{"id":446791,"date":"2025-09-24T11:39:15","date_gmt":"2025-09-24T11:39:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/446791\/"},"modified":"2025-09-24T11:39:15","modified_gmt":"2025-09-24T11:39:15","slug":"nuernberg-duerer-und-die-globalisierung-vor-500-jahren-im-germanischen-nationalmuseum-bayern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/446791\/","title":{"rendered":"N\u00fcrnberg: D\u00fcrer und die Globalisierung vor 500 Jahren im Germanischen Nationalmuseum &#8211; Bayern"},"content":{"rendered":"<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Schmerzhafte Erfahrungen hat <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/N%C3%BCrnberg\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">N\u00fcrnberg<\/a> machen m\u00fcssen, wenn\u2019s um Kulturtitel ging. Europ\u00e4ische Kulturhauptstadt hat man werden wollen, das Projekt scheiterte. Gr\u00f6\u00dfer noch waren die Hoffnungen, den Gerichtssaal 600 \u2013\u00a0in dem sich die NS-Hauptkriegsverbrecher vor der Welt verantworten mussten \u2013\u00a0endlich zum Welterbe erkl\u00e4ren zu lassen. Auch diese Hoffnungen zerstoben. Bei all der Ern\u00fcchterung geriet ein Titel fast in den Hintergrund: 2023 wurde ein Objekt, das in N\u00fcrnberg auch als \u201eErdapfel\u201c gel\u00e4ufig ist, <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/unesco-weltdokumentenerbe-behaim-globus-nuernberg-1.5867467\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">als Teil des Unesco-Weltdokumentenerbes anerkannt<\/a>. Es handelt sich um den \u00e4ltesten erhaltenen Globus der Welt.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Das Auftragswerk des N\u00fcrnberger Rates hat seine Heimat im Germanischen Nationalmuseum N\u00fcrnberg (GNM), dort kann man Europas letztes kartografisches Werk, auf dem die amerikanischen Kontinente noch fehlen, jederzeit in Augenschein nehmen. \u00dcber Dutzende Objekte europ\u00e4ischen Ranges verf\u00fcgt das gr\u00f6\u00dfte kulturhistorische Museum im deutschsprachigen Raum, sp\u00e4testens seit 2023 aber kommt Martin Behaims Globus\u00a0 (entstanden 1492) eine Sonderrolle zu. Dass auf diesen die Idee f\u00fcr die Sonderausstellung \u201eN\u00fcrnberg global, 1300 \u2013\u00a01600\u201c zur\u00fcckgeht, verheimlicht niemand am Haus. Auch wenn, dies gleich zur Warnung, dieses Weltdokument nicht Teil der <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Ausstellung\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ausstellung<\/a> ist.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Warum das? Immerhin hat diese Schau, dem GNM zufolge, den Anspruch, eines der \u201ebedeutenden europ\u00e4ischen Ausstellungsprojekte\u201c zu sein \u2013\u00a0da w\u00e4re der N\u00fcrnberger Erdapfel nicht nur als ideelles, sondern auch materielles Zentrum zweifelsohne angemessen gewesen. Konfrontiert mit der Frage, deutet Ausstellungsmacher Benno Baumbauer an, wie sehr man am Haus gerungen hat, diesmal mit sich selbst. Anders n\u00e4mlich als 2012, als zur D\u00fcrer-Sonderausstellung ausgerechnet das \u201eSelbstbildnis im Pelzrock\u201c nicht nach N\u00fcrnberg ausgeliefert wurde und dieser Vorgang eine <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/bayern\/streit-um-duerer-bildnis-haarrisse-zwischen-bayern-und-franken-1.1285275\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">mittelschwere innerbayerische Krise<\/a> zur Folge hatte, anders also als beim Fall D\u00fcrer ist es diesmal nicht ein Haus der Landeshauptstadt, das konservatorische Bedenken vortr\u00e4gt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/46ace33b-ee28-4959-ba3e-ff588dc2aec9.jpeg\"   alt=\"D\u00fcrers \u201eSelbstbildnis im Pelzrock\u201c in der Alten Pinakothek in M\u00fcnchen.