{"id":455402,"date":"2025-09-27T21:15:22","date_gmt":"2025-09-27T21:15:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/455402\/"},"modified":"2025-09-27T21:15:22","modified_gmt":"2025-09-27T21:15:22","slug":"paris-legende-des-fernsehens-georg-stefan-troller-ist-tot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/455402\/","title":{"rendered":"Paris | Legende des Fernsehens: Georg Stefan Troller ist tot"},"content":{"rendered":"<p>Paris (dpa) &#8211; Er sprach mit Marlene Dietrich,\u00a0Ingrid Bergman\u00a0und Konrad Adenauer. Ebenso mit einem\u00a0querschnittsgel\u00e4hmten Vietnam-Veteranen, der den Mut hatte, sich in seiner Verletzlichkeit nackt in der Badewanne filmen zu lassen. Georg Stefan Troller f\u00fchrte rund\u00a02.000 Interviews und schuf mehr als 170 Filme \u00fcber Menschen und ihre gro\u00dfen wie kleinen Lebensgeschichten. Nun ist der \u00d6sterreicher und US-Staatsb\u00fcrger j\u00fcdischer Herkunft im Alter von 103 Jahren gestorben, wie seine Tochter Fenn Troller in Paris mitteilte.<\/p>\n<p>Ein Pionier des Fernsehens\u00a0<\/p>\n<p>Troller war einer der bedeutendsten Fernsehjournalisten, Drehbuchautoren, Regisseure und Dokumentarfilmer der deutschen Nachkriegszeit. Schon in den 1960er Jahren stellte er in Interviews mit Prominenten der franz\u00f6sischen Kulturszene Fragen, die alles andere als gew\u00f6hnlich waren, wie: \u00abSind Sie gl\u00fccklich mit Ihrem Leben?\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Diese unverbl\u00fcmte, freche Direktheit war neu und unerh\u00f6rt. Weltbekannte Stars beantworteten Trollers Fragen pers\u00f6nlich und oft ber\u00fchrend offen \u2013 weit \u00fcber das hinaus, was sonst im Blitzlichtgeflimmer zu sehen war.\u00a0<\/p>\n<p>Der \u00abhuman touch\u00bb<\/p>\n<p>Mit seinem unverwechselbaren Stil und dem \u00abhuman touch\u00bb, den er als Erster ins Fernsehen brachte, wurde er zu einer Legende des deutschen Journalismus &#8211; und zum Vorbild ganzer Generationen.<\/p>\n<p>In einem langen Interview zu seinem 100. Geburtstag sagte er dem Bayerischen Rundfunk, er habe in die Menschen \u00abeintauchen\u00bb wollen, um zu verstehen, wie sie zu dem wurden, was sie sind. Als \u00abMenschenfresser\u00bb bezeichnete er sich selbst &#8211; eine Selbstbeschreibung f\u00fcr seine unstillbare Neugier, dem Leben und Schicksal anderer Menschen nachzusp\u00fcren.<\/p>\n<p>Subjektivit\u00e4t als Prinzip<\/p>\n<p>Immer suchte er einen subjektiven Zugang zu ihnen, manchmal auf unverfrorene oder sp\u00f6ttische Art und Weise. Die Schauspielerin Lauren Hutton fragte er, warum sie ihre Z\u00e4hne nie habe richten lassen. Die Amerikanerin war mit ihrem Zahnl\u00fccken-L\u00e4cheln einst auch eines der bestbezahlten Supermodels der Welt.\u00a0<\/p>\n<p>Seine betont subjektive Befragungsmethode wurde\u00a0zun\u00e4chst kritisiert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs\u00a0musste die Dokumentation dem Gebot der Objektivit\u00e4t gen\u00fcgen.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abMeine Ausdrucksweise konnte sich dem angleichen, aber dahinter lauerte der Subjektivismus\u00bb, erz\u00e4hlte er in dem\u00a0Interview weiter.\u00a0Diese Mischung sei sein Stil gewesen. Geschichten nur objektiv beschreiben, das k\u00f6nne er nicht, denn im Grunde sei er ein Lyriker &#8211; und wo gebe es Lyriker, die nicht mit &#8222;Ich&#8220; anfangen.