{"id":444699,"date":"2025-09-23T11:51:12","date_gmt":"2025-09-23T11:51:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/444699\/"},"modified":"2025-09-23T11:51:12","modified_gmt":"2025-09-23T11:51:12","slug":"trumps-putin-politik-ist-eine-gefahr-fuer-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/444699\/","title":{"rendered":"Trumps Putin-Politik ist eine Gefahr f\u00fcr Europa"},"content":{"rendered":"<p>          <img decoding=\"async\" class=\"c-ad__placeholder__logo\" src=\"https:\/\/static.euronews.com\/website\/images\/logos\/logo-euronews-stacked-outlined-72x72-grey-9.svg\" width=\"72\" height=\"72\" alt=\"\" loading=\"lazy\"\/><br \/>\n          WERBUNG<\/p>\n<p>F\u00e4hrt US-Pr\u00e4sident Donald Trump eine &#8218;Appeasement&#8216;-Politik gegen\u00fcber Wladimir Putin? Der russische Pr\u00e4sident und Initiator des Angriffskrieges gegen die Ukraine &#8222;lache&#8220; doch nur \u00fcber Trumps Bem\u00fchungen, einen Frieden zu vermitteln, \u00e4u\u00dferte die Au\u00dfenbeauftragte der Europ\u00e4ischen Union, Kaja Kallas, unl\u00e4ngst im Euronews-Interview. &#8222;Putin verspottet all diese Initiativen Trumps&#8220;, so Kallas, &#8222;nach den Gespr\u00e4chen in Alaska hat Putin seine Angriffe noch intensiviert.&#8220;\u00a0<\/p>\n<p>Bereits im Februar, am Rande eines EU-Verteidigungsministertreffens, hatte Kallas der neuen F\u00fchrung in Washington vorgeworfen, im Ukraine-Konflikt einen &#8218;Appeasement&#8216;-Kurs zu steuern: &#8222;Warum geben wir (Russland) alles was es will, noch bevor die Verhandlungen begonnen haben&#8220;, kritisierte sie Donald Trumps Eingehen auf die W\u00fcnsche des Kreml. &#8222;Das ist &#8218;appeasement&#8216;, das hat noch nie funktioniert!&#8220;\u00a0<\/p>\n<p>&#8218;Appeasement&#8216;, das Wort taucht immer h\u00e4ufiger in den hitzigen Debatten auf. Und es wird so gut wie ausnahmslos in abwertender Absicht gebraucht. Doch was genau ist damit gemeint? Rufen wir mal in Manchester an. An der dortigen Universit\u00e4t lehrt <a href=\"https:\/\/personalpages.manchester.ac.uk\/advanced.php?dn=cn%3DChristian+Goeschel%2Bumanroleid%3D353545%2Cou%3DHistory%2Cou%3DSchool+of+Arts%5C%2C+Languages+and+Cultures%2Cou%3DFaculty+of+Humanities%2Cou%3DPeople%2Co%3DUniversity+of+Manchester%2Cc%3DGB&amp;employeeType=STAFF&amp;action=read&amp;form_input=Submit\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Christian Goeschel <\/a>&#8218;Neuere Europ\u00e4ische Geschichte&#8216;. Der Professor, Jahrgang 1978, gilt als einer der aktuell profiliertesten &#8218;Appeasement&#8216;-Forscher der j\u00fcngeren Historikerzunft.<\/p>\n<p>Als das Telefon in Manchester klingelt, k\u00e4mpft Goeschel gerade mit Computerproblemen &#8211; und freut sich \u00fcber die Unterbrechung. Er redet gerne \u00fcber sein derzeitiges Spezialforschungsgebiet. Zusammen mit seinem Kollegen Daniel Hedinger (Berlin, Kyoto, Leipzig, M\u00fcnchen) bereitet er gerade ein neues Buch vor, <a href=\"https:\/\/www.chbeck.de\/goeschel-hedinger-muenchen-38\/product\/37979255\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">&#8222;M\u00fcnchen &#8217;38 &#8211; Die Welt am Scheideweg&#8220;<\/a>, das Anfang des kommenden Jahres im C.H. Beck Verlag erscheinen wird.<\/p>\n<p>&#8222;Seit 1938, als der britischer Premierminister Neville Chamberlain und sein franz\u00f6sischer Kollege Edouard Daladier Nazideutschland \u00fcber den Kopf der Tschechoslowakei hinweg Konzessionen gemacht haben, hat das Wort &#8218;appeasement&#8216; im allgemeinen Sprachgebrauch und in der politischen Debatte einen schalen Beigeschmack bekommen&#8220;, meint Goeschel. &#8222;Wir m\u00fcssen uns bewusst werden, was Appeasementpolitik genau auf Deutsch bedeutet, n\u00e4mlich Beschwichtigungspolitik&#8220;, so der Historiker. &#8222;Es ist der Versuch, durch weitgehende Zugest\u00e4ndnisse kriegerische Auseinandersetzungen und Kriege zu vermeiden.