{"id":451642,"date":"2025-09-26T09:47:10","date_gmt":"2025-09-26T09:47:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/451642\/"},"modified":"2025-09-26T09:47:10","modified_gmt":"2025-09-26T09:47:10","slug":"wer-rettet-das-deutsche-neapel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/451642\/","title":{"rendered":"Wer rettet &#8222;das deutsche Neapel&#8220;?"},"content":{"rendered":"\n<p>Wolfgang Niedecken f\u00fchlte sich am Abend der NRW-Kommunalwahl an Asterix erinnert: Fast das ganze Bundesland war schwarz &#8211; bis auf ein paar rote Flecken und zwei gr\u00fcne Punkte, in M\u00fcnster und  K\u00f6ln. &#8222;Meine Heimatstadt als kleines gallisches Dorf &#8211; das hat mich schon gefreut&#8220;, erz\u00e4hlt der K\u00f6lsch-Rocker lachend der Deutschen Presse-Agentur.\u00a0<\/p>\n<p>Zwar legte am 14.  September auch in  K\u00f6ln die AfD zu, doch insgesamt ergab sich f\u00fcr den Stadtrat eine Mehrheit links von der Mitte. In der Oberb\u00fcrgermeister-Stichwahl am Sonntag (28.9.) treten nun die in der  T\u00fcrkei geborene Gr\u00fcne  Berivan Aymaz und der SPD-Mann  Torsten Burmester gegeneinander an.\u00a0<\/p>\n<p>Die derzeitige Vizepr\u00e4sidentin des NRW-Landtags w\u00e4re das erste gr\u00fcne Stadtoberhaupt einer deutschen  Millionenmetropole. Aymaz (53) wurde in der  T\u00fcrkei geboren, kam mit sechs Jahren nach  Deutschland und mit acht nach  K\u00f6ln. Auf der  Grundschule sei sie von der Lehrerin daf\u00fcr gelobt worden, als einzige in der Klasse Hochdeutsch zu sprechen &#8211; ohne rheinischen Singsang, erinnert sie sich.<\/p>\n<p> Robert Habeck und  G\u00fcnter Wallraff als Unterst\u00fctzer <\/p>\n<p>Enth\u00fcllungsjournalist  G\u00fcnter Wallraff hat einen Wahlaufruf f\u00fcr Aymaz mitinitiiert: &#8222;Wir waren zusammen in der  T\u00fcrkei und haben uns dort f\u00fcr politische Gefangene eingesetzt&#8220;, erz\u00e4hlt er. Gr\u00fcnen-Star a. D.  Robert Habeck, der diese Woche eigens anreiste, um Aymaz zu unterst\u00fctzen, gab die Losung aus, die  K\u00f6lner Wahl k\u00f6nne ein bundesweites Signal abgeben: &#8222;Wer der AfD einen auswischen will, so richtig, der muss Berivan w\u00e4hlen!&#8220;\u00a0<\/p>\n<p>Gr\u00fcne Politik hat in  K\u00f6ln allerdings auch viele Gegner. In den vergangenen zehn Jahren wurde die mit 1,1 Millionen Einwohnern gr\u00f6\u00dfte Stadt des bev\u00f6lkerungsreichsten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen von einem B\u00fcndnis aus Gr\u00fcnen und CDU mit der parteilosen  Henriette Reker an der Spitze regiert.<\/p>\n<p>Reker (68) trat dieses Mal nicht wieder an &#8211; ihr Erbe wird \u00fcberwiegend kritisch bewertet: Nach einer Forsa-Umfrage sehen die B\u00fcrger ihr in zahllosen Liedern besungenes K\u00f6lle im Niedergang. Hauptkritikpunkte sind die Verkehrssituation, der Wohnungsmarkt und die Verm\u00fcllung.\u00a0<\/p>\n<p> Carolin Kebekus: Sandstrahl-Reinigung nach jedem Spaziergang <\/p>\n<p>Eine undeutsche L\u00e4ssigkeit war immer schon das Kennzeichen der alten R\u00f6merstadt, deren ber\u00fchmtes Dionysius-Mosaik (im R\u00f6misch-Germanischen Museum) den Gott des Wahnsinns und der Ekstase zeigt.\u00a0<\/p>\n<p>Allerdings: &#8222;Dass  K\u00f6ln vor allem von innen sch\u00f6n ist, das habe ich schon immer gerne allen Freunden von ausw\u00e4rts erkl\u00e4rt, aber mittlerweile ist es echt extrem geworden&#8220;, sagt die Komikerin und Ur-K\u00f6lnerin  Carolin Kebekus der  dpa. &#8222;Wenn ich mit dem Kinderwagen unterwegs bin, dann kann ich nach einem  Spaziergang nicht mehr in die Wohnung, ohne den kompletten Unterboden mit Sandstrahl zu bearbeiten.