erschwert sachliche Vergleiche und verunsichert uns als freie Tr\u00e4ger. Das Narrativ der teureren freien Tr\u00e4ger gegen\u00fcber den st\u00e4dtischen Einrichtungen wird von der Verwaltung auf jeden Fall gepflegt. Wir haben auch den Eindruck, dass die Stadtr\u00e4te dieser Erz\u00e4hlung meist folgen.<\/p>\n<p>Aber bei der Komplexit\u00e4t der Materie ist das nur zu verst\u00e4ndlich. \u00dcber die Qualit\u00e4t der Einrichtungen haben wir auch an dieser Stelle noch nicht gesprochen.<\/p>\n<p><strong>Wie sehen Sie die Folgen, wenn keine zukunftsf\u00e4hige Strategie f\u00fcr die Kitalandschaft entwickelt wird?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Riemer:<\/strong> Die Folge ist eine weitere Destabilisierung der fr\u00fchkindlichen Bildung. Ohne eine tragf\u00e4hige Idee, die auch Best-Practice Beispiele und wissenschaftliche Erkenntnisse ber\u00fccksichtigt, riskieren wir weitere Qualit\u00e4tsverluste. Gute Kitas sind auch ein Entscheidungskriterium f\u00fcr Fachkr\u00e4fte, f\u00fcr die, die nach Leipzig wollen oder f\u00fcr die, die \u00fcberlegen, wegzuziehen.<\/p>\n<p>Die Vielfalt der Tr\u00e4gerlandschaft war einst eine st\u00e4dtische Zielstellung. Nur sie schafft wirkliche Wahlfreiheit f\u00fcr die Eltern und f\u00f6rdert die Innovationsf\u00e4higkeit in dem Bereich.<\/p>\n<p>Es sollte auch nicht vergessen werden, dass die freien Tr\u00e4ger Unternehmungen sind, die viele hauptamtliche Mitarbeitenden besch\u00e4ftigen. Wir haben neben der vordergr\u00fcndigen Verantwortung gegen\u00fcber den Kindern und Eltern auch Verantwortung f\u00fcr unsere Besch\u00e4ftigten. Die von der Stadt kommunizierten Verhandlungsziele nivellieren die Vielfalt der Tr\u00e4gerlandschaft finanziell und inhaltlich auf eine sehr bedrohliche Art und Weise.<\/p>\n<p><strong>Und Ihre Botschaft an die Politik?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Antwort:<\/strong> Wir fordern: Fr\u00fchkindliche Bildung ernst nehmen. Einen besseren Personalschl\u00fcssel im Schulterschluss mit uns beim Land erwirken. Qualit\u00e4t statt Minimalversorgung. Partnerschaft zwischen Stadt und freien Tr\u00e4gern. Leipzig k\u00f6nnte Vorreiter sein \u2013 wenn wir jetzt den Mut haben, das \u201ewei\u00dfe Blatt\u201c zu nutzen und eine echte Kita-Strategie zu entwickeln. Wenn nicht, riskieren wir, dass unsere Kitas zur\u00fcckfallen in eine Rolle, die wir l\u00e4ngst hinter uns gelassen haben: die der blo\u00dfen Aufbewahrung.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Der BuchKinderGarten<\/p>\n<p>Seit M\u00e4rz 2013 gibt es in Leipzig den ersten BuchKinderGarten mit eigenem p\u00e4dagogischem Konzept \u2013 f\u00fcr 119 Kinder in der Josephstra\u00dfe. Er steht in der Tradition des <a href=\"https:\/\/www.buchkinder.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Buchkinder Leipzig e.V.<\/a>, der seit 2001 Kinder beim freien Ausdruck \u00fcber Text und Bild begleitet.<\/p>\n<p>Der BuchKinderGarten \u00fcbertr\u00e4gt diese Arbeitsweise auf fr\u00fchkindliche Bildung: inklusive, kreativit\u00e4tsorientiert, mit starkem Bezug zu Sprache und k\u00fcnstlerischem Ausdruck. 2017 wurde er zur Sprach-Kita und erhielt zus\u00e4tzliche Fachkr\u00e4fte f\u00fcr alltagsintegrierte sprachliche Bildung und Familienarbeit. Derzeit entsteht ein zweiter BuchKinderGarten in der ehemaligen Gustav-Leuchte-Fabrik in Lindenau (Demmeringstra\u00dfe 61) mit Platz f\u00fcr etwa 140 Kinder.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am Mittwoch, dem 24. 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