{"id":444486,"date":"2025-09-23T09:46:15","date_gmt":"2025-09-23T09:46:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/444486\/"},"modified":"2025-09-23T09:46:15","modified_gmt":"2025-09-23T09:46:15","slug":"unser-feind-ist-das-patriachat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/444486\/","title":{"rendered":"\u201eUnser Feind ist das Patriachat\u201d"},"content":{"rendered":"<p class=\"interview-interviewee-name\">Fallwickl<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Wir stecken unsere Energie nicht in ein vermeintliches Gegeneinander unter Frauen. Unser Feind ist das Patriarchat.<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Reisinger<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Und wir k\u00e4mpfen gegen das Patriarchat.<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Fallwickl<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Und nehmen wir bitte die Energie und die Kraft daf\u00fcr her und lassen die nicht irgendwo versickern. Aber ab heute geh\u00f6rt die B\u00fchne uns, wir pr\u00e4sentierten unser Buch im Wiener Schauspielhaus, und ich hoffe, dass alle merken: Wir hatten einfach richtig Spa\u00df am Schreiben. Wir wollten einfach mit lustigen Geschichten zum Umdenken und zum Nachdenken anregen. Entstanden ist die Idee bei einem feministischen Brunch.<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Reisinger<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Zu dem hat mich Mareike nach einer Lesung eingeladen. Ich war anfangs komplett starstruckt. Es war ein bisschen wie nach einem ersten Date: Ich hoffte, dass sie sich melden wird und den ersten Schritt macht.<\/p>\n<p class=\"interview-question-text\">Wie funktioniert ein feministischer Brunch?<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Fallwickl<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Ich wollte einfach ein bisschen was zum Netzwerken etablieren. Ich war in so vielen St\u00e4dten, wo mir andere Frauen von ihrem Buchclub oder Hexenzirkel erz\u00e4hlt haben. Und ich hab mir gedacht: Das will ich in Salzburg auch. Eva und ich sind bei dem Brunch nebeneinandergesessen, und eine Freundin von mir hat zu diesem Zeitpunkt eine Kiefer-OP gehabt und sich sechs Wochen lang nur fl\u00fcssig ern\u00e4hren d\u00fcrfen.<\/p>\n<p class=\"interview-question-text\">Jetzt kommt der fl\u00fcssige Leberk\u00e4se ins Spiel!<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Fallwickl<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Genau. Das Personal hat ihr im Krankenhaus einen Leberk\u00e4se p\u00fcriert und auf den Teller gespritzt. Wir haben dr\u00fcber geredet, dass das ja eigentlich schon ein solcher Akt der F\u00fcrsorge ist. Gleichzeitig aber auch grauslich irgendwie. Und dann haben wir uns gedacht: Da stecken richtig Geschichten drin.<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Reisinger<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Ja, weil da ja diese Grauslichkeit und trotzdem diese Liebe war. Und wir wollen auch diesen Provokationsmoment, dass man sich bei unseren Frauenfiguren denkt: D\u00fcrfen die das? Und dann kommt der Punkt, in dem man sich selbst bei der Feststellung ertappt: Boah, das ist ja schon arg, dass die das jetzt macht.<\/p>\n<p class=\"interview-question-text\">Wie zum Beispiel sich hochschwanger ein Online-Date zum Sex zu checken, weil der Kindsvater sich verweigert. Oder die Antileihmutter, die polnischen Frauen als Strohfrau bei Abtreibungen dient.<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Reisinger<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Ja, der stramme Max, eine Figur, erschaffen von Mareike, der der Lust der Schwangeren dient, ist eine meiner Lieblingsfiguren. Den lese ich so gerne auf der B\u00fchne.<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Fallwickl<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Eine Leserin hat uns geschrieben, dass sie ihren Partner gen\u00f6tigt hat, das Theaterst\u00fcck \u00fcber ein Dinner-Date eines Paares (ein Text in \u201ePen!smuseum\u201c, Anm.) mit verteilten Rollen zu spielen, weil ihr das so gefallen hat. Das ist doch herrlich. Wenn du es schaffst, dass Leute wegen deiner Texte sagen: Hey, komm, lass uns das ausagieren.<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Reisinger<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Wir werden immer f\u00fcr einen Feminismus stehen, der alle Menschen miteinbezieht und niemanden ausschlie\u00dft.<\/p>\n<p class=\"interview-question-text\">Hatten Sie eigentlich feministische M\u00fctter?<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Fallwickl<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">\u00dcberhaupt nicht. Nicht mal ansatzweise.<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Reisinger<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Ich habe eine sehr feministische Mutter, aber das System ist ja trotzdem das Patriarchat. Ich bin aufgewachsen mit Lehrern, die regelm\u00e4\u00dfig unser Aussehen kommentiert haben. Wo nach den Klischees gelebt wurde, dass die Frauen ein bisschen zeichnen und basteln sollen und die M\u00e4nner besser rechnen und sich handwerklich bet\u00e4tigen.<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Fallwickl<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Ich bin aus einem kleinen Bergdorf. Da sind die V\u00e4ter jeden Tag in die Stadt gefahren, um Karriere und Erfolg einzuheimsen, und die M\u00fctter haben um zw\u00f6lf Uhr p\u00fcnktlich das Schnitzel auf den Tisch gestellt. Das hat ja auch niemand hinterfragt.