&#8220;\u00a0<\/p>\n<p>Schon seit Jahren wird die Stadt immer mal wieder &#8222;deutsches Neapel&#8220; genannt, und dies sicher nicht in Anspielung auf die traumhafte Lage der italienischen Hafenmetropole. Eher auf die  M\u00fcllberge. Vergangenes Jahr tobte zudem ein &#8222;Drogenkrieg&#8220; mit Entf\u00fchrungen, Folterszenen und Explosionen.\u00a0<\/p>\n<p>Gleichzeitig w\u00e4chst die viertgr\u00f6\u00dfte Stadt  Deutschlands und weist den j\u00fcngsten Altersdurchschnitt von NRW auf. Touristen und feierfreudige Umlandbewohner str\u00f6men in die Frohsinns-Kapitale, die mit dem &#8222;Bootshaus&#8220; unter den Top Ten der weltweit besten Musik-Clubs vertreten ist. Das verst\u00e4rkt allerdings auch L\u00e4rm und Gedr\u00e4nge. Ein Party-Hotspot ist der weithin bekannte Br\u00fcsseler Platz &#8211; was dort erlaubt ist und was nicht, besch\u00e4ftigt seit Jahren die Gerichte.\u00a0<\/p>\n<p>Von der  K\u00f6lner Verwaltung hei\u00dft es oft, ihr sei letztlich egal, wer unter ihr Oberb\u00fcrgermeister sei &#8211; sie mache ohnehin, was sie wolle. Bundesweite Schlagzeilen generierte sie k\u00fcrzlich mit dem Vorhaben, alle Spielpl\u00e4tze in &#8222;Spiel- und Aktionsfl\u00e4chen&#8220; umzubenennen. Wenig sp\u00e4ter wollte sie an Sonntagen alle Hofflohm\u00e4rkte verbieten.\u00a0<\/p>\n<p>Von sich reden machte vor einiger Zeit auch ein Verkehrsversuch im Szeneviertel Ehrenfeld: Alle Ampeln wurden ausgeschaltet, Zebrastreifen durchgestrichen. Stattdessen sollte Tempo 20 gelten, woran sich aber niemand hielt. Ergebnis: F\u00fcr \u00e4ltere Fu\u00dfg\u00e4nger wurde die Stra\u00dfe nahezu un\u00fcberquerbar.<\/p>\n<p>Ein weiterer Aufreger ist der Skandal um die Sanierung von Oper und Schauspielhaus. &#8222;Die wird teurer als die gesamte Hamburger Elbphilharmonie&#8220;, bilanziert der Soziologe Ansgar Hudde. &#8222;Aber bei der  Elbphilharmonie wei\u00df jeder in  Deutschland, wie sie aussieht. Bei der  K\u00f6lner Oper wei\u00df das fast niemand &#8211; was vielleicht auch besser so ist.&#8220; Zumindest von au\u00dfen wirkt der Bau aus den 50er Jahren, vorsichtig ausgedr\u00fcckt, spr\u00f6de.<\/p>\n<p> In der  K\u00f6lner  Innenstadt w\u00e4hlt man traditionell &#8211; das hei\u00dft gr\u00fcn <\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund h\u00e4tte man bei den Wahlen durchaus ein gr\u00f6\u00dferes Protestvotum erwarten k\u00f6nnen. Aber die W\u00e4hlerbindungen seien in  K\u00f6ln traditionell stark, sagt Hudde, der die Strukturen f\u00fcr sein Buch &#8222;Wo wir wie w\u00e4hlen &#8211; Politische Muster in  Deutschlands Nachbarschaften&#8220; analysiert hat.<\/p>\n<p>&#8222;In den viereinhalb Kilometern rund ums Rathaus, also in der direkten  Innenstadt, sind die Gr\u00fcnen seit langem unangefochten auf Platz 1. Da schl\u00e4gt der Metropolen- und Universit\u00e4tscharakter von  K\u00f6ln voll durch, die Gr\u00fcnen haben dort eine treue Stammw\u00e4hlerschaft.&#8220; In den \u00e4u\u00dferen Bezirken dagegen werde so gew\u00e4hlt, wie es f\u00fcr die gesamte Bundesrepublik typisch sei.