{"id":444636,"date":"2025-09-23T11:15:13","date_gmt":"2025-09-23T11:15:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/444636\/"},"modified":"2025-09-23T11:15:13","modified_gmt":"2025-09-23T11:15:13","slug":"der-absurde-meinungskrieg-um-die-taylor-swift-der-deutschen-literatur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/444636\/","title":{"rendered":"Der absurde Meinungskrieg um die Taylor Swift der deutschen Literatur"},"content":{"rendered":"<p>Es mag jetzt kontraproduktiv sein, als Beispiel Goethes \u201eDie Leiden des jungen Werthers\u201c anzuf\u00fchren, aber tats\u00e4chlich provozierte der Freitod des liebeskranken Protagonisten nach der Publikation eine Welle von Nachahmern. Hat jedoch irgendjemand Bret Easton Ellis daf\u00fcr geteert und gefedert, als er Anfang der 1990er-Jahre mit \u201eAmerican Psycho\u201c einen markenaffinen Yuppie-Serienkiller portr\u00e4tierte? Oder nur ansatzweise die Vermutung ge\u00e4u\u00dfert, dass der damalige Superstar der Popliteratur keinerlei Berechtigung habe, einen solchen Blutrausch in einem inneren Monolog zu beschreiben, da er ja selbst nie gemordet habe? Wahrscheinlich w\u00fcrde sogar Truman Capote heute mit \u201eBreakfast at Tiffany\u2019s\u201c unter das Cancel-Beil fallen, da er sich mit der Figur der Holly Golightly diese identit\u00e4tspolitisch voll angeeignet hat. Genug davon, denn prinzipiell muss Literatur nat\u00fcrlich alles d\u00fcrfen. Vor allem muss sie uns in Gegenwelten und in die K\u00f6pfe ihrer Protagonistinnen und Protagonisten f\u00fchren.<\/p>\n<p>Jetzt k\u00f6nnte man kalmierend einwerfen, dass es doch als ein durchaus beruhigendes Signal zu werten ist, wenn ein Buch wie \u201eDie Assistentin\u201c im Bedeutungsfitnesscenter der sozialen Medien, vor allem auf Instagram und BookTok, solche Wellen und Polarisierungsdebatten hochschlagen l\u00e4sst. Schluss also mit dem Lamento, dass das Lekt\u00fcrebed\u00fcrfnis der GenZler und Millennials vor allem auf die Scrolling-Promenaden ihrer Smartphones beschr\u00e4nkt sei. Es wird wieder gelesen, dass die E-Reader gl\u00fchen, das analog-schrullige Konzept des Buchclubs oder Lesezirkels, wie esliteraturambitionierte Damen bei Lik\u00f6rchen und Keksen im Pr\u00e4-Internet-Zeitalter gepflogen haben, wird auf das 2.0-Level transformiert und zum massentauglichen Popkultur-Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>Allerdings mit sehr viel Schaum vor dem Mund. Was auch damit zu tun hat, dass Caroline Wahl sich nicht wie Sally Rooney benimmt, jene international megaerfolgreiche irische Schriftstellerin, deren Spezialgebiet der Weltschmerz der GenZ ist. Rooney lebt zur\u00fcckgezogen, ohne Accounts auf sozialen Medien in gedeckten Farben in einer irischen Kleinstadt. Caroline Wahl bleibt zwar in Kiel, aber sie tr\u00e4gt Bling-Bling-Klamotten, Prada-Sonnenbrillen und feiert ihren erschriebenen Reichtum (der Vorschuss soll eine knappe Million Euro betragen haben) mit fetten Autos und keinerlei Schamgef\u00fchl, ihre Lust am Konsum zu verbergen. Tats\u00e4chlich benimmt sie sich eigentlich, wie Popstars das seit Jahrzehnten tun: Sie steht auf Glamour, bespielt die \u00d6ffentlichkeit (Instagram: 58.500 Follower) so wirksam wie sonst nur ihre Autorinnen-Kollegin Sophie Passmann und h\u00e4lt mit ihrer Selbst-sicherheit auch nicht hinterm Berg: \u201eWenn ich eine Sache wei\u00df, dann, dass ich gut erz\u00e4hlen kann.\u201c Und: \u201eFalsche Bescheidenheit vorzut\u00e4uschen, da hab ich keinen Bock drauf.\u201c Sie verlieh ihrer Wuttrauer Ausdruck, nicht f\u00fcr den Deutschen Buchpreis nominiert worden zu sein. Manchmal ruft sie nur: \u201eWhat the fuck!\u201c, weil es tats\u00e4chlich die H\u00e4rte sein muss, mit diesem Meinungs-Overkill umgehen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dass es wieder keine Nominierung gab, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass im deutschsprachigen Feuilleton, ganz anders als im angloamerikanischen Raum, noch immer der E- und U-Graben in der Literatur klafft: Die Initialen stehen f\u00fcr \u201eernsthafte\u201c und \u201eunterhaltsame\u201c Literatur. Und an ebendieser Schnittstelle befinden sich die B\u00fccher der Caroline Wahl. Was ihre Sch\u00f6pferin offensichtlich f\u00fcr das Feuilleton suspekt macht. Bleiben wir dann doch kurz beim Roman \u201eDie Assistin\u201c selbst, wo sich ja die wenigsten der selbst ernannten Moralapostel l\u00e4nger aufhalten.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>\u201eDie Assistentin\u201c ist ein wirklich unterhaltsames Buch, das so viel Vergn\u00fcgen wie eine gut gemachte Netflix-Serie bereitet. Der verbale Wahl-Flow tr\u00e4gt einen, die zahlreichen popkulturellen Anspielungen (zum Beispiel auf \u201eDer Teufel tr\u00e4gt Prada\u201c) sind h\u00f6chst vergn\u00fcglich, aber den Vorwurf, dass die Story etwas d\u00fcnn sei, denn irgendwann ist der narzisstische Chef mit all seinen toxischen Macken auserz\u00e4hlt, kann man doch nachvollziehen.<\/p>\n<p>Diese Bedenken scheinen auch seine Sch\u00f6pferin befallen zu haben, aber Wahl begegnet ihnen mit einem originellen Trick. Sie schreibt im Kapitel 12 auf Seite 110: \u201eWieso nicht einfach hier in die Schlusskurve einbiegen? Charlotte geht nach der ersten K\u00fcndigung zur\u00fcck nach K\u00f6ln. Sie hat ja gemerkt, dass das ein Schei\u00dfladen ist. Basta. Novellenl\u00e4nge erreicht. Aber Novellen verkaufen sich nicht gut und sind auch irgendwie schei\u00dfe.\u201c<\/p>\n<p>Caroline Wahl hat also Selbstironie und Humor. Was ihr m\u00f6glicherweise in der E-Fraktion wieder Minuspunkte eintr\u00e4gt. Sie schreibt \u00fcbrigens bereits an ihrem vierten Roman. Und postet auf ihrem Account, auf carowahl: \u201estillhalten, aushalten, zur\u00fcckhalten, sagen alle. das geh\u00f6rt zum erfolg dazu, die sind neidisch, ist halt so, blablabla&#8230; n\u00f6.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es mag jetzt kontraproduktiv sein, als Beispiel Goethes \u201eDie Leiden des jungen Werthers\u201c anzuf\u00fchren, aber tats\u00e4chlich provozierte der&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":444637,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-444636","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115253328258076058","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/444636","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=444636"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/444636\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/444637"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=444636"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=444636"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=444636"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}