{"id":444192,"date":"2025-09-23T06:55:12","date_gmt":"2025-09-23T06:55:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/444192\/"},"modified":"2025-09-23T06:55:12","modified_gmt":"2025-09-23T06:55:12","slug":"starkoch-tim-raue-chaos-kritik-currywurst-haelt-das-fernsehturm-restaurant-was-es-verspricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/444192\/","title":{"rendered":"Starkoch Tim Raue: Chaos, Kritik, Currywurst &#8211; H\u00e4lt das Fernsehturm-Restaurant, was es verspricht?"},"content":{"rendered":"<p>Orientierungsloses Personal, lange Wartezeiten, viel zu kleine Portionen: F\u00fcr sein neues Restaurant im Berliner Fernsehturm musste Starkoch Tim Raue viel Kritik einstecken. Wie schlimm ist das Essen dort wirklich?<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Gutes Essen und eine sch\u00f6ne Aussicht findet man selten an einem Ort, deshalb wurden hohe Erwartungen geweckt, als der Berliner Sternekoch Tim Raue im vergangenen Jahr ank\u00fcndigte, das Restaurant im Fernsehturm \u00fcbernehmen zu wollen, dem Wahrzeichen seiner Heimatstadt. Die Ern\u00fcchterung folgte am Tag der Er\u00f6ffnung Anfang Juni, als das Kassensystem versagte, allgemeines Chaos ausbrach und einige G\u00e4ste hungrig nach Hause gingen. Auch in den Wochen nach dem Start gab es viel zu meckern: orientierungsloses Personal, unanst\u00e4ndig lange Wartezeiten, nicht abger\u00e4umte Tische und noch dazu viel zu kleine Portionen. \u00a0<\/p>\n<p>Auch die Speisen im \u201eSphere\u201c, wie das ehemalige \u201eTelecaf\u00e9\u201c seit dem Rebranding durch Tim Raue hei\u00dft, entsprachen oft nicht den Vorstellungen der G\u00e4ste. Die Kommentare reichten von \u201ejeder Schnellimbiss richtet das Essen ansprechender an\u201c \u00fcber \u201ebestenfalls Kantinenniveau mit Touristenaufschlag\u201c und \u201eerschreckend schlicht\u201c bis zu \u201emach mal ein paar TV-Gigs weniger und k\u00fcmmere dich um dein Kerngesch\u00e4ft.\u201c Das Feedback war so verheerend, dass Raue, dessen Zwei-Sterne-Lokal in Berlin-Mitte seit Jahren zu den besten Restaurants der Welt gez\u00e4hlt wird, sich gezwungen sah, Krisenkommunikation zu betreiben und mehrere Erkl\u00e4rvideos auf Instagram zu ver\u00f6ffentlichen. In einem l\u00f6ffelt er eine Soljanka und gibt zu verstehen, dass es sich beim \u201eSphere\u201c nicht um ein Sternerestaurant handele: \u201eHier gibt es Omas K\u00fcche, wa?\u201c<\/p>\n<p>Im zweiten r\u00e4umt er ein, dass die ersten Wochen ein wenig holprig gewesen seien und gelobt Besserung \u201eEs geh\u00f6rt halt dazu, dass Menschen Fehler machen. Wir k\u00fcmmern uns jeden Tag darum, immer besser zu werden. [\u2026] Wir freuen uns, wenn ihr herkommt und offen seid f\u00fcr das, was wir euch auf die Teller legen.\u201c Nun muss man Raue und seinem Team zugutehalten, dass die G\u00e4ste an einem so exponierten Ort, dessen Hauptattraktion der Rundblick auf Berlin aus 207 Metern H\u00f6he darstellt, die unterschiedlichsten Erwartungen an die Verpflegung haben. Die einen wollen Sternek\u00fcche, die anderen Currywurst mit Pommes, wieder andere nur ein St\u00fcck Kuchen \u2013 auch aus logistischen Gr\u00fcnden konzentrierte sich das \u201eTelecaf\u00e9\u201c zu DDR-Zeiten auf Kaffee und S\u00fc\u00dfspeisen wie die Obsttorte \u201eBerliner Fr\u00fcchtchen\u201c oder die Holl\u00e4ndische Sahneschnitte. Dennoch ist ein so direktes Ansprechen von M\u00e4ngeln unter K\u00f6chen eher ungew\u00f6hnlich und wirft deshalb die Frage auf: Wie schlimm ist es im \u201eSphere\u201c wirklich?