{"id":445540,"date":"2025-09-23T19:33:11","date_gmt":"2025-09-23T19:33:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/445540\/"},"modified":"2025-09-23T19:33:11","modified_gmt":"2025-09-23T19:33:11","slug":"warum-ist-der-neid-auf-caroline-wahl-so-laut-der-freitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/445540\/","title":{"rendered":"Warum ist der Neid auf Caroline Wahl so laut? \u2014 der Freitag"},"content":{"rendered":"<p class=\"bc-article-intro__text u-hyphens\">Bestsellerautorin Caroline Wahl ignoriert die g\u00e4ngigen Erfolgsrezepte: kein Trauma, kein Prekariats-Lamento. Das kann ihr die Kritik nicht verzeihen. Aber sie verkauft sich trotzdem<\/p>\n<p>        Caroline Wahl schreibt \u00fcber die Liebe oder das Junge-Frau-Sein und eckt trotzdem an<\/p>\n<p>Foto: Frederike Wetzels<\/p>\n<p>Haben Sie schon einmal von Caroline Wahl geh\u00f6rt? Nat\u00fcrlich, was frage ich! Sie m\u00fcssten schon taub sein, um nicht von Wahl geh\u00f6rt zu haben. Seit Wahl mit <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/erika-thomalla\/die-assistentin-von-caroline-wahl-zwischen-hype-und-haeme\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Die Assistentin<\/a> ihren dritten Roman ver\u00f6ffentlicht hat, rei\u00dfen Kritik und mediale Aufmerksamkeit nicht ab. Der <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/caroline-wahl-die-assistentin-102.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Literaturbetrieb streitet<\/a>. Vorgeblich streitet er \u00fcber Qualit\u00e4t, \u00fcber Preisw\u00fcrdigkeit und dar\u00fcber, wie sich eine ernstzunehmende Autorin zu verhalten habe. Doch auf dem R\u00fccken Wahls wird lediglich verhandelt, was Autoren seit jeher wurmt.<\/p>\n<p>Der Buchmarkt ist ein Markt. Er ist \u2013 verglichen mit anderen M\u00e4rkten \u2013 sogar ein besonders brutaler Markt mit eindeutigem Pareto-Prinzip: Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Buchverk\u00e4ufe entf\u00e4llt auf den allerkleinsten Teil der Autorenschaft. Es gibt keine Fairness, die besondere G\u00fcte in besondere Verg\u00fctung \u00fcbersetzte. Genau genommen ist oft das Gegenteil der Fall.<\/p>\n<p>Im Angesicht einer solchen The-Winner-takes-it-all-Situation ist der Unmut vieler Autoren nachvollziehbar. Und der Neid. Stehen wir doch zu unserem Neid. Ich mach das mal vor: Ich kann weder Pony noch Plattform-Boots tragen. Ich bin neidisch auf Caroline Wahl.<\/p>\n<p>Das ist ein gro\u00dfes Tabu<\/p>\n<p>Sie w\u00e4re f\u00fcr den Literaturbetrieb ertr\u00e4glicher, signalisierte sie eine gewisse Zerknirschung ob der Ungerechtigkeit der Aufmerksamkeits\u00f6konomie desselben. Stattdessen l\u00e4sst sie sich beim Porsche-Kaufen begleiten. Oder h\u00e4ngt fotogen an Relings herum. Auch diesbez\u00fcglich bin ich neidisch, denn die Tage, an denen ich meine Wirbels\u00e4ule unfallfrei um zehn Grad nach hinten biegen konnte, liegen lange zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Wo waren wir stehengeblieben? Im Englischen w\u00fcrde man sagen, Wahl sei unapologetic. In Instagram-Posts weist sie schon mal subtil darauf hin,dass sie \u201epreisgekr\u00f6nte nr-1-bestsellerautorin\u201c sei und liefert die Verkaufszahlen gleich dazu \u201emeine b\u00fccher wurden \u00fcber 1mio mal verkauft!!?? h\u00e4\u00e4\u00e4??? Wtfwtfwtf\u201c.