{"id":457206,"date":"2025-09-28T15:04:13","date_gmt":"2025-09-28T15:04:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/457206\/"},"modified":"2025-09-28T15:04:13","modified_gmt":"2025-09-28T15:04:13","slug":"tobias-kratzers-start-in-hamburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/457206\/","title":{"rendered":"Tobias Kratzers Start in Hamburg"},"content":{"rendered":"<ol class=\"id-DonaldBreadcrumb lp_west_breadcrumb id-DonaldBreadcrumb--default\" data-k5a-pos=\"west_breadcrumb\">\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"1_startseite\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Startseite<\/a><\/li>\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"2_kultur\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kultur<\/a><\/li>\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/theater\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"3_theater\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Theater<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"id-Story-timestamp id-Story-timestamp--default\">Stand: 28.09.2025, 16:52 Uhr<\/p>\n<p class=\"id-Story-authors id-Story-authors--default\">Von: <a class=\"id-Story-authors-link lp_west_author\" href=\"https:\/\/www.fr.de\/autor\/judith-von-sternburg-xaw4z3af4.html\" title=\"Zur Autorenseite von Judith von Sternburg\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" author-link=\"\" von=\"\" sternburg=\"\" data-k5a-pos=\"west_author\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Judith von Sternburg<\/a><\/p>\n<p class=\"id-Story-interactionBar id-Story-interactionBar--default\">DruckenTeilen<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"id-RatioPlaceholder-element wv_story_el_image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/39880285-die-saengerin-und-der-saenger-stehen-einander-vor-weisser-wand-gegenueber-Pfe.jpg\" loading=\"eager\" fetchpriority=\"high\"   height=\"619\" width=\"1100\" alt=\"Die S&#xE4;ngerin und der S&#xE4;nger stehen einander vor wei&#xDF;er Wand gegen&#xFC;ber.\"\/>Die kleine, wilde Peri, Vera-Lotte Boecker, und der gro\u00dfe, milde Engel, Ivan Borodulin. \u00a9\u00a0Monika Rittershaus<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-leadText\">Tobias Kratzer beginnt seine Hamburger Intendanz entlarvend und umarmend, verkopft und sinnlich \u2013 ein Geniestreich. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Das nennt man einen Auftakt nach Ma\u00df. Es wurde sogar gebuht, also: einer buhte, das ist unvermeidlich an einem Abend, der etwas wagt. Au\u00dferdem buhte eine bereits w\u00e4hrend der Vorstellung, aber das geh\u00f6rte dazu. Tobias Kratzers Verkleidungungsspiele sind wie immer so gut, dass man es fast geglaubt h\u00e4tte. Man nennt das einen Auftakt nach Ma\u00df, weil das alles sehr gut durchdacht ist. Genau so sollte es sein, an diesem Ort, zu diesem Zeitpunkt. Was tun mit den gro\u00dfen, etwas \u00fcbergro\u00df gewordenen Erwartungen? Hier die \u00fcberzeugendste aller m\u00f6glichen Antworten. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Seine Intendanz an der Hamburgischen Staatsoper er\u00f6ffnet der 45 Jahre alte Regisseur Kratzer \u2013 soeben von der Fachzeitschrift \u201eOpernwelt\u201c erneut zum Regisseur des Jahres gek\u00fcrt \u2013 nicht mit einer Gro\u00dfoper von Wagner oder Strauss oder wenigstens Meyerbeer oder Bellini. Er nimmt nicht einmal eine richtige Oper daf\u00fcr, sondern ein duftiges Oratorium, musikalisch \u00fcber alle Zweifel erhaben, textlich in einem wunderlichen Zwischenreich zwischen persischer Mythologie nach westlicher Lesart, Empfindsamkeit und mehr romantischer als christlicher Erl\u00f6sungssehnsucht.  <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">1843 in Leipzig uraufgef\u00fchrt, hat Robert Schumanns \u201eDas Paradies und die Peri\u201c zur Titelheldin ein stilles Geschwisterchen  des nur wenige Monate \u00e4lteren  \u201eFliegenden Holl\u00e4nders\u201c: ein Engelswesen, dessen Vertreibung aus dem Paradies nicht begr\u00fcndet wird und dessen tapferer Kampf, mittels dreier Gaben an jenen Sehnsuchtsort zur\u00fcckzugelangen, in drei Teilen geschildert wird. Die Gaben: das Blut eines jungen K\u00e4mpfers gegen die Tyrannei; der letzte Seufzer einer Frau, die mit dem pestkranken Geliebten sterben will\/wird; die Tr\u00e4nen eines  reuigen Alten angesichts der Unschuld eines Kindes. Keine anderthalb Stunden dauert das.