{"id":459036,"date":"2025-09-29T08:30:15","date_gmt":"2025-09-29T08:30:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/459036\/"},"modified":"2025-09-29T08:30:15","modified_gmt":"2025-09-29T08:30:15","slug":"donald-trump-warum-amerikas-demokratie-nicht-sterben-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/459036\/","title":{"rendered":"Donald Trump: Warum Amerikas Demokratie nicht sterben wird"},"content":{"rendered":"<p>Politikwissenschaftler bis linksliberale Aktivisten sehen Donald Trump als Totengr\u00e4ber der US-Demokratie. Da ist Skepsis angebracht. Vergleiche mit autorit\u00e4ren Herrschern, denen die Abschaffung der Demokratie nicht gelungen ist, zeigen, dass dem Pr\u00e4sidenten daf\u00fcr eines fehlt.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Seit zehn Jahren h\u00f6ren wir, dass Pr\u00e4sident Donald Trump das Ende der Demokratie in Amerika einl\u00e4uten wird. In linksliberalen Kreisen wird diese Behauptung oft als Tatsache akzeptiert. F\u00fcr viele liegt der Beweis in den Anzeichen f\u00fcr den Niedergang der Demokratie in anderen L\u00e4ndern. Eine Reihe amerikanischer politischer Schriften warnt davor.<\/p>\n<p>Das vielleicht bekannteste Werk ist \u201eHow Democracies Die\u201c (Wie Demokratien sterben) der Harvard-Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Daniel Ziblatt. Es gibt viele weitere Beispiele f\u00fcr dieses Genre. Aber die USA unterscheiden sich von vielen L\u00e4ndern, die in der Literatur zum \u201eTod der Demokratie\u201c eine wichtige Rolle spielen. Und f\u00fcr Amerikaner, die sich Sorgen dar\u00fcber machen, was Trump in seiner zweiten Amtszeit tun wird, ist die Art und Weise, wie andere Demokratien gestorben sind, nicht zentral. Die eigentliche Frage ist, ob die US-Demokratie \u00fcberleben wird oder nicht.<\/p>\n<p>Sicherlich unternimmt <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/donald-trump\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/donald-trump\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Trump<\/a> all das, was auch die von Levitsky und Ziblatt untersuchten Autorit\u00e4ren tun: Er weigert sich, Wahlniederlagen zu akzeptieren, bezeichnet politische Gegner als Kriminelle und versucht, sie ins Gef\u00e4ngnis zu bringen, w\u00e4hrend er gleichzeitig seine gewaltt\u00e4tigen Anh\u00e4nger unterst\u00fctzt. Er attackiert Gegner und Medien als \u201eFeinde des Volkes\u201c. Aber Trumps Autoritarismus \u00e4hnelt auch dem gef\u00e4hrlicher Populisten, denen es nicht gelungen ist, die Demokratie zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Sorgf\u00e4ltige Studien kommen zu dem Ergebnis, dass nur etwa ein F\u00fcnftel der gef\u00e4hrlichen Populisten tats\u00e4chlich die Demokratie abschaffen. Wenn man die Bedrohung durch Trump ernsthaft abw\u00e4gen will, sollte man fragen, was den Unterschied zwischen L\u00e4ndern ausmacht, in denen die Demokratie untergegangen ist, und Staaten, in denen sie \u00fcberlebt hat. W\u00e4hrend etwa <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus180585408\/Wie-Demokratien-sterben-Daniel-Ziblatt-ueber-Autokratien.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus180585408\/Wie-Demokratien-sterben-Daniel-Ziblatt-ueber-Autokratien.