<\/p>\n<p>\u201eFast Track\u201c wie am Flughafen<\/p>\n<p>Die Suche nach einer Antwort auf diese Frage beginnt mit der Feststellung, dass sich die abschreckende Wirkung der zum Teil vernichtenden Rezensionen offenbar in Grenzen h\u00e4lt. Der sp\u00e4teste Slot, der am ersten Samstag im September noch verf\u00fcgbar ist, beginnt um 16.30 Uhr. Am Abend sind die 200 Pl\u00e4tze mehrfach belegt. Bei der Reservierung muss man Tickets f\u00fcr Zugang zum Fernsehturm erwerben, die pro Person derzeit verg\u00fcnstigte 28,50 Euro kosten (regul\u00e4r: 33.50 Euro) und nicht erstattet werden k\u00f6nnen. Beim Zutritt zu den Aufz\u00fcgen und beim Passieren der Sicherheitskontrolle werden die Restaurantg\u00e4ste bevorzugt behandelt. \u00a0Wie auf dem \u201eFast Track\u201c am Flughafen schreiten sie an der Schlange von Besuchern vorbei, die nur die Aussichtsplattform besichtigen wollen. \u00a0<\/p>\n<p>Das Reservierungssystem ist automatisiert, die Besucher erhalten am Empfang ein K\u00e4rtchen mit ihrer Tischnummer. In unserem Fall bedeutet das, dass wir nicht direkt am Fenster sitzen, obwohl noch Fensterpl\u00e4tze frei sind. Na gut. Der leichte Unmut dar\u00fcber, dass wir direkt an der Speiseausgabe platziert wurden, verfliegt auch schnell, denn schon bald sind wir mit unserem Zweiertisch an der Kuchenvitrine angekommen \u2013 weil sich das Restaurant ja dreht, und zwar so schnell, dass man sich erst mal daran gew\u00f6hnen muss. Innerhalb von einer Stunde macht es zwei Umdrehungen, was ein angenehm beschwingtes Kreuzfahrt-Feeling ausl\u00f6st.<\/p>\n<p>Auch aus der zweiten Reihe ist das 360-Grad-Panorama \u00fcberw\u00e4ltigend. Von hier oben sieht Berlin mit seinen Gro\u00dfsiedlungen \u00fcberraschend geordnet aus, die Hauptstra\u00dfen ziehen sich wie Blutbahnen vom Zentrum in die Vorst\u00e4dte. Weit im S\u00fcdosten glitzert die rund 60 Kilometer entfernte Cargolifter-Halle am Horizont, in der urspr\u00fcnglich Zeppeline gebaut werden sollten und die dann zum Freizeitpark \u201eTropical Islands\u201c umgewidmet wurde, dem ehemaligen Arbeitsplatz von Rolf Gerz, Raues K\u00fcchenchef im \u201eSphere\u201c. Das robuste Retro-Interieur des Stuttgarter B\u00fcros Dittel Architekten wirkt funktional und atmosph\u00e4risch zugleich, es schwelgt in Space-Age-Nostalgie und beschw\u00f6rt einen freudigen Fortschrittsglauben herauf, ohne dabei gestrig zu wirken.<\/p>\n<p>Das Speisenangebot basiert darauf, dass Raue sein typisches Spiel von S\u00fc\u00dfem, Scharfen und Sauren in abgemilderter Form auf einige Traditionsgerichte der Region anwendet, wie er es zuvor schon im \u201eSoupe Populaire\u201c und in der inzwischen geschlossenen \u201eVilla Kellermann\u201c in Potsdam getan hat, hier jedoch auf volkst\u00fcmlicherem Niveau. Der \u201eGarnelensalat Kadewe\u201c (16 Euro) entfaltet eine angenehme Sch\u00e4rfe, die Garnelen allerdings schmecken eher nach Asia-Imbiss als nach Feinschmeckeretage. Die Soljanka (11,50 Euro) dagegen ist zwar ein wenig zu eindeutig s\u00fc\u00df, aber auf eine ruppige Art lecker, wie man es sich von diesem Ort verspricht.<\/p>\n<p>Doch, davon wird man satt<\/p>\n<p>Auch an den Hauptspeisen gibt es wenig auszusetzen: Bei \u201eOma Gerdas Eisbein\u201c  (28 euro) handelt es sich um zwei gegrillte Spanferkelhaxen, die den Transport im Lastenaufzug aus der K\u00fcche am Fu\u00df des Fernsehturms gut \u00fcberstanden haben: Die Schwarte ist knusprig, das Fleisch saftig und zart. Der Broiler (29 Euro) wird mit Karottensalat serviert, ein veredeltes halbes Grillh\u00e4hnchen, das einen sp\u00fcrbaren Ticken saftiger und aromatischer ist als an der Stra\u00dfenecke in Kreuzberg. Die Paprikarahmso\u00dfe br\u00e4uchte es nicht, zumal sie der Soljanka verd\u00e4chtig \u00e4hnelt.