<\/p>\n<p class=\"interview-question-text\">Und haben Sie sich als junge M\u00e4dchen gedacht: Nichts wie raus hier, das darf nicht mein Leben sein?<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Fallwickl<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Nein, das war ja voll das Paradies, warum? Also wir waren nur drau\u00dfen, wir Kinder, umgeben von Wald, Wiese, Bach. Kommt\u2019s heim, wenn es finster ist, hie\u00df es. Das war gro\u00dfartig.<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Reisinger<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Das war bei mir auch so. Diese Freiheiten gerade im Sommer, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Wenn es finster war, haben wir gewusst: Okay, jetzt sollten wir dann vielleicht mal wieder heimgehen.<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Fallwickl<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Ich w\u00fcrde gerne noch einmal darauf zur\u00fcckkommen, dass jede Form von Widerstand gegen das Patriarchat so viele Ressourcen kostet. Es ist unglaublich schmerzhaft, da hinzuschauen. Das wissen wir alle. Sich als Frau damit auseinanderzusetzen und zu erkennen: So geht es mir in dieser Welt, so werde ich behandelt, weil ich eine Frau bin, tut unfassbar weh. Ich kann jede Frau verstehen, die sich diesem Schmerz nicht aussetzen will. Und einfach wegschaut, weil sie sich denkt: Hey, mir geht es doch gut. Ich habe es in diesen vollen R\u00e4umen, vor allem bei Lesungen von \u201eDie Wut, die bleibt\u201c, richtig gesp\u00fcrt, welche Welle da zur\u00fcckgekommen ist und wie viel Schmerz in diesen R\u00e4umen war. So viele tr\u00e4nen\u00fcberstr\u00f6mte Frauen, verbunden durch dieses kollektive Wissen: Ich bin nicht allein damit.<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Reisinger<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Das Bittere ist auch: Wenn man einmal anf\u00e4ngt, sich mit den Ungerechtigkeiten zu konfrontieren, gibt es kein Zur\u00fcck mehr. Da kommen immer mehr dazu. Du kannst es nie wieder schaffen, durch die Welt zu gehen und dir zu sagen: Ja, passt eh alles.<\/p>\n<p class=\"interview-question-text\">Jetzt ist es aber doch so, dass Sie beide wirklich sehr erfolgreich sind mit dem, was Sie machen, und eigentlich die gl\u00e4serne Decke durchbrochen haben. Sie werden in angesehenen Verlagen publiziert, bekommen enthusiastische Kritiken, touren mit Ihren Texten. Frau Fallwickl, Sie bekamen mit \u201eElisabeth!\u201c einen Burg-St\u00fcckauftrag .<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Reisinger<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Ich wei\u00df, dass ich extrem privilegiert bin. Darum sehe ich es als meine Verantwortung, \u00fcber die Themen zu reden, die mir wichtig sind. Weil viele, viele Frauen da drau\u00dfen niemanden haben, der es f\u00fcr sie ausspricht. Es wird ihnen einfach nicht zugeh\u00f6rt.<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Fallwickl<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Ich werde oft gefragt: Warum gehst du \u00fcberhaupt auf die B\u00fchne und k\u00e4mpfst so sehr f\u00fcr diese Dinge, wenn du doch selber davon gar nicht so betroffen bist? Dann sage ich: Genau deswegen. Weil ich die Kraft und das Privileg habe. Diese Privilegien geben mir \u00fcberhaupt die M\u00f6glichkeit, auf B\u00fchnen zu gehen. Also zum Beispiel bei meinem Roman \u201eUnd alle so still\u201c, in dem es um Pflege geht und Care-Arbeit f\u00fcr Personen mit Behinderung, denke ich mir: Wenn dieses Spotlight auf mich f\u00e4llt, will ich es unbedingt nutzen und f\u00fcr die sprechen, denen sonst einfach nicht zugeh\u00f6rt wird.<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Reisinger<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">F\u00fcr mich ist es genauso. Ich selbst bin nicht von h\u00e4uslicher Gewalt betroffen, aber f\u00fcr mich war es trotzdem wichtig, dass mein Roman \u201eM\u00e4nner t\u00f6ten\u201c sich um das Thema Femizide dreht. Bei Lesungen war es ganz oft so, dass Frauen mir danach von ihren Erfahrungen oder jenen ihrer Freundinnen, Schwestern, Verwandten erz\u00e4hlt haben.<\/p>\n<p class=\"interview-question-text\">Wie geht man damit um?<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Reisinger<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Ich sitze dann da und kann nur sagen: Danke, dass du das mit mir teilst. Ich sehe deinen Schmerz, aber ich bin daf\u00fcr nicht ausgebildet . Ich bin keine Sozialarbeiterin, keine Therapeutin. Ich kann euch nur raten: Holt euch Hilfe. Schlie\u00dft euch zusammen.<\/p>\n<p class=\"interview-interviewee-name\">Fallwickl<\/p>\n<p class=\"interview-answer-text\">Ich werde oft gefragt: Warum schreibst du politische Literatur? Du machst es dir selber und den Lesenden doch nur schwer damit. Aber es stimmt nicht, dass die Menschen daf\u00fcr keine Kapazit\u00e4ten haben. Sie sind durchaus in der Lage, gesellschaftskritisch zu denken. Die R\u00e4ume, in denen wir auftreten, sind voll. Ich finde es auch abwertend, so \u00fcber Lesende zu sprechen. Das sind m\u00fcndige B\u00fcrger:innen, die genau wissen, dass wir Ver\u00e4nderung brauchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Fallwickl Wir stecken unsere Energie nicht in ein vermeintliches Gegeneinander unter Frauen. Unser Feind ist das Patriarchat. 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