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Levitsky und Ziblatt <\/a>sich auf Lateinamerika und Europa vor dem Zweiten Weltkrieg konzentrierten (beide Regionen mit zahlreichen gescheiterten Demokratien), fasse ich meinen Blick weiter, von der alten mexikanischen Regierungspartei bis zur griechischen Finanzkrise. <\/p>\n<p>Ich habe Forschungsarbeiten gefunden, die relevante und wichtige Fragen aufwerfen. Was k\u00f6nnen wir beispielsweise von den fortgeschrittenen kapitalistischen Demokratien lernen, die das brutale 20. Jahrhundert \u00fcberstanden haben \u2013 zwei Weltkriege, die Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren, die Stagflation der 70er-Jahre, die Bedrohung durch die Sowjetunion und China? Nur zwei sind autorit\u00e4ren Bedrohungen zum Opfer gefallen: Italien und Deutschland zwischen den Weltkriegen.<\/p>\n<p>Dies ist ein schlimmer Augenblick f\u00fcr die US-Demokratie. Aber was w\u00e4re, wenn wir mehr Vertrauen bes\u00e4\u00dfen, dass unsere Demokratie Trump 2.0 \u00fcberleben kann? Das k\u00f6nnte die politische Atmosph\u00e4re etwas entsch\u00e4rfen und Institutionen mehr Selbstsicherheit geben, gegen verfassungswidrige Forderungen von Trump vorzugehen. Alle Amerikaner k\u00f6nnten vielleicht besser \u00fcber diesen schwierigen Moment hinausblicken und sich mehr auf die L\u00f6sung der Probleme einer Demokratie konzentrieren, die bereits dringend reparaturbed\u00fcrftig war, bevor Trump die Situation noch verschlimmert hat. Ein sorgf\u00e4ltiger Vergleich mit L\u00e4ndern, die autokratische Bestrebungen abgewehrt haben, sowie mit denen, die ihnen erlegen sind, legt nahe: Die amerikanische Demokratie k\u00f6nnte widerstandsf\u00e4higer sein als man denkt. Zumindest hat sie entscheidende Vorteile gegen\u00fcber Demokratien, die gescheitert sind: Keine war auch nur ann\u00e4hernd so reich. Keine war auch nur ann\u00e4hernd so langlebig. Keine hatte schlie\u00dflich ein Rechtssystem, dessen Urspr\u00fcnge bis zur Magna Carta von 1215 zur\u00fcckreichen.<\/p>\n<p>Reiche Demokratien sterben selten. Wie der Politikwissenschaftler Seymour Martin Lipset 1959 schrieb: \u201eJe wohlhabender eine Nation ist, desto gr\u00f6\u00dfer sind die Chancen, dass sie die Demokratie aufrechterh\u00e4lt.\u201c Der Demokratietheoretiker Adam Przeworski stellte 2005 die ber\u00fchmte Beobachtung an, dass die Demokratie in Entwicklungsl\u00e4ndern zwar immer wieder gescheitert sei, aber Volkswirtschaften, die reicher waren als Argentinien, als das Milit\u00e4r 1976 die Macht \u00fcbernahm, insgesamt tausend Jahre \u00fcberlebt h\u00e4tten. Keine sei gescheitert, trotz \u201eKriegen, Unruhen, Skandalen, Wirtschafts- und Regierungskrisen, Hochwasser und H\u00f6llenqualen\u201c. Die T\u00fcrkei und Ungarn haben seitdem die Schwelle von \u201eArgentinien 1976\u201c \u00fcberschritten. Dennoch identifizierte eine Studie aus dem Jahr 2020 nur drei Arten von Staaten, in denen das Pro-Kopf-Einkommen 36.000 US-Dollar \u00fcberstieg: Demokratien, \u00d6lstaaten und das wohlhabende Handelszentrum Singapur.