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>D\u00fcrers \u201eSelbstbildnis im Pelzrock\u201c in der Alten Pinakothek in M\u00fcnchen. (Foto: Alessandra Schellnegger)<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Nein, diesmal ist es das Germanische Nationalmuseum selbst, das sozusagen die eigene Anfrage abschl\u00e4gig beschieden hat. Der Behaim-Globus gleiche nun mal einer \u201eschwebenden Papierkugel\u201c, sagt Baumbauer \u2013\u00a0da sei jede Bewegung eine zu viel. Auch wenn der Globus-Aufbewahrungsraum in der GNM-Dauerausstellung keine 500 Schritte vom Raum f\u00fcr Sonderausstellungen entfernt liegt, Transport ist Transport. Seit der gro\u00dfen D\u00fcrer-im-Pelzrock-Emp\u00f6rung von N\u00fcrnberg sind inzwischen 13 Jahre vergangen, selten hatte sich der Unmut \u00fcber angebliche M\u00fcnchner Franken-Ignoranz so lautstark Bahn gebrochen wie eben 2012. An vorderster Front damals: ein gewisser Markus S.. Die aktuelle Selbst-Weigerung des GNM, ein Exponat von einem Raum in den anderen zu verlegen, d\u00fcrfte im Nachhinein manches davon relativieren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/297cef97-f3dd-4b88-8c2c-f8dec06351f1.jpg\"   alt=\"Blick auf den Sch\u00f6ner-Gl\u00f6bus im GNM.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Blick auf den Sch\u00f6ner-Gl\u00f6bus im GNM. (Foto: Daniel Karmann\/GNM)<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Zumal Besucher in der \u2013\u00a0formidabel gelungenen \u2013\u00a0ersten Station der Sonderausstellung auf einen Globus nicht verzichten m\u00fcssen. Er stammt freilich nicht von Behaim, dem N\u00fcrnberger Tuchh\u00e4ndler und Ritter des K\u00f6nigreiches Portugal. Sondern vom Bamberger Geistlichen Johannes Sch\u00f6ner, der ein Vierteljahrhundert nach Behaim im Gegensatz zu diesem zwar von den vermeintlich neuen, von Kolumbus angeblich entdeckten Landmassen wusste. Aber zentrale geografische Fragen knapp drei Jahrzehnte nach dem ersten Landgang von Kolumbus auch noch nicht zufriedenstellend zu beantworten wusste. Etwa die, ob da lediglich eine Inselgruppe oder gleich ein ganzer Kontinent \u201egefunden\u201c worden ist. Sch\u00f6ner wusste zumindest schon mal von einer \u201eTerra Nova\u201c. 1530 wurde sein Werk der wissensdurstigen Stadt N\u00fcrnberg vermacht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/7e2a59fa-43a0-42fc-bab1-d4344455f54f.jpg\"   alt=\"N\u00fcrnberg, festgehalten in der Schedelschen Weltchronik.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>N\u00fcrnberg, festgehalten in der Schedelschen Weltchronik. (Foto: GNM)<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">\u00dcber deren Status im Reich erf\u00e4hrt man in dieser ersten Station alles Wesentliche, so komprimiert, wie man das selten zu sehen bekommt. Alles ist gleich da, was die Sonderrolle dieser Stadt zur D\u00fcrer-Zeit ausmachte: die durch die Goldenen Bulle institutionalisierten Reichstage in N\u00fcrnberg, der exklusive Kreis der Patrizierfamilien, die kaiserlichen Privilegien und nat\u00fcrlich die in der Stadt aufbewahrten Reichskleinodien, die Reliquien und der Kr\u00f6nungsschatz also der r\u00f6misch-deutschen K\u00f6nige. Warum ein wichtiges St\u00fcck fr\u00fchneuzeitlicher Globalisierungsgeschichte gerade von N\u00fcrnberg ausging \u2013\u00a0dieser erste Raum f\u00fchrt\u2019s vor Augen.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Und er illustriert, dass den Protagonisten, N\u00fcrnbergs Patriziern, ihre Verantwortung wohl sehr bewusst war. Eine Federzeichnung zeigt einen Vertreter des Stadtregiments, dem ein Modell der Reichsstadt auf die Schultern gelegt worden ist, und der augenscheinlich unter dessen Last schwer zu tragen hat.