<\/p>\n<p>Das ist ja ein gro\u00dfes Tabu, im Allgemeinen spricht man nicht dar\u00fcber, wie gut oder schlecht sich ein Buch verkauft. Zumal man von den Verkaufszahlen recht leicht auf das Einkommen zur\u00fcckschlie\u00dfen kann, selbst wenn man nicht das Finanzamt ist.<\/p>\n<p>So etwas passt nicht in einen Literaturbetrieb, in dem es gerade sehr en vogue ist, \u00fcber die Prekarisierung des Schreibens zu schimpfen und sich bescheiden zu geben, wenn\u2019s dann doch besser l\u00e4uft. Und wo der ernstzunehmende Autor unter der Last des prek\u00e4ren Lebens Laudanum l\u00f6ffelnd eingehen muss, auf dass sich eines sch\u00f6nen Tages morbide Teenager auf seinem Pariser Grabmal ruml\u00fcmmeln.<\/p>\n<p>Caroline Wahl ist weder sch\u00fcchtern noch bescheiden<\/p>\n<p>Schlimmer noch: Wahl versucht nicht einmal, Literarizit\u00e4t zu performen; nicht in ihren Romanen, schon gar nicht in ihren Postings, die \u2013 das muss man wirklich sagen \u2013 auf eine knuffige Art s\u00fcchtig machen. Stellen Sie sich einmal Siri Hustvedt oder Christa Wolf vor, die etwas schrieben wie \u201eich bin arschgespannt, wenn mein 3. roman rauskommt, der wie schon ab und zu erw\u00e4hnt, krass wird\u201c.<\/p>\n<p>Schlimmer wird die Sache f\u00fcr Wahls Kritiker nur dadurch, dass sie sich den g\u00e4ngigen Erfolgsthemen anspruchsvoller Literatur verweigert: Caroline Wahl schreibt nicht \u00fcber intergenerationelle Traumata und Nazi-Erbschaften. Sie schreibt \u00fcber Liebe, \u00fcber das Heranwachsen oder das Junge-Frau-Sein.<\/p>\n<p>Wahl ist weder sch\u00fcchtern noch bescheiden. Sie ist Rage Bait auf plattformbeschuhten Beinen. Das ist der Grund, warum Sie hier eine Glosse \u00fcber Wahl und ihre Kritiker lesen, und keine Rezension eines Mundart-Lyrikbandes. Allein die Tatsache, dass Boomer-Bernd sich von Wahls Pony getriggert f\u00fchlt, garantiert diesem Text mehr Klicks als jede ernstzunehmende Kritik. Wenn Sie das verdammt noch einmal bl\u00f6d finden (und das sollten Sie), und auf diesem Platz lieber eine klassische Rezension von mir l\u00e4sen, dann abonnieren Sie diese Zeitung. Am besten sofort.<\/p>\n<p>Es ist nicht Wahls Schuld, dass ihre Literatur ein Bed\u00fcrfnis befriedigt. Es ist nicht ihre Schuld, dass viele Autorinnen und Autoren vom Schreiben nicht leben k\u00f6nnen. Der Unmut \u00fcber Wahl ist lediglich die verkleidete Wut auf den Leser, der goutiert, was die Literaturkritik f\u00fcr schlecht oder allenfalls \u201eunterhaltsam\u201c befindet.<\/p>\n<p>Caroline Wahl verk\u00f6rpert die \u201eTyrannei des Publikums\u201c, wie sie der Kulturkritiker Johannes Franzen nennt. Wie sch\u00f6n w\u00e4re doch die Existenz der Kritiker, wenn da nicht der Leser aus Fleisch und Blut w\u00e4re, der ein W\u00f6rtchen mitzureden hat \u00fcber die Verwendung seines hart verdienten Geldes.<\/p>\n<p>\n     Buchmarkt ist ein Markt. Er ist \u2013 verglichen mit anderen M\u00e4rkten \u2013 sogar ein besonders brutaler Markt mit eindeutigem Pareto-Prinzip: Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Buchverk\u00e4ufe entf\u00e4llt auf den allerkleinsten Teil der Autorenschaft. Es gibt keine Fairness, die besondere G\u00fcte in besondere Verg\u00fctung \u00fcbersetzte. Genau genommen ist oft das Gegenteil der Fall.Im Angesicht einer solchen The-Winner-takes-it-all-Situation ist der Unmut vieler Autoren nachvollziehbar. Und der Neid. Stehen wir doch zu unserem Neid. Ich mach das mal vor: Ich kann weder Pony noch Plattform-Boots tragen. Ich bin neidisch auf Caroline Wahl.Das