<\/p>\n<p>Die USA als reiche Demokratie <\/p>\n<p>Auch die Langlebigkeit spielt eine Rolle. Eine statistische Tour de Force aus dem Jahr 2005 ergab, dass eine Demokratie, die mehr als 50 Jahre bestand und ein Pro-Kopf-Einkommen von mehr als 23.000 Dollar aufwies, eine Null-Prozent-Chance hatte, zu scheitern. (Die Studien verwendeten unterschiedliche Basisjahre f\u00fcr Einkommensniveaus; ich habe sie inflationsbereinigt, um sie an die Werte von 2025 anzun\u00e4hern.) Statistische Studien garantieren nicht, dass es niemals Ausrei\u00dfer geben wird. Doch eine so breite \u00dcbereinstimmung \u00fcber so viele Jahre hinweg ist sehr aussagekr\u00e4ftig. Da das sowohl f\u00fcr parlamentarische als auch f\u00fcr pr\u00e4sidiale Regime gilt, gehen Wissenschaftler davon aus, dass es weniger auf das politische System als auf die Zivilgesellschaft zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. <\/p>\n<p>Przeworski vermutete, dass in Gesellschaften mit niedrigerem Einkommen zwar K\u00e4mpfe um knappe Ressourcen ausbrechen k\u00f6nnen, in wohlhabenden Gesellschaften jedoch eine existenzielle Angst vor dem Verlust der Rechtsstaatlichkeit entsteht, was Teile der Gesellschaft in fortgeschrittenen kapitalistischen Demokratien verbindet, die sonst in Konflikt stehen.<\/p>\n<p>In j\u00fcngster Zeit haben wir schwere Besch\u00e4digungen der Demokratie erlebt. Aber in den meisten F\u00e4llen bedeutet ein solcher R\u00fcckschritt nicht das Ende. Anhand der Datenbank \u201eVarieties of Democracy\u201c, die Hunderte von Indikatoren f\u00fcr Regierungsf\u00fchrung auf einer Skala von demokratisch bis autokratisch bereitstellt, haben Forscher der University of Texas festgestellt, dass von 30 F\u00e4llen von R\u00fcckschritten zwischen 2000 und 2019 nur acht zu einem Zusammenbruch der Demokratie gef\u00fchrt haben. <\/p>\n<p>Denn die Zivilgesellschaft bek\u00e4mpft solche R\u00fcckschritte. Wenn die Regierung von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/viktor-orban\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/viktor-orban\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Viktor Orb\u00e1n<\/a> Unternehmen durch die Vergabe von Auftr\u00e4gen f\u00f6rdert und als gr\u00f6\u00dfter Werbekunde des Landes freundlich gesinnte Medien am Leben erh\u00e4lt, m\u00fcssen diese sich entweder unterwerfen oder den Ruin riskieren. Eine wohlhabende Gesellschaft hingegen stellt unabh\u00e4ngigen Institutionen der Zivilgesellschaft so reichlich Ressourcen zur Verf\u00fcgung, dass es praktisch unm\u00f6glich ist, sie zu unterdr\u00fccken. Und je l\u00e4nger diese Institutionen reifen k\u00f6nnen, desto etablierter werden sie.<\/p>\n<p>Die US-Demokratie hat eine weitere St\u00e4rke: Sie ist pr\u00e4sidial. Die g\u00e4ngige Meinung war fr\u00fcher das Gegenteil. Theoretiker sahen parlamentarische Systeme als sicherer an. Das liegt daran, dass Premierminister oft Koalitionen aus mehreren Parteien anf\u00fchren, wodurch unterschiedliche Stimmen Geh\u00f6r finden, und wenn etwas schiefgeht, k\u00f6nnen sie viel leichter abgesetzt werden. Au\u00dferdem galten Pr\u00e4sidentschaften vor einigen Jahrzehnten als instabil, unter anderem weil sie in Lateinamerika regelm\u00e4\u00dfig vom Milit\u00e4r gest\u00fcrzt wurden. In j\u00fcngster Zeit sind Milit\u00e4rputsche zur Macht\u00fcbernahme jedoch weitgehend verschwunden. Stattdessen besteht die aktuelle Herausforderung darin, dass Autokraten Wahlen gewinnen und versuchen, von innen autorit\u00e4re Macht zu erlangen, was in parlamentarischen Systemen einfacher ist. <\/p>\n<p>Die