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/0fb53638-5ef5-424f-80dc-401f5eb84ed3.jpg\"   alt=\"Todschick: das leicht taillierte N\u00fcrnberger Ringpanzerhemd.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Todschick: das leicht taillierte N\u00fcrnberger Ringpanzerhemd. (Foto: GNM)<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Sehenswert sind danach auch diverse fr\u00fchkapitalistische Globalisierungsprodukte N\u00fcrnberger Provenienz. Das todschicke, lang\u00e4rmelige und leicht taillierte Ringpanzerhemd etwa, das auf den ersten Blick kaum von schwedischen Designerklamotten zu unterscheiden ist, aber deutlich mehr Sicherheit beim Tragen versprach und vorderseitig das aufgepr\u00e4gte N\u00fcrnberger Stadtwappen in die Welt trug.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Die sch\u00f6nste Globalisierungsgeschichte dieser Schau freilich hat mit D\u00fcrer zu tun und dessen \u201eRhinocerus\u201c. Selbst hat der N\u00fcrnberger ein solches Tier nie zu Gesicht bekommen, \u00fcber die globalen Netzwerke seiner Heimatstadt aber von dem diplomatischen Geschenk erfahren. Eine f\u00fcr die damalige Zeit sensationelle Geschichte: Ein indisches Panzernashorn wird 1515 von Goa nach Lissabon verschifft und erregt am dortigen Hof enormes Aufsehen, bevor es auf dem Weg nach Rom Schiffbruch erleidet und auf tragische Weise ertrinkt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/32e39869-30fa-41f5-84c6-5e47ad24d246.jpg\"   alt=\"Albrecht D\u00fcrers \u201eRhinocerus\u201c.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Albrecht D\u00fcrers \u201eRhinocerus\u201c. (Foto: GNM)<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Innerhalb weniger Wochen erreicht die spektakul\u00e4re Kunde N\u00fcrnberg, von wo aus sie \u00fcber das Medium der Druckgrafik weiter verbreitet wird. D\u00fcrers Panzernashorn wird zur begehrten, in ganz Europa zirkulierenden Handelsware, eine der kommerziell erfolgreichsten Arbeiten des K\u00fcnstlers. Nicht nur dort aber verbreitet es sich. Im 17. Jahrhundert gibt ein Buchgelehrter in den Anden, im heutigen Kolumbien, ein elaboriertes Deckengem\u00e4lde in Auftrag.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/f5e15e23-ec35-496e-95bd-960ce5dc6f8c.jpg\"   alt=\"Deckengem\u00e4lde in den Anden, inklusive D\u00fcrer-Reminiszenz.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Deckengem\u00e4lde in den Anden, inklusive D\u00fcrer-Reminiszenz. (Foto: GNM)<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\">Wer es sich anschaut, der ahnt zumindest, dass dessen Maler \u2013\u00a0mutma\u00dflich \u00fcber eine Reproduktion \u2013\u00a0D\u00fcrers Panzernashorn gekannt haben muss. <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Globalisierung\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Globalisierung<\/a> vor f\u00fcnf Jahrhunderten: Von der Westk\u00fcste Indiens wird ein Tier nach Portugal verschifft, in N\u00fcrnberg wird dessen Geschichte ins Bild gesetzt und schlie\u00dflich bis in die Anden verbreitet. Einmal quasi um die ganze Welt.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-xboolz\"><strong>N\u00fcrnberg Global 1300\u00a0\u2013 1600,\u00a0<\/strong><strong>Germanisches Nationalmuseum N\u00fcrnberg, bis\u00a0<\/strong><strong>22. M\u00e4rz 2026<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Schmerzhafte Erfahrungen hat N\u00fcrnberg machen m\u00fcssen, wenn\u2019s um Kulturtitel ging. 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