{"id":442907,"date":"2025-09-22T18:29:11","date_gmt":"2025-09-22T18:29:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/442907\/"},"modified":"2025-09-22T18:29:11","modified_gmt":"2025-09-22T18:29:11","slug":"neues-buch-von-us-autorin-torrey-peters-ein-busch-unter-holzpiraten-und-axtmaennern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/442907\/","title":{"rendered":"Neues Buch von US-Autorin Torrey Peters: Ein Busch unter Holzpiraten und Axtm\u00e4nnern"},"content":{"rendered":"<p class=\"Initial paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Was mag das sein, ein \u201eRoman in vier Bildern\u201c? So steht es auf dem Cover des zweiten Buchs der 1981 geborenen US-amerikanischen Autorin Torrey Peters. Ob die Gattung Roman es trifft, ist fraglich. \u201eStag Dance\u201c versammelt vier Erz\u00e4hlungen, die jedoch in ihrer Unterschiedlichkeit thematisch eng miteinander verkn\u00fcpft sind.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Alle kreisen um queere Figuren, diese sind trans* Frauen, (vielleicht) schwul und\/oder haben einen Fetisch. Genaue Grenzziehungen sind oft nicht gegeben. Peters\u2019 Figuren sind sich ihrer selbst nicht gewiss; ihre Sehns\u00fcchte sind widerspr\u00fcchlich, ihr Begehren nicht fixiert. In ihrer Danksagung schreibt Peters, sie habe mit diesen Geschichten versucht, \u201edie unangenehmen Aspekte meiner endlosen Transition \u2013 vulgo: mein Leben als trans*\u00adMensch \u2013 in verschiedenen Genres f\u00fcr mich zu entr\u00e4tseln\u201c. Peters outete sich mit 26 Jahren als trans*.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Schon in ihrem 2021 in den USA erschienenen Deb\u00fct \u201eDetransition, Baby\u201c, das Peters schlagartig bekannt machte, sind Gef\u00fchle und Begehren der Figuren nicht eindeutig oder ein f\u00fcr alle Mal festgelegt. Als erste <a href=\"https:\/\/taz.de\/Debuetroman-von-Jayrme-C-Robinet\/!6049682\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">trans*\u00ad Au\u00adto\u00adrin<\/a> wurde sie damit f\u00fcr den renommierten \u201eWomen&#8217;s Prize for Fiction\u201c nominiert, was ihr neben Anerkennung auch massive Anfeindungen einbrachte. Letztere kamen insbesondere von einer Gruppe sich selbst als Feministinnen verstehenden Schriftstellerinnen, die sich in einem \u201eOffenen Brief\u201c an die Preis-Jury in diffamierender Weise gegen Peters&#8216; Nominierung wandten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">\u201eDetransition, Baby\u201c erz\u00e4hlt von dem Versuch dreier Menschen, eine Familie jenseits der konventionellen Kleinfamilie zu bilden. So sehr es Peters darum geht, die Perspektive zu weiten, M\u00f6glichkeiten und Problematiken jenseits heteronormativer Verh\u00e4ltnisse zu erz\u00e4hlen, so wenig verengt sie ihren Blick darauf, queere Menschen, insbesondere trans* Personen, als die ganz anderen zu zeigen. Nicht nur, dass eine der Hauptfiguren eine cis Frau ist; Peters schreibt \u00fcber Themen, die alle umtreiben, \u00fcber Freundschaft, Liebe, Vertrauen, Unaufrichtigkeit, Selbstl\u00fcgen.<\/p>\n<p>Das Buch<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\">Torrey Peters: \u201eStag Dance \u2013 Ein Roman in vier Bildern\u201c. Aus dem Englischen von Frank Sievers. Ullstein, Berlin 2025. 352 Seiten, 24 Euro<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"5\">Im aktuellen Buch nun bewegt sich die Autorin in verschiedenen Genres. Die erste Erz\u00e4hlung \u201eInfiziert euch\u201c weist Peters selbst der Fantastik zu. Es ist eine dystopische Zukunftsversion, in der alle Menschen aufgrund einer Seuche auf die Einnahme k\u00fcnstlicher Sexual\u00adhormone angewiesen sind, wor\u00fcber Kriege ausbrechen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">In chronologischen Spr\u00fcngen zwischen der Zeit vor und nach dem Ausbruch der Pandemie entwirft Peters die ambivalente Pers\u00f6nlichkeit der Ich-Erz\u00e4hlerin, einer trans* Frau, und erz\u00e4hlt von der Unterschiedlichkeit der Erfahrungen von trans* Menschen. Ein Thema, das sie auch in der letzten Erz\u00e4hlung \u201eDer Maskentr\u00e4ger\u201c aufgreift.