Checks und Balances, die Pr\u00e4sidenten einhegen, erschweren das Leben aufstrebender Autorit\u00e4rer. Kurt Weyland von der University of Texas identifiziert 17 gef\u00e4hrliche Populisten seit 1980 in Pr\u00e4sidialsystemen von zumindest mittlerer St\u00e4rke, wie in Argentinien oder Brasilien. Nur zwei von ihnen gelang es, die Demokratie zu zerst\u00f6ren; diese beiden hatten eine wichtige Gemeinsamkeit. Trumps Unterst\u00fctzung mag seine Gegner beunruhigen, aber sie ist weitaus geringer als er ben\u00f6tigt, um die Demokratie zu zerst\u00f6ren. In Pr\u00e4sidialsystemen mit zumindest mittlerer St\u00e4rke hatten Populisten, die seit 1980 die Demokratie besiegten, Zustimmungswerte von 80 Prozent oder mehr \u2013 fast doppelt so viel wie Trump. Die beiden Pr\u00e4sidenten, denen es gelang, Demokratien zu zerst\u00f6ren, waren Alberto Fujimori in Peru und Nayib Bukele in El Salvador. Beide kamen an die Macht, indem sie gro\u00dfe Krisen l\u00f6sten, was ihnen zu Zustimmungswerten von 80 bis 90 Prozent verhalf. Wenn ein F\u00fchrer so beliebt ist, k\u00f6nnen Institutionen, die in der Lage w\u00e4ren seine Macht einzuschr\u00e4nken, ihn unterst\u00fctzen oder z\u00f6gern, sich gegen ihn zu koordinieren.<\/p>\n<p>Trump fehlt eine wesentliche Voraussetzung<\/p>\n<p>Fujimori wird in der Literatur als warnendes Beispiel herangezogen, Pr\u00e4sident Jorge Serrano aus Guatemala wird hingegen kaum je erw\u00e4hnt. Aber Serranos Erfahrung ist h\u00e4ufiger anzutreffen. Nachdem seine Zustimmungsrate auf 20 Prozent gesunken war, versuchte er 1993 Fujimori nachzuahmen und schloss den Kongress und die Gerichte. Es kam zu massiven Protesten, das Verfassungsgericht erkl\u00e4rte seinen Putsch f\u00fcr illegal, er verlor die Unterst\u00fctzung des Milit\u00e4rs und floh. \u00c4hnliches geschah vor Kurzem in S\u00fcdkorea, als der Versuch eines unbeliebten Pr\u00e4sidenten, das Kriegsrecht zu verh\u00e4ngen, von Parlament und Demonstranten vereitelt wurde. Die USA liefern nicht die Art Krise, die Trump eine Fujimori-\u00e4hnliche Unterst\u00fctzung durch die Bev\u00f6lkerung verschaffen k\u00f6nnte. Seine Versuche, Krisen herbeizuf\u00fchren, beispielsweise durch die Entsendung von Truppen nach Los Angeles oder Washington, scheinen ihm bislang eher zu schaden. Trump gelingt es auch nicht, seine Unterst\u00fctzerbasis zu erweitern. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend kompetente Autokraten Allianzen mit ihren Anh\u00e4ngern schmieden, entfremdet er sie immer mehr, von Elon Musk bis zu Ileana Garcia, Mitbegr\u00fcnderin von Latinas for Trump. Die Begnadigung der Randalierer vom 6. Januar, mag Trumps Basis befl\u00fcgeln, wird aber von zwei Dritteln der Amerikaner abgelehnt. Ebenso wenig d\u00fcrfte es ihm helfen, Beamte anzugreifen, t\u00e4glich neue Z\u00f6lle zu verh\u00e4ngen und ein Haushaltsgesetz zu verabschieden, das viele seiner Anh\u00e4nger aus der staatlichen Krankenversicherung Medicaid ausschlie\u00dft und gleichzeitig Steuern f\u00fcr Reiche senkt. Angesichts stagnierender Besch\u00e4ftigungszahlen und langsam steigender Inflation k\u00f6nnten genau die Themen, mit denen Trump Wahlkampf gemacht hat, ihn schw\u00e4chen. Es gibt also kaum Anzeichen daf\u00fcr, dass Trump auf dem Weg ist, die hohe Popularit\u00e4t erfolgreicher Autokraten zu erreichen.