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Kratzer nutzt es vielf\u00e4ltig, seine Inszenierung spielt und tr\u00e4gt zusammen mit der absoluten Sch\u00f6nheit der Musik auf mindestens zwei Ebenen. Dass die Musik aber die einzige ist, die ohne die anderen sein k\u00f6nnte, wird keinen Moment geleugnet. Omer Meir Wellber, der neue Hamburger Generalmusikdirektor, dirigiert das Philharmonische Staatsorchester schlank und mit Schmelz, aber nicht zu s\u00fc\u00df. Als Rest der oratorischen, nichtszenischen Situation sind Solisten und Solistinnen meist gut platziert, der Chor (geleitet von Alice Meregaglia) ist in allen Belangen agil. Im Ensemble sehr gute bis grandiose Stimmen, angef\u00fchrt von Kai Kluge mit kernigem Evangelisten-Tenor und Annika Schlicht mit einem altw\u00fcrdigen Mezzo.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">In maximaler Aktion ist nur die Peri selbst, Vera-Lotte Boecker, die Bank der B\u00fchnenszenerie als seidig und innig singende Sopranistin mit hohem lyrischen Anteil und als Schauspielerin mit Haut und Haar: eingangs noch von den Federn umgeben, am R\u00fccken der Schmerz, den jeder sp\u00fcren wird, der sieht, wie Boeckers Arme an den Schulterbl\u00e4ttern die verlorenen Fl\u00fcgel suchen. Nachher vollst\u00e4ndig mit Theaterblut \u00fcbergossen. Nachher \u00fcber die Bestuhlung des Parketts den Weg nach oben suchend, singend, schwankend, vom Publikum gest\u00fctzt. Im bis dahin gesch\u00e4rften Blick f\u00fcr die Theatersituation als Situation zwischen Menschen (die einen machen was, die anderen sehen zu) ist das ergreifend, die Nat\u00fcrlichkeit, mit der Menschen einander mit bescheidenen Armbewegungen vorm Absturz bewahren k\u00f6nnen. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Im schneewei\u00dfen Alles-auf-Anfang-Raum von Ausstatter Rainer Sellmaier entwickeln sich klug, nicht rigoros aktualisiert die Handlungselemente: Tyrannei und Krieg als unruhiges Herumeilen von heute und pr\u00e4chtige Theaterchorschl\u00e4gerei. Der Pesttod als Pandemie-Setting mit Schutzanz\u00fcgen. Das spontane Mitleid des Alten mit dem Jungen zeigt die Welt als Halbkugel, ein schneefreies Schneeglas, in dem Kinder \u00fcber einer Spielzeugstadt Flugzeuge fliegen lassen. Schon fangen die Schornsteine an zu qualmen, schon sieht man in der Glashalbkugel nichts mehr. Zum Gl\u00fcck nur Theaternebel, aber nur im Theater ist es nur Theaternebel.  <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Man ist zum Ende der Teile hin allerdings immer abgelenkt, auch das selbstverst\u00e4ndlich Kalk\u00fcl. Schon beim Einlass etablieren Kratzer und Manuel Braun (Video) eine weitere Ebene, eine Leinwand auf der B\u00fchne, die Bilder aus dem Saal zeigt. \u201eWillkommen\u201c steht auf der Leinwand au\u00dferdem, passend zum Tag und zum St\u00fcck (das mit diesem Wort endet). Man entdeckt sich, man feixt, man winkt. Auf der B\u00fchne bereits einige S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger, die ebenfalls interessiert zu uns her\u00fcberschauen: Die B\u00fchne glotzt zur\u00fcck. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Dann aber geht das Saallicht gegen Ende der \u201ePeri\u201c-Kapitel immer wieder an, die Bilder des nachdenklichen, verlegenen, d\u00f6senden Publikums zeigen sich. Ohnehin ein ungewohnter Anblick, aber ausget\u00fcftelt: Zum  Kriegskapitel buht eine \u201eZuschauerin\u201c und schreit, das sei doch keine Oper. Zum holden Schlummer-Lied im Pest-Kapitel kommt ein \u201eSchlafender\u201c ins Bild, der erst aufwacht, als seine \u201eFrau\u201c ihn in die Seite piekst. Als Zusatzspur tr\u00e4gt die Frau eine medizinische Maske. Trotzdem: Wirklich gute Bilder, auch davon handelt der Abend, glaubt der Mensch einfach (man \u00e4rgert sich sogar kurz, Schlafen im Theater ist doch eine der wenigsten Dinge, die dem Publikum erlaubt sind, und nun kichern alle \u00fcber den armen Mann). Zum Abschluss des Mitleidskapitels: ein \u201eZuschauer\u201c weint.