{"id":454153,"date":"2025-09-27T09:20:22","date_gmt":"2025-09-27T09:20:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/454153\/"},"modified":"2025-09-27T09:20:22","modified_gmt":"2025-09-27T09:20:22","slug":"zwei-leben-in-berlin-und-zwei-wege-zur-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/454153\/","title":{"rendered":"Zwei Leben in Berlin und zwei Wege zur Freiheit"},"content":{"rendered":"<p class=\"tspB8m9 tspB8na\">Als Bayer aus Rosenheim erlebt Nikolaus Schwentner den Norden als gro\u00dfe Umstellung, sprachlich wie emotional. Man ist zur\u00fcckhaltender. Aber bald stellt er fest: Hat man erst mal Freunde, \u201edann sind das tiefe Freundschaften f\u00fcrs Leben\u201c. In M\u00fcnchen studiert er Physik, arbeitet danach in Hamburg und Kiel, ehe ihn ein Ruf an die Freie Universit\u00e4t Berlin ereilt. Mit 37 Jahren tritt Schwentner eine Professur in Experimentalphysik an.<\/p>\n<blockquote class=\"tspCVpo\">\n<p>Berlin war eine Stadt der Rentner und Wehrdienstverweigerer.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"tspCVpp\"><strong>Nikolaus Schwentner<\/strong>, Tagesspiegel-Leser, \u00fcber das West-Berlin der 1980er-Jahre<\/p>\n<p class=\"tspB8m9\">West-Berlin empf\u00e4ngt ihn k\u00fchl. Im Dezember 1982 kommt er mit Frau und zwei kleinen S\u00f6hnen in die verschneite Mauerstadt, um eine Wohnung zu suchen. \u201eDie Stadt hatte die geniale Idee, die Stra\u00dfen mit Asche zu bestreuen\u201c, erinnert er sich an seine ersten Eindr\u00fccke in jenem Winter. Das Auto hat bald eine zentimeterdicke Dreckschicht. Und die Menschen? \u201eBerlin war eine Stadt der Rentner und Wehrdienstverweigerer\u201c, sagt Schwentner. Um J\u00fcngere anzulocken, gibt es ein Begr\u00fc\u00dfungsgeld, der Umzug wird bezahlt. Begehrte Wohnungen liegen an S-Bahn-Strecken, \u201eweil alle davon ausgingen, dass diese sowieso nicht in Betrieb sein w\u00fcrden\u201c.<\/p>\n<p class=\"tspB8m9\">Es ist der Tagesspiegel, der dem Neu-Berliner die Stadt erschlie\u00dft und ihn seitdem begleitet: Anfangs kauft er ihn einzeln, wird sp\u00e4ter Abonnent. Der Zufall will es, dass beide am selben Tag geboren wurden: Der Tagesspiegel und Nikolaus Schwentner werden am 27. September 2025 80 Jahre alt.<\/p>\n<p>Tagesspiegel Checkpoint: Berlins beliebtester Newsletter<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/cp-icon.png\" alt=\"\" class=\"tspCGhm\"\/><\/p>\n<p class=\"tspCGn8\"> Der schnellste Berlin-\u00dcberblick von Montag bis Samstag. <\/p>\n<p class=\"tspB8m9\">Im Wissenschaftsteil erf\u00e4hrt Schwentner oft schon von den neuesten Entwicklungen an den Hochschulen, bevor es von der Senatsverwaltung oder der Uni selbst bekannt gegeben wird. Dort ist der alte Muff noch immer nicht ganz verflogen. \u201eSchwentner, bitte kommen Sie im Talar\u201c \u2013\u00a0so l\u00e4dt ihn ein Dekan einmal zu einer Promotion in Helsinki ein und l\u00e4sst nicht locker. Aber die wurden doch abgeschafft? Richtig, sagt man ihm an der FU. Doch das Trageverbot gelte nicht f\u00fcr eine Feier im Ausland. Also geht Schwentner zum Uni-Fundus, in dem die alten Talare liebevoll gepflegt werden. Er sucht sich einen aus und macht die Schau mit, nur dieses eine Mal.