&#8220;<\/p>\n<p>Bei der M\u00fcnchner Konferenz 1938 waren Chamberlain und Daladier vor den Drohungen Adolf Hitlers eingeknickt. Gro\u00dfbritannien und Frankreich lie\u00dfen die Tschechoslowakei im Stich. Im M\u00fcnchner Abkommen wurde festgelegt, dass die Tschechoslowakei das Sudetenland an Deutschland abtreten und das Gebiet innerhalb von zehn Tagen r\u00e4umen m\u00fcsse. Chamberlain und Daladier waren den leeren Versprechungen des deutschen Diktators auf den Leim gegangen, statt Frieden zu halten entfesselte Hitler nur wenige Monate sp\u00e4ter den Zweiten Weltkrieg.<\/p>\n<p>Kann man M\u00fcnchen 1938, also die Abtretung des Sudetenlandes an Nazideutschland, tats\u00e4chlich mit 2025 und der Forderung Putins nach Abtretung gro\u00dfer Teile der Ostukraine vergleichen? Anders gefragt: Sind historische Analogien sinnvoll? Auf alle F\u00e4lle, glaubt Goeschel und betont im gleichen Atemzug, dass ein Vergleich keine Gleichsetzung sei. Das ist ihm wichtig, denn &#8222;Geschichte wiederholt sich nicht Eins zu Eins.&#8220; Aber auch wenn man aus der Geschichte keine direkten Handlungsanleitungen f\u00fcr tagesaktuelle Entscheidungen ableiten k\u00f6nne, &#8222;so k\u00f6nnen wir doch versuchen, aus der Geschichte zu erfahren, welche Fehler zu vermeiden sind.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Es ist ja nicht so, dass Putin genauso wie Hitler ist, darum geht es nicht. Es geht darum, wie liberale Demokratien, wie der Westen vorgehen soll, um grundlegende Werte, also Freiheit, demokratische Gewaltenteilung und das Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker zu bewahren&#8220;, betont <a href=\"https:\/\/research.manchester.ac.uk\/en\/persons\/christian.goeschel\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Goeschel<\/a>. Oder anders formuliert: &#8222;Wie geht der Westen mit expansionistischen Diktatoren um?&#8220;<\/p>\n<p>Seit der Wiederwahl Donald Trumps zum US-Pr\u00e4sidenten ins Wei\u00dfe Haus habe sich die Lage &#8222;verkompliziert&#8220;, analysiert Historiker Goeschel mit diplomatischem Fingerspitzengef\u00fchl, &#8222;weil Trump gegen\u00fcber Putin kein sehr robustes Auftreten an den Tag legt, im Vergleich zum dominanteren Auftreten seines Amtsvorg\u00e4ngers Biden.&#8220;<\/p>\n<p>Euronews: Welche Fragen ergeben sich daraus, Herr Professor Goeschel, auch im historischen Vergleich mit 1938?<\/p>\n<p>Goeschel: Was w\u00fcrde geschehen, wenn sich Putin die ganze Ukraine einverleibt? Was kann passieren, wenn die westlichen M\u00e4chte die Ukraine preisgeben w\u00fcrden? Was w\u00fcrde passieren, wenn Donald Trump, wenn die westlichen M\u00e4chte \u00fcber den Kopf der Ukraine hinweg einen &#8218;deal&#8216; mit Putin abschl\u00f6ssen? Das w\u00e4re katastrophal. Denn es w\u00fcrde den Appetit Russlands auf weitere territoriale Eroberungen anheizen.<\/p>\n<p>Euronews: So wie damals bei Hitler, der nach der Einverleibung des Sudetenlandes weiter auf Eroberungszug ging?<\/p>\n<p>Goeschel: So jemand wie Putin ist nicht zu beschwichtigen, so wie 1938 auch Hitler nicht zu beschwichtigen war. Hitler hat damals gesagt, das Sudetenland sei seine letzte territoriale Forderung. Die Regierungschefs Gro\u00dfbritanniens und Frankreichs haben ihm geglaubt. Dabei ging es Hitler um etwas ganz anderes, es ging ihm um die gro\u00dffl\u00e4chige Eroberung von &#8218;Lebensraum im Osten&#8216;.<\/p>\n<p>Euronews: Ist das ein angemessener oder ein etwas &#8217;schr\u00e4ger&#8216; Vergleich?<\/p>\n<p>Goeschel: Noch einmal: Wir k\u00f6nnen nicht einfach Putin mit Hitler gleichsetzen, das ist nicht der Punkt. Aber eine historische R\u00fcckbesinnung auf das M\u00fcnchner Abkommen von 1938 ist eben auch kein schr\u00e4ger oder dummer historischer Vergleich. Es geht auch darum, durch historische Analogien unsere heutige Analysef\u00e4higkeit zu sch\u00e4rfen. Es geht darum, besser zu verstehen, was passieren kann, wenn westliche M\u00e4chte sich zu zaghaft gegen\u00fcber expansionistischen Diktaturen verhalten und ihnen erlauben, sich Territorien anzueignen.