{"id":444012,"date":"2025-09-23T05:11:10","date_gmt":"2025-09-23T05:11:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/444012\/"},"modified":"2025-09-23T05:11:10","modified_gmt":"2025-09-23T05:11:10","slug":"bielefeld-bremen-unterschaetzte-gluecksspielsucht-zocken-bis-in-den-ruin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/444012\/","title":{"rendered":"Bielefeld\/Bremen | Untersch\u00e4tzte Gl\u00fccksspielsucht &#8211; Zocken bis in den Ruin"},"content":{"rendered":"<p>Bielefeld\/Bremen (dpa) &#8211; Sie zocken bis zum letzten Cent und rei\u00dfen oft auch ihre Familien mit in den Abgrund. Fast f\u00fcnf Millionen Menschen in Deutschland sind nach Sch\u00e4tzungen s\u00fcchtig nach Gl\u00fccksspielen oder spielen in riskanter Weise. Auch f\u00fcr ihre Partner kann das drastisch werden, und viele Kinder leiden mit. Fatal auch: Gl\u00fccksspielsucht bleibt lange unbemerkt.<\/p>\n<p>\u00abGl\u00fccksspielst\u00f6rung ist eine der h\u00e4ufigsten Abh\u00e4ngigkeitserkrankungen in Deutschland \u2013 mit gravierenden Folgen f\u00fcr Gesundheit, Beziehungen und die finanzielle Existenz\u00bb, schildert der Suchtbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck. Er geht von rund 1,3 Millionen betroffenen Erwachsenen aus und Hunderttausenden Kindern, die mit einem spiels\u00fcchtigen Elternteil aufwachsen.<\/p>\n<p>Illegales und vor allem digitales Gl\u00fccksspiel w\u00fcrden die Lage versch\u00e4rfen, sagt Streeck der dpa. \u00abGl\u00fccksspiel ist keine harmlose Freizeitbesch\u00e4ftigung. Wir brauchen konsequenten Jugend- und Spielerschutz, wirksame Pr\u00e4vention und bessere Daten, um Betroffene und ihre Familien wirksam zu sch\u00fctzen.\u00bb<\/p>\n<p>Betroffene: \u00abJeder Spieler ist auch ein perfekter Schauspieler\u00bb<\/p>\n<p>Bei Nicole Dreifeld war es der Spielautomat. \u00abAm Anfang wurden aus vier Euro 45 Euro. Dann war es wie ein Rausch. Man versucht es wieder und wieder, hat tausend Gedanken, was man sich alles kaufen k\u00f6nnte.\u00bb Sie habe in vier Jahren rund 60.000 Euro verzockt, erz\u00e4hlt Dreifeld, die heute Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Selbsthilfe Gl\u00fccksspielsucht (\u00abGl\u00fccksspielfrei\u00bb) ist.<\/p>\n<p>Als das exzessive Spielen begann, war ihr Sohn sechs Jahre alt. Oft lie\u00df die alleinerziehende Mutter ihn stundenlang allein, um in die Spielhalle zu gehen. \u00abR\u00fcckblickend war ich eine Rabenmutter, aber in der Sucht findet man immer eine Ausrede, warum man sich die Spielzeit g\u00f6nnt.\u00bb Alle R\u00fccklagen und ihr Gehalt gingen drauf, Kredite t\u00fcrmten sich auf 30.000 Euro auf.<\/p>\n<p>\u00abJeder Spieler ist auch ein perfekter Schauspieler.\u00bb So bleibe diese Suchtform oft im Verborgenen, was fatal auch f\u00fcr die Kinder sein k\u00f6nne, die ebenfalls Hilfe br\u00e4uchten. Mit Mitstreitern gr\u00fcndete Dreifeld Ende 2021 den Bundesverband.<\/p>\n<p>Kinder werden vernachl\u00e4ssigt\u00a0<\/p>\n<p>\u00abSpiels\u00fcchtige Eltern sind in ihren Problemen so gefangen, dass sie sich nicht ausreichend um ihre Kinder k\u00fcmmern k\u00f6nnen\u00bb, beschreibt Verena K\u00fcpperbusch, Leiterin der NRW-Landesfachstelle Gl\u00fccksspielsucht in Bielefeld. \u00abPsychische Verwahrlosung ist ein gro\u00dfes Problem.\u00bb Sch\u00e4tzungen gehen von etwa 600.000 Kindern und Jugendlichen mit mindestens einem spiels\u00fcchtigen Elternteil aus.<\/p>\n<p>\u00abEs kann zu Angstst\u00f6rungen kommen, zu Depressionen, Problemen in der Schule, Leistungsabfall\u00bb, wei\u00df K\u00fcpperbusch. \u00abKinder \u00fcbernehmen es von ihren Eltern, sich zu verstecken, zu leugnen. Die Spielsucht ist das beherrschende Thema zu Hause, aber drau\u00dfen darf niemand davon wissen. Das ist ein enormer Druck f\u00fcr die Kinder.\u00bb Sie leiden oft still, sind f\u00fcr Hilfen schwer erreichbar.<\/p>\n<p>Gl\u00fccksspielprobleme erh\u00f6hen auch das Risiko f\u00fcr h\u00e4usliche Gewalt, erl\u00e4utert K\u00fcpperbusch. Die finanzielle Not mache sich f\u00fcr die Kinder bemerkbar &#8211; wenn etwa eine Klassenfahrt nicht mehr drin ist. Bis Betroffene Hilfe holten, dauere es oft ein bis f\u00fcnf Jahre, mit starken Belastungen auch f\u00fcr den Nachwuchs. Werbung f\u00fcr Gl\u00fccksspiele solle eingeschr\u00e4nkt werden, mahnt K\u00fcpperbusch zum Aktionstag gegen Gl\u00fccksspielsucht an diesem Mittwoch (24. September).