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/80-jahre-tsp-online.png\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"248\" loading=\"lazy\" class=\"tspBWl6\"\/><\/p>\n<p class=\"tspAKgw\"> \u00a9 Tagesspiegel <\/p>\n<p class=\"tspB8m9\">Seinen Uni-Alltag erlebt Schwentner als \u201eeine hervorragende Forschungszeit\u201c. Und die Stadt selbst? Mit zwei kleinen Kindern macht er sich schon seine Gedanken. Wie k\u00e4men sie wieder raus, wenn die Lage zwischen Ost und West weiter eskalierte? Trotz dieser Sorgen ist die Inselstadt weniger einengend als gedacht. Die junge Familie genie\u00dft Grunewald und Wannsee. F\u00fcr die Ferien gibt es die alte Heimat in Bayern als R\u00fcckzugsort. Und dann kommt, v\u00f6llig unerwartet, die Wende \u2013 \u201ewas f\u00fcr ein Gl\u00fccksfall!\u201c<\/p>\n<p> Drei Universit\u00e4ten \u2013 eine zu viel? <\/p>\n<p class=\"tspB8m9\">Braucht eine wiedervereinigte Stadt drei Universit\u00e4ten? Die Humboldt-Universit\u00e4t hat den gro\u00dfen Namen, die Technische Universit\u00e4t steht nicht zur Debatte. Doch die FU im Westen der Stadt, die lie\u00dfe sich aufteilen und wegk\u00fcrzen, lautet die verbreitete Bef\u00fcrchtung in Dahlem. Erst sp\u00e4ter folgt der Aufstieg in die internationale Spitze.<\/p>\n<p class=\"tspB8m9\">Sorgen gibt es auch in Mitte. Dort lehrt Sibylle Schmerbach an der Humboldt-Universit\u00e4t in der Spandauer Stra\u00dfe Wirtschaftsp\u00e4dagogik. F\u00fcr die HU geht es um Leben oder Sterben, wie Schmerbach sagt. Schafft die Uni den Systemwechsel, schafft man ihn selbst? Die wirtschaftswissenschaftliche Fakult\u00e4t gilt als systemnah, wird fast abgewickelt. Schlie\u00dflich kann das verhindert werden. Sibylle Schmerbach arbeitet in der Gr\u00fcndungskommission f\u00fcr einen v\u00f6llig neu zugeschnittenen Fachbereich. Sie baut im neu gegr\u00fcndeten Institut f\u00fcr Statistik und \u00d6konometrie eine neue \u201eWirtschafts- und Bev\u00f6lkerungsstatistik\u201c auf. <\/p>\n<p class=\"tspB8m9\">In Freude \u00fcber neue Freiheiten mischen sich in der Bev\u00f6lkerung der untergehenden DDR Sorgen, den Systemwechsel beruflich nicht zu \u00fcberstehen. Schmerbach schafft es, auch wenn sie vieles neu lernen muss. An der Uni wird es danach noch interessanter und bunter, denn die Bewerbungen kommen aus der ganzen Welt. Schon vor dem Mauerfall erlebt Schmerbach, die zehn Minuten Fu\u00dfweg von ihrem Institut in Mitte entfernt lebt, Berlin als einen Ort mit mehr Freiheiten als anderswo in der DDR. \u201eBesonders gegen\u00fcber dem Leben im Dorf, aus dem ich kam.\u201c<\/p>\n<blockquote class=\"tspCVpo\">\n<p>Berlin ist einfach eine Stadt, in der man frei leben kann. Da kann jeder leben, wie er will, und keiner r\u00fcmpft dar\u00fcber die Nase.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"tspCVpp\"><strong>Sibylle Schmerbach<\/strong>, Tagesspiegel-Leserin, \u00fcber die Liberalit\u00e4t der Hauptstadt<\/p>\n<p class=\"tspB8m9\">Auch wenn sie aus unterschiedlichen Teilen Deutschlands stammen, sind Sibylle Schmerbach und Nikolaus Schwentner schon immer durch eine Gemeinsamkeit verbunden: Beide wurden wie der Tagesspiegel am 27. September 1945 geboren. Doch w\u00e4hrend die Zeitung, mit der sie heute ihr Leben teilen, aus der Hauptstadt kommt, sind sie auf dem Land aufgewachsen. \u201eIch kenne immer noch den Bauernhof, zu dem mein Vater gewandert ist, um eine Kanne Milch f\u00fcr mich zu besorgen\u201c, erz\u00e4hlt Schwentner \u00fcber seine Kindheit in Oberbayern.