<\/p>\n<p>      Ambivalenz des Erz\u00e4hlers<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\" pos=\"8\">In \u201eInfiziert euch\u201c l\u00e4sst die Erz\u00e4hlerin ihre Freundin Lexi, ebenfalls trans*, mies im Stich. In einer rasanten erz\u00e4hlerischen Volte ergreift diese dann die Initiative, und auch die Erz\u00e4hlerin ist schlie\u00dflich Akteurin bei der ultimativen Rache an einer sich ihrer vermeintlichen \u201eNormalit\u00e4t\u201c so gewissen Welt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"9\">Mit \u201eNachgejagt\u201c wechselt Peters zur Teenie-Romanze. In einem Internat entspinnt sich die wechselvolle Beziehung zwischen dem 17-j\u00e4hrigen Ich-Erz\u00e4hler und seinem \u201em\u00e4dchenhaften\u201c Zimmergenossen Robbie.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"10\">F\u00fcr die Ambivalenz des Erz\u00e4hlers, seine Scham und Unsicherheit angesichts der eigenen Empfindungen, findet Peters einen ganz anderen Ton als in der vorigen Erz\u00e4hlung. Er ist in gewisser Weise zur\u00fcckgenommen, den Versuchen des Erz\u00e4hlers entsprechend, seinen Gef\u00fchlen f\u00fcr Robbie nicht viel Bedeutung beizumessen; souver\u00e4n zu bleiben in einem Umfeld, das von klaren Erwartungen an M\u00e4nnlichkeit gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>      Die Le\u00adse\u00adr*in\u00adnen verwirren<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"12\">Mit viel Feingef\u00fchl zeichnet Peters kleinste atmosph\u00e4rische Verschiebungen, entfaltet einen unerbittlichen Machtkampf zwischen den beiden. Sie entwirft einen subtilen Spannungsbogen, l\u00e4sst die Situation eskalieren, einen Moment der Klarheit aufscheinen \u2013 um ihn in einer vers\u00f6hnlichen und zugleich unerl\u00f6sten Abschlussszene wieder aufzuheben. Eine sch\u00f6ne erz\u00e4hlerische Bewegung.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"13\">Dieser folgt die Titelerz\u00e4hlung \u201eStag Dance\u201c, die nicht nur aufgrund ihrer L\u00e4nge aus dem Rahmen f\u00e4llt. Auch die gew\u00e4hlte Zeit und der Schauplatz sowie die damit einhergehende Sprache machen sie zum Zentrum des Buches.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"14\">Auf den nur sechs Seiten des ersten Kapitels dieser Erz\u00e4hlung gelingt es Peters, die wesentlichen Motive und erz\u00e4hlerischen Zutaten einzuf\u00fchren, die diese Geschichte \u00fcber 170 Seiten tragen werden, und die Le\u00adse\u00adr*in\u00adnen damit gleichzeitig zu verwirren und mitzunehmen.<\/p>\n<p>      Als Frau im Hort rauer M\u00e4nnlichkei<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"16\">Es ist da von Holzpiraten und Axtm\u00e4nnern die Rede, von einem omin\u00f6sen Herrentanz, bei dem braune Stoffdreiecke getragen werden k\u00f6nnen, die als \u201eM\u00f6sen-Imitat\u201c dienen. Und davon, wie den Ich-Erz\u00e4hler diese M\u00f6glichkeit sofort in den Bann zieht. Wir finden uns wieder in einer aus der Zeit gefallenen Szenerie aus dem sp\u00e4ten 19. Jahrhundert: ein Winterlager von Holzf\u00e4llern, die in den USA illegalen Holzhandel betreiben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"17\">Und genau hier, einem Hort rauer M\u00e4nnlichkeit, erw\u00e4chst im Erz\u00e4hler der Wunsch, sich wie eine Frau zu geben, als eine Frau gesehen zu werden. Aus diesem Kontrast ergibt sich eine wundersame, spannende und ber\u00fchrende Geschichte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"18\">\u201eBabe Bunyan\u201c nennen die anderen Holzf\u00e4ller im Lager den Erz\u00e4hler, \u201eein legend\u00e4rer Axtmann\u201c, riesig und stark wie ein Ochse. Ausgerechnet er will zum vom Anf\u00fchrer Daglish angek\u00fcndigten Herrentanz \u2013 ein Fest, das die Stimmung heben soll \u2013 eines der braunen Stoffdreiecke tragen, um an diesem Abend als Frau zu erscheinen: \u201eDie Wahrheit war, ich wollte es haben. Um ehrlich zu sein, wollte ich den Busch tragen, seit ich ihn beim Fr\u00fchst\u00fcck zwischen Daglishs Beinen baumeln sah\u201c, offenbart er.