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Ehrlich gesagt ist das genial, aber es kommt noch besser: Im buchst\u00e4blichen Schlussspurt vor der Leinwand, die jetzt Fu\u00dfwege und Stra\u00dfen dieser Erde zeigt, rennt Boecker erst alleine, mal verschwitzt, mal verschneit, dann mit vielen anderen in  Richtung Paradies (ja, zusammen ist es sch\u00f6ner, kluges Theater kann einem Lehren und sogar Binsenweisheiten auf den Weg geben, ohne dass man sich st\u00f6rt, man freut sich sogar dar\u00fcber und \u00fcberlegt sich, mal wieder was mit anderen zu unternehmen). <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Das bisher von Bilderbuchengeln bewachte Ziel ist aber anders als erwartet. Das Paradies ist ein Konzertpodium, auf dem ein Chor das Ende von Schumanns \u201eDas Paradies und die Peri\u201c singt. Auch die Peri wird noch fix in ein schwarzes langes Kleid und in die Reihe gesteckt. Sie f\u00fchlt sich unbehaglich. Sie passt hier nicht rein. Sie weint. Sie nimmt die Beine in die Hand. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">So erz\u00e4hlt Kratzer nicht nur vom Paradies und der Peri und rei\u00dft nicht nur die vierte Wand flugs ein, die zwischen Opernb\u00fchne und -publikum recht stabil ist. Er stellt auch flugs infrage, was das Theater eigentlich kann und soll. Wenig. Aber etwas Besseres, um alles zu zeigen, zu reflektieren und zu f\u00fchlen, haben wir nicht. <\/p>\n<p>Und das ist  noch nicht alles<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Am n\u00e4chsten Tag des Festwochenendes, das schon als solches eine gro\u00dfe, gl\u00fcckliche Umarmung ist, noch eine Setzung: Der Intendant inszeniert (mit Koregisseur Matthias Piro) die Kinderoper \u201eDie G\u00e4nsemagd\u201c der in Hamburg geborenen Komponistin Iris ter Shiphorst, von Helga Utz geschrieben auf das Grimm-M\u00e4rchen. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">In der Studiob\u00fchne Opera Stabile sitzt das Publikum in der Mitte auf dem Boden, und die Mitte ist die G\u00e4nsewiese. Man soll mitgackern. Der Lohn ist perfektes Kindertheater, v\u00f6llig kompromisslos musikalisch, optisch und in der Sache. Null Video auf einer von Sellmaier  traumhaft ausgestatteten rundherumlaufenden B\u00fchne, aber mit einem sprechenden Falada-Kopf, wie Sie ihn noch nicht gesehen haben werden. Das Theater kann alles und besser. Denn Claudia Chan dirigiert nun die vierk\u00f6pfige Combo \u2013 unter anderem Keyboard und Kontrabassklarinette \u2013, und Ida Aldrian ist nur die allersch\u00f6nste Sopranstimme in einem glanzvollen, witzigen Ensemble. Einen Meter weg, manchmal weniger. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Es kann gut sein, dass an diesem Wochenende eine ganz gro\u00dfe Theatergeschichte angefangen hat.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\"><strong>Staatsoper Hamburg: <\/strong>\u201eDas Paradies und die Peri\u201c \u2013 30. September, 3., 11., 14., 17., 24. Oktober, 1. November. \u201eDie G\u00e4nsemagd\u201c \u2013 bis 15. <br \/>Oktober (derzeit keine Karten). die-hamburgische-staatsoper.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Startseite Kultur Theater Stand: 28.09.2025, 16:52 Uhr Von: Judith von Sternburg DruckenTeilen Die kleine, wilde Peri, Vera-Lotte Boecker,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":457207,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1826],"tags":[29,30,692],"class_list":{"0":"post-457206","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-hamburg","8":"tag-deutschland","9":"tag-germany","10":"tag-hamburg"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115282540284259794","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/457206","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=457206"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/457206\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/457207"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=457206"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=457206"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=457206"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}