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/ehemalige-berliner-dozentin-sibylle-schmerbach.jpeg\"   alt=\"\" aria-labelledby=\"caption-14366558\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspBWl6\"\/> Sibylle Schmerbach kam aus Th\u00fcringen nach Berlin und schlug am Ende einen akademischen Weg ein. <\/p>\n<p class=\"tspAKgw\"> \u00a9 privat <\/p>\n<p class=\"tspB8m9\">Schmerbach wird in Th\u00fcringen geboren, im Altenburger Land. Als ehemalige Gro\u00dfbauern bekommen ihre Eltern die <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/potsdam\/brandenburg\/die-kalte-des-sozialistischen-fruhlings-6498850.html\" class=\"link link--external\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"external\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zwangskollektivierung in den 50er-Jahren<\/a> hart zu sp\u00fcren. \u201eDas hat meine Sicht auf das Leben mitgepr\u00e4gt\u201c, sagt sie. W\u00e4hrend der Grundschulzeit erlebt das Kind t\u00e4glich die Schikanen dieses Zwangsprozesses mit:<strong> <\/strong>\u201edie unerf\u00fcllbaren Ablieferungssolls, die Benachteiligungen gegen\u00fcber den Klein- und Neubauern, die Abwerbung der Arbeitskr\u00e4fte und die soziale Ausgrenzung\u201c.<\/p>\n<p> Problem Westverwandtschaft  <\/p>\n<p class=\"tspB8m9\">Ihre \u00e4lteren Geschwister d\u00fcrfen kein Abitur machen, doch als j\u00fcngstes Kind hat Sibylle Gl\u00fcck. An Grenzen st\u00f6\u00dft sie bei ihrem Studienwunsch: Au\u00dfenhandel, das darf nicht sein \u2013 zu viele Verwandte im NSW, dem \u201eNichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet\u201c. Daraufhin lernt Schmerbach Handels- und Industriekauffrau. Von ihrer Dienststelle, der staatlichen Handelsorganisation HO, wird ihre Bewerbung f\u00fcr Wirtschaftsp\u00e4dagogik an der Humboldt-Uni voll unterst\u00fctzt \u2013\u00a0und sie wird sofort angenommen. Schmerbach bleibt als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Zwischen Vorlesungen, Seminaren und Forschungsarbeit heiratet sie, gebiert drei Kinder und promoviert.<\/p>\n<p class=\"tspB8m9\">\u201eBerlin ist einfach eine Stadt, in der man frei leben kann\u201c, sagt Sibylle Schmerbach. \u201eDa kann jeder leben, wie er will, und keiner r\u00fcmpft dar\u00fcber die Nase.\u201c Und jeden Tag hat man die M\u00f6glichkeit, etwas Interessantes zu machen. Dabei helfe ihr auch der Tagesspiegel. Die Zeitung sei bunter im besten Sinne geworden, auch wenn Schmerbach nicht jede Meinung teilt.<\/p>\n<p> Lesen Sie mehr \u00fcber 80 Jahre Tagesspiegel: <a href=\"https:\/\/checkpoint.tagesspiegel.de\/telegramm\/7MomaHTJGRavyWRrkb3mLn?icid=topic-list_14366045___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspCSo7\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vernissage zum 80. Geburtstag vom Tagesspiegel Die K\u00fcnstlerin Marion Eichmann hat dazu die Werkreihe \u201eStadtrundfahrten Berlin\u201c geschaffen. <\/a><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/80-jahre-und-fast-80-fragen-tagesspiegel-chefredaktion-im-dialog-mit-leserinnen-und-lesern-14325233.html?icid=topic-list_14366045___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspCSo7\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">80 Jahre und (fast) 80 Fragen Tagesspiegel-Chefredaktion im Dialog mit Leserinnen und Lesern <\/a><\/p>\n<p class=\"tspB8m9\">Zwei Leben, eine Zeitung. \u201eEs ist ein Privileg, als Hochschullehrer immer von motivierten jungen Leuten umgeben zu sein\u201c, blickt Nikolaus Schwentner zur\u00fcck. Sein Rat f\u00fcr die jungen Leute heute: sich nicht verunsichern lassen. Immer habe sie Kontakt gesucht zu Menschen, von denen sie etwas lernen konnte, erz\u00e4hlt Schmerbach. Ihre Lehre: \u201eMan sollte sich immer bewusst sein, dass man f\u00fcr sein Leben zuerst selbst verantwortlich ist.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als Bayer aus Rosenheim erlebt Nikolaus Schwentner den Norden als gro\u00dfe Umstellung, sprachlich wie emotional. 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