\u00a0<\/p>\n<p>Erfolg mit \u00abPariser Journal\u00bb und \u00abPersonenbeschreibung\u00bb<\/p>\n<p>Troller machte die pers\u00f6nliche Sicht der Dinge\u00a0zum Hauptreiz seiner mehrfach ausgezeichneten Sendungen, wie dem \u00abPariser Journal\u00bb im Westdeutschen Rundfunk (WDR), mit prominenten G\u00e4sten aus der franz\u00f6sischen Metropole, und der ZDF-Sendereihe \u00abPersonenbeschreibung\u00bb mit psychologischen Portr\u00e4ts von Menschen aus vielen L\u00e4ndern und unterschiedlichster Geschichte.\u00a0<\/p>\n<p>Seine Portr\u00e4ts reichten von A wie dem Boxer Muhammad Ali \u00fcber K wie Edmond Kaiser, Gr\u00fcnder des Kinderhilfswerks \u00abTerre des Hommes\u00bb, der ihm das Elend der Leprakranken in Indien vor Augen f\u00fchrte, bis Z wie Elmo Zumwalt, der mitverantwortlich war f\u00fcr das Verspr\u00fchen von Entlaubungsmitteln im Vietnam-Krieg.<\/p>\n<p>Flucht und Neubeginn<\/p>\n<p>Troller wurde am 10. Dezember 1921 in Wien in eine j\u00fcdische Pelzh\u00e4ndlerfamilie geboren. 1938 fl\u00fcchtete\u00a0die Familie\u00a0vor den Nazis zun\u00e4chst in die\u00a0Tschechoslowakei, dann nach Frankreich\u00a0und\u00a0Amerika. Im Jahr 1943 wurde er von der US-Armee zum Kriegsdienst eingezogen, im April 1945 war er an der Befreiung des KZ Dachau beteiligt. Wegen seiner Deutschkenntnisse wurde er von den Amerikanern\u00a0mit der Vernehmung von Kriegsgefangenen beauftragt.<\/p>\n<p>Nach dem\u00a0Ende des Zweiten Weltkriegs begann er in den USA Anglistik und\u00a0Theater zu studieren, bevor er an die Sorbonne nach Paris kam. Dort fand er seine Berufung als Kulturkorrespondent und Fernsehreporter. Troller lebte \u00fcber 70 Jahre in Frankreich; seine zweite Frau starb 2018 und wurde in Paris beerdigt.<\/p>\n<p>Trollers \u00e4lteste Tochter Fenn Troller erinnerte sich an eine Kindheit \u00abin einem kosmopolitischen Umfeld\u00bb, in dem sie umgeben \u00abvon Worten, Sprachen, B\u00fcchern und vielseitigen Kunstwerken\u00bb aufwuchs. \u00abUnser Leben wurde gepr\u00e4gt von Dreharbeiten, Treffen mit Familie und Freunden aus aller Welt sowie Urlaub in unserem von einem Wassergraben umgebenen Steinhaus in der Normandie.\u00bb Ihre zuf\u00e4llige Entdeckung von Fotos, die ihr Vater in den f\u00fcnfziger Jahren aufgenommen hatte, habe es ihm erm\u00f6glicht, sein Erinnerungsbuch \u00abEin Traum von Paris\u00bb zu ver\u00f6ffentlichen und am Ende seines Lebens als gro\u00dfer Fotograf anerkannt zu werden.<\/p>\n<p>Arbeit als \u00dcberlebensstrategie<\/p>\n<p>Trollers Hauptantriebskraft war nach eigener Aussage die \u00dcberwindung seiner nat\u00fcrlichen, durch Flucht und Verfolgung verst\u00e4rkten Menschenangst. Indem er ausgew\u00e4hlten Menschen die Fragen stellte, die er an sich selbst hatte, erweiterte er seinen eigenen Erfahrungshorizont als Mensch und Filmemacher.\u00a0<\/p>\n<p>Er habe seine Arbeit zum \u00dcberleben gebraucht, sagte er einst. Selbstbefragung nannte er seine St\u00e4rke, die ihm half, Fragen zu finden, die er anderen stellte. F\u00fcr Troller waren Interviews letztlich Selbstgespr\u00e4che.<\/p>\n<p>In einem Interview mit der Plattform f\u00fcr den deutsch-franz\u00f6sischen Dialog \u00abdokdoc.eu\u00bb zog Troller sein Lebensres\u00fcmee: \u00abIch bin zu dem geworden, wozu ich innerlich vorbestimmt war\u00bb, antwortete er. Und er setzte hinzu: \u00abWas ich mir ertr\u00e4umt habe, ist wahr geworden.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Paris (dpa) &#8211; Er sprach mit Marlene Dietrich,\u00a0Ingrid Bergman\u00a0und Konrad Adenauer. 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