<\/p>\n<p>SPD-Kandidat Burmester (62) hat sich f\u00fcr die Stichwahl gegen Aymaz die Unterst\u00fctzung des unterlegenen CDU-Kandidaten gesichert. Der geb\u00fcrtige Niedersachse und Ex-Sportfunktion\u00e4r tritt als n\u00fcchterner No-Nonsense-Mann auf. &#8222;Sicherheit und Sauberkeit&#8220; steht auf seinen  Plakaten. Er spricht viel von Wohnungsbau und wirtschaftlicher Dynamik, die  K\u00f6ln wiedergewinnen m\u00fcsse. Beim Rundgang durch Kalk &#8211; einem der sozialen Brennpunkte der Stadt &#8211; sagt er zu den Passanten: &#8222;Jetzt zeigen wir den Gr\u00fcnen mal, wat &#8217;ne Harke ist!&#8220;\u00a0<\/p>\n<p> Aus einem Pisspott wird kein Mokka-T\u00e4sschen <\/p>\n<p>Egal, wer Sonntag gewinnt, so sauber wie D\u00fcsseldorf wird  K\u00f6ln wohl nie werden. &#8222;Aus einem Pisspott kannst du kein Mokka-T\u00e4sschen machen&#8220;, hie\u00df es dazu mal auf einer Stunksitzung.\u00a0<\/p>\n<p>Die meisten  K\u00f6lner wollen ihren Lebensstil vermutlich auch gar nicht grunds\u00e4tzlich professionalisieren, sie w\u00e4ren schon zufrieden, wenn nur die gr\u00f6\u00dften Baustellen abger\u00e4umt w\u00fcrden.\u00a0<\/p>\n<p>Den Wahl-K\u00f6lner  Harald Schmidt st\u00f6rt das ganze Chaos \u00fcberhaupt nicht, wie er sagt: &#8222;Man muss das positiv sehen&#8220;, verr\u00e4t der geb\u00fcrtige Schwabe der  dpa. &#8222;Ein Besuch des  K\u00f6lner Hauptbahnhofs erspart einen  Abenteuerurlaub.&#8220;<\/p>\n<p>Zum Schluss noch eine Frage an  Wolfgang Niedecken, geboren 1951 in der  K\u00f6lner Tr\u00fcmmerlandschaft: War die Stadt fr\u00fcher wirklich sauberer? Der BAP-S\u00e4nger h\u00e4lt kurz inne. &#8222;W\u00fcrde ich nicht sagen. Das sind so Klischees. Ich wei\u00df noch, wie ich 1974 von meiner ersten New-York-Reise zur\u00fcckkam und dachte: &#8222;Meine G\u00fcte, was ist das sauber hier in K\u00f6ln!&#8220;&#8220; Alles ist relativ.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wolfgang Niedecken f\u00fchlte sich am Abend der NRW-Kommunalwahl an Asterix erinnert: Fast das ganze Bundesland war schwarz &#8211;&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":451643,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1828],"tags":[5871,116614,101847,21,12751,2520,29,25096,9166,30,15410,23414,2659,2065,116613,1420,28911,11104,20537,1209,2450,7438,1178,34471,36258,143,5753],"class_list":{"0":"post-451642","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-koeln","8":"tag-grundschule","9":"tag-abenteuerurlaub","10":"tag-berivan-aymaz","11":"tag-buendnis-90-die-gruenen","12":"tag-carolin-kebekus","13":"tag-deutsche-presse-agentur","14":"tag-deutschland","15":"tag-druck","16":"tag-elbphilharmonie","17":"tag-germany","18":"tag-guenter-wallraff","19":"tag-harald-schmidt","20":"tag-henriette-reker","21":"tag-innenstadt","22":"tag-investigativer-journalismus","23":"tag-koeln","24":"tag-millionenmetropole","25":"tag-muellberg","26":"tag-neapel","27":"tag-nordrhein-westfalen","28":"tag-party","29":"tag-plakat","30":"tag-robert-habeck","31":"tag-september","32":"tag-torsten-burmester","33":"tag-tuerkei","34":"tag-wolfgang-niedecken"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115269969293735241","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/451642","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=451642"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/451642\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/451643"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=451642"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=451642"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=451642"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}