<\/p>\n<p>Euronews: Und die Warnung der EU-Au\u00dfenbeauftragten Kallas, Trump d\u00fcrfe nicht \u00fcber den Kopf der Ukraine, auch nicht \u00fcber den Kopf der Europ\u00e4er hinweg einen &#8218;deal&#8216;  mit Putin einf\u00e4deln? Gibt es auch hier einen Bezug zu M\u00fcnchen &#8217;38?<\/p>\n<p>Goeschel: Mit dem Wissen um das M\u00fcnchner Abkommen von 1938 im Kopf sollten wir uns darauf besinnen, was es bedeutet, wenn westliche M\u00e4chte, so wie heute Donald Trump, versuchen, \u00fcber den Kopf der Betroffenen hinweg &#8218;deals&#8216; zu machen.\u00a0<\/p>\n<p>Euronews: Um auf das Wort &#8218;appeasement&#8216; zur\u00fcckzukommen, w\u00e4re es richtig oder falsch, die russlandpolitischen Positionen von AfD und BSW als Appeasement gegen\u00fcber Putin zu bezeichnen?<\/p>\n<p>Goeschel: Appeasement w\u00e4re in diesem Zusammenhang wohl der falsche Begriff. Darum geht es mir nicht. Ganz unabh\u00e4ngig von sogenannten Russlandverstehern gab es ja schon unendlich viele Versuche, Putin zu beschwichtigen. Es gab das Minsker Abkommen, an dem die damalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ma\u00dfgeblich mitbeteiligt war. Es gab das Entgegenkommen der rot-gr\u00fcnen Regierung unter Schr\u00f6der gegen\u00fcber Russland. Es wurden international so viele vergebliche Versuche gemacht, Putin zu beschwichtigen&#8230;<\/p>\n<p>Euronews: Wie erkl\u00e4ren Sie sich die jahrelange Blindheit der allermeisten Entscheidungstr\u00e4ger gegen\u00fcber dem Expansionsstreben Russlands?<\/p>\n<p>Goeschel: Gestern wie heute haben wir es von Seiten der westlichen M\u00e4chte mit einer v\u00f6lligen Fehleinsch\u00e4tzung der milit\u00e4rischen Ziele des Gegners zu tun.\u00a0Hinzu kommt: Die westlichen Demokraten, alle verantwortungsvollen Politiker wollen Krieg vermeiden. Krieg ist das allerletzte Mittel der Konfliktl\u00f6sung. Und: Es ist nicht gut bestellt um die milit\u00e4rische Verteidigungsbereitschaft Europas. Wir haben uns allzu lange auf den milit\u00e4rischen Schutzschirm der USA verlassen. Das sind die Hauptgr\u00fcnde, warum es so lange gedauert hat, bis wir aufgewacht sind und erkannt haben, wie gef\u00e4hrlich Putin ist.<\/p>\n<p>Im Euronews-Interview hatte die EU-Au\u00dfenbeautragte Kallas gewarnt, Russland teste den Westen und versuche, die EU-L\u00e4nder gezielt zu spalten, um die Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Ukraine zu untergraben. \u201ePutin testet eindeutig den Westen&#8220;, so Kallas, &#8222;er testet, wie weit er gehen kann. Jetzt liegt es an uns, wie und wie stark wir darauf reagieren, was wir zulassen.\u201c<\/p>\n<p>Euronews: Herr Professor Goeschel, angesichts dieses Kallas-Weckrufs und einmal angenommen, Sie w\u00fcrden gebeten, Regierungspolitikern in einer Krisenrunde den einen oder anderen historisch gut fundierten Ratschlag zu erteilen, was w\u00e4re das?<\/p>\n<p>Goeschel: Es w\u00e4re vermessen von uns Historikern, zu glauben, dass wir tagesaktuelle Entscheidungen mitbeeinflussen k\u00f6nnten. Was wir aber durchaus machen k\u00f6nnen: Wir k\u00f6nnen verst\u00e4ndlichere B\u00fccher schreiben. Wir k\u00f6nnen uns in politische Debatten einmischen. Damals beobachteten auch andere M\u00e4chte genau, was in M\u00fcnchen 1938 vereinbart wurde. Japan und Italien beispielsweise zogen die Lehre aus dem M\u00fcnchner Abkommen, dass expansionistische Politik m\u00f6glich ist. Politiker entscheiden selbst, ob und was sie aus der Geschichte lernen wollen, im Guten oder im Schlechten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"WERBUNG F\u00e4hrt US-Pr\u00e4sident Donald Trump eine &#8218;Appeasement&#8216;-Politik gegen\u00fcber Wladimir Putin? 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