<\/p>\n<p>Bei den Portionsgr\u00f6\u00dfen hat Raue offenbar nachjustiert. Die K\u00f6nigsberger Klopse waren anfangs wohl so klein, dass man sie mit Daumen und Zeigefinger wegschnipsen konnte. Inzwischen sehen die Speisen auf dem Teller \u00fcppiger aus als die Abbildungen auf der Speisekarte. Wenn irgendwo ein Spitzenkoch am Werk ist, lautet die erste Frage oft: Wird man davon satt? In diesem Fall lautet die Antwort: ja.<\/p>\n<p>\u00dcber den Service wurde seit der Er\u00f6ffnung besonders intensiv gemeckert. Dabei ist die Bedienung z\u00fcgig und aufmerksam,  mitunter nur ein bisschen zu jovial. Den zweiten scherzhaften Hinweis darauf, dass einer von uns beiden sein wei\u00dfes Hemd mit Paprikarahmso\u00dfe bekleckert hat, h\u00e4tte sich unser Kellner sparen k\u00f6nnen. Manchmal hat man den Eindruck, dass im \u201eSphere\u201c die Leichtigkeit und die L\u00e4ssigkeit eines italienischen oder \u00f6sterreichischen Kochs fehlen, den eigenen Ansatz \u00fcberzeugend auf ein massenkompatibles Niveau hochzuskalieren. Dennoch ist das Anliegen deutlich sp\u00fcrbar, den kulinarischen Kosmos Berlins erfahrbar zu machen \u2013 bis hin zum Bier, das nicht von einem Getr\u00e4nkemulti geliefert wird, sondern von der \u00f6rtlichen Craft-Beer-Brauerei BRLO stammt (0,3 l Happy Pils: 6,90 Euro). <\/p>\n<p>Es \u00e4u\u00dfert sich auch bei einem Nachtisch namens \u201eThe Not Spaghetti Spaghettieis\u201c (7,50 Euro), das die Geschmacksrichtungen des Eisklassikers in einer kleinen Pappbox komprimiert \u2013 eine Sonderedition der Eismanufaktur Florida aus Spandau, eigens f\u00fcr Tim Raue entwickelt. Am Ende bekommt man im \u201eSphere\u201c genau das, was ein Ausflugslokal dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung bieten kann \u2013 und einen Deckel von 165 Euro f\u00fcr zwei Personen, bei dem die spektakul\u00e4re Location nicht zu knapp eingepreist ist. Das unerm\u00fcdliche Drehen der Kuppel bewirkt, dass man bereits nach zwei Gl\u00e4sern Wein mit einem leichten Rausch im Aufzug wieder nach unten rast.<\/p>\n<p>Und der Kuchen? Vor allem das Aprikosent\u00f6rtchen in der Vitrine sah wirklich einladend aus. Aber daf\u00fcr war nach diesem fr\u00fchen Abendessen einfach kein Platz mehr.\u00a0<\/p>\n<p><b>Heiko Zwirner leitet das Stilressort von WELT AM SONNTAG und schreibt regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber seine Erlebnisse in der Gastronomie \u2013 vom Schnellimbiss bis zum Sternelokal. Das Essen im \u201eSphere\u201c war sein erster Besuch im Berliner Fernsehturm seit 25 Jahren. <\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Orientierungsloses Personal, lange Wartezeiten, viel zu kleine Portionen: F\u00fcr sein neues Restaurant im Berliner Fernsehturm musste Starkoch Tim&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":444193,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[296,29,6763,9111,30,115087,4925,10928],"class_list":{"0":"post-444192","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-berlin","9":"tag-deutschland","10":"tag-gastronomie","11":"tag-generation-z","12":"tag-germany","13":"tag-raue","14":"tag-sternekoch","15":"tag-tim"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115252306009100790","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/444192","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=444192"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/444192\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/444193"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=444192"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=444192"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=444192"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}