<\/p>\n<p>Die Justiz ist das letzte Bollwerk, wenn alles andere versagt. Bislang haben untergeordnete Gerichte Trumps Exzesse wiederholt blockiert. Doch Trump setzt offen darauf, dass der Oberste Gerichtshof seine Ausweitung pr\u00e4sidialer Macht billigen wird. Zugegeben, er wird von konservativen Richtern der Federalist Society dominiert, die sich seit Langem der Idee der \u201eeinheitlichen Exekutive\u201c verschrieben haben. Diese Idee hat sie dazu veranlasst, einige schreckliche Eilentscheidungen zu treffen: Sie haben Trump erlaubt, Beh\u00f6rdenleiter durch Speichellecker zu ersetzen, Hunderttausende Regierungsbeamte zu entlassen und Milliarden von Dollar f\u00fcr vom Kongress genehmigte Programme zu blockieren. Aber es bleibt ein Gericht der Federalist Society, kein Trumpistisches Gericht. In seiner ersten Amtszeit etwa hatte Trump die schlechteste Bilanz vor dem Obersten Gerichtshof in der Neuzeit.<\/p>\n<p>Die Justiz ist weiterhin das letzte Bollwerk<\/p>\n<p>Die Richter der Federalist Society wiesen seine Anfechtungen der Wahl 2020 immer wieder zur\u00fcck. Auch einige der pro-Trump-Entscheidungen des Gerichts sind weniger eindeutig, als es auf den ersten Blick scheint. Das Urteil, das Pr\u00e4sidenten Immunit\u00e4t f\u00fcr alle Handlungen im Rahmen ihrer Kernaufgaben gew\u00e4hrt, w\u00fcrde es einem Pr\u00e4sidenten erm\u00f6glichen, Navy Seals zu beauftragen, einen politischen Rivalen zu ermorden, kritisierte Richterin Sonia Sotomayor in ihrer abweichenden Meinung. Aber diese Entscheidung gew\u00e4hrt den Seals keine Immunit\u00e4t. Die Ermordung eines Rivalen von Trump w\u00e4re f\u00fcr jeden, der daran beteiligt war, immer noch Mord ersten Grades. Oder nehmen wir an, Trump h\u00e4tte versucht, gef\u00e4lschte Wahlm\u00e4nner zu versammeln. Wie Richterin Amy Coney Barrett hervorhob, geh\u00f6rt die Verwaltung von Wahlen nicht zu den Kernaufgaben des Pr\u00e4sidenten, sodass Trump daf\u00fcr strafrechtlich verfolgt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Regierung hat in dieser Amtszeit auch wichtige Prozesse verloren. Am 15. M\u00e4rz verstie\u00df Trump gegen eine Anordnung des Bezirksgerichts, indem er 137 mutma\u00dfliche Mitglieder einer venezolanischen Bande unter dem Vorwand des Alien Enemies Act sowie 101 weitere Personen im Rahmen eines Abschiebungsverfahrens in eines der ber\u00fcchtigten Gef\u00e4ngnisse von Bukele schickte. Als die Regierung versuchte, diesen Trick zu wiederholen, entschied der Oberste Gerichtshof mit neun zu null Stimmen, dass das alte Recht auf Habeas Corpus verlangt, dass alle von ihnen die M\u00f6glichkeit haben m\u00fcssen, sowohl die Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der Anklagen als auch ihren Status als Bandenmitglieder vor Gericht anzufechten.