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"19\">Doch das Gef\u00fchl der Scham ist von Beginn an da, und so \u00fcberlegt er, \u201ewie ich es als Scherz aussehen lassen konnte und zugleich das Gegenteil von einem Scherz, weil ich mir unwillentlich schon oft Gedanken dar\u00fcber gemacht hatte, wie es w\u00e4re, wenn mir jemand den Hof machen w\u00fcrde wie einer Frau.\u201c<\/p>\n<p>      Moment von Verfremdung<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-24\" pos=\"21\">Wie dieser Holzf\u00e4ller, dessen K\u00f6rperlichkeit ihm die ersehnte feminine Erscheinung verstellt, auf seinen Empfindungen beharrt; zugleich dar\u00fcber zutiefst verunsichert ist, immer wieder von Scham \u00fcberw\u00e4ltigt wird. Wie er versucht, sich gegen\u00fcber der Derbheit der M\u00e4nner zu behaupten: Inmitten von deren tumber Geilheit, Saufgelagen und harter Arbeit m\u00f6chte er die \u201eThusnelda\u201c sein.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-25\" pos=\"22\">Diese erz\u00e4hlerische Konstellation, die darin liegenden Kontraste f\u00fchren zu einem literarisch reiz- und wirkungsvollen Effekt, einem Moment von Verfremdung. Es ist eine Irritation, die aber die geschilderten Empfindungen f\u00fcr die Lesenden deutlicher hervortreten, sie intensiver wirken l\u00e4sst. \u201eBabe Bunyan\u201c tastet nach einer Sprache f\u00fcr sei\u00adn*ihr Begehren. Peters findet eine, die zu jener Zeit und jenem Ort passt, sich bewegend zwischen einer gewissen Altert\u00fcmlichkeit und verbl\u00fcffender Unmittelbarkeit. Mit Einfallsreichtum meistert Frank Sievers auch hier die \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-26\" pos=\"23\">Eingewoben in einen Spannungsbogen von Rivalit\u00e4t, Ann\u00e4herung, Eifersucht und Verrat erscheint Peters\u2019 Figur als ein Mensch seiner Zeit, und doch spiegeln sich in ihr viele gegenw\u00e4rtige Gef\u00fchle, Fragen, Zweifel, \u00c4ngste, die trans*\u00ad Per\u00adso\u00adnen und auch andere queere Menschen heute bewegen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-28\" pos=\"24\">Peters sagte in einem Interview, wie ungewohnt es gewesen sei, in dieser ganz anderen, unzeitgem\u00e4\u00dfen Sprache \u00fcber dieses Thema zu schreiben, als wie befreiend und eigent\u00fcmlich poetisch sie es dann aber empfunden habe. Sie hoffe, so die Verh\u00e4rtungen im aktuellen politischen Sprechen aufl\u00f6sen zu k\u00f6nnen; ihr Anliegen sei es, Le\u00adse\u00adr*in\u00adnen \u00fcber die emotionale Identifikationsm\u00f6glichkeit mit ihren Figuren zu erreichen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-29\" pos=\"25\">In Zeiten, in denen unter Trump die Rechte von trans*\u00ad Per\u00adso\u00adnen in den USA massiv beschnitten werden, <a href=\"https:\/\/taz.de\/Debuetroman-von-Jayrme-C-Robinet\/!6049682\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">auch hierzulande die Gewalt gegen sie zunimmt,<\/a> ist allein das Erscheinen eines solchen Buchs auch ein politisches Zeichen. Ob es auch jene lesen, von denen Peters meint, sie seien in einem argumentativen Austausch nicht zu erreichen? In jedem Fall ist mit ihr eine ebenso einf\u00fchlsame wie in verschiedenen Stilen versierte, tolle Schriftstellerin zu entdecken. Mit \u201eBabe Bunyan\u201c hat sie eine tief ber\u00fchrende Figur geschaffen, die in Erinnerung bleibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Was mag das sein, ein \u201eRoman in vier Bildern\u201c? 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