<\/p>\n<p>Gl\u00fccksspielmarkt und Steuereinnahmen wachsen<\/p>\n<p>Bundesweit gelten nach den aktuellsten Daten (2023) fast 1,4 Millionen Menschen zwischen 18 und 70 Jahren als gl\u00fccksspiels\u00fcchtig und weitere 3,5 Millionen Betroffenen zeigen ein riskantes Verhalten, wie Psychologe Tobias Hayer von der Uni Bremen berichtet.<\/p>\n<p>Der Markt wachse. Die Ums\u00e4tze auf dem legalen Gl\u00fccksspielmarkt lagen zuletzt mit 63,5 Milliarden Euro auf einem Rekordhoch &#8211; daraus resultierten staatliche Steuereinnahmen von 6,6 Milliarden Euro. Die Summe sei mehr als doppelt so hoch wie die Ertr\u00e4ge aus alkoholbezogenen Steuern, sagt der Gl\u00fccksspielforscher.<\/p>\n<p>\u00abGl\u00fccksspielsucht kann jeden treffen\u00bb, stellt Hayer klar. M\u00e4nner sind h\u00e4ufiger spiels\u00fcchtig als Frauen. Als st\u00e4rker gef\u00e4hrdet gelten Jugendliche und junge Erwachsene, Personen mit niedrigem Einkommen, geringer Bildung, Menschen mit Migrationserfahrung. Und: Kinder aus spiels\u00fcchtigen Familien haben ein drei- bis f\u00fcnffach erh\u00f6htes Risiko, selbst sp\u00e4ter einmal exzessiv zu \u00abzocken\u00bb. Das Problem sei untersch\u00e4tzt, es brauche breite Aufkl\u00e4rung, mehr Mittel f\u00fcr Forschung, Pr\u00e4vention und das Versorgungssystem.<\/p>\n<p>Online-Gl\u00fccksspiele gelten als besonders gef\u00e4hrlich<\/p>\n<p>\u00abGl\u00fccksspiele haben unterschiedlich hohes Suchtpotenzial\u00bb, unterstreicht der Psychologe. Gro\u00dfe Gefahr bestehe, wenn ein Angebot stark verf\u00fcgbar und zugleich die Spielgeschwindigkeit hoch ist. Vor allem Online-Gl\u00fccksspiele seien hochriskant: Denn Zocken via Handy ist jederzeit und von \u00fcberall aus st\u00e4ndig m\u00f6glich, der Zahlungsverkehr bargeldlos, Hemmschwellen sinken, das anonyme Spielen verl\u00e4uft ohne jegliche soziale Kontrolle.<\/p>\n<p>Das kennt Familienvater Martin aus Unna: Er war lange dem Online-Kasino verfallen, hat massive Schulden angeh\u00e4uft. \u00abIch konnte das vor meiner Frau und meinem Sohn gut vertuschen, weil ich mit immer neuen Krediten die alten Kredite abgel\u00f6st habe\u00bb, erz\u00e4hlt der 45-J\u00e4hrige. Post vom Gerichtsvollzieher habe er l\u00e4nger abfangen k\u00f6nnen. \u00abIch habe uns komplett ruiniert, exzessiv Vertrauen missbraucht und meine Familie mit runtergezogen.\u00bb<\/p>\n<p>Mithilfe einer ambulanten Therapie habe er sich aus dem Online-Zocker-Sumpf befreit, schildert Martin. Allerdings: \u00abSpielsucht ist therapierbar, aber nicht heilbar. Ich bin ein trockener Spieler.\u00bb \u00c4hnlich sagt Nicole Dreifeld: \u00abMan ist immer nur eine Arml\u00e4nge vom R\u00fcckfall entfernt. Das Suchthirn schl\u00e4ft nie.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bielefeld\/Bremen (dpa) &#8211; Sie zocken bis zum letzten Cent und rei\u00dfen oft auch ihre Familien mit in den&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":444013,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1824],"tags":[2420,3364,29,30,1724,86097,1209,437,115025],"class_list":{"0":"post-444012","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-bremen","8":"tag-bremen","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-germany","12":"tag-gesellschaft","13":"tag-gluecksspiele","14":"tag-nordrhein-westfalen","15":"tag-sucht","16":"tag-zum-24-september"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115251896983535401","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/444012","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=444012"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/444012\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/444013"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=444012"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=444012"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=444012"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}