<\/p>\n<p>Das Fazit ist, dass Bundesrichter im Gegensatz zu den Republikanern im Kongress auf Lebenszeit ernannt sind und sich darum k\u00fcmmern, wie sie von der Geschichte gesehen werden. Trotz der offensichtlichen Bereitschaft des Gerichts, Trumps Macht \u00fcber die Exekutive zu st\u00e4rken, scheinen die Chancen des Pr\u00e4sidenten, s\u00e4mtliche Richter vollst\u00e4ndig zu ersetzen, wie es Bukele getan hat, oder die Verfassung neu zu schreiben, wie es Fujimori getan hat, nahezu null zu sein. Ein Versto\u00df gegen Urteile des Obersten Gerichts w\u00fcrden massiven Widerstand hervorrufen. Eine Umfrage von Times\/Siena College ergab, dass nur sechs Prozent der Amerikaner so etwas unterst\u00fctzen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die US-Demokratie weist zwar Schwachstellen auf, die die meisten anderen fortgeschrittenen Demokratien nicht haben. Eine davon ist Ungleichheit, die zur politischen Polarisierung und zur Erosion der Demokratie beitr\u00e4gt. Das muss aber nicht zwangsl\u00e4ufig zum Zusammenbruch f\u00fchren.<\/p>\n<p>Lateinamerikanische Nationen, die autorit\u00e4re Bestrebungen vereitelt haben, k\u00e4mpfen mit gleichen oder noch schlimmeren Einkommensunterschieden, heftigen ethnischen und sozialen Spaltungen, ideologischen Gegens\u00e4tzen und als Waffe eingesetzten sozialen Medien. Es ist schwer zu erkennen, warum die USA schlechter abschneiden sollten als diese L\u00e4nder.<\/p>\n<p>Neben dem Reichtum, der Langlebigkeit und der Rechtstradition der US-Demokratie sind die Menschen ihr Bollwerk. Autorit\u00e4re wissen, dass sie st\u00fcrzen k\u00f6nnen, wenn sie die Unterst\u00fctzung der \u00d6ffentlichkeit verlieren.<\/p>\n<p>Auf der Grundlage einer umfassenden Datenbank \u00fcber zivilen Ungehorsam sch\u00e4tzt Erica Chenoweth von der Harvard Kennedy School: Wenn 3,5 Prozent der Bev\u00f6lkerung in gewaltfreien Protesten gegen Autokraten aufbegehren, fast 90 Prozent von ihnen gest\u00fcrzt werden. Die meisten Proteste in der Datenbank fanden vor der Verbreitung sozialer Medien statt. Dennoch unterstreicht Chenoweth die wichtige Rolle der B\u00fcrger in der Demokratie. Sie kommt zu dem Schluss, dass selbst nur ein Prozent von Protestierenden die H\u00e4lfte der Autokraten zu Fall gebracht haben, gegen die sie demonstrierten. Etwa f\u00fcnf Millionen Amerikaner \u2013 1,5 Prozent \u2013 schlossen sich laut Veranstaltern im Juli dem No-Kings-Protest gegen Trump an.<\/p>\n<p>Massive Proteste machen Widerstand sichtbar, der sonst privat bleiben w\u00fcrde. Gro\u00dfe, friedliche Proteste signalisieren den m\u00e4chtigen Eliten in Milit\u00e4r, Wirtschaft, Gerichten, Legislative und sogar der Regierung, dass die Lage schlecht ist. Eliten sind auch B\u00fcrger und oft gespalten, selbst in Milit\u00e4rregierungen. Proteste erm\u00f6glichen m\u00e4chtigen Eliten, zumindest neutral zu bleiben, wenn sie schon nicht ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr ein Regime aufgeben. Andere Koalitionsmitglieder halten m\u00f6glicherweise nach Anzeichen Ausschau zu desertieren, um nicht auf einem sinkenden Schiff zu bleiben. Amerikas Demokratie ist angeschlagen. Aber sie ist noch lange nicht tot.<\/p>\n<p><b>Jonathan Schlefer ist ehemaliger leitender Forscher f\u00fcr politische \u00d6konomie an der Harvard Business School. Der Text ist eine gek\u00fcrzte und bearbeitete Version von Schlefers Analyse \u201eAmerican Democracy Might Be Stronger Than Donald Trump\u201c, die bei der WELT-Partnerpublikation \u201ePolitico\u201c erschien.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Politikwissenschaftler bis linksliberale Aktivisten sehen Donald Trump als Totengr\u00e4ber der US-Demokratie. Da ist Skepsis angebracht. 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