ist ein gro\u00dfes TabuSie w\u00e4re f\u00fcr den Literaturbetrieb ertr\u00e4glicher, signalisierte sie eine gewisse Zerknirschung ob der Ungerechtigkeit der Aufmerksamkeits\u00f6konomie desselben. Stattdessen l\u00e4sst sie sich beim Porsche-Kaufen begleiten. Oder h\u00e4ngt fotogen an Relings herum. Auch diesbez\u00fcglich bin ich neidisch, denn die Tage, an denen ich meine Wirbels\u00e4ule unfallfrei um zehn Grad nach hinten biegen konnte, liegen lange zur\u00fcck.Wo waren wir stehengeblieben? Im Englischen w\u00fcrde man sagen, Wahl sei unapologetic. In Instagram-Posts weist sie schon mal subtil darauf hin,dass sie \u201epreisgekr\u00f6nte nr-1-bestsellerautorin\u201c sei und liefert die Verkaufszahlen gleich dazu \u201emeine b\u00fccher wurden \u00fcber 1mio mal verkauft!!?? h\u00e4\u00e4\u00e4??? Wtfwtfwtf\u201c.Das ist ja ein gro\u00dfes Tabu, im Allgemeinen spricht man nicht dar\u00fcber, wie gut oder schlecht sich ein Buch verkauft. Zumal man von den Verkaufszahlen recht leicht auf das Einkommen zur\u00fcckschlie\u00dfen kann, selbst wenn man nicht das Finanzamt ist.So etwas passt nicht in einen Literaturbetrieb, in dem es gerade sehr en vogue ist, \u00fcber die Prekarisierung des Schreibens zu schimpfen und sich bescheiden zu geben, wenn\u2019s dann doch besser l\u00e4uft. Und wo der ernstzunehmende Autor unter der Last des prek\u00e4ren Lebens Laudanum l\u00f6ffelnd eingehen muss, auf dass sich eines sch\u00f6nen Tages morbide Teenager auf seinem Pariser Grabmal ruml\u00fcmmeln.Caroline Wahl ist weder sch\u00fcchtern noch bescheidenSchlimmer noch: Wahl versucht nicht einmal, Literarizit\u00e4t zu performen; nicht in ihren Romanen, schon gar nicht in ihren Postings, die \u2013 das muss man wirklich sagen \u2013 auf eine knuffige Art s\u00fcchtig machen. Stellen Sie sich einmal Siri Hustvedt oder Christa Wolf vor, die etwas schrieben wie \u201eich bin arschgespannt, wenn mein 3. roman rauskommt, der wie schon ab und zu erw\u00e4hnt, krass wird\u201c.Schlimmer wird die Sache f\u00fcr Wahls Kritiker nur dadurch, dass sie sich den g\u00e4ngigen Erfolgsthemen anspruchsvoller Literatur verweigert: Caroline Wahl schreibt nicht \u00fcber intergenerationelle Traumata und Nazi-Erbschaften. Sie schreibt \u00fcber Liebe, \u00fcber das Heranwachsen oder das Junge-Frau-Sein.Wahl ist weder sch\u00fcchtern noch bescheiden. Sie ist Rage Bait auf plattformbeschuhten Beinen. Das ist der Grund, warum Sie hier eine Glosse \u00fcber Wahl und ihre Kritiker lesen, und keine Rezension eines Mundart-Lyrikbandes. Allein die Tatsache, dass Boomer-Bernd sich von Wahls Pony getriggert f\u00fchlt, garantiert diesem Text mehr Klicks als jede ernstzunehmende Kritik. Wenn Sie das verdammt noch einmal bl\u00f6d finden (und das sollten Sie), und auf diesem Platz lieber eine klassische Rezension von mir l\u00e4sen, dann abonnieren Sie diese Zeitung. Am besten sofort.Es ist nicht Wahls Schuld, dass ihre Literatur ein Bed\u00fcrfnis befriedigt. Es ist nicht ihre Schuld, dass viele Autorinnen und Autoren vom Schreiben nicht leben k\u00f6nnen. Der Unmut \u00fcber Wahl ist lediglich die verkleidete Wut auf den Leser, der goutiert, was die Literaturkritik f\u00fcr schlecht oder allenfalls \u201eunterhaltsam\u201c befindet.Caroline Wahl verk\u00f6rpert die \u201eTyrannei des Publikums\u201c, wie sie der Kulturkritiker Johannes Franzen nennt. 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