{"id":452100,"date":"2025-09-26T14:05:11","date_gmt":"2025-09-26T14:05:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/452100\/"},"modified":"2025-09-26T14:05:11","modified_gmt":"2025-09-26T14:05:11","slug":"buch-native-nations-perspektivwechsel-mit-fallstricken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/452100\/","title":{"rendered":"Buch \u201eNative Nations\u201d: Perspektivwechsel mit Fallstricken"},"content":{"rendered":"<p>Die US-Demokraten er\u00f6ffneten ihr diesj\u00e4hriges Sommertreffen mit einem Land Acknowledgement: Das ist ein in progressiven Kreisen um sich greifendes Ritual, bei dem vor Beginn einer Veranstaltung auf die Verbindungen des Orts zu den amerikanischen Ureinwohner*innen hingewiesen wird.\u00a0<\/p>\n<p>\u201eWir ehren die urspr\u00fcnglichen H\u00fcter des Landes und der Gew\u00e4sser von Minneapolis. Die Dakota sorgten \u00fcber Tausende von Jahren vor der Kolonialisierung f\u00fcr das Land, die Seen und den Wakpa Tanka \u2013 den \u201aGro\u00dfen Fluss\u2018, den Mississippi. Dieses Land ist Teil einer Geschichte gebrochener Vertr\u00e4ge und Versprechen. Und in vielerlei Hinsicht leben wir noch immer in einem System, das darauf ausgelegt ist, die kulturelle und spirituelle Geschichte indigener V\u00f6lker zu unterdr\u00fccken.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Klar: F\u00fcr Amerikas Rechte war das ein Schmankerl. Kolonialisierung? H\u00fcter des Landes? Wakpa Tanka? Braucht es noch weitere Belege f\u00fcr die Abgehobenheit der Linken? Doch auch im Umfeld der Demokrat*innen regte sich Kritik. Parteistratege James Carville bat flehentlich: \u201eBitte h\u00f6rt damit auf, im Namen eines gerechten, barmherzigen Gottes!\u201d \u2013 \u201eIhr sollt Wahlen gewinnen, verdammt noch mal.\u201d\u00a0<\/p>\n<p>Warum die Vorrede? Um deutlich zu machen, wo die US-Debatte zur indigenen Geschichte derzeit steht. Der Begriff Minenfeld dr\u00e4ngt sich auf. In diese Gemengelage also tritt nun die Autorin Kathleen DuVal mit ihrem Buch: \u201eNative Nations. A Millennium in North America\u201d.<\/p>\n<p>DuVal ist Professorin in North Carolina und Anliegen ihres Werks ist ein Perspektivwechsel. Der Mythos des unbefleckten Landes wird dekonstruiert. Gezeigt wird: Das Amerika vor Kolumbus hatte urbane Zentren, Handel, Politik, Landwirtschaft. Kurzum, wie es in der Einleitung hei\u00dft: Es hatte und \u201emachte Geschichte\u201d. Dabei zeigt die Autorin auch: Die Reduktion indigener Geschichte auf das Bild halbnackter Bisonj\u00e4ger wiederholt koloniale Stereotype.<\/p>\n<p>So geht es zu den Mississippi-Kulturen, an H\u00fcgelbauten, auf kontinentale Handelswege und in diplomatische Verhandlungen zwischen Indigenen und Siedler*innen \u2013 lebendig geschrieben und detailreich. Auch die Abgr\u00fcnde werden ausgeleuchtet: Umsiedlungen, L\u00fcgen und Verbrechen. Vom Marsch der Tr\u00e4nen bis zu gesetzlicher Diskriminierung. V\u00f6lkermord? Genozid? DuVal meint: \u201eLabels wie Genozid, Ethnische S\u00e4uberung und Siedler-Kolonialismus passen unbestreitbar gut.\u201d\u00a0<\/p>\n<p>Dabei korrigiert sie immer wieder die Vorstellung, die indigenen Gesellschaften seien mit Eintreffen der Europ\u00e4er*innen wie ein Kartenhaus zusammengefallen. Disruption ja. Aber in Jahrhunderten. Und: Das Machtverh\u00e4ltnis war anf\u00e4nglich umgedreht. Zun\u00e4chst waren es \u00fcber Jahrhunderte die Europ\u00e4er*innen, die sich mit \u00fcberlegenen Indigenen arrangieren mussten.\u00a0<\/p>\n<p>\u00dcberzeugend ist dabei insbesondere, dass indigene Stimmen selbst zu Wort kommen. Denn dadurch wird eine weitere\u00a0These des Buches untermauert: dass n\u00e4mlich Geschichte auch Gegenwart ist.\u00a0<\/p>\n<p>All das ist verdienstvoll. Jedoch: Manches l\u00e4uft schief und ist dabei bezeichnend f\u00fcr einen gewissen aktivistischen Trend westlicher Universit\u00e4ten. Denn immer wieder dr\u00e4ngt die P\u00e4dagogik so in den Vordergrund, dass faszinierende Einblicke durch Doppelstandards und Relativierungen belastet werden. Geschieht das, wenn der Wunsch zu gro\u00df ist, dass ein Beitrag Einfluss auf den \u00f6ffentlichen Diskurs nehmen soll?<\/p>\n<p>Indigene Foltertechniken werden angesprochen, aber sogleich relativiert: \u201eNichts ungew\u00f6hnliches im 17. Jahrhundert\u201d, befindet DuVal. Auch das Rolandlied verweise schlie\u00dflich auf Blutvergie\u00dfen. Hat sich f\u00fcr derlei Relativierungen nicht der Begriff Whataboutism eingeb\u00fcrgert? Gemeint ist der rhetorische Kniff, ein kritisches Argument mit dem Verweis auf einen anderen Missstand zu relativieren. Rassistische Kategorien der Europ\u00e4er*innen werden zurecht als \u201ehierarchische Obsession\u201d kritisiert. Indigene Sch\u00f6pfungsmythen aber, in dem der \u201eHerr des Lebens sie vor allen anderen Rassen kreierte und ihnen all seine Weisheit gab\u201d, kommen ohne Einordnungen aus.\u00a0<\/p>\n<p>Fehlende indigene urbane Zentren zum Zeitpunkt des Ernstkontakts werden dabei als Konsequenz\u00a0weitsichtiger Entscheidungen dargestellt: Als gewollte R\u00fcckabwicklung von Entwicklung zu einem harmonischeren Naturzustand. Das aber scheint dann doch ein schwerer Fall von intentionalistischer Verk\u00fcrzung.\u00a0<\/p>\n<p>Ist das Konsequenz einer Methode, die sich eben weitgehend auf m\u00fcndliche \u00dcberlieferungen st\u00fctzen muss und dabei stets den Sprechern die letzte Deutungshoheit zugesteht? Sicher: Gesichtet werden kann nur, was es gibt. Doch auch m\u00fcndliche Traditionen ben\u00f6tigen Quellenkritik, wie jede Runde Stille Post belegen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Die indigene Seite wird dabei zurecht so differenziert wie irgend m\u00f6glich ausbuchstabiert. Doch warum auf der anderen Seite dann die Pauschalisierung? Denn wenn es um die Motive der Europ\u00e4er*innen geht, wird vereinfacht, was das Zeug h\u00e4lt. Hier wird dann auch eine Sprache verwendet, die der Autorin bez\u00fcglich aktueller Migrationsbewegungen wohl kaum in den Sinn k\u00e4me: Von \u201eMassen\u201d, die sich illegal ins Land w\u00e4lzen, ist da die Rede, von \u201eMenschenfluten\u201d und nat\u00fcrlich vom \u201ewei\u00dfen Kolonialismus\u201d.\u00a0<\/p>\n<p>Wie w\u00e4re es mit Differenziertheit in 360 Grad? Sind die Motive englischer Landadliger wirklich identisch mit denen irischer Bauern, die vor der Kartoffelf\u00e4ule in die Lower East Side flohen oder denen j\u00fcdischer Fl\u00fcchtlinge aus dem ukrainischen Shtetl? Alles eins? Alles getrieben vom Wunsch nach kolonialer Herrschaft, Profitstreben und White Supremacy?<\/p>\n<p>Das ist ein ziemlich gravierender blinder Fleck. Repliziert die Autorin hier nicht die Art von Verk\u00fcrzung, die sie eigentlich \u00fcberwinden m\u00f6chte? Dennoch: ein Werk, das zur Lekt\u00fcre empfohlen ist \u2013 denn es zeigt, wie progressive Anliegen den Blick weiten, aber dabei Gefahr laufen, legitime Ziele durch ideologischen \u00dcberschwang zu konterkarieren.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die US-Demokraten er\u00f6ffneten ihr diesj\u00e4hriges Sommertreffen mit einem Land Acknowledgement: Das ist ein in progressiven Kreisen um sich&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":452101,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-452100","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115270983734033855","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/452100","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=452100"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/452